mini|hochkant|Video: Warum der Wald in Deutschland bedroht ist? - Datenquelle: Waldzustandserhebung 2023 (0:54 min) Waldzustandsbericht, früher Waldschadensbericht genannt, ist eine auf Ebene der deutschen Bundesländer gebräuchliche Bezeichnung für das Ergebnis einer jährlichen Waldzustandserhebung, bei der anhand einer Stichprobe von ca. 10.000 Bäumen der Vitalitätszustand des Waldes erfasst wird.vgl. Hessisches Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Waldzustandsbericht 2019 November 2019Waldzustandserhebung 2019 Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, abgerufen am 19. Dezember 2019 Auf Bundesebene werden die Ergebnisse dieses forstlichen Umweltmonitorings jährlich vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) unter dem Titel Ergebnisse der Waldzustandserhebung herausgegeben.vgl. zuletzt BMEL (Hrsg.): Stand: April 2020
Rechtsgrundlagen International Ausgehend von der Genfer Luftreinhaltekonvention von 1979 und dem Internationalen Kooperationsprogramm Wälder (ICP Forests) verabschiedeten das Europäische Parlament und die EU-Kommission 1986 die Verordnung (EWG) Nr. 3528/86 „Schutz des Waldes gegen Luftverschmutzung“ und schrieben damit die jährliche Erhebung des Kronenzustandes für die Mitgliedstaaten der EU verbindlich vor. Dieses sogenannte Level I-Programm wurde im Jahr 1994 durch Level II (Waldklimastationen) ergänzt. Das Waldzustandsmonitoring wird seitdem auf zwei Ebenen durchgeführt: Einerseits auf systematisch über den gesamten Mitgliedstaat verteilten Beobachtungsflächen (Level I) und andererseits auf Intensivbeobachtungsflächen (Level II). Zuletzt war die EU-einheitliche Durchführung und Ko-Finanzierung des Waldmonitorings in der Verordnung (EG) Nr. 2152/2003 („Forest Focus“) verbindlich geregelt.. In: Amtsblatt der Europäischen Union. L, Nr. 324, 11. Dezember 2003, S. 1. Diese Verordnung ist zum 31. Dezember 2006 ausgelaufen und damit eine verbindliche Regelung für die EU-Mitgliedstaaten entfallen.Internationales Kooperationsprogramm zum forstlichen Umweltmonitoring in Wäldern – ICP Forests – Projekt D 25 Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, abgerufen am 19. Dezember 2019
Eine Weiterentwicklung der Finanzierung erfolgte im Rahmen der Verordnung (EG) Nr. 614/2007.. In: Amtsblatt der Europäischen Union. L, Nr. 149/1 vom 9. Juni 2007 In den Jahren 2009 bis 2011 wurde die Weiterentwicklung und Implementierung eines europaweiten forstlichen Monitoringsystems im Rahmen des LIFE+-Projektes Forest Monitoring System („FutMon“) durch die EU-Kommission, vertreten durch die Generaldirektion Umwelt gefördert. Ziel war die Etablierung eines europäischen harmonisierten, forstlichen Monitoringsystems mit verbesserter Methodenstandardisierung und Effektivität, das politikrelevante Informationen über den Zustand der europäischen Wälder liefert.Further Development and Implementation of an EU-Level Forest Monitoring System Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt, abgerufen am 19. Dezember 2019 (deutsch) Beteiligt an dem Projekt waren 38 Institutionen aus 24 EU-Mitgliedstaaten.FutMon Final Workshop futmon.org, Link zum Download der Ergebnisse (englisch)
National Mit Wirkung zum 1. Januar 2014 trat die Verordnung zum Forstlichen Umweltmonitoring (ForUmV)Verordnung über Erhebungen zum forstlichen Umweltmonitoring (ForUmV) vom 20. Dezember 2013 () auf Grundlage des Bundeswaldgesetz (BWaldG) in Kraft. Die jährliche Kronenzustandserhebung im 16 × 16 km Raster (Level I) und das Intensivmonitoring (Level II) sind Bestandteil der gemeinsamen Grundlagendatenerhebung der Bundesländer.
Folgende Grunddaten zur Vitalität der Wälder und zu Wirkungszusammenhängen in Waldökosystemen werden auf den Level-II-Flächen erhoben ( ForUmV): Kronenzustand, Baumwachstum, Nadel- und Blattanalysen, Bodenvegetation, atmosphärische Stoffeinträge, Streufall, Bodenwasser nach Menge und Zusammensetzung, Bodenzustand, meteorologische Parameter, Phänologie, Luftqualität.
Das Thünen-Institut stellt die Daten im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) zusammen und wertet sie aus ( Abs. 2 BWaldG).BMEL: Forstwirtschaft und Waldmonitoring Website abgerufen am 20. Dezember 2019
Datenerhebung Geschichte Im Sommer 1983 gab es die ersten Erhebungen in den Bundesländern.Michael Lange: Und ewig sterben die Wälder. 20 Jahre Waldschadenserhebung in Deutschland Deutschlandfunk, 4. Januar 2004 1984 folgten die ersten Berichte im gesamten Bundesgebiet und ab 1986 dann auch in Europa. Auslöser war der Begriff vom „Tannensterben“, der Schreckensbilder aus dem Schwarzwald, dem südlichen Alpenrand und aus dem Schweizer Jura in die Öffentlichkeit transportierte (s a. Waldsterben).vgl. Dieter Lohmann: Waldsterben – das Update. Wie aussagekräftig ist der Waldzustandsbericht? 8. Dezember 2006 Aktueller Auslöser war nach heutigem Verständnis eine schwere Trockenperiode im Frühsommer 1976, die vor allem bereits vorgeschädigten Weißtannen schwer zusetzte. von Dr. Klaus J. Lang in: Gehölzkrankheiten in Wort und Bild, „Tannensterben – silver fir decline“. Es folgte 1978/79 ein sehr harter Winter mit schweren Frostschäden.
Die Auswirkungen des sauren Regens und die diesem zu Grunde liegenden Schadstoffquellen wie Abgase aus Industrie und Straßenverkehr auf die „neuartigen Waldschäden“ wurden erforscht.Bartholomäus Grill: Waldschadensbericht: Wankende Eichen. Die Statistik trügt Die Zeit, 11. November 1988 Mit dem Waldschadensbericht erfasste das Bundeslandwirtschaftsministerium die kranken Bäume. Außerdem wurde die Wirkung von Maßnahmen untersucht, die bereits um 1970 eingeleitet worden waren: Dazu zählten einerseits gesetzliche Regelungen wie das Bundes-Immissionsschutzgesetz, die TA Luft oder die Verordnung über Großfeuerungs-, Gasturbinen- und Verbrennungsmotoranlagen und andererseits deren konkrete technische Umsetzung. Dies betraf sowohl den einzelnen Verbraucher mit der Einführung des Fahrzeugkatalysators und des bleifreien Benzins, die Industrie mit der verordneten Nachrüstung von Filtern und Rauchgasentschwefelung als auch die Forstwirtschaft, wo das Ausbringen von Kalk (Calciumcarbonat) in den Wäldern empfohlen wurde.
Verordnung über Erhebungen zum forstlichen Umweltmonitoring (ForUmV) Die Daten werden gem. ForUmV nach einem terrestrischen Stichprobenverfahren mit systematischer Stichprobenverteilung über das gesamte Gebiet der Bundesrepublik Deutschland mindestens im 16 × 16 km Quadratverband erhoben. Die Beobachtungsflächen für Erhebungen im Rahmen eines Intensivmonitorings sollen die wichtigen Waldökosysteme auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland sowie unterschiedliche Ausprägungen bedeutsamer Standort- und Belastungsfaktoren abbilden. Die Bundesländer wählen dazu mindestens eine Beobachtungsfläche pro 256 Tausend Hektar Waldfläche aus. Dieselben Bäume werden einmal jährlich zwischen Anfang Juli und Ende August untersucht. Beurteilungsmaßstab ist die Verlichtung der Baumkronen im Vergleich zu einer voll belaubten bzw. benadelten Krone. Die Abweichung von einer vollständigen Belaubung wird in 5-%-Stufen geschätzt.
Die 5-%-Stufen werden zu breiteren Klassen, den sogenannten Schadstufen zusammengefasst:vgl. Leitfaden und Dokumentation zur Waldzustandserhebung in Deutschland Thünen Working Paper 84, Braunschweig 2018 SchadstufeVerlichtungBezeichnung0 0–10 % Ohne Kronenverlichtung1 11–25 % Warnstufe (schwache Kronenverlichtung) 2 26–60 % Mittelstarke Kronenverlichtung 3 61–99 % Starke Kronenverlichtung 4 100 % abgestorben
Funktion Die Waldzustandsberichte dienen zur Erfüllung der Aufgaben des Bundeswaldgesetzes (BWaldG) sowie zur Durchführung von Rechtsakten der Europäischen Union oder völkerrechtlich verbindlicher Vereinbarungen ( Abs. 1 und 3 BWaldG). Gem. BWaldG soll der Wald wegen seiner Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion erhalten, die Forstwirtschaft gefördert und ein Ausgleich zwischen dem Interesse der Allgemeinheit und den Belangen der Waldbesitzer herbeigeführt werden.
So sind die Waldzustandsberichte für den Wissenschaftlichen Beirat für WaldpolitikBMEL: Beiräte des BMEL/Wissenschaftlicher Beirat für Waldpolitik Stand: 18. März 2019 eine wichtige Datenbasis, auf dessen Grundlage er Vorschläge zur Umsetzung der Waldstrategie 2020 der Bundesregierung erarbeitet. Kurzstellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats für Waldpolitik des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, 19. Februar 2016, S. 2BMEL: Stand: November 2011
Die Berichte geben auch praktische Entscheidungshilfen für das Risikomanagement in Forstbetrieben durch waldbauliche Maßnahmen (z. B. Baumartenwahl, Pflege- und Nutzungskonzepte) oder für Maßnahmen des Bodenschutzes (z. B. Bodenschutzkalkung).Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Hrsg.): Stand: Oktober 2016, S. 13 Außerdem erleichtern sie den einzelnen Bundesländern die forstliche Rahmenplanung nach den Landeswaldgesetzen anhand waldspezifischer Datenvgl. Hermann Fröhlingsdorf, Tobias Kreckel, Thomas Deckert: Forstlicher Fachbeitrag für die Fortschreibung des Regionalplanes der Bezirksregierung Köln Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen, 30. April 2018 und beeinflussen die finanzielle Förderung der Forstwirtschaft.Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz (Hrsg.): Bericht über den Zustand der Wälder und die Lage der Forstwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern (Berichtszeitraum 2011–2014). Schwerin 2016, S. 48 ff.
Gegenüber dem Waldforum der Vereinten Nationen besteht eine Berichtspflicht.vgl. BMEL: Der Strategische Plan der Vereinten Nationen für Wälder: Deutschland präsentiert nationalen Beitrag zur Walderhaltung vor den Vereinten Nationen 18. September 2019siehe auch: Berichtspflichten der Bundesregierung aufgrund nationaler und internationaler Verpflichtungen im Kontext der Agenda 2030/Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen Dokumentation der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags, 22. Juli 2016
Langzeitmonitoring Die Daten der bundesweiten Waldzustandserhebung zeigen eine räumliche Verlagerung der Hauptschadensgebiete und -baumarten seit den 1990er Jahren. Während früher Bodenversauerung mit seinen Folgen im Boden oder sogar direkte Rauchgasschäden zu einem Absterben der Bäume führten, sind heute vor allem Fichtenbestände in den Lagen unter 500 Metern durch starken Borkenkäferbefall betroffen, Buchen durch Trockenheit und Eichenbestände durch Insektenschäden (Eichen-Prozessionsspinner).Vom „Waldsterben“ in den 80ern zu den Waldschäden von heute? Pressemitteilung des Thünen-Instituts, 18. September 2019
Ursachen Die Kronenverlichtung zeigt den Gesundheitszustand von Waldbäumen an. Auf den Waldzustand wirken verschiedene Faktoren ein, die sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken oder abschwächen können. Hierzu gehören das Baumalter und die Veranlagung der einzelnen Bäume, die gegenwärtige und frühere Bewirtschaftung, Standortfaktoren, der Eintrag von Luftschadstoffen und anderes. Abhängig vom Ausmaß und von der Geschwindigkeit, mit der sie sich vollzieht, führt der Klimawandel zu zusätzlichen Risiken für den Wald.Waldzustand Forstwirtschaft in Deutschland, abgerufen am 21. Dezember 2019Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz: Waldzustandsbericht 2019 belegt erstmals massive Folgen des Klimawandels Pressemitteilung vom 27. November 2019