mini|Ein Diakon singt das Exsultet, den Lobpreis zur Osterkerze Die Osternacht (auch Ostervigil genannt, lateinisch Vigilia paschalis in Nocte Sancta), die Nacht vom Karsamstag auf den Ostersonntag, ist im Kirchenjahr die „Nacht der Nächte“: eine Nacht des Wachens und Betens zum Gedenken an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten und damit an den Durchgang vom Tod ins Leben.
In den Kirchen Mitteleuropas wird der Karsamstag still begangen, mündet aber in den feierlichen Gottesdienst der Osternacht. Die liturgische Feier der hochheiligen Osternacht beginnt entweder am Vorabend frühestens nach Sonnenuntergang oder in der Frühe des Ostermorgens zwischen 4 und 6 Uhr, vor der Morgendämmerung. Auf den Wortgottesdienst folgen die Taufliturgie bzw. das Taufgedächtnis und die Feier der Eucharistie.
Daneben gibt es auch die Form der „Vollvigil“, bei der am Anfang der Nacht die Lichtfeier steht, über die Nacht die Lesungen mit ihren Antwortgesängen und Orationen mit langen Zeiten der Stille erfolgen und gegen Morgen die Feier mit dem Gloria fortgesetzt wird. In diesem Fall versammelt sich die feiernde Gemeinde zu Beginn, kann während der Lesungen in „Schichten“ anwesend sein und feiert dann zum Gloria wieder vollständig mit. Mit dieser Form der Vollvigil hat die Lichtfeier ihren sinnvollen Platz am Beginn der Nacht, die Lesungen in der Nacht gestalten die Zeit des Wartens, und die gemeinsame Feier von Gloria, Osterlesungen, Taufe und Eucharistiefeier im Morgengrauen berücksichtigen die Zeitangaben der Osterevangelien.
Geschichtliche Entwicklung Spätantike Sehr vage sind die Informationen zur Ostervigil, wie sie im 2./3. Jahrhundert in Kleinasien und Syrien begangen wurde. Demnach war die Vigil zweiteilig: es gab eine Nachtwache mit Lesungen und Gebeten. Das Warten war betont. Beim ersten Hahnenschrei (also um etwa 3 Uhr nachts) folgte eine Eucharistiefeier in österlicher Freude, mit der das mehrtägige vorösterliche Trauerfasten endete. Wie immer die Details gewesen sein mögen, deutlich ist der Prozesscharakter: Dunkelheit/Licht, Fasten/Mahl, Trauer/Freude.Urs von Arx: Die Liturgie der Osternacht. In: Ingrid Kasten et al.: Riten, Gesten, Zeremonien (= Trends in Medieval Philology. Band 14). De Gruyter, Berlin / New York 2008, S. 87–116, hier S. 89f.
Innerhalb der Heiligen Woche, wie sie für das 4. Jahrhundert aus Jerusalem bezeugt ist, stellt die Ostervigil eine Art Fremdkörper dar. Die Heilige Woche vollzieht die Stationen der Passionsgeschichte zur richtigen Zeit und am richtigen Ort (in Jerusalem und Umgebung) nach; die Ostervigil verlässt mit ihren umfangreichen Lesungen aus dem Alten Testament dieses Schema und scheint anderen Prinzipien zu folgen. Daraus wurde oft geschlossen, dass die Ostervigil älter ist und nachträglich in die Heilige Woche integriert wurde. Für ihr hohes Alter spricht, dass Ambrosius von Mailand und Augustinus stets die Ostervigil als Paschafest bezeichnen.Clemens Leonhard: The Jewish Pesach and the Origins of the Christian Easter: Open Questions in Current Research (= Studia Judaica. Band 35). De Gruyter, Berlin / New York 2006, S. 294. Vgl. Hansjörg Auf der Maur: Die Osterfeier in der Alten Kirche. Aus dem Nachlaß hrsg. von Reinhard Messner. LIT, Münster 2003. Die Vigil des Epiphaniasfestes (nach dem Armenischen Lektionar) bildet mit den alttestamentlichen Lesungen eine Parallele zur Ostervigil. Nach einem Vorschlag von Robert Taft wurden die Schriftlesungen in der Osternacht ausgedehnt, weil diese Nacht sich zum wichtigsten Tauftermin entwickelt hatte, so dass die Taufspendung durch den Bischof entsprechend lange dauerte. Unterdessen hörte die Gemeinde die Lesungen.Clemens Leonhard: The Jewish Pesach and the Origins of the Christian Easter: Open Questions in Current Research (= Studia Judaica. Band 35). De Gruyter, Berlin / New York 2006, S. 303f. Vgl. Robert Taft: The Liturgy of the Hours in East and West. The Liturgical Press, Collegeville 1986. Für die Auswahl der Lesungen wurde die Übernahme einer alten jüdischen Tradition vermutet; dies lässt sich aber anhand der Quellen nicht verifizieren. Clemens Leonhard urteilt: „Das System der Lesungen in der Osternacht ist eine rein christliche Erfindung des späten 4. und frühen 5. Jahrhunderts.“ Die Auswahl der Osternachtslesungen wende sich nicht polemisch gegen eine jüdische Leseordnung und sei auch keine Adaption einer jüdischen Liturgie.Clemens Leonhard: The Jewish Pesach and the Origins of the Christian Easter: Open Questions in Current Research (= Studia Judaica. Band 35). De Gruyter, Berlin / New York 2006, S. 310: The system of readings in the Easter vigil is a purely Christian invention of the late fourth and early fifth centuries. It is not even anti-Jewish, not to mention a remnant of a Jewish liturgy. Dass die Lesungen in groben Zügen einen Abriss der Heilsgeschichte darstellen, sei ein Nebeneffekt; sie seien ausgewählt, weil sie verschiedene biblische Perspektiven auf Ostern bieten. So sei die Schöpfungsgeschichte ausgewählt worden, weil sie mit dem Sündenfall endet und dieser nach christlichem Glauben durch Christi Tod und Auferstehung geheilt wurde.Clemens Leonhard: The Jewish Pesach and the Origins of the Christian Easter: Open Questions in Current Research (= Studia Judaica. Band 35). De Gruyter, Berlin / New York 2006, S. 314.
Neben den umfangreichen alttestamentlichen Lesungen macht der Lichtritus eine Besonderheit der Osternacht aus. Er besagt mehr als die Selbstverständlichkeit, dass man in der Nacht, jedenfalls für die Lesungen, eine Lichtquelle brauchte. Hier sind Einflüsse aus dem täglichen Abendgottesdienst (Luzernar), von Lichtriten in Zusammenhang mit der Taufe und aus antiken Mysterienkulten wahrscheinlich.Urs von Arx: Die Liturgie der Osternacht. In: Ingrid Kasten et al.: Riten, Gesten, Zeremonien (= Trends in Medieval Philology. Band 14). De Gruyter, Berlin / New York 2008, S. 87–116, hier S. 96.
Mittelalter und Reformationszeit Die Osternachtsfeier war im Mittelalter vielfältig. So sind für die Titelkirchen im Rom des 7. Jahrhunderts einerseits die gelasianische Lichtfeier mit Osterkerze und Osterlobpreis (nicht das Exsultet) sowie 14 alttestamentlichen Lesungen und Cantica, andererseits die gregorianische Papstliturgie mit schlichtem Lichtritus, Steigerung der Beleuchtung während des Gottesdienstes und sechs Lesungen (vier alttestamentliche, zwei neutestamentliche) sowie Mischformen von beiden bezeugt.Victor vom Hoff: Osternachtfeiern als liturgisches Ritual: Die Erschließung der „Herzmitte des Kirchenjahres“ in ritualtheoretischer Perspektive, Leipzig 2020, S. 147.
Tendenzen, die Ostervigil in den Karsamstag vorzuverlegen, machten sich früh bemerkbar. Gottesdienste in der Nacht hatten für die Gemeinden im antiken Mittelmeerraum eine andere Atmosphäre als in einer mittelalterlichen europäischen Stadt (kalt, feucht und sehr dunkel).Jörg Mohn: Osternacht. Spiegel und Impulsgeberin eines veränderten evangelischen Gottesdienst- und Liturgieverständnisses, Münster 2018, S. 27f. In der lateinischen Kirche wurde die Vigil von der Eucharistiefeier am Ostersonntagmorgen gelöst. Die Osternachtsfeier wurde bereits im Spätmittelalter auf den Karsamstagnachmittag und dann sogar -vormittag vorgezogen. Das Missale Romanum von 1570 schrieb dann vor, sie als Vigilmesse am Karsamstagvormittag zu begehen. „Verbindlichkeit hinsichtlich der [vorverlegten] Osternachtfeier erhielt 1570 die damalige stadtrömische Liturgie, eine Mischform, die sich im römischen Kurienmissale seit dem 13. Jahrhundert findet.“Victor vom Hoff: Osternachtfeiern als liturgisches Ritual: Die Erschließung der „Herzmitte des Kirchenjahres“ in ritualtheoretischer Perspektive, Leipzig 2020, S. 148. Nachdem Karfreitag und Karsamstag gewöhnliche Arbeitstage geworden waren, genoss sie außerhalb des Klerus nur noch geringe Popularität.
Am Vorabend der Reformation war die Ostervigil eine Feier am frühen Karsamstagmorgen mit wenigen Gemeindegliedern. Das lässt sich aus Angaben bei Johannes Eck für Ingolstadt rekonstruieren.Victor vom Hoff: Osternachtfeiern als liturgisches Ritual: Die Erschließung der „Herzmitte des Kirchenjahres“ in ritualtheoretischer Perspektive, Leipzig 2020, S. 148f. Im Raum des Luthertums gab es positive und negative Stimmen zur Ostervigil. Für die Wittenberger Reformatoren zählte die Ostervigil nicht zu den Formen mittelalterlicher Religiosität, die abgeschafft werden sollten. Vielmehr ist von der Marienkirche Dessau bekannt, dass sie dort in den 1530er Jahren teils deutsch, teils lateinisch weiter gefeiert wurde; Philipp Melanchthon äußerte sich positiv dazu. In der frühen lutherischen Kirche wurden alle Elemente aus der Feier der Osternacht ausgeschieden, die als unevangelisch galten, so die Segnung des Feuers, die Kerzenweihe, die Wasserweihe und die Anrufung der Heiligen. An diese Stelle trat die vollständige Lesung des Osterevangeliums. Während man für den Vortrag der Passionsgeschichte die alten, vorreformatorischen Töne übernahm, gab es für das Osterevangelium keine Vorbilder. So schuf man eine neue, festliche Tonfolge. So war die alte Feier der Osternacht in neuer Form in die lutherische Kirche zurückgekehrt; wobei das Neue gleichzeitig das Alte war, denn mindestens bis ins 5. Jahrhundert war die Lesung der Ostergeschichte zentraler Bestandteil der Osternachtsfeier. Andreas Osianders Nürnberger Kirchenordnung (1533) dagegen kritisierte die Ostervigil als „eine Anhäufung unnötiger und kindischer Zeremonien“; sie solle wie die Realbenediktionen (Kräuter- und Kerzenweihen usw.) abgeschafft bleiben. Seit 1582 gibt es im Luthertum keine Ostervigil als öffentlichen Gottesdienst mehr.Jörg Mohn: Osternacht. Spiegel und Impulsgeberin eines veränderten evangelischen Gottesdienst- und Liturgieverständnisses, Münster 2018, S. 30f. Victor vom Hoff: Osternachtfeiern als liturgisches Ritual: Die Erschließung der „Herzmitte des Kirchenjahres“ in ritualtheoretischer Perspektive, Leipzig 2020, S. 150–152.
20. Jahrhundert