Als Vinschgau [] (auch Vintschgau, in älterer Bezeichnung Vinstgau, , Vallader ) wird der oberste Teil des Etschtales mit seinen Seitentälern in Südtirol (Italien) bezeichnet. Geographisch werden seine Grenzen am Reschenpass und an der Töll veranschlagt. Der Vinschgau wird meist in Obervinschgau und Untervinschgau eingeteilt. Das größte Dorf und somit der Hauptort des Vinschgaus ist Schlanders; die einzige Stadtgemeinde ist jedoch Glurns.

Etymologie

Die deutsche Bezeichnung Vinschgau (alte Schreibweisen Vintschgau oder Vinstgau) und ihre italienische Entsprechung Val Venosta stehen offenkundig im Zusammenhang mit dem Namen des antiken Stammes der Venosten, der auf dem Tropaeum Alpium neben vielen anderen besiegten Alpenvölkern angeführt wird. Frühmittelalterlich erscheint erstmals der Gebietsname in Formen wie de Venostis (720) oder in Venustis (842/843).Josef Nössing: „In comitatu Recie in vallibus Venuste et Ignadine“. Vinschgau und Nachbargebiete im Frühmittelalter. In: Hans Rudolf Sennhauser: Wandel und Kostanz zwischen Bodensee und Lombardei zur Zeit Karls des Grossen. Kloster St. Johann in Müstair und Churrätien. Tagung 13.–16. Juni 2012 in Müstair. vdf Hochschulverlag, Wimmis 2013, ISBN 978-3-7281-3583-4, S. 43–56.

Im Frankenreich (772 n. Chr.) bildete der Vinschgau eine Verwaltungseinheit, daraus leitet sich der Namenszusatz „Gau“ ab. Die erste Erwähnung dieses Zusatzes erfolgt in einer zu Nürnberg ausgestellten Schenkungsurkunde vom 13. Juni 1077, mit der König Heinrich IV. dem Bischof Altwin von Brixen Güter in Schlanders in pago Finsgowe in pago Gerungi – also „im Vinschgau in der Grafschaft des Gerung“ – übergibt.Monumenta Boica, Collectio Nova, Band 29, S. 199, Nr. 424. –

Geographie Allgemeines

mini|Oberer Vinschgau mit Blick in Richtung Reschensee Der Vinschgau umfasst den obersten Abschnitt des Etschtals. Er nimmt am Alpenhauptkamm am Reschenpass (), wo die Etsch entspringt, seinen Anfang und verläuft zunächst südwärts. Bei Prad macht der Talverlauf einen Knick und streicht von nun an auf dem Großteil seiner Länge ostwärts Richtung Meran. Die Steilstufe der Töll (ca. ) knapp westlich vom Meraner Talkessel gilt traditionell als Endpunkt des Vinschgaus und Grenze zum Burggrafenamt. Von der Staatsgrenze am Reschenpass bis zur Töll sind es 71,4 Straßenkilometer.

Vor allem historisch wurde auch das vom Stillebach zum Inn entwässerte Hochtal von Nauders (seit Inkrafttreten des Vertrags von Saint-Germain 1920 auf der anderen Seite der italienisch-österreichischen Staatsgrenze) zum Vinschgau gerechnet. Dieses liegt zwar nördlich vom Reschenpass, ist aber durch die tief eingeschnittene Schlucht von Finstermünz wesentlich markanter vom Oberinntal als vom Etschtal abgetrennt. mini|Der Vinschgau bei Schlanders Der Vinschgau wird je nach Autor entweder in zwei oder drei Abschnitte geteilt. Eine Zweiteilung setzt die Grenze zwischen dem Untervinschgau und dem Obervinschgau am Gadria-Schwemmkegel zwischen Schlanders und Laas an. Eine Dreiteilung belässt den unteren Vinschgau im selben Umfang, unterscheidet im höher gelegenen Talabschnitt aber zwischen dem mittleren und dem oberen Vinschgau: Als Grenze zwischen Mittelvinschgau und dem eigentlichen Vinschger Oberland wird der Beginn der Malser Haide zwischen Glurns und Mals aufgefasst. Als historischer Landschaftsname besteht zudem noch die Bezeichnung Untercalven (also für das Gebiet unterhalb der Calven, der Talenge am Ausgang des Münstertals), der für die churischen Besitzungen im Vinschgau bis hinab nach Goldrain verwendet wurde.

Die den Vinschgau umgebenden Berge gehören mehreren Gebirgsgruppen an. Nordseitig befinden sich die mächtigen Ausläufer der Ötztaler Alpen, die hier in Planeiler Berge, Saldurkamm und Texelgruppe unterteilt werden. Im Westen wird der Obervinschgau von der Sesvennagruppe überragt. Südseitig liegen die Ortler-Alpen mit den Laaser Bergen zwischen Sulden- und Martelltal und dem Zufrittkamm zwischen Martelltal und Meran.

Die nordseitig vom Vinschger Talboden gelegenen, südexponierten Hänge tragen von Mals bis zur Töll durchgehend den Namen Sonnenberg. Die südseitig gelegenen, nach Norden ausgerichteten Hänge von Prad bis zur Töll werden zusammenfassend als Nördersberg bezeichnet. mini|Blick über den unteren Vinschgau Administrativ gehört der Großteil der Talschaft zur Bezirksgemeinschaft Vinschgau mit dem Hauptort Schlanders. Nur die drei Untervinschger Gemeinden Naturns, Partschins und Plaus sind aufgrund ihrer Nähe zu Meran der Bezirksgemeinschaft Burggrafenamt angegliedert.

Geologie

Betrachtet man die umliegenden Bergzüge vom Talgrund des Vinschgaus aus, geben diese ein ziemlich einheitliches Bild ab. Nur an einigen Stellen erblickt man schroffe, aufragende Felskomplexe. Es überwiegen eher abgeflachte, teils gerundete Kammreliefs, die auf den altkristallinen Deckentypus zurückzuführen sind. Die Decken gehören geologisch dem großen Komplex des austroalpinen Kristallins an, von dem es mehrere Untergruppen gibt, die lithologisch und von der Metamorphosegeschichte her gesehen unterscheidbar sind. Von Norden einfallend wurde der Ötztal-Kristallin einst auf den Scarl-Campo-Kristallin aufgeschoben. Die Grenze bildet die Schliniglinie, die westlich von Schluderns als echte Störungslinie ausgeprägt ist, östlich davon den Sonnenberg als eine bis zu zwei Kilometer breit gefächerte Verwerfungs- oder Scherzone durchzieht und deshalb auch „Vinschgauer Scherzone“ genannt wird. In dieser ebenfalls „Vinschgauer Schieferzone“ genannten Zerrüttungsschicht sind die Komponenten beider Deckensysteme, tektonisch stark deformierte Paragneise, Glimmerschiefer und Phyllite, ineinander zerrieben und verschweißt worden.

mini|Der Endkopf über dem Reschensee Der Campo-Kristallin der Südhänge des Vinschgaus besteht aus biotitführenden Paragneisen und mylonitischen Glimmerschiefern, die Granat- und Staurolitheinschlüsse enthalten können. Eingelagert sind hier häufig nahezu rein weiße Marmore (Laaser Marmor), biotitführende Pegmatitgneise und Amphibolite. Diese Gesteinsserie wird auch Laaser Einheit genannt und weist große Ähnlichkeiten mit dem marmordurchsetzten Schneeberger Zug auf, der nördlich des Texelkomplexes einen weiten Bogen in Richtung Sterzing beschreibt. Im Martelltal sind hinter dem Ortsteil Gand bis zum Stausee an beiden Talseiten Granitvorkommen aus dem Zeitalter des Perm aufgeschlossen. Im Ortlergebiet besteht der Campo-Kristallin aus Glimmerschiefern mit Amphiboliteinschlüssen, aus Orthogneisen (Angelus) und eher seltener aus gelblichen oder grauen Marmoren. Das aus metamorph überprägten Kalksedimenten aus der Obertrias bestehende Ortlermassiv ist der Quarzphyllitunterlage der Zebru-Schuppenzone aufgelagert, die ins hintere Martelltal hinüberreicht. Eine auffällige artfremde geologische Scholle mitten im Ötztal-Kristallin stellt der aus triassischen Kalksedimenten geformte Endkopf östlich des Reschensees dar.Bernd Lammerer: Wege durch Jahrmillionen, Geologische Wanderungen zwischen Brenner und Gardasee. Tappeiner Verlag, Bozen 1990.Eine auch für populärgeologisches Niveau geeignete Abfassung (PDF; 3,8 MB)

Morphologie

Die Seitenhänge des Vinschgaus sind meist sehr steil und weisen zudem die überhaupt höchsten Reliefenergien in den Alpen auf: Die pro Flächeneinheit gemessenen Höhenunterschiede erreichen im Gebiet der Tschenglser Hochwand bis zu 2.500 m auf 5 km Horizontaldistanz, in Naturns zur Texelgruppe hin. An einigen Stellen gehen die Hänge in einer Höhe von etwa 1000 bis 1200 m in flachere Hangterrassen über, wo sich einzelne Höfe angesiedelt haben oder wo Streusiedlungen entstanden sind. An den Hängen des Sonnenberges zeigen diese Hangterrassen den Verlauf der Schliniglinie an. mini|Der Tartscher Bichl Der von quartären Schuttablagerungen bedeckte Talboden nimmt eine Fläche von 122 km² ein. Es gibt nur zwei hügelartige Erhebungen, die der Gewalt der Gletscher widerstanden haben und heute aus dem Talboden in die Höhe ragen. Beiden wird in früherer Zeit wegen dieses Umstandes eine besondere Aura zugeschrieben worden sein. Denn auf beiden haben sich sehr alte romanische Kirchlein erhalten: Das ist zum einen der kleine Hügel neben der Ortschaft Laas, auf dem das Sisiniuskirchlein steht, zum anderen im oberen Vinschgau der Tartscher Bichl bei der Ortschaft Tartsch.

Ein sehr auffälliges landschaftsgestaltendes Merkmal sind die mächtigen Schwemmkegel (auch Murkegel genannt), die etwa 70 % des Talbodens ausmachen und in einigen Fällen die Ursache für Talstufenbildungen waren. Die 13,25 km² umfassende Malser Haide ist die größte Murenhalde und bildet sozusagen die Verkleidung der höchsten Talstufe des Vinschgaus zwischen dem 1450 m hohen Pass und den bei Glurns (900 m) in die Talebene mündenden Ausfächerungen. Das Idealbild eines Murkegels gibt die riesige Gadriamure zwischen Laas und Schlanders ab. Mit 10,68 km² nimmt sie flächenmäßig den zweiten Platz ein. Sie hat die Etsch an den rechten Talhang gedrängt und diese immer wieder gestaut, so dass sich talaufwärts eine Aufschüttungsebene bilden konnte, während sich talabwärts eine etwa 200 m hohe Talstufe gebildet hat, die auch klimatische Auswirkungen hat. Der drittgrößte Murkegel ist jener von Tarsch-Latsch mit 9 km², der ebenfalls die Ursache für eine Talstufenbildung war. Weitere Murkegel kleineren Ausmaßes sind jene von Tabland und Partschins. Es fällt auch auf, dass sich diese großen Murkegel in der Regel an der Mündung ganz kleiner und steiler Seitentäler gebildet haben, während die Bäche größerer Seitentäler an ihrer Mündung ins Haupttal kaum Schwemmfächer aufweisen. Entstanden sind diese Murkegel in der Nacheiszeit, in der es auch Perioden mit viel stärkerer Niederschlagstätigkeit gegeben hat (Altatlantikum).

Seitentäler

Die Etsch wird von zahlreichen Bächen gespeist. Diese kommen aus Tälern, die sich tief in die umliegenden Gebirgszüge eingegraben haben und bis in die Gletscherregionen der Hauptkämme vorstoßen. Viele dieser Seitentäler haben sehr enge, vereinzelt sogar schluchtartige Mündungsöffnungen; erst weiter im Talinnern werden diese Talgründe breiter und bieten mitunter Platz für bescheidene Siedlungsräume. mini|Blick ins Martelltal Ausgehend vom Reschenpass trifft man auf der orografisch rechten Talseite des Vinschgaus auf sieben größere Seitentäler, von denen fünf ganzjährig besiedelte Ortschaften aufweisen: Bei der Ortschaft Reschen zweigt das Rojental ab, das vom Pitzbach entwässert wird und dessen Hauptort Rojen über eine gut ausgebaute Bergstraße erreicht werden kann. Am Haidersee beginnt das unbewohnte Zerzer Tal, das von Menschen nur weidewirtschaftlich genutzt wird. Bei Schleis mündet der Metzbach aus dem Schlinigtal in die Etsch. Der Hauptort des Tals, Schlinig, ist verkehrsmäßig aber über Burgeis über eine gut ausgebaute Bergstraße erreichbar. Aus dem danach folgenden Münstertal kommt der Rambach. Es ist von diesen Tälern das einzige, das sich mit einer breiten Talmündung öffnet. Nur ein relativ kleiner Teil des Tals mit der Gemeinde Taufers liegt in Südtirol. Ausgehend von Glurns erreicht man schon nach etwa neun Kilometern die Schweizer Grenze. Bei Prad hat der Suldenbach aus dem Suldental eine breite, flache Schwemmebene, die Pradersand, geschaffen. Durch das Suldental und das davon abzweigende Trafoital führt eine als Militärstraße konzipierte Bergstraße auf das Stilfser Joch und in die Lombardei. Ein wenig bekanntes Seitental ist das Laaser Tal, das bei der Ortschaft Laas abzweigt. Es ist unbewohnt, erlangte aber wegen des Abbaus von Laaser Marmor Bedeutung. Das langgezogene Martelltal mündet bei Morter in den Vinschgau. Es wird von einem Gewässer weiblichen Geschlechts entwässert, von der Plima. mini|Der Eingang ins Schnalstal Auf der orografisch linken Talseite sind es ebenfalls sieben bedeutendere Täler, von denen fünf ganzjährig bewohnt sind: Aus dem Langtauferer Tal, in das ab Graun eine sehr gut ausgebaute Straße bis Melag führt, fließt der Karlinbach direkt in den Reschensee.