mini|hochkant|Eduard Spranger
Eduard Spranger (* 27. Juni 1882 als Franz Ernst Eduard SchönenbeckAlban Schraut: Biografische Studien zu Eduard Spranger. 2007, S. 352. in Groß-Lichterfelde bei Berlin; † 17. September 1963 in Tübingen) war ein deutscher Philosoph, Pädagoge und Psychologe, der zu den modernen Klassikern der Pädagogik gezählt wird. Er war maßgeblich beteiligt an der Etablierung der Pädagogik als selbständiger akademischer Disziplin und beeinflusste nach beiden Weltkriegen die Lehrerausbildung in Deutschland. Er gilt außerdem als einer der profiliertesten Vertreter der geisteswissenschaftlichen Pädagogik und hat die pädagogische Diskussion in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachhaltig geprägt. Für seine wissenschaftlichen Leistungen erhielt Spranger zahlreiche Ehrungen. Spranger setzte sich für das humanistische Gymnasium ein und prägte den Begriff Dritter Humanismus. Das Ziel der Bildung sei die innere Formung des Menschen.
Leben und Wirken
Herkunft und Ausbildung Spranger wurde als einziger Sohn des Berliner Spielwarengeschäftsinhabers Carl Franz Adalbert Spranger (1839–1922) und dessen späterer Ehefrau Henriette Bertha Schönenbeck (1847–1909),Alban Schraut: Biografische Studien zu Eduard Spranger. 2007, S. 139, 352. Verkäuferin in diesem Geschäft, vorehelich geboren. Sprangers Eltern heirateten 1884, Franz Spranger bekannte sich urkundlich als leiblicher Vater, und Eduard durfte den Familiennamen „Spranger“ führen.
Vom sechsten Lebensjahr an besuchte Spranger zunächst die dreijährige Vorschule für das Dorotheenstädtische Realgymnasium in Berlin. Aufgrund überragender Leistungen und durch die Unterstützung eines seiner Lehrer wechselte er als Zwölfjähriger auf das renommierte Gymnasium „Zum Grauen Kloster“ und verließ es Ostern 1900 mit sehr gutem Abitur.
mini|Friedrich Paulsen, Sprangers Doktorvater
Spranger erwog ein Musikstudium, entschied sich jedoch für ein Studium an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin im Hauptfach Philosophie und in den Nebenfächern Psychologie, Pädagogik, Geschichte, Nationalökonomie, Jura, Theologie, Germanistik und Musiktheorie. Seine Lehrer waren Friedrich Paulsen, Wilhelm Dilthey, Erich Schmidt sowie Otto Hintze. Ein erster Promotionsversuch des erst 19-Jährigen bei Dilthey zum von diesem vorgeschlagenen Thema „Die Entwicklungsgeschichte Friedrich Heinrich Jacobis“ scheiterte. Mit einer Arbeit zum selbstgewählten Thema „Die erkenntnistheoretischen und psychologischen Grundlagen der Geschichtswissenschaft“ wurde Spranger 1905 bei Friedrich Paulsen und Carl Stumpf dann doch promoviert.Eduard Spranger: Kurze Selbstdarstellungen I (1961). In: Hans Walter Bähr, Hans Wenke: Eduard Spranger. Sein Werk und sein Leben. 1964, S. 13–21.
In dieser Zeit begegnete Spranger Catharina „Käthe“ Hadlich und blieb mit ihr lebenslang in intensiver Brieffreundschaft verbunden.
Höhere Töchterschulen Nach der Promotion, während seiner Suche nach einem Habilitationsthema, wurde Spranger zeitweilig Lehrer an der privaten Höheren Mädchenschule „St. Georg“ in Berlin, die er 1908 wieder verließ. Er begann als Lehrer an einer von Willy Böhm geleiteten privaten Höheren Töchterschule mit angeschlossenem Lehrerinnenseminar zu arbeiten. Im selben Jahr erkrankte seine Mutter an Tuberkulose, der sie nach einem Jahr Leidenszeit erlag. Der Tod der geliebten Mutter, die er ausdauernd gepflegt hatte, erschütterte Spranger tief.
Hochschullehrer mini|Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin um 1900
Im Jahr 1909 habilitierte sich Spranger an der Berliner Universität. Seine Habilitationsschrift trug den Titel Wilhelm von Humboldt und die Humanitätsidee. Er hielt 1909 seine Antrittsvorlesung und lehrte als Privatdozent an der Universität in Berlin, bis er an die Universität Leipzig berufen wurde. Dort erhielt er 1911 eine außerordentliche Professur für Philosophie und Pädagogik, auf die bereits im August 1912 die ordentliche Professur folgte.
Spranger wurde im Jahr 1912 in das Kuratorium der Leipziger Hochschule für Frauen gewählt, an der junge Frauen auf akademischem Niveau zu Kindergärtnerinnen, Fürsorgerinnen und Krankenpflegerinnen ausgebildet wurden.Karin Wittneben und Maria Mischo-Kelling: Pflegebildung und Pflegetheorien, Urban&Schwarzenberg, München, Wien, Baltimore 1995, S. 259+260.Christine Auer: Geschichte der Pflegeberufe als Fach: die Curricular-Entwicklung in der pflegerischen Aus- und Weiterbildung, Dissertation Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, akademischer Betreuer Wolfgang U. Eckart, Eigenverlag Heidelberg 2008, S. 146–150. Er verließ das Kuratorium jedoch schon 1915 nach heftigen Auseinandersetzungen mit der betagten Leiterin Henriette Goldschmidt über die Art und Weise der Führung der Hochschule. Aus Solidarität exmatrikulierten sich sieben seiner Studentinnen, denen er fortan Privatunterricht gab.
An der Universität Leipzig hielt Spranger bis zum Sommersemester 1914 Vorlesungen. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs wurde er als unausgebildeter Landsturmangehöriger einberufen, jedoch nie eingezogen. Einerseits fühlte er die Pflicht, wie seine Altersgenossen an der Waffe dienen zu müssen, war sich zugleich aber im Klaren darüber, dass er nicht über die nötigen psychischen und physischen Voraussetzungen dafür verfügte. Die psychische Belastung und starke Überarbeitung ließen Spranger 1916 schwer erkranken, sodass er sich ein Jahr von der Universität beurlauben ließ. Er litt an starker Abmagerung und Rippenfellentzündung und stand unter Tuberkuloseverdacht. Nach seiner Genesung wurde Spranger 1917 zum Berater des Preußischen Kultusministeriums bestellt. Ein Jahr später erfolgte seine Wahl in den Vorstand der Gesellschaft für deutsche Schul- und Erziehungsgeschichte.
1919 folgte Spranger einem Ruf an die Universität Berlin, nachdem er zuvor Rufe an die Universitäten Hamburg und Wien abgelehnt hatte. 1922 starb Sprangers Vater im Alter von 83 Jahren an Magenkrebs. Das Vater-Sohn-Verhältnis war lebenslang von Spannungen geprägt. Ein Jahr später wurde Spranger zum Dekan der Philosophischen und Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Berlin ernannt. In der folgenden Zeit veröffentlichte Spranger rasch hintereinander seine beiden Hauptwerke Lebensformen (1914) und Psychologie des Jugendalters (1924). Er erlangte erheblichen Einfluss auf die preußische und deutsche Schulpolitik, insbesondere in der Lehrerbildung. Die von ihm 1925 mitbegründete Zeitschrift Die Erziehung bestimmte zwischen 1925 und 1943 wesentlich die pädagogische Diskussion in Deutschland: Spranger wollte die höhere Lehrerbildung an der Universität begrenzen auf pädagogische Philosophie und fachwissenschaftliche Ausbildung, die praktische Schulpädagogik und empirische-experimentelle Anteile jedoch an anderen Institutionen stattfinden lassen, da die Universität nach seiner Vorstellung ein Ort der im persönlichen Kontakt realisierten Gelehrtenausbildung und kein Massenbetrieb sein sollte.Sylvia Martinsen, Werner Sacher (Hrsg.): Eduard Spranger und Käthe Hadlich. Eine Auswahl aus den Briefen der Jahre 1903 - 1960. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2002, ISBN 3-7815-1116-2, S. 392; Gerhard Meyer-Willner: Eduard Spranger und die Lehrerbildung. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 1986, ISBN 3-7815-0592-8, S. 91–94. 1925 folgte die Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften. Spranger hielt seine sehr populären Vorlesungen vor bis zu 1300 Studenten (1929), bei einer Gesamtzahl von etwa 14.000 immatrikulierten Studenten.Michael Grüttner: Die Studentenschaft in Demokratie und Diktatur. In: Heinz-Elmar Tenorth (Hrsg.): Geschichte der Universität unter den Linden 1810–2010. Band 2. Die Berliner Universität zwischen den Weltkriegen 1918-1945. Akademie-Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-05-004667-9, S. 188. Als begehrter und geachteter Redner zu öffentlichen Anlässen sprach er unter anderem 1930 auf der Reichsgründungsfeier an der Berliner Universität über Wohlfahrtsethik und Opferethik und 1932 auf Wunsch des Reichskanzlers Brüning im Rundfunk über Deutsche Not, deutsche Hoffnung.Sylvia Martinsen, Werner Sacher (Hrsg.): Eduard Spranger und Käthe Hadlich. Eine Auswahl aus den Briefen der Jahre 1903 - 1960. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2002, ISBN 3-7815-1116-2, S. 392; Universitätsprofessor Dr. Eduard Spranger: Rede gehalten am 25. Januar 1932. In: Uwe Henning, Achim Leschinsky (Hrsg.): Enttäuschung und Widerspruch. Deutscher Studien Verlag, Weinheim 1991, ISBN 3-89271-247-6, S. 77–82 1934 heiratete Eduard Spranger Susanne Conrad, die er 1913 in Berlin kennengelernt hatte.
Spranger und die Frauen Spranger dachte in Geschlechterpolaritäten. Die Frau steht nach seiner Auffassung für das Gefühl, für ganzheitliches Empfinden, für das Leben, und sei eine heilsame Ergänzung des Mannes. Mit der Kulturverantwortung der Frau sei es anders bestellt als mit der des Mannes. Zeitgenössische Frauen schätzten Spranger dafür, dass er sie nicht auf die Familientätigkeit reduzierte, sondern ihnen immerhin ausgewählte Kulturbereiche als Betätigungsfeld zusprach. Er fühlte sich dazu berufen, Frauen zu ihrem höheren, „wahren“ Selbst emporzuführen. Hintergrund war ein Gedanke, den er von seinem Vorbild Wilhelm von Humboldt übernommen hatte: das Modell einer idealen Ergänzung der Geschlechter.Annelise Fechner-Mahn: Kulturverantwortung der Frau bei Eduard Spranger damals und heute. In: Gerhard Meyer-Willner (Hrsg.): Eduard Spranger. Aspekte seines Werks aus heutiger Sicht. 2001, S. 110–120, hier S. 112 f., 116 f.
Das Frauenstudium lehnte Spranger zunächst ab. So schrieb er 1908 an Käthe Hadlich: „Liebe Freundin, das Frauenstudium ist ein großer Unsinn; sie leisten alle nichts.“Karin Priem: Bildung im Dialog. 2000, S. 97. Wenige Jahre später äußerte er sich beeindruckt über die intellektuellen Leistungen einzelner Frauen, klagte aber auch gereizt über mangelnden Ernst seiner Schülerinnen und Studentinnen. 1915 schrieb er in einem Brief an Käthe Hadlich, seine Kollegs hießen uniintern nur „Strickschule“, und es sei „ein Elend, dass die Frauenspersonen jetzt alle das Studierfieber gekriegt haben“.Karin Priem: Bildung im Dialog. 2000, S. 138. Zum Jahreswechsel 1915/1916 schrieb er eine Broschüre mit dem Titel Die Idee einer Hochschule für Frauen und die Frauenbewegung, die unter anderen von Gertrud Bäumer begeistert aufgenommen wurde.
Sprangers wichtigste Ratgeber waren immer Frauen, zunächst seine Mutter, später vor allem seine Ehefrau und Käthe Hadlich. In Käthe Hadlich hatte Spranger über die Dauer von 60 Jahren eine Vertraute, die mit ihrem Verständnis und ihren Reaktionen seinem Streben nach männlicher Selbstverwirklichung als Gelehrter wesentliche Anregungen gab.Annelise Fechner-Mahn: Kulturverantwortung der Frau bei Eduard Spranger damals und heute. In: Gerhard Meyer-Willner (Hrsg.): Eduard Spranger. Aspekte seines Werks aus heutiger Sicht. 2001, S. 110–120, hier S. 116 f. Eine ergebene Schülerin Sprangers war die Pädagogin Mathilde Mayer, die er promovierte.
Zeit des Nationalsozialismus Stahlhelm