Als Christologie (Lehre von Christus, von und , ‚Lehre‘, ‚Vernunft‘) wird in der christlichen Theologie die Lehre über die Person und Bedeutung von Jesus von Nazaret bezeichnet. Die Christologie ist ein zentraler Teilbereich der systematischen Theologie. Sie will die Fragen nach seiner Person (Identität, „Natur“) und seinem Werk (Bedeutung, „Relevanz“) für die Gemeinschaft der Christen, die Kirche, den einzelnen Gläubigen und die Welt beantworten.

Haupttypen Das Zentrum der Christologie ist die Verkündung des Messias (hebräisch m’schiach, „der Gesalbte“) oder Christus im Anschluss an das öffentliche Auftreten von Jesus von Nazaret in Palästina um die Zeitenwende.Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde, Bd. 2, 1993, Art. Jesus Christus, S. 990. Dementsprechend bedeutsam ist die Christologie im Rahmen der Theologie, die darauf folgend zuerst durch Paulus von Tarsus und in der weiteren Entwicklung durch die Kirchenväter verbreitet wurde.

Die christologische Lehrentwicklung in der Kirchengeschichte wird oft in Hauptepochen und entsprechende Haupttypen eingeteilt: die trinitarische Christologie der Alten Kirche: Sie ging im Anschluss an von der Identität des historischen Jesus mit dem ewigen Sohn Gottes aus und fragte von da aus, wie der ewige Gott das Menschsein annehmen konnte. Ihr Interesse war also darauf gerichtet, Gottes Identität in seiner Menschwerdung festzuhalten. die reformatorische Christologie: Sie ging vom Tod Jesu aus und fragte von dort aus, was dieser für Gottes Wesen und des Menschen Heil bedeute. Ihr Interesse war darauf gerichtet, das Heil des Einzelnen gerade im Menschsein und Sterben des Sohnes Gottes als Sühnetod zu entdecken. die anthropozentrische Christologie: Sie ging von allgemein menschlichen Daseins- und Verstehensbedingungen aus und interpretierte das Gottsein Jesu als Bestätigung und Erfüllung des vorab definierten wahren Menschseins. Ihr Interesse war auf die Akzeptanz der christlichen Religion unter den Bedingungen des aufgeklärten historischen Selbstbewusstseins gerichtet. Seit der von Karl Barth inspirierten dialektischen Theologie der 1920er Jahre versuchten moderne Theologen, die Christologie aus den dogmatischen Alternativen der Vergangenheit herauszuführen und zwischen den Polen zu vermitteln.Elmar Salmann: Christologie und Nachfolge. Versuch einer Typologie christologischen Denkens. In: Erbe und Auftrag, Jg. 97 (2021), S. 126–140, hier vor allem S. 138–139. Dabei kam es zu einer Vielfalt neuer Entwürfe mit mehreren Schwerpunkten: Dialog mit dem Judentum, Ökumene, gegenwärtige ökologische, ökonomische und friedensethische Menschheitsprobleme.

In systematischer Betrachtung können die unterschiedlichen christologischen Positionen der letzten zweitausend Jahre als immer neue Lösungen des christologischen Trilemmas verstanden werden, das heißt als Versuche, folgende drei Sätze zusammenzubringen:

Jesus Christus war Mensch, Jesus Christus ist Gott, und Gott ist nicht identisch mit der Welt.

Es gab in der Kirchengeschichte vier Lösungstypen dieses Trilemmas:Vgl. Hartmut G. Lang: Christologie und Ostern. Tübingen 1999, S. 3 ff. Modifikation des Menschseins Jesu Christi: Die leibliche Existenz des göttlichen Christus wird unterbewertet (so in den Christologien „von oben“ im Anschluss an die klassische Zweinaturenlehre) oder offen bestritten (zum Beispiel im Doketismus bzw. in der Gnosis des 2. Jahrhunderts). Modifikation der Göttlichkeit Jesu Christi: Jesus von Nazaret wird als Mensch wie jeder andere verstanden (so seit der Aufklärung in der historisch-kritischen Exegese und insbesondere im Atheismus, aber auch schon im Judentum zur Zeit des Urchristentums), oder zumindest als ein von Gott deutlich verschiedenes Wesen (so zum Beispiel im Arianismus, Jesus als „Weisheit Gottes“). Modifikation der Transzendenz Gottes: Der Abstand Gottes zur Welt gilt nicht mehr als unüberwindlich, dadurch können Satz (1) und (2) des Trilemmas logisch vereinbart werden (so zum Beispiel im theologischen Rationalismus oder der Gott-ist-tot-Theologie). Paradoxale Lösungen: Alle drei Sätze werden beibehalten, die logische Verbindung wird als unlösbar erklärt (so zum Beispiel in den christologischen Formeln des Konzils von Chalcedon oder auch bei Kierkegaard).

Neues Testament

Ausgangspunkt jeder christologischen Theorie ist das urchristliche Zeugnis des Neuen Testaments. Dort stellt Jesus selbst seinen Jüngern folgende Frage :

Daraufhin nennen sie zunächst die damaligen jüdischen Vorstellungen: Johannes der Täufer, der als Prophet der Endzeit auftrat; der damals erwartete wiederkommende Elija; einer der Propheten. Demnach wurde Jesus noch nicht als möglicher Messiasanwärter wahrgenommen. Auf die weitere Frage:

folgt das Glaubensbekenntnis des Simon Petrus:

„Christus“ ist eine griechische Übersetzung des hebräischen „Messias“: Die Christologie des Neuen Testaments legt ursprünglich das Verhältnis der Person Jesu zum messianischen Erwartungshorizont des Judentums in der damaligen Verkehrssprache des römischen Weltreichs aus. Sie entfaltet primär das Verhältnis Jesu, seines Wirkens und Ergehens, zu JHWH, dem Gott Israels.

Die Evangelien und einige weitere Bücher des NTs enthalten eine Fülle von Titeln und Hoheitsaussagen über Jesus: der „Heilige Gottes“ „Mein Herr und mein Gott!“ Sohn Davids Sohn Gottes (; ) Messias bzw. Christus (; ) Menschensohn (; ), König der Juden , Erlöser (Heiland), Lamm Gottes , Hohepriester , Logos guter Hirte , Brot des Lebens , Licht der Welt Rabbi/Meister/Lehrer (Synoptiker) Kyrios (Herr) (zum Beispiel )

Wie konnte der gekreuzigte Jude Jesus so viele Titel auf sich ziehen und als Erlöser der ganzen Welt verkündet werden, so dass daraus eine neue Religion wurde? Diese Frage beschäftigt die historische Forschung insbesondere seit der Aufklärung. Zentral ist dabei die Frage, welches Selbstverständnis der historische Jesus hatte. Hielt er sich selbst für den, den andere in ihm sahen? Die Evangelien unterscheiden, in ihnen kommen Hoheitstitel wie „Herr“ oder „Christus“ fast nur in den Dialogen vor, aber kaum in den berichtenden Passagen; dort wird er bloß „Jesus“ genannt.Franz Graf-Stuhlhofer: Der geschichtliche Jesus in den Evangelien und der anerkannte Herr Jesus Christus in den neutestamentlichen Briefen. In: Jahrbuch für Evangelikale Theologie 28 (2014) S. 101–104.

Die neutestamentlichen Belege werden folgendermaßen strukturiert: explizite Christologie: Titel und Hoheitsaussagen, die in Selbstaussagen Jesu auftreten evozierte Christologie: Titel und Hoheitsaussagen, die er bei seinen Zuhörern hervorruft und für sich gelten lässt implizite Christologie: Worte und Handlungen Jesu, die eine besondere göttliche Vollmacht ausdrücken und damit spätere Hoheitsaussagen begründen konnten. Bei allen drei Varianten wird diskutiert, ob und welche Titel Jesus selbst schon zu Lebzeiten benutzte oder hervorrief, und inwieweit sie spätere Glaubensaussagen von Christen sind, die erst nach der Auferstehung Jesu Christi formuliert wurden.

Die implizite Christologie war nach Darstellung des Neuen Testaments wohl die Hauptursache für seine Kreuzigung: Da er sich in seinen Worten und Taten als souverän gegenüber den Satzungen Israels und auch den römischen Besatzern zeigte, wurde er als gefährlich für den Fortbestand des Kultes und die öffentliche Ordnung eingestuft.

Explizit spricht Jesus von sich nur als „Menschensohn“. Auch seine eigene, wahrscheinlich historische Gottesanrede „Vater, Papa“ (aramäisch familiär: Abba) betonte ein besonders intimes Verhältnis zu Gott. Die jüdischen Titel „Sohn Davids“ (zum Beispiel ) und „Sohn Gottes“ ( und anderswo) sowie die römische Bezeichnung „König der Juden“ fehlen in Eigenaussagen Jesu; nur selten und indirekt taucht der griechische „Christus“-Titel auf. Jesus widerspricht aber nicht, wenn andere ihn so nennen. Nur im Evangelium nach Markus widerspricht Jesus seiner öffentlich Benennung als „Sohn Gottes“, um der Welt nicht vorzeitig seine wahre Identität zu verraten: Dies repräsentiert die Theologie des „Messiasgeheimnisses“, mit dem der Evangelist Jesu Heilwirken und seinen Kreuzestod nachträglich deutete.

Die Titel „Kyrios“ und „Sohn Gottes“ tauchen vorwiegend im Kontext von nachösterlichen Visionsberichten und späterer Gemeindetheologie auf, vor allem in den urchristlichen Credoformeln. Als älteste Glaubensbekenntnisse gelten: Jesus ist der Herr (zum Beispiel in ). „Herr“ (griechisch Kyrios) ist die bewusste Übertragung des hebräischen Gottesnamens JHWH auf Jesus. Sie bezieht dessen Herrschaft auf das ganze Universum. Jesus war/ist der Sohn Gottes (; ): Dieses Bekenntnis basiert auf dem Gedanken der „Erwählung“ eines bestimmten Menschen zum „Offenbarer“ und „Abbild“ Gottes . Wieweit damit jedoch schon eine zweite „göttliche Person“ neben dem Schöpfer der Welt, dem „Vater“ Jesu, gemeint war, ist in der Forschung umstritten. Schon die Evangelien zeigen die Spannung zwischen der Hoheit und Vollmacht Jesu einerseits und seiner Ohnmacht und seinem Sterben für die Menschheit andererseits.

Das erwähnte Messiasbekenntnis des Petrus („Du bist der Christus!“) bekennt ihn als den endgültigen unüberbietbaren Heilsmittler im Unterschied zu allen vorläufigen Propheten. Aber ein solches Bekenntnis drückte nicht unbedingt eine „göttliche Natur“ Jesu aus. Diese ist im Judentum, in dessen Glaubenstraditionen Jesus von Nazaret und seine ersten Nachfolger sich bewegten, kaum vorstellbar: Dort war das erste der Zehn Gebote maßgebend, das die Anbetung eines Menschen als Gott neben Gott streng verbietet. Dementsprechend wird in den altkirchlichen Bekenntnissen Jesus nicht als jemand neben Gott, sondern als Hypostase in Gott beschrieben.

Trennung vom Judentum Während das Judentum bis heute auf das Kommen des Messias (wörtlich: der Gesalbte) wartet, ist die Ansicht der Christen: In Jesus ist der Christus (wörtlich: der Gesalbte) erschienen. Die erste Christologie bewegte sich also im Rahmen jüdischer Messianologie, die aber schon zu jener Zeit vielfältige Ausgestaltungen kannte: Es gab eine prophetische Messianologie, die mit der Wiederkunft des Elija rechnete, eine königliche Messianologie, die einen Davidsohn erwartete. Aus Qumran kennen wir auch die Erwartung eines priesterlichen Messias von Aaron oder aus dem Stamme Levi. Das Wirken beziehungsweise das Schicksal des Gesandten oder Erwählten konnte dementsprechend mehr politisch, mehr kultisch oder prophetisch verstanden werden – bis zum leidenden Messias, der im verstoßenen Joseph oder dem leidenden Gottesknecht in den Visionen Jesajas sein Vorbild fand.

Christliche Aussagen über Jesus knüpfen an verschiedene Modelle an, ohne dass dahinter schon ein theologisches Gesamtkonzept stand. Im Vordergrund stehen königliche Motive (Psalm 110 ist die meistzitierte AT-Stelle des Neuen Testaments), aber auch prophetische oder priesterliche und finden die leidenden Aussagen Anwendung auf Person und Geschick Jesu. Allen christlichen Motiven ist gemeinsam: In Jesus Christus ist der verheißene Messias gekommen, nach ihm kommt keiner mehr. Er ist also nicht nur Erwählter oder Gesandter, sondern gewissermaßen der Messias aller Messiasse, das Siegel der Propheten.

So finden sich in der christlichen „Messianologie“ auch Motive, die über die üblichen jüdischen Messiasprädikationen hinausgehen: So ist „Sohn Gottes“ zwar im königlichen Kontext noch möglich, aber nicht üblich. Die schon vom Evangelium nach Johannes vorgetragene Einheit aus Vater und Sohn, die Verbindung mit der griechischen Logos-Philosophie, die Gleichsetzung im Brief an die Hebräer von Jesus Christus mit Melchisedek dem Priesterkönig vor aller jüdischen Priesterschaften und Königtümern – überall finden sich schon in frühester Zeit Zeugnisse, dass sich eine Christologie entwickelte, die sich bewusst von jüdischer Messianologie abhob, um die besondere Würde der Person Jesu Christi zu beschreiben.