mini|Porträt in Öl von Jean-Baptiste Greuze aus dem Jahre 1763 Johann Georg Wille (eigentlich: Will), auch , (* 5. November 1715 auf der Obermühle im Biebertal bei Königsberg (Hessen); † 5. April 1808 in Paris) war ein im 18. Jahrhundert berühmter aus Deutschland stammender Kupferstecher, der in Frankreich lebte und dort auch als Bilderhändler wirkte. Wille war Zeuge der Zeit des späten Absolutismus im Königreich, der folgenden Französischen Revolution und der ersten Jahre des Kaiserreichs.

Leben und Werk Kindheit, Lehr- und Gesellenjahre Wille wurde als Sohn des aus Königsberg stammenden MüllersJürgen Steinmüller: Mühlen des Biebertals: Die Obermühle. Heimatverein Rodheim-Biber e.V., Jahrgang 2003, Dezember 2003, Nr. 13, S. 3–9, auf heimatverein-rodheim-biber.de hier S. 6 f. Johann Philipp Will († um 1737)Der Vater trug noch den deutschen Namen „Will“. Erst in Paris verwendete der Künstler die französisierte Schreibweise „Wille“. und seiner Frau Anna Elisabeth Zimmermann geboren.Georges Duplessis (Hrsg.): Mémoires et journal de J.-G. Wille, graveur du roi. 2 Bände. Jules Renouard, Paris 1857. Band 1, S. 1.

Die Obermühle bildete den Mittelpunkt seiner Kindheit und blieb zugleich eng mit der Geschichte der Familien Feyling, Zimmermann und Will verbunden. Die Obermühle war aber nicht nur der Lebensmittelpunkt seiner Kindheit, sondern auch das sozioökonomische Zentrum der Familie Will. Nach dem Tod des kinderlosen Müllers Johann Ludwig Feyling im Jahr 1703 erlosch die direkte männliche Linie der Familie Feyling auf der Obermühle. Die Mühle ging zunächst an Thomas Zimmermann über, der mit einer Nichte Feylings verheiratet war. Deren Tochter Christine Elisabeth Zimmermann heiratete später Johann Philipp Will. Nach längeren Streitigkeiten um die Erbleihe erhielt dieser am 19. Dezember 1712 gegen Zahlung von 300 Gulden den ErbleihbriefEin Erbleihbrief (auch Erbbrief) ist eine historische Urkunde des deutschen Lehnswesens, mit der ein Grundherr (z. B. ein Kloster oder Adeliger) einem Pächter (dem Erbleiher) ein Grundstück, eine Mühle oder einen Hof auf Lebenszeit vererblich überließ. für die Obermühle. Durch die Ehe mit Christine Elisabeth blieb die familiäre Verbindung zur Familie Feyling bestehen, womit die Zeit der Familie Will auf der Obermühle begann.

mini|Die Obermühle war als Mühle bis 1960 noch im Betrieb. Das heutige Mühlengebäude wurde Mitte des 18. Jahrhunderts errichtetBiebertal. Als ich an der Rodheimer Mühle das Rad noch drehte. Mittelhessen, 23. April 2021, auf mittelhessen.de

Nach dem Tod des Vaters um 1737 fiel die Mühle 1740 an den Bruder Johannes Will. Zwischen 1746 und 1747 machte der in Paris lebende ältere Bruder Johann Georg Wille Erbansprüche in Höhe von 1000 Gulden geltend.Jürgen Steinmüller: Mühlen des Biebertals: Die Obermühle. Heimatverein Rodheim-Biber e.V., Jahrgang 2003, Dezember 2003, Nr. 13, S. 3–9, auf heimatverein-rodheim-biber.de hier S. 7

Aus der Ehe von Johann Philipp Will und Christine Elisabeth Zimmermann ging 1715 Johann Georg Will hervor, der als erstes von sechs Kindern auf der Obermühle am Bieberbach geboren wurde. Schon als Knabe fertigte der junge Johann Georg, wie er in seiner Autobiografie ausführlich schildert,Siehe für die nachfolgenden Ausführungen: Mémoires et journal de J.-G. Wille. Band 1, S. 2 ff. Kreidezeichnungen von Vögeln, Bäumen und anderen Gegenständen an, bemalte in der Schule die Gesichter seiner Mitschüler und modellierte groteske Köpfe und Masken aus Ton, doch interessierte er sich auch für die Kunst in Kirchen und für die Illustrationen in der väterlichen Bibel, die er imitierte und durch eigene Kompositionen auf dem ihm vom Vater geschenkten Zeichenpapier ergänzte. Nebenbei interessierte er sich auch sehr für die Pflanzenwelt in seiner Umgebung und für die Heilkraft der Kräuter.

Nach dem Schulbesuch in Königsberg absolvierte er bei Meister Johann Peter Wittemann in Gießen zunächst eine Lehre als Büchsenmacher; Werkstattbetrieb von 1710 bis 1745/50. Sein Vater hatte vor, seinen begabten Sohn auf die Universität zu schicken, und für kurze Zeit wurde er auch in Gießen von Professor Melchior Dethmar GrollmannGrolmann, Melchior Dethmar. Hessisches Institut für Landesgeschichte, auf lagis.hessen.de , einem Juristen, in Arithmetik unterrichtet, doch der Wunsch, Malerei zu studieren, blieb, so dass der Vater ihn schließlich zu einem Porträtmaler in die Lehre gab. Allerdings erwies sich diese Lehre im Zeichnen und Malen als nicht so effektiv wie gedacht, so dass Wille schließlich zum Metallgraveur ausgebildet wurde und beim Büchsenmacher Peter Wittemann in Gießen lernte, Jagdgewehre mit Gravuren zu verzieren. Diese Tätigkeit übte er für kurze Zeit auch in Usingen aus.

1736 erfolgte seine Gesellenwanderung über Frankfurt am Main, Worms, Frankenthal, Speyer, Landau, Weißenburg und Straßburg nach Paris. In Straßburg schloss er während dieser Wanderung mit dem Kupferstecher Georg Friedrich Schmidt Freundschaft, der zusammen mit dem Maler Friedrich Wilhelm Hoeder unterwegs war. Diese drei Künstler setzten die Reise gemeinsam fort und trafen Ende Juli 1736 in Paris ein.Hierzu ausführlich Herbert Krüger: Die Gesellenwanderung des ‚französischen‘ Kupferstechers Jean-Georges Wille aus Oberhessen über Straßburg nach Paris im Jahre 1736. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins N.F. Band 74, 1965, S. 389–413.

Aufstieg zum gefragten Kupferstecher in Paris In den ersten Jahren seines Aufenthalts in Paris arbeitete Johann Georg Wille zunächst in der Werkstatt eines Waffengraveurs, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Parallel dazu besuchte er regelmäßig eine Zeichenklasse an der Académie Royale und widmete sich dort insbesondere dem Anatomieunterricht. Neben seiner eigenen Ausbildung an der Pariser Akademie im Zeichnen und Kupferstechen profitierte Wille von den Erfahrungen des drei Jahre älteren Schmidt, an dem er sich in seiner frühen Pariser Zeit orientierte.

In der französischen Metropole bewohnte Wille mehrere Jahre, in derversten Zeit, mit seinem Freund Schmidt bis zu dessen Aufnahme in die Académie royale de peinture et de sculpture eine gemeinsame Wohnung. Über die gemeinsame Zeit in dieser Wohnung und die enge Freundschaft der beiden Künstler berichtet Wille ausführlich in seinen auf Französisch verfassten Lebenserinnerungen. Siehe Mémoires et journal de J.-G. Wille, graveur du roi. Hrsg. von Georges Duplessis. 2 Bände. Jules Renouard, Paris 1857.Heinrich Thomas Schulze Altcappenberg: Wille, Jean-Georges (bis 1758 Johann Georg Will[e]). Neue Deutsche Biographie 28 (2024), auf deutsche-biographie.de Nach 1742 verlegte er seinen Wohnsitz in die Rue de l’Observanceheute Rue Antoine Dubois, wo er mit Denis Diderot Tür an Tür lebte. Aus dieser Nachbarschaft entwickelte sich ein enger freundschaftlicher und intellektueller Austausch. Durch die Vermittlung Schmidts erhielt Wille seine ersten Aufträge als Porträtstecher. Von besonderer Bedeutung war die Zusammenarbeit mit dem Pariser Verleger Jean Odieuvre, für den er eine Porträtsammlung französischer Könige stach. Die Qualität dieser Arbeiten verschaffte ihm weitere Aufträge, darunter die Anfertigung von 19 Illustrationen für Michel Odieuvres L'Europe illustre. Obwohl die Arbeit umfangreich war, blieb die Bezahlung vergleichsweise bescheiden. Prägend für seine künstlerische Entwicklung waren zudem die Kontakte zu dem Kupferstecher Jean Daullé, in dessen Umfeld Wille 1742 tätig war, sowie zu Johann Martin Preissler, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband. Dieser Auftrag festigte seine Entscheidung, sich dauerhaft dem Kupferstich zu widmen. Darüber hinaus lernte er in Paris den Kupferstecher Johann Martin Preissler kennen, zu dem er neben Schmidt eine langjährige freundschaftliche Beziehung unterhielt. Den eigentlichen Durchbruch als Porträtstecher erreichte Wille jedoch mit einem Stich nach einem Gemälde von Hyacinthe Rigaud. Rigaud wurde 1742 zu seinem ersten bedeutenden und einflussreichen Förderer und trug maßgeblich dazu bei, Willes Ansehen in den Pariser Kunstkreisen zu steigern.

Einen wesentlichen Anteil an dieser Unabhängigkeit hatten Willes Kunsthandel und Verlagsgeschäft. Durch den europaweiten Vertrieb von Druckgrafiken und Kunstwerken etablierte er sich als wichtiger Akteur auf dem internationalen Kunstmarkt und erlangte eine finanzielle Eigenständigkeit, die ihm ein vergleichsweise autonomes künstlerisches Arbeiten ermöglichte. Im Gegensatz dazu blieben viele seiner Zeitgenossen, etwa Jacob Matthias Schmutzer, stärker von höfischen Auftraggebern und der Gunst des Adels abhängig.

Die durch Kunsthandel und Verlagswesen gewonnene wirtschaftliche Unabhängigkeit trug maßgeblich zu Willes außergewöhnlicher Stellung innerhalb der Kunstwelt des 18. Jahrhunderts bei. Obwohl er weiterhin akademische Anerkennung und höfische Auszeichnungen anstrebte, gelang es ihm, sich als selbstständiger und gesellschaftlich angesehener Künstler zu etablieren. Seine Geschäftsbücher belegen, dass Wille zu erheblichem Wohlstand gelangte. Sein Haus am Quai des Augustins entwickelte sich zu einem bedeutenden Treffpunkt der künstlerischen und intellektuellen Elite von Paris.

Willes Tätigkeitsfeld reichte dabei weit über die Arbeit als Kupferstecher und Zeichner hinaus. Neben Kunsthandel und Verlagswesen engagierte er sich in der Ausbildung von Künstlern sowie im kulturellen Austausch zwischen Frankreich und dem deutschsprachigen Raum und wirkte so als wichtiger Vermittler von Kunst und Wissen innerhalb eines europäischen Netzwerks.

Willes aufklärerische Grundhaltung spiegelte sich auch in seinem kunstpädagogischen Wirken wider. Neben der Ausbildung von Schülern in seinem Atelier gründete er um 1753 in Paris die private Kunstbildungsanstalt „Teutsche Zeichenschule“. Diese Einrichtung diente der künstlerischen Unterweisung und praktischen Übung ihrer Teilnehmer und folgte pädagogischen Prinzipien, die von den Idealen der Aufklärung geprägt waren. Wille leitete die Schule bis etwa 1760, bevor er die Verantwortung an fortgeschrittene Schüler übertrug. Seine Lehrmethoden und Ausbildungskonzepte fanden auch außerhalb Frankreichs Beachtung und beeinflussten die Entwicklung von Kunstakademien im deutschsprachigen Raum.Brigitte Zmölnig: Jakob Matthias Schmutzer (1733 - 1811) - Die Landschaftszeichnungen aus dem Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste in Wien. Diplomarbeit Universität Wien, Wien 2008, auf phaidra.univie.ac.at S. 16 f.

mini|Porträt der Marguerite Élisabeth de Largillière nach Nicolas de Largillière.

Willes Bildnisse nach Gemälden von Nicolas de Largillière weckten das Interesse des Malers Hyacinthe Rigaud, der ihm erlaubte, Porträts seiner Frau und des Marschalls Louis-Charles-Auguste Fouquet de Belle-Isle zu stechen. Mit diesen Arbeiten machte er sich in Paris einen Namen. Weitere Porträt-Stiche folgten, darunter auch Darstellungen Friedrichs des Großen nach Gemälden von Antoine Pesne. Nach und nach wurde Wille zu einem der bekanntesten Kupferstecher von Paris, den man für seine präzise Stichtechnik pries, und bald vertrauten ihm die berühmtesten französischen Maler, unter ihnen Louis Tocqué, ihre Bildnisse zum Stechen an. Doch führte er auch Stiche nach Bildern älterer niederländischer Meister aus, unter anderem nach Gerard ter Borch, Gabriel Metsu, Jan van Mieris und Caspar Netscher. Zu diesen Arbeiten gehörten neben traditionellen mythologischen und religiösen Motiven auch Genreszenen. Viele dieser Werke zählen zu den hervorragendsten Schöpfungen der Kupferstecherkunst des 18. Jahrhunderts.

mini|Porträt des Marquis de Marigny nach Louis Tocqué (1755).