Die Geschichte Norwegens von Harald Hårfagre bis zur Reichseinigung umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des Königreiches Norwegen von der Krönung König Harald I. im 9. Jahrhundert bis zur Reichseinigung in den 1060er Jahren.mini|Die Machtverhältnisse zur Zeit des Todes von Halfdan dem Schwarzen, dem Vater Harald Hårfagres. Rot sind die ersten Eroberungen Harald Hårfagres.
Quellen Über die verschiedenen Ereignisse dieser Zeit sind die wichtigsten schriftlichen Quellen die Sagaliteratur aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Hier sind vor allem die Königssagas zu nennen. Wie weit diese ältere mündliche Traditionen wiedergeben, ist Gegenstand der Sagakritik und höchst umstritten. Die älteste Nachricht über den Beginn des Norwegischen Reiches ist die kleine Saga Ágrip, die Ende des 12. Jahrhunderts geschrieben wurde. Aus der gleichen Zeit stammen einige kleinere lateinische Königssagen, die anonyme Historia Norvegiae und die Historia de antiquitate regum Norvagiensium des Theodoricus Monachus. Es handelt sich um kurze Übersichten, deren Hauptzweck, die königliche Abstammung darzustellen und auch die Chronologie zu ordnen. Die Isländer Sæmundur fróði (1056–1133) und Ari fróði (1067–1148) waren auf diesem Gebiet die Pioniere. Die umfangreicheren Sagas kamen später: Die anonyme Fagrskinna und die etwas jüngere Heimskringla Snorris. Etwas älter ist die Morkinskinna. Als Snorri schrieb, waren seit Harald 300 Jahre vergangen. Allerdings enthalten die großen Sagen viele Skaldengedichte, die aus der Zeit Haralds stammen. Sie sind in den Sagen als Beweis für die Darstellung zitiert. Einige der Skaldenstrophen sind unzweifelbar echt und zeitgenössisch, andere sind spätere Ausschmückungen. Über Norwegen als Land berichtet Ottar in seinem Bericht über seine Expedition im Auftrag König Alfreds des Großen von England.
Hinzu kommen auch einige ausländische Schriften mit sporadischen Nachrichten über die norwegischen Verhältnisse.
Ereignisse Um 800 bis 850 wurde eine Reihe großer Schiffsgräber in Avaldsnes (Zentral-Karmøy) errichtet. Sie zeugen von einem neuen Machtzentrum nach Rivalitäten insbesondere mit dem Häuptling von Ferkingstad (Süd-Karmøy), das gegen Ende des 8. Jahrhunderts hier entstanden ist. Am Ende setzte sich offenbar ein Häuptling mit Hauptsitz in Åkra (West-Karmøy, heute Åkrehamn) durch. Die Unruhen, die zur Auflösung des westnorwegischen Kleinkönigtums von Bøvågen (an der Küste zum Karmøysund) führten, nutzte offenbar Harald Hårfagre bei seiner Eroberung. Es wird überwiegend angenommen, dass er von außen als Eroberer kam, aber es wird diskutiert, woher er kam und welchen Hintergrund er hatte. Selbst die Königssagas stimmen darin nicht überein. Am Ende seines Lebens wird er als König von Westland bezeichnet mit seinen Gütern in Rogaland und Hordaland. Die Sagaliteratur berichtet, er habe Verbindungen nach Sogn, der Vater sei der König von Oppland Halvdan Svarte und die Mutter Ragnhild, die Tochter Harald Gullskeggs in Sogn gewesen. Er soll bei seinem Großvater mütterlicherseits aufgewachsen sein, und der Ausgangspunkt seiner Unternehmungen soll Sogn gewesen sein. Es gibt auch die Meinung, dass die Abstammung von Halvdan Svarte eine späte Konstruktion aus dem 13. Jahrhundert sei, die eine Verwurzelung in der Umgebung des Oslofjordes belegen sollte, um die Ansprüche der Dänen auf dieses Gebiet abweisen zu können. Es wird auch vertreten, dass er aus der mächtigen Karmøy-Familie stammte, die ihren Sitz in Avaldsnes auf Karmøy hatte. Harald verdrängte den vorherigen Herrscher auf Avaldsnes und übernahm dessen Machtbasis. Sein Reich war ein Küstenreich mit Stützpunkten bis Kristiansand und Arendal. Seine Machtbasis waren zunächst die Krongüter, die er von den unterworfenen Häuptlingen samt deren Hauptsitzen übernahm, später kamen Abgaben und Geldbußen hinzu. Die sich daraus ergebenden Einkünfte ermöglichten ihm, eine militärische Stärke aufzubauen, die es ihm erlaubte, den größten Teil des Handels an der südlichen Westküste zu kontrollieren. Im Streit mit den Kleinkönigen der Umgebung um die Übernahme von Halvdans Reich, setzte er sich durch und besiegte sie. Als er sich die Loyalität der Großbauern und Machthaber der Umgebung gesichert hatte, stieß er weiter nach Norden vor und griff Trøndelag an.
Die Bezeichnung König für die Herrscher dieser Zeit ist nicht unumstritten, weil damit eine Herrschaftsorganisation assoziiert zu werden pflegt, die damals noch nicht bestanden haben dürfte.Fried S. 72
Harald Hårfagres mini|Das Einflussgebiet Haralds nach der Schlacht am Hafrsfjord. Dunkelbraun ist sein Herrschaftsbereich, hellbraun sein Einflussbereich
Ungefähr im Jahre 900 vereinte Harald Hårfagre, der erste norwegische König, mehrere Stammesgebiete zu einem Reich. Aber das, was heute allgemein über die Größe und die Struktur seines Reiches geschildert wird, dürfte Snorris Konstruktion sein. Abgesehen davon umfasste der Begriff Norwegen damals nur den Küstenbereich, nämlich norðmanna land, wie aus dem Bericht Ottars hervorgeht. Nördlich der Lofoten und im Hochland Mittelnorwegens lebten nach ihm Samen. Nach Snorri habe er vom Ostland ausgehend Trøndelag erobert und habe dann der Reihe nach alle Herrscher an der Küste Richtung Süden bis zum Stavangerfjord unterworfen und eine neue Administration begründet, indem er überall abhängige Jarle eingesetzt habe. Diese Konstruktion Snorris hat ziemlich sicher mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Die Jarle des Ostlandes dürften eher an den dänischen König gebunden gewesen sein, die übrigen Häuptlinge nicht von ihm eingesetzt, sondern lediglich in eine gewisse Abhängigkeit geraten sein. Als gesichert darf aber gelten, dass er eine Machtbasis im südlichen Westland hatte. Außerdem dürfte er die Oberherrschaft über andere Teile des Landes ausgeübt haben, deren Inhalt aber nur vage bestimmbar ist. Abgaben, Verköstigung beim Besuch und Heerfolge im Krieg dürften die wesentlichen Inhalte darstellen. Der König herrschte nicht über ein Gebiet, sondern über Menschen. So bezeichnet Torbjørn Hornklove ihn als dróttin norðmanna (König der Nordmänner). Als Gegenleistung für die Abgaben hatte er für die Außenverteidigung seines Machtbereichs zu sorgen. Das führte zu dem großen Kriegszug nach Westen zu den schottischen Inseln, von wo Wikinger immer wieder Raubzüge nach Norwegen unternommen hatten. Dort machte er Sigurður, den Bruder seines Freundes Røgnvald, zum Jarl über die Orkneys. Sein Todesjahr 932 dürfte Ari Froði auf verlässlicher Grundlage ermittelt haben. Alle weiteren Zahlen sind rekonstruiert: Die Sagas berichten, er sei mit 80 Jahren gestorben und zehn Jahre alt gewesen, als sein Vater starb, und zehn Jahre später habe er die Reichseinigung vollendet. So kommt man auf die Schlacht am Hafrsfjord im Jahre 872. Die runden Zahlen der Sagaverfasser deuten eher auf eine geschätzte Zeitangabe hin. Heute setzt man die Schlacht wesentlich später an. Dass diese Schlacht der Schlusspunkt gewesen sei, rührt daher, dass von den anderen Schlachten nur allgemein berichtet wird, das Haraldkvæði des Torbjørn Hornklove aber diese Schlacht am ausführlichsten schildert. Eine zuverlässige Angabe darüber, welche Etappe diese Schlacht im Eroberungsprozess bildete, fehlt. Auch widerspricht dieses Lied der späteren Schilderung, Harald habe dort eine Eroberungsschlacht zur Reichseinigung geführt. Vielmehr war er danach bereits Herr über das Südwestland, und es handelte sich um einen Angriff aus der Nachbarregion, den er erfolgreich abwehrte. Die Auswanderungswelle nach Island ist somit nicht auf ihn, sondern mit dem Landnámabók auf Konflikte im Herrschaftsbereich des Ladejarls am Trondheimfjord Håkon Grjotgarðson zurückzuführen.Petrick S. 32
Eine Reihe von Historikern lässt mit dieser Schlacht die „Norrøne Periode“ beginnen, die nach ihnen dann am 8. Mai 1319 mit dem Tod des letzten norwegischen Königs aus dem Sverre-Geschlecht Håkon Magnusson enden lassen.Sigurðsson 2008 S. 12 mit weiteren Nachweisen anderer Historiker. Nach dieser Schlacht kann man Norwegen grob in drei Herrschaftsbereiche aufteilen: Østlandet, das unter dänischer Herrschaft stand, Vestlandet unter dem Harfagre-Geschlecht und Trøndelag und Nordnorwegen unter den Ladejarlen.
Harald verstarb zu Hause in hohem Alter, das Reich war nicht im Frieden. Bereits zu seinen Lebzeiten gab es heftige Kämpfe zwischen den Jarlen. Auch Haralds Söhne hielten nicht Frieden untereinander. Insbesondere war Erik Blodøks hinter seinen Brüdern her, weshalb er seinen Beinamen (Blutaxt) erhielt. Das ist nach den Skalden darauf zurückzuführen, dass alle Söhne Haralds gleiches Erbrecht hatten und sein Versuch, das Reich einem einzigen, nämlich Erik Blodøks zu übertragen, missglückte. Harald hatte ihn bereits zum Mitregenten gemacht, aber die übrigen Söhne akzeptierten sein Oberkönigtum nicht. Die Gleichberechtigung aller Königssöhne in der Thronfolge war auch auf dem Kontinent üblich, ebenso der Versuch der regierenden Könige, nur den ältesten Sohn zur Thronfolge zu berufen.Zotz S. 101 ff.
Erik Blodøks und Håkon der Gute mini|Der Machtbereich von Erik Blodøks (rot). Violett ist der Bereich der Lade-Jarle, orange der Bereich der Jarle von Møre, gelb sind halbselbständige Herrschaftsbereiche.
Erik Blodøks übernahm nach dem Tode Haralds 932 die Königsherrschaft. Die zeitgenössischen Skaldenlieder bezeichnen ihn als König von Vestland. Weiter scheint seine Herrschaft nicht gereicht zu haben. Er übernahm den Regierungsstil seines Vaters und baute seine Herrschaft auf militärischer Macht auf. Die dadurch erforderliche hohe Abgabenlast führte zu Konflikten in der Bevölkerung. Nach zwei Jahren erschien sein jüngerer Bruder Håkon aus England, so dass er fliehen musste. Seinen Namen erhielt er, weil er nach der Sagaliteratur viele seiner Brüder umgebracht hatte. Er floh in das englische Danelag, wo er im Kampf um die Stadt York erschlagen wurde. Seine Söhne fanden Aufnahme und Unterstützung beim Dänenkönig Harald Blåtand, von wo sie versuchten, die Herrschaft zurückzugewinnen.
Håkon (920–961), der später der Gute genannt wurde, übernahm die Herrschaft. Auch sie bezog sich nicht auf ganz Norwegen, sondern war auf das Westland und die Gegend nördlich davon beschränkt. Seine stärkste Stütze war Sigurd Ladejarl in Trøndelag. Er brachte vom Hofe Æthelstans, wo er aufgewachsen war, ein anderes Regierungskonzept mit. Er gab den Bauern ihre von Harald und Erik konfiszierten Güter zurück und erkaufte sich so inneren Frieden. Seine Feinde waren die Söhne Eriks und später König Harald Blåtand von Dänemark. Die übrigen Bauern sahen in ihnen ebenfalls Feinde, so dass sich die Interessen des Königs mit ihren Interessen vereinigen ließen. Der Friede im Inneren und die Bedrohung von der See aus führten zu einer neuen Verteidigungsordnung, leidangen genannt, was Schiffsaufgebot bedeutet. Diese neue Ordnung beinhaltete, dass das Volk selbst Schiffe zur Verteidigung baute, ausrüstete und dann zum Heereszug stellte. Das Land wurde in bestimmte Bezirke aufgeteilt, deren Bewohner eine bestimmte Art von Schiff zu stellen hatten. Der König hatte das Recht, das Aufgebot anzufordern. Håkon änderte das teure stehende Heer in ein von Fall zu Fall zu mobilisierendes Bauernheer um und führte die Wehrpflicht ein. Allerdings musste er in Kauf nehmen, dass ein Bauernheer nicht so kampfstark wie ein Berufsheer war. auch die Terminologie ändert sich: Die Skalden reden nicht mehr von hirðmenn (= Gefolgsmann), sondern von þegnar (= freie Bauern als Untertanen). Das neue System führte auch zu einer anderen Verantwortungsstruktur: Während die Bauern sich vorher nur für die Verteidigung ihres eigenen Hofes verantwortlich fühlten, führte die Wehrpflicht zu einem Bewusstsein, die Gesamtheit des königlichen Herrschaftsbezirks verteidigen zu müssen.Krag S. 95
Diese neue Wehrordnung galt zunächst nur für Vestland und gewann erst nach und nach Struktur. Aber auch die Bewohner von Trøndelag dürften sich rasch dieser Ordnung angeschlossen haben.