mini|Wilhelm Dilthey um 1910 Wilhelm Dilthey (* 19. November 1833 in Biebrich; † 1. Oktober 1911 in Seis am Schlern, Südtirol) war ein deutscher Theologe, Gymnasiallehrer und Philosoph.

Entgegen dem zu seiner Zeit stark verbreiteten Naturalismus entwickelte Dilthey ein lebensphilosophisches Fundament, welches das menschliche Leben und die Formen seines Ausdrucks nicht mehr nur nach Naturgesetzlichkeiten erklärte, sondern vielmehr die Eigengesetzlichkeit des menschlichen Geisteslebens zu verstehen suchte. Dilthey baute diesen Ansatz wissenschaftstheoretisch aus und formulierte in Abgrenzung zu den Naturwissenschaften eine Theorie der Geisteswissenschaften, als deren Begründer er gilt. Als deren Methode entwickelte er die Hermeneutik und die verstehende Psychologie in wesentlicher Weise weiter.

Zur empirischen Anwendung brachte Dilthey seine Methoden in der Weltanschauungslehre, einem Deutungsschema für die seiner Meinung nach gescheiterten Systeme der Metaphysik. In ihr versuchte Dilthey aufzuzeigen, wie alle unterschiedlichen und sich widersprechenden metaphysischen Systeme ihren gemeinsamen Ursprung im Lebenszusammenhang des Menschen haben, zugleich kategorisierte er die historischen Ansätze nach verschiedenen „Typen der Weltanschauung“.

Leben mini|Dilthey-Haus in Wiesbaden-Biebrich Wilhelm Dilthey wurde 1833 als Sohn einer calvinistischen Predigerfamilie geboren. Sein Vater war Maximilian Dilthey (1804–1867), nassauischer Oberhofprediger in Biebrich, seine Mutter Maria Laura Heuschkel (1810–1887), Tochter des herzöglichen Kapellmeisters Johann Peter Heuschkel in Hildburghausen. Sein Bruder Karl (1839–1907) wurde Professor der Archäologie, seine Schwester Caroline war mit dem Philologen Hermann Usener verheiratet.

Er besuchte in Wiesbaden das Gymnasium und referierte dort 1852 zum Abitur das Thema Über den Einfluß des griechischen Altertums auf die Jugend. In Berlin (1853) und Heidelberg (1852) studierte er auf Wunsch seiner Eltern Theologie, Geschichte und Philosophie unter anderem bei August Boeckh, Kuno Fischer, Leopold von Ranke und Friedrich Adolf Trendelenburg.

1856 legte er sein erstes theologisches Staatsexamen ab. Nach Abschluss der staatlichen Schulamtsprüfung wurde er Lehrer am Französischen und Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin. Im Jahre 1864 wurde er mit einer lateinisch geschriebenen Arbeit über die Ethik von Friedrich Schleiermacher promoviert, habilitierte sich im selben Jahr über das moralische Bewusstsein und wurde Privatdozent an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität.

1867 erhielt er einen Ruf auf ein philosophisches Ordinariat an der Universität Basel.H.-U. Lessing: Art. Dilthey, Wilhelm, in: RGG4, Bd. 2, S. 853 f. Es folgten Anstellungen in Kiel (1868–1871) und Breslau (1871–1883). 1870 erschien der erste Band von Das Leben Schleiermachers, der Diltheys Ruf als historischer Geisteswissenschaftler begründete. In der Breslauer Zeit begann Diltheys Freundschaft mit dem Grafen Paul Yorck von Wartenburg, mit dem er fortan einen regen Briefwechsel führte, der seine Auseinandersetzung mit philosophisch-geisteswissenschaftlichen Themen wesentlich befruchtete. mini|Dilthey zur Zeit seiner Verlobung (ca. 1855) mini|Das Grab von Wilhelm Dilthey und seiner Ehefrau Katharina geborene Püttmann auf dem Friedhof Biebrich in Wiesbaden 1874 heiratete er Katharina Püttmann (1854–1932), die er auf einer Reise nach Bad Elster kennengelernt hatte. Sie hatten drei gemeinsame Kinder, Helene, Clara (1877–1967) und Maximilian. Clara heiratete später Diltheys Schüler Georg Misch. Sie bearbeitete und veröffentlichte einen Teil des Nachlasses ihres Vaters.Clara Misch: Der junge Dilthey. Ein Lebensbild in Briefen und Tagebüchern 1852–1870. Leipzig 1933; Stuttgart/Göttingen 1960.

1882 erhielt Dilthey einen Ruf nach Berlin als Nachfolge des plötzlich verstorbenen Hermann Lotze, wo er von 1883 bis 1908 lehrte. 1883 erschien zugleich der erste Band der Einleitung in die Geisteswissenschaften, den Dilthey dem Grafen Yorck widmete. 1894 publizierte Dilthey die Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie. Aufgrund einer scharfen Kritik Hermann Ebbinghauses an den Ideen ließ Dilthey seine Pläne für einen zweiten Band der Einleitungen fallen.

Dilthey engagierte sich um 1900 für die Frauenbewegung. So gehörte er der 1893 von Helene Lange gegründeten Vereinigung zur Veranstaltung von Gymnasialkursen für Frauen an, die sich für ein Recht der Frauen auf ein Universitätsstudium einsetzte.Angelika Schaser: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft. Köln: Böhlau, 2010, S. 72. Auch förderte er ausdrücklich Studentinnen. Dank ihm wurde Anna Tumarkin 1895 an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität als Gasthörerin zugelassen, wo sie bei ihm zwei Veranstaltungen besuchte. Tumarkin blieb mit ihm und seiner Frau zeitlebens freundschaftlich und wissenschaftlich verbunden.Franziska Rogger: Anna Tumarkin (1875–1951): das schicksalhafte Leben der ersten Professorin, Stämpfli Verlag, Bern 2025, S. 51–57. Zu seinen Schülerinnen gehörte auch Helene Stöcker, die er heranzog, um ihn in Berlin bei seinen Studien über Schleiermacher zu unterstützen.Helene Stöcker: Lebenserinnerungen, hg. von Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff. Köln: Böhlau, 2015, S. 54 f. Für Gertrud Bäumer war Wilhelm Dilthey einer der wichtigsten Lehrer, und bei ihrer Promotion an der Berliner Universität 1904 gehörte er der Promotionskommission an.Angelika Schaser: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft. Köln: Böhlau, 2010, S. 105 f.

1900 erschien der erste Band von Edmund Husserls Logische Untersuchungen.Husserliana Dilthey setzte sich intensiv mit ihnen auseinander und nahm einige Korrekturen am eigenen Werk vor, die ihn zu einer systematischen Weiterführung der „Einleitung“ anregten. 1905 kam Husserl nach Berlin zu Dilthey zu Besuch. 1906 wurde Dilthey mit dem Erscheinen von Das Erlebnis und die Dichtung auch über den Kreis der Fachkollegen hinaus bekannt. Eine Dilthey-Schule etablierte sich 1911 mit Erscheinen des Sammelbandes Weltanschauung, Philosophie und Religion, auf welche Husserl in scharfer Abgrenzung mit seinem Aufsatz Philosophie als strenge Wissenschaft reagierte. Es folgte ein Briefwechsel zwischen beiden, der jedoch nicht zur Klärung der Differenzen beitrug. 1911 starb Dilthey in Seis nach Erkrankung an der Ruhr.

Philosophie Grundlagen Ablösung vom Naturalismus Der Naturalismus hat als Strömung seit dem 17. Jahrhundert dazu geführt, dass ein mechanisch-kausales Naturverständnis auch auf das Innenleben des Menschen übertragen wurde, also seinem Geistes- und Gefühlsvermögen dieselben kausalen Gesetze unterstellt wurden, wie man sie bei der physikalischen Beschreibung der Natur vorfand. Kant hat dieses Problem zu lösen versucht, indem er die physikalische Natur als Naturbeschreibung durch die reine Vernunft auffasste. Diese Unterscheidung setzt eine Trennung von Ding an sich und Erscheinungen voraus. Dabei sind es laut Kant nur die Erscheinungen, die der Verstand in der Anschauung erfassen kann und denen sich Kausalität zusprechen lässt. Ob die Kausalität jedoch auch dem hinter der Erscheinung liegenden Ding an sich zukommt, bleibt ungewiss.

Diese Erklärung hat allerdings nicht dazu geführt, dass die Naturwissenschaft ihre Ergebnisse als Konstruktionsmittel und hypothetische Erkenntnisse wertete. Vielmehr fand die Auffassung, dass die Naturwissenschaften ihren Gegenstand unmittelbar erklären könnten, einen ersten Höhepunkt im Positivismus und Naturalismus, wie ihn Comte und Mill vertraten. Hier ergab sich für Dilthey das offensichtliche Problem, dass, wenn alle Vernunftprozesse kausal determiniert sind, auch die positivistische und naturalistische Auffassung des Menschen selbst determiniert ist. Damit hebt sich jedoch der Anspruch auf Gewissheit unter verschiedenen alternativen Auffassungen selbst auf.

Diltheys Lösung besteht in der Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften, welche zugleich die Autonomie und Freiheit des Vernunftwesens Mensch wiederherstellen soll: Statt in den Naturzusammenhang band Dilthey den Menschen dabei in den Geschichts- und Kulturzusammenhang ein, innerhalb dessen sich seine geistige Spontanität zeigt und ausbildet. So wie Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft die erkenntnistheoretische Grundlage der Naturwissenschaften zu erklären versuchte, bemühte sich Dilthey in seinem lebenslangen Projekt einer Kritik der historischen Vernunft, die Grundlage für die von ihm so benannten Geisteswissenschaften zu legen. Der Titel einer historischen Vernunft zeigt dabei schon Diltheys Kritik an Kant. So ist bei Dilthey die Vernunft keine überzeitliche und unveränderliche Größe eines individuellen Subjekts, sondern hat ihre Ausprägung im Verlauf der Geschichte erfahren und wird dadurch konstatiert. In sie fließen also auch die geschichtlich gewordenen Handlungen und Praktiken des Kulturwesens Mensch mit ein. Diltheys grundsätzlich geschichtliche Orientierung ging dabei auf Johann Gustav Droysens geschichtsphilosophische Vorstellungen des Historismus zurück. Die Kritik der historischen Vernunft bezieht sich jedoch nicht nur auf Kant, sondern erhebt Anspruch darauf, die gesamte Geschichte der Metaphysik zu betrachten. In Anlehnung an Georg Wilhelm Friedrich Hegels Phänomenologie des Geistes bezeichnete Dilthey sein Programm auch als Phänomenologie der Metaphysik. Anders als bei Hegel führte er den geschichtlichen Prozess nicht zu einem metaphysischen System des absoluten Wissens zusammen, welches schließlich absolute Gewissheit bieten sollte. Vielmehr nimmt seine Betrachtung den umgekehrten Weg, nämlich zu zeigen, wie sich eine Weltanschauung erst durch die vielen kleinen Gewissheiten ausprägt, die in der unmittelbaren Gewissheit des Erlebnisses und des Lebens selbst wurzeln. Dieses dient ihm dann auch als Fundament zur Begründung der Geisteswissenschaften. Ihr Ziel ist ein „Verstehen des Lebens und der Geschichte“.

Lebensphilosophie Nach dieser frühen persönlichen Ablösung vom Naturalismus und Positivismus suchte Dilthey ein neues Fundament, von dem aus das menschliche Leben in seiner ganzen Breite verstanden werden kann. Wesentliche Ansätze hierzu finden sich in seinen Ausarbeitungen zu einem geplanten, aber nie erschienenen zweiten Band der Einleitung in die Geisteswissenschaften (1883), der sogenannten Breslauer Ausarbeitung, die bereits 1880 größtenteils ausformuliert vorlag.Vgl. Manfred Riedel (Hrsg.), Wilhelm Dilthey: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Frankfurt am Main 1970, Einleitung des Herausgebers, S. 13 unten. Dilthey entwickelte hier mit Hinblick auf die deutsche idealistische Tradition seinen stark erweiterten Begriff des Bewusstseins als zentraler Instanz des Erlebens: „Mein Bewußtsein ist der Ort, welcher diese ganze, scheinbar so unermeßliche Außenwelt einschließt, der Stoff, aus welchem alle Objekte, die sich in ihr stoßen, gewoben sind. So weit sich diese mir erscheinenden Objekte erstrecken, so weit erstreckt sich der Zusammenhang meiner Vorstellungen. Was in ihnen angetroffen wird, die Härte welche zertrümmert, die glühende Hitze, welche schmilzt, alles bis ins Innerste der Objekte ist Tatsache meines Bewußtseins, und das Ding ist sozusagen eine Zusammensetzung von solchen geistigen Tatsachen.“Wilhelm Dilthey: Einleitung in die Geisteswissenschaften. Breslauer Ausarbeitung. In: Gesammelte Schriften. Band 19, S. 1f.