Mühlhausen/Thüringen (Betonung auf der ersten Silbe; von 1975 bis 1991 Mühlhausen Thomas-Müntzer-Stadt) ist die Kreisstadt des Unstrut-Hainich-Kreises und neuntgrößte Stadt in Thüringen. Die Große kreisangehörige Stadt im Nordwesten des Bundeslandes liegt an der Unstrut, einem Nebenfluss der Saale, rund 55 km nordwestlich der Landeshauptstadt Erfurt und nimmt in der Raumordnung des Freistaates Thüringen den Rang eines Mittelzentrums mit Teilfunktionen eines Oberzentrums ein.
Im Mittelalter waren die Reichsstädte Mühlhausen und Nordhausen nach Erfurt die mächtigsten Städte im Thüringer Raum (siehe: Thüringer Dreistädtebund). Die Mühlhäuser Kirmes, die jährlich mit 27 Kirmesgemeinden für eine Woche begangen wird, fand 1877 zum ersten Mal statt.
Bekannt ist Mühlhausen auch für sein reichhaltiges historisches Erbe, so war es Wirkungsstätte von Johann Sebastian Bach und Thomas Müntzer sowie bis 1802 Reichsstadt. Von der einstigen Bedeutung zeugen heute noch zahlreiche historische Bauwerke wie die Stadtmauer oder die Marienkirche.
2016 wurde Mühlhausen der Ehrentitel „Reformationsstadt Europas“ durch die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa verliehen.Stadtporträt des Projekts „Reformationsstädte Europas“: Reformationsstadt Mühlhausen. Deutschland. Luthers ungeliebte Brüder. In: reformation-cities.org, abgerufen am 29. Oktober 2016. Zur Bedeutung Mühlhausens in der Reformationsgeschichte siehe auch den Abschnitt Geschichte von 1400 bis 1600.
Geographie mini|hochkant=2|Panoramablick vom Rabenturm auf das Stadtzentrum
Geographische Lage (Luftlinie)
Mühlhausen liegt im Thüringer Becken, in dessen Nordwesten sich aufgrund unterschiedlicher Berechnungsmethoden der geographische Mittelpunkt Deutschlands befinden soll. Das Stadtgebiet wird im Westen durch den Hainich und im Norden durch das Obereichsfeld begrenzt.
Nachbargemeinden Nachbargemeinden sind Unstruttal im Norden, Nottertal-Heilinger Höhen und Körner im Osten, Unstrut-Hainich und Vogtei im Süden sowie Dingelstädt und Südeichsfeld im Westen.
Stadtgliederung Die Stadt besteht aus den Ortsteilen:
Mühlhausen/Thüringen, seit Umbenennung am 2. Mai 1991 Bollstedt, Eingemeindung am 1. Januar 2019 Eigenrieden, Eingemeindung am 1. Januar 2024§ 3 Thüringer Gesetz zur freiwilligen Neugliederung kreisangehöriger Gemeinden im Jahr 2024, zur Anpassung gerichtsorganisatorischer Vorschriften und zur Änderung des Thüringer Gesetzes zur Förderung freiwilliger Gemeindeneugliederungen. Vom 14. Dezember 2023. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für den Freistaat Thüringen. Nr. 15 – Tag der Ausgabe: Erfurt, den 22. Dezember 2023, S. 347 (thueringer-landtag.de [PDF; 1,5 MB]). Felchta, Eingemeindung am 30. Juni 1994 Görmar, Eingemeindung am 30. Juni 1994 Grabe, Eingemeindung am 1. Januar 2019 Hollenbach, Eingemeindung am 1. Januar 2023Art. 1 § 1 Abs. 4 Thüringer Gesetz zur freiwilligen Neugliederung kreisangehöriger Gemeinden im Jahr 2023 und zur Anpassung gerichtsorganisatorischer Vorschriften. Vom 7. Dezember 2022. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für den Freistaat Thüringen. Nr. 26 – Tag der Ausgabe: Erfurt, den 20. Dezember 2022, S. 475 (thueringer-landtag.de [PDF; 1,6 MB]). Höngeda, Eingemeindung am 1. Januar 2019 Saalfeld, Eingemeindung am 8. März 1994 Seebach, Eingemeindung am 1. Januar 2019 Windeberg, Eingemeindung am 1. Juni 1992
Klima Die nächste Wetterstation mit längerer Messreihe befindet sich etwa 3 km nordöstlich von Mühlhausen im Ortsteil Grabe.Vergleiche zu diesem Abschnitt Eckhard Götze: Neun Monate zu wenig Sonne. In: Thüringer Allgemeine. 13. Januar 2009, S. TAMU 3. Sie liefert zumindest für die in Randlage des Thüringer Beckens gelegenen östlichen Stadtteile von Mühlhausen vergleichbare Werte. Mit 8,7 °C Jahresmitteltemperatur und 565 mm durchschnittlichem Jahresniederschlag ist das Klima von Grabe relativ warm, aber bereits trocken. Mit Annäherung an den Hainich an Mühlhausens Westrand sind deutlich geringere Jahresmitteltemperaturen sowie höhere Jahresniederschlagssummen zu erwarten.
Am Morgen des 10. Februar 2021 verzeichnete die Wetterstation mit minus 26,7 Grad einen neuen Stationsrekord und den deutschlandweit tiefsten Jahreswert 2021.
Geschichte Anfänge bis 1400 mini|Stadtmauer mit Innerem Frauentor von Westen gesehen mini|Stadtmauer und Wehrgraben mini|links|hochkant|Frauentor (innen) mini|In der Oberstadt, Holzstraße mini|Häuser am Untermarkt
Die geologischen Bedingungen an der fruchtbaren Unstrutniederung boten eine Voraussetzung für ein gut besiedelbares Areal, was archäologische Funde bereits aus der Jungsteinzeit bestätigen. Sie zeigen auch, dass der Ort zur Zeit des Thüringer Königreichs zwischen 400 und 531 kulturell und politisch bedeutsam gewesen sein kann. Insbesondere wird mit den Funden eine sagenhafte Erzählung verknüpft, nach der Attila der Hunnenkönig auf dem Zug von Ungarn nach Frankreich im Jahre 451 auf der Burg Mulhus wohnte und zu Ehren des Ritters Georg eine Kirche erbauen ließ.Gerhard Günther, Winfried Korf: Mühlhausen. Thomas-Müntzer-Stadt (= Kunstgeschichtliche Städtebücher). VEB E. A. Seemann-Verlag, Leipzig 1986, ISBN 3-363-00018-9; 2. Auflage. Ebenda 1989, ISBN 3-363-00018-9, S. 12. (Der latinisierte Name Mühlhausens lautete später .)
Mit dem Sieg der Franken über das thüringische Germanenreich im Jahre 531 begann die Staatskolonisation, die in der endgültigen Unterwerfung der Thüringer zu Beginn des 8. Jahrhunderts gipfelte. Gleichzeitig wurden die besetzten Gebiete missioniert und das Christentum hielt Einzug.
Im Jahre 967 wurde Mühlhausen erstmals urkundlich als mulinhuson durch Kaiser Otto II. erwähnt. Es war Zentrum eines bedeutenden Reichsgutbezirkes mit befestigtem Königshof, dessen Ursprünge bis in das Fränkische Reich Karls des Großen zurückreichen.
Im 11. Jahrhundert entstand die Altstadt (Marktsiedlung), im 12. Jahrhundert folgte die Neustadt um die Marienkirche unter Kaiser Friedrich I. Barbarossa. Im Jahr 1135 söhnte sich Kaiser Lothar III. in der erstmals so bezeichneten Mühlhausen endgültig mit Konrad von Staufen aus. Im gleichen Jahr erhielt Mühlhausen als erster Ort in Thüringen die Stadtrechte. Heinrich der Löwe eroberte Mühlhausen, das sich zu einem bedeutenden Zentrum der Reichsgewalt entwickelt hatte, im Jahre 1180.
Um 1200 wurde die Stadtmauer um die Innenstadt (49 Hektar) mit sieben Doppeltoren und 38 Wehr- und Kanzeltürmen und einer Länge von 2,7 Kilometern erbaut. Mühlhausen erhielt zu Anfang des 13. Jahrhunderts Münz- und Zollrecht. Gegen die Burg, die ein königlicher Burggraf verwaltete, schloss sich die Stadt in der gleichen Zeit durch Mauern ab. Um 1220 wurde das Mühlhäuser Reichsrechtsbuch nach des Reiches Recht, das älteste Stadtrechtsbuch in deutscher Sprache, aufgezeichnet. Es wurde auch für die Reichsstadt Nordhausen geltendes Recht. Das Jahr 1251 markiert eine bedeutende Wegmarke auf dem Weg Mühlhausens zur Reichsstadt. Am Freitag vor Palmsonntag des Jahres 1251 wehrten die Mühlhäuser Bürger einen feindlichen Angriff ab und sicherten damit die staufische Stadtherrschaft. Daraufhin privilegierte König Konrad IV. Mühlhausen, was die Durchsetzung einer Ratsverfassung und den Ausbau städtischer Selbstverwaltung befördert hat. Weitere Etappen auf dem Weg zur Freien Reichsstadt waren die Zerstörung der Reichsburg im Stadtraum durch die Bürger im Jahr 1256 und die Anerkennung des im Inneren durchgesetzten Verfassungswandels durch König Rudolf von Habsburg im Jahr 1290.
Kaiser Karl IV. bestätigte die Reichsfreiheit der Stadt. Das gesamte Territorium der Stadt wurde durch eine zweite Befestigung, den Landgraben, mit zahlreichen Warten umschlossen. Mitte des 14. Jahrhunderts erhielten die Zünfte eine Vertretung im Rat. Die Reichsstadt Mühlhausen war seit 1286 Mitglied der Hanse. Die Stadt erwarb 60 umliegende Dörfer, sie baute viele Bürgerhäuser und 14 Kirchen. Letztere wurden fast alle vom Deutschen Ritterorden errichtet.Hartmut Boockmann: Der Deutsche Orden in Mühlhausen. In: Sachsen und Anhalt. Jahrbuch der Historischen Kommission für Sachsen-Anhalt. Band 21 (1999), , S. 9–35.
Die Reichsstadt Mühlhausen konnte bereits während des 13. Jahrhunderts ihre wirtschaftliche und politische Bedeutung im hessisch-thüringischen Grenzland an der Werra ausbauen. Damit geriet sie, wie auch die benachbarte Vogtei Dorla immer häufiger in Auseinandersetzungen mit den Territorialmächten – den thüringischen Landgrafen und später auch den hessischen Landgrafen sowie dem Erzbistum Mainz. Die in Mühlhausen und Umgebung verbreitete Sage der Blinden Hessen berichtet, dass die Stadt von einer hessischen Streitmacht und von Eichsfelder Raubrittern angegriffen werden sollte, die Mühlhäuser aber mit einer List die Hessen in die Flucht schlagen konnten.
Im Jahre 1292 wurde die Breitsülze, ein an der Stadt entlang fließender Bach, in einem künstlichen Bachlauf zur Wasserversorgung in die Oberstadt geleitet. Dies war für mittelalterliche Verhältnisse ein ingenieurtechnisches Meisterwerk. Der Bach wurde in einem Graben von 5350 Metern Länge mit einem Gefälle von nur 0,33 Millimeter pro Meter in die Oberstadt geleitet. Die Pläne für dieses Bauvorhaben stammen von einem Mönch, der der Sage nach einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte und kurze Zeit nach der Fertigstellung verschwand.
1400 bis 1600 Im Jahre 1430 trat Mühlhausen gemeinsam mit Erfurt und Nordhausen, mit diesen beiden Städten seit 1310 im Thüringer Dreistädtebund vereinigt, dem starken Goslarer Bund innerhalb der Hanse bei. Mühlhausen blühte wirtschaftlich weiter auf. Bereits 1247 waren Mühlhäuser Tuche durch den Hamburger Zoll gegangen. Flämische und wallonische Zuwanderer brachten neue Kenntnisse und Fertigkeiten in der Wollweberei, Tuchmacherei und Leineweberei mit. „Mühlhäuser Laken“ wurden ein Begriff. Waidanbau, -verarbeitung und -handel und der Handel mit Tuchen bis in ferne Länder spielten eine große Rolle. Mit Wanfried hatte Mühlhausen sogar einen Hafen: Die Waren wurden dorthin auf dem Landweg geschafft und dann weiter mit Schiffen werra- und weserabwärts. Ende des 15. Jahrhunderts hatte Mühlhausen 10.000 Einwohner und war damit eine der größten Städte Deutschlands. Mühlhausen verstand es auch geschickt, die ständige Geldverlegenheit der Kaiser zu nutzen, und dehnte seine enge Stadtflur immer mehr aus. Der Stern von Mühlhausen begann mit der Abnahme der Bedeutung der Färberpflanze Waid und mit dem Aufkommen von Leipzig als Handelsstadt zu sinken. Neue Handelswege führten weiträumig um Mühlhausen herum.