Das Massaker von Chodschali ereignete sich während des Bergkarabachkonflikts am 25. Februar 1992 in der Stadt Chodschali (, Chodschalu, von 2001 bis 2023 Iwanjan). Im Zuge des bewaffneten Konflikts zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach, in der sich die Stadt befindet, wurden dabei über hundert – nach aserbaidschanischen Angaben mehrere hundert – aserbaidschanische Zivilisten von armenischen und russischen Einheiten getötet.
Geschehnisse nach aserbaidschanischen Angaben mini|Foto von getöteten aserbaidschanischen Zivilisten. Aserbaidschanische Akteure vertreten die Meinung, das Chodschali-Massaker sei ein Akt des bewussten und vorher geplanten Mordens an einer großen Zahl aserbaidschanischer Zivilisten gewesen. Laut der aserbaidschanischen Regierung sowie dem russischen Menschenrechtszentrum Memorial und Human Rights Watch wurde das Massaker durch die armenischen Streitkräfte mit der Unterstützung des russischen 366. Motorschützenregiments begangen. Die von aserbaidschanischen Behörden zur Verfügung gestellte offizielle Zahl der Todesopfer lautet: 613 Personen, davon 106 Frauen und 83 Kinder.. 476 Menschen wurden nach diesen Angaben dauerhaft entstellt, während von 150 der insgesamt 1275 Geiseln bis heute jede Spur fehlt.
Von oppositioneller Seite wird auch in Aserbaidschan der aserbaidschanischen Armee eine Mitverantwortung für das Massaker gegeben. Auf derartige Veröffentlichungen reagiert die Alijew-Regierung jedoch mit scharfer Zensur und Verfolgung der Autoren.reporter-ohne-grenzen.de. mini|Krankenwagen in Baku mit getöteten Zivilisten aus Chodschali Bereits im April 1992 berichtete der damalige Präsident von Aserbaidschan, Ajas Mutalibow, in einem Interview mit der tschechoslowakischen Journalistin Dana Mazalová, dass das Massaker von Chodschali von den bewaffneten Einheiten der aserbaidschanischen Opposition als Mittel der Machtergreifung durchgeführt wurde.Dana Mazalova: „Interview Ajaz Mutalibov I am a humanist at heart“, Nesawisimaja Gaseta, 2. April 1992. (PDF; 77 kB) (englisch), 14. Mai 2009. Abgerufen am 18. Februar 2012.„Evidence From Azerbaijani Sources“, Büro der Republik Bergkarabach. Mutalibow dementierte jedoch in einem Interview von 2010, dass er sich im Gespräch mit Dana Mazalová so geäußert habe: „So etwas sagte ich nie. Ich sagte nur, dass die Volksfront die Ereignisse in Chodschali ausnutzte. Mehr nicht“. Der ehemalige Verwaltungschef von Chodschali, Elmar Mamedow, schrieb in einem Interview mit der russischen Zeitschrift „Megapolis-Ekspress“ der aserbaidschanischen Regierung sowie der Opposition eine indirekte Schuld für die Massaker zu.Megapolis-Ekspress, Ausgabe Nr. 17, 1992.“The February victims near Aghdam are a consequence of criminal actions of Azerbaijan’s political elite …” (englisch), 29. Oktober 2010. Abgerufen am 18. Februar 2012.
Auch andere aserbaidschanische Stimmen zweifeln an der offiziellen aserbaidschanischen Version der Geschehnisse, die der Öffentlichkeit präsentiert wird. Die direkte Schuld am Massaker an der zivilen Bevölkerung in Chodschali wies Arif Yunus aber den armenischen Truppen zu. Bezüglich des aserbaidschanischen Vorwurfs eines „Völkermords“ sagte der aserbaidschanische Journalist Ejnulla Fatullajew aus, dass es unpassend und unmoralisch sei, Analogien zwischen dem Holocaust und den Ereignissen in Chodschali zu ziehen, da letzteres noch keine endgültige rechtliche Beurteilung erhalten habe. Er fügte hinzu, dass man die von einer staatlichen Politik verordneten vorsätzlichen Morde an Gefangenen in Vernichtungslagern nicht mit zivilen Opfern einer Militäroperation während eines Gefechts vergleichen könne.European Court of Human Rights: Case of Fatullayev v. Azerbaijan 22. April 2010. Abgerufen am 25. Februar 2012.
Im Mai 2011 bekräftigte Ejnulla Fatullajew seine Aussagen aus dem Jahre 2005, wonach aserbaidschanische Kämpfer und nicht Armenier für die Tötungen in Chodschali 1992 verantwortlich seien. Er fügte hinzu, dass die aserbaidschanische Regierung seit langem versuche, die Ereignisse in Chodschali zu nutzen, um ihre Gegner zu verfolgen, wie den ersten Präsidenten Aserbaidschans, Ajas Mutalibow. Gegen ihn laufen immer noch strafrechtliche Ermittlungen wegen Mittäterschaft in Chodschali. Fatullajew erwähnt auch Fahmin Hadschijew, den Leiter der Inneren Truppen Aserbaidschans, der auf Grund der Ereignisse in Chodschali 11 Jahre im Gefängnis verbracht hat.Daisy Sindelar: „Fatullayev: I'm Still Here – Alive, Working, and Telling the Truth“ (englisch). Radio Free Europe/Radio Liberty, 3. Oktober 2011. Abgerufen am 5. März 2012.
Geschehnisse nach armenischen Angaben Die armenische Seite gibt an, dass in Chodschali Waffen gelagert worden seien, mit denen Stepanakert angegriffen wurde. Mit der Militäroperation zur Einnahme des Ortes sollte diese Bedrohung beendet und der strategisch wichtige Flughafen bei Chodschali eingenommen werden.Berg-Karabach – Wunde des Süd-Kaukasus. Deutschlandradio. 6. November 2010. Abgerufen am 27. Mai 2013.
Die armenische Seite gibt weiter an, dass die Tötungen im Rahmen dieser Militäroperation stattfanden und teilweise durch die Verhinderung der Evakuierung der Stadt durch die aserbaidschanischen Kräfte verursacht wurden. Zudem heißt es, dass das aserbaidschanische Militär, welches sich innerhalb der Gruppe von Zivilisten, die durch den „humanitären Korridor“ hatte fliehen wollen, befand, gezielt Schusswechsel provoziert habe, was Opfer auf beiden Seiten mit sich gebracht habe.FACT SHEET: EVENTS IN KHOJALY (NKR) AND NEAR AGDAM (AZERBAIJAN) ON FEBRUARY 25–27, 1992 (PDF; 402 kB).Urging that those in Azerbaijan who are responsible for organizing and perpetrating the Armenian massacres In Sumgait, Baku, Kirovabad and Maragha, as well as the events in Khojalu and other settlements, be brought to justice (PDF; 15 kB). Rhode Island Senat Resolution. 23. Mai 2013. Abgerufen am 27. Mai 2013. Dass eine gezielte Provokation von aserbaidschanischer Seite stattfand, bestätigten ebenfalls Aufnahmen des aserbaidschanischen Kameramanns und Journalisten Tschingis Mustafajew.Committee to Protect Journalists: Chingiz Fuad-ogly Mustafayev Abgerufen am 26. Februar 2012.
Die armenische Seite erklärt ferner, dass Dutzende von Verteidigern der Stadt im Kampf um Chodschali starben und diese nicht niedergemetzelt wurden, wie es von aserbaidschanischer Seite behauptet werde.The New York Times abstractTime Archive Preview. Die armenische Seite gibt außerdem an, dass den meisten Flüchtlingen aus politischen Gründen von Aserbaidschanern selbst der Fluchtweg versperrt worden sei, als sie sich durch den „humanitären Korridor“ in die nahe liegende aserbaidschanische Stadt Aghdam retten wollten. Dass ein „humanitärer Korridor“ seitens der Armenier für die Zivilbevölkerung errichtet wurde, bestätigte der ehemalige Verwaltungschef von Chodschali, Elmar Mamedow, in einem Interview 1992 mit „Megapolis-Ekspress“.
Laut Sersch Sargsjan, dem ehemaligen Verteidigungsminister, Premierminister und Präsidenten Armeniens, würden die Ereignisse in Chodschali stark übertrieben. Gleichzeitig gab Sargsjan an: „Bis [zur Eroberung von] Chodschali dachten die Aserbaidschaner, dass sie nur einen Scherz mit uns machen. Die Aserbaidschaner dachten, dass die Armenier Leute sind, die nicht in der Lage sind ihre Hand gegen die Zivilbevölkerung zu erheben. Mit all dem musste gebrochen werden. Und so geschah es. (...) Ja, tatsächlich gab es in Chodschali Zivilisten. Doch neben der friedlichen Bevölkerung gab es auch Soldaten. Und wenn eine Granate fliegt, unterscheidet sie einen Zivilisten nicht von einem Soldaten, sie hat keine Augen. Wenn die Zivilbevölkerung dort bleibt, obwohl es eine perfekte Gelegenheit zum Verlassen gab, bedeutet das, dass sie auch an den Feindseligkeiten teilnimmt.“. Sargsjan stritt eine Verantwortung armenischer Einheiten daran ab und sah die Hauptverantwortung am Unwillen der aserbaidschanischen Behörden die von den Armeniern vor dem Angriff auf Chodschali verlangte Evakuierung der Zivilisten durchzuführen.
Der damalige armenische Präsidentenberater Gerard J. Libaridian ließ in einem Interview kurz nach den Ereignissen in Chodschali die Möglichkeit zu, dass die armenischen Truppen Gräueltaten in Chodschali verübt hatten.
Der „Humanitäre Korridor“ und die fehlende Evakuierung Die Militäroperationen wurden unter Berücksichtigung der Normen des internationalen humanitären Völkerrechts durchgeführt. Mit Hilfe unterschiedlicher Kommunikationsmittel benachrichtigte das Armeeoberkommando von Bergkarabach zwei Monate vor Beginn der Militäroperation die Zivilbevölkerung sowie die Militär- und Zivilbehörden der Siedlung über das Errichten eines „humanitären Korridors“ zum Verlassen der Ortschaft. Von aserbaidschanischer Seite wurde stark kritisiert, dass auch nach mehrmaligen Hinweisen keinerlei Evakuierung der Zivilbevölkerung seitens Aserbaidschan durchgeführt worden sei. Auch der aserbaidschanische Journalist Ejnulla Fatullajew meldete sich in dieser Sache zu Wort, wurde jedoch für seine Äußerungen von einem aserbaidschanischen Gericht zu achteinhalb Jahren Haft und umgerechnet 230.000 US-Dollar Strafe verurteilt. „Reporter ohne Grenzen“ verurteilte diesen Beschluss streng und begründete dies damit, dass das Urteil auf keinerlei Beweisen beruhe, sondern rein politisch motiviert sei.
Manipuliertes Beweismaterial Die Armenier erlaubten dem aserbaidschanischen Militär, in das Gebiet zurückzukehren, um ihre Toten einzusammeln. Dies ermöglichte den Aserbaidschanern, sich einen Überblick über die Opfer unter der Zivilbevölkerung zu verschaffen, und bildete für Aserbaidschan die Grundlage für spätere Vorwürfe von „kaltblütigen, kalkulierten, armenischen Gräueltaten“. Eine der wenigen Journalisten, die unter die Oberfläche von dem, was aserbaidschanische Behörden den Medien präsentierten, schauen konnte, war Dana Mazalová aus der Tschechoslowakei. Sie sah zwei Videos von derselben Ansammlung sterblicher Überreste von aserbaidschanischen Opfern. Der erste Film wurde am 29. Februar 1992, der zweite am 2. März 1992 aufgenommen. Sie stellte fest, dass die Körper auf dem zweiten von Aserbaidschan veröffentlichten Video im Nachhinein verstümmelt worden waren, und warf die Frage nach dieser Diskrepanz in einem Gespräch im April 1992 mit dem ehemaligen Präsidenten Aserbaidschans, Ajas Mutalibow, auf. Er erklärte, dass das Massaker in Chodschali von einer aserbaidschanischen politischen Opposition „organisiert“ worden sei, um seinen Rücktritt zu erzwingen.Caroline Cox, John Eibner: Ethnic Cleansing in Progress: War in Nagorno Karabakh, ISBN 3-9520345-2-5 Mazalová äußerte sich in dieser Sache bei einer Pressekonferenz wie folgt: Es wird angegeben, dass auf den Aufnahmen vom 29. Februar keinerlei nackte Frauen und Kinder oder skalpierte Männer zu sehen sind. Die Aufnahmen, die das aserbaidschanische Fernsehen am 2. März der Öffentlichkeit präsentierte, zeigten dieselben Leichen jedoch geschändet und verstümmelt.Thomas de Waal: More War in the Caucasus 9. Februar 2011. Abgerufen am 27. Februar 2012. Ferner wird kritisiert, dass die aserbaidschanische Seite regelmäßig Bilder von Opfern anderer Kriege, wie z. B. des Kosovokriegs 1998/1999 oder Afghanistans und Erdbebenopfer oder Flüchtlinge aus anderen Regionen, bewusst als „aserbaidschanische Opfer des Massakers von Chodschali“ präsentiert, um die Öffentlichkeit zu täuschen.Xocali.net a target of hacker attacks from Azerbaijan (englisch), 27. Februar 2010. Abgerufen am 18. Februar 2012.
Beurteilung von internationaler Seite mini|Denkmal in Berlin