Ein Partizip (, von „teilhabend“; Plural: Partizipien) ist eine grammatische Form (Partizipialform), die von einem Verb abgeleitet wird und dabei teilweise Eigenschaften eines Adjektivs erwirbt, teilweise aber auch Eigenschaften eines Verbs beibehält. Die Bezeichnung „Partizip“ und ebenso die deutsche Bezeichnung Mittelwort bringen diese Eigenart zum Ausdruck, an zwei Kategorien zugleich teilzuhaben, nämlich Verb und Adjektiv. In ähnlicher Art gibt es auch Zwischenstufen zwischen Verb und Substantiv, die als Gerundien bezeichnet werden.
Deutsche Beispiele für Partizipien sind die Formen auf -end wie spielend (zum Verb spiel(en); sogenanntes „Partizip Präsens“) und die Formen auf ge- wie gespielt (sogenanntes „Partizip Perfekt“). In der traditionellen Grammatik wurden Partizipien oft als eigene Wortart neben Verb, Adjektiv, Substantiv etc. aufgezählt; in der heutigen Sprachwissenschaft wird diese Sicht jedoch nicht geteilt, sondern Partizipien werden als Wörter oder sogar Konstruktionen angesehen, bei denen in wechselnden Anteilen verbale und adjektivische Komponenten enthalten sind.Einen Überblick gibt z. B.: Irene Rapp: Partizipien und semantische Struktur. Stauffenburg, Tübingen 1997 (= Studien zur deutschen Grammatik, 54) ISBN 3-86057-444-2. Die meisten germanistischen Lehrbücher und Schulgrammatiken bezeichnen Partizipien als Verbformen.etwa Elke Hentschel, Harald Weydt: Handbuch der deutschen Grammatik. 4. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin 2013, S. 126f.
Verbale Eigenschaften von Partizipien können darin bestehen, dass sie teilweise mit den üblichen Ergänzungen des Verbs kombiniert werden und dass sie traditionell nach Zeitstufe und Aktiv/Passiv unterschieden werden. Sie zeigen jedoch nie Merkmale von finiten Verbformen (Zahl, Person und Modus), und bei der „Zeitstufe“ handelt es sich nie um ein echtes deiktisches (also finites) Tempus, sondern um relative Zeitverhältnisse, wie sie auch sonst im Infinitiv möglich sind (vgl. den Infinitiv des Perfekts wie in gespielt zu haben). Adjektivische Eigenschaften von Partizipien können z. B. darin bestehen, dass sie als Attribute zu einem Substantiv auftreten können, wobei sie im Deutschen auch die Flexion von Adjektiven aufweisen, etwa die Endung -e in spielende Kinder.
Die grammatischen Eigenschaften von Partizipien sind jedoch uneinheitlich; eine Hauptschwierigkeit des Begriffs besteht darin, dass unter der Bezeichnung „Partizip“ meist alle Varianten zusammengefasst werden, die äußerlich die gleiche Form haben (also im Deutschen mit -end, ge-), auch wenn sie ganz verschiedene grammatische Eigenschaften aufweisen. Zum Beispiel ist die flektierte attributive Form wie in gespielte Überraschung eindeutig adjektivisch, die äußerlich gleiche Form in Hilfsverbkonstruktionen des Deutschen, etwa Die Kinder haben Fußball gespielt ist eindeutig eine infinite Verbform. Daneben gibt es Verwendungen von Partizipien als adverbiale Bestimmung, die schwerer einzuordnen sind. Die Redeweise von einem Zwischenstatus des Partizips kann also verschieden ausgelegt werden: Es kann gemeint sein, dass ein Mittelwort im echten Sinn vorliegt, das also verbale und adjektivische Eigenschaften gleichzeitig aufweist, oder dass es sich um Formen handelt, die zwischen klar adjektivischen und klar verbalen Verwendungen wechseln.
Partizipien finden sich in verschiedenen Sprachen der Welt,Vgl. Haspelmath 1994 teils auch in anderen „Zeitstufen“ (vor allem Partizipien des Futurs) oder mit anderen Ausprägungen der Aktiv/Passiv-Unterscheidung. Die Erscheinung, dass, wie im Deutschen, Präsenspartizipien „aktivisch“ sind und Perfektpartizipien „passivisch“ sind, findet sich auch in anderen Sprachen als Tendenz wieder, allerdings bei weitem nicht ausnahmslos (Slawische Sprachen haben beispielsweise Perfekt-Aktiv-Partizipien). Es gibt auch Partizipien, die sich hinsichtlich der Aktiv/Passiv-Unterscheidung neutral verhalten.
Überblick über die Partizipformen des Deutschen Im Deutschen werden zwei Partizipformen unterschieden: „Partizip I“, auch: „erstes Partizip, Partizip Präsens, Präsenspartizip, Mittelwort der Gegenwart, erstes Mittelwort, Ablaufform [des Verbs]“ „Partizip II“, auch: „zweites Partizip, Partizip Präteritum, Partizip Perfekt, Perfektpartizip, Mittelwort der Vergangenheit, zweites Mittelwort, Vollzugsform [des Verbs], Vollendungsform [des Verbs]“
Bildung des Partizips I Das Partizip Präsens wird durch das Anhängen von „-end“ an den Wortstamm des Verbes gebildet. Das Partizip Präsens hat im Deutschen immer die Eigenschaften eines Adjektivs, wird also als Attribut oder als Adverbiale Bestimmung verwendet sowie mit Einschränkungen auch als Prädikativum (siehe nächster Abschnitt).
Beispiel: das Verb springen Finite Formen: z. B. spring-e, spring-st … Infinitiv: spring-en Wortstamm somit: spring- Partizip Präsens: spring-end
Besonderheiten: Bei vielen Verben, deren Stamm auf -r oder auf -l endet, wird die Endung -end zu -nd gekürzt, ebenso wie das -en des Infinitivs zu -n gekürzt wird: lächel-nd, trauer-nd. Verben, deren Stamm auf Vokal endet, verhalten sich unregelmäßig. In zwei, besonders häufigen, Verben ist der Infinitiv immer gekürzt, nämlich tun, sein; hier ergibt sich eine Partizipform, die vom Infinitiv abweicht, in Bezug auf die Partizipform aber regelmäßig ist: tu-end, sei-end. Einige andere Verben mit Stamm auf Vokal können optional im Infinitiv gekürzt werden, auch dies geschieht jedoch nie beim Partizip: schau-en oder umgangssprachlich: schaun, Partizip jedoch immer schau-end, niemals: *schaund.
Bildung des Partizips II Das sogenannte Partizip Perfekt wird normalerweise mit der Vorsilbe ge- und durch Anhängen von -t oder -et (bei regelmäßigen Verben) bzw. -en und weiteren Veränderungen (bei unregelmäßigen Verben) gebildet.
Bei schwachen Verben wird der Wortstamm von ge- und dem Suffix -t umgeben: lieben → geliebt bauen → gebaut siegen → gesiegt legen → gelegt
Bei starken Verben wird die Partizip-II-Form mit ge- und dem Suffix -en gebildet: reiten → geritten biegen → gebogen nehmen → genommen graben → gegraben
Es gibt jedoch Verben, die ohne das Präfix ge- gebildet werden,Canoonet: Partizip Perfekt mit oder ohne ge- dazu zählen: alle Verben, die nicht auf der ersten Silbe betont werden, insbesondere Verben auf -ieren: reagieren → reagiert fixieren → fixiert trompeten → trompetet Verben mit Präfixen wie be-, er-, ent-, ge-, ver- und zer- (also mit „nicht-abtrennbaren Vorsilben“): zählen → gezählt // aber: erzählen → erzählt zerfallen (Infinitiv -en) → (…ist) zerfallen (Partizip -en) Dasselbe gilt auch für Verben, bei denen ein Präfix formal zu erkennen ist, die aber im heutigen Deutsch nicht mehr regulär zerlegt werden können: empfehlen → empfohlen gewinnen → gewonnen
Eine Verbpartikel („abtrennbare Vorsilbe“) steht außerhalb der Partizipbildung und beeinflusst die Bildung der Partizipform nicht weiter: ein-ziehen → ein-gezogen ein-beziehen → ein-bezogen zu-gestehen → zu-gestanden weiter-empfehlen → weiter-empfohlen
Das Partizip Perfekt kann im Deutschen auch als Kompositum gebildet werden. Beispiele: Substantiv + Partizip Perfekt (eisgekühlt, moosbewachsen) Adverb + Partizip (wohltemperierte Stimmung) Adjektiv + Partizip (das Kleingedruckte)
Zur Verwendung des zweiten Partizips siehe unten unter „Partizip Perfekt“.
Rechtschreibung Im Deutschen können Partizipien auch substantiviert werden. Unter Umständen müssen sie dann großgeschrieben werden. Beispiele: die Liebenden, die Studierenden, das Folgende, ein Gefangener, alles Gedruckte.
Partizip Präsens Eigenschaften im Deutschen Das Partizip I oder Partizip Präsens (Aktiv)Elke Hentschel, Petra M. Vogel (Hrsg.): de Gruyter Lexikon Deutsche Morphologie. De Gruyter, Berlin / New York, ISBN 978-3-11-018562-1, S. 276 f. ist im Gegensatz zum Partizip II immer adjektivisch. Es bezeichnet in der Regel Gleichzeitigkeit einer Situation mit der im Satz betrachteten Zeit.
Das Partizip I trägt adjektivische Flexion (Beispiel: passender, passende, passendes) und erlaubt manchmal das Negationspräfix un- (Beispiel: passend – unpassend). Es tritt als Attribut zum Substantiv auf, in prädikativer Verwendung allerdings nur in Ausnahmefällen (Beispiel: eine passende Gelegenheit – die Gelegenheit ist passend – aber nicht: ein lesender Mann – * der Mann ist lesend).Irene Rapp: On the Temporal Interpretation of Present Participles in German. In: Journal of Semantics. Vol. 32-3 (2015), S. 477–523, doi:10.1093/jos/ffu005. Siehe S. 478.
Beispiele: die liebende Mutter – das singende Mädchen – das schweigende Lamm – der schreiende Verkäufer Das Beispiel ist zutreffend. – Das Kind läuft weinend nach Hause.
Die attributiven Partizipkonstruktionen können Ergänzungen aufweisen wie das zugrundeliegende Verb, vor allem auch Akkusativobjekte (die bei Adjektiven sonst selten sind). Oft sind dafür Umschreibungen mit Relativsätzen möglich. Beispiele: die von oben kommende Botschaft (als Relativsatz: die Botschaft, die von oben kommt) der eifrig ein Buch lesende Mann (= der Mann, der eifrig ein Buch liest) das ihm gehörende Buch die einer Unterstützung bedürfenden Menschen
In adverbieller Verwendung kann dieses Partizip Gleichzeitigkeit von Handlungen und Aktivitäten mit dem Prädikat des Satzes ausdrücken:
Beispiele: Der Mann geht singend durch das Haus (Der Mann singt, während er geht.)
Das Partizip kann auch als Grundwort eines Kompositums benutzt werden. Beispiele: Substantiv + Partizip (fleischfressend, schmerzstillend) Adverb + Partizip (immerwährend)
Nach der Neuen Deutschen Rechtschreibung wird bei wörtlicher Bedeutung die Getrenntschreibung empfohlen (z. B. das Rad fahrende Kind, die Fleisch fressende Pflanze). Wenn der zusammengesetzte Begriff im übertragenen Sinne benutzt wird, sollen die Wörter zusammengeschrieben werden (z. B. der allein stehende Baum, aber die alleinstehende Frau [ohne Lebensgefährte oder Lebensgefährtin]).Duden – Getrennt- und Zusammenschreibung. Bibliographisches Institut, Berlin, abgerufen am 23. Januar 2015.
Lateinische Sprache Im Lateinischen: Partizip Präsens Aktiv (PPA)
Das PPA drückt das Zeitverhältnis der Gleichzeitigkeit zwischen der durch das Partizip ausgedrückten Handlung und der des übergeordneten Satzes aus. Im Lateinischen dient das Partizip auch als Satzverkürzung in der Konstruktion des Participium coniunctum (PC) und des Ablativus absolutus.
Griechische Sprache Im Griechischen: Partizip Präsens Aktiv und Partizip Präsens Medium/Passiv.
Im Unterschied zum Deutschen werden die Passivformen des Präsens synthetisch gebildet (eigene Formen).
Partizip Perfekt Deutsche Sprache Syntax Die äußerliche Form Partizip II hat grammatisch verschiedene Verwendungen: als adjektivisches Partizip in attributiver Konstruktion die geliebte Mutter – das gesungene Lied – der verlorene Sohn als Hauptverb des Zustandspassivs – oft einfach auch als adjektivisches Partizip analysiert: die Tür ist geöffnet das Paket scheint ungeöffnet als infinite Verbform in der Bildung verschiedener Varianten von Perfekt (die ersten beiden Beispiele) und Passiv (die letzten beiden Beispiele): Ich habe das Paket abgeschickt. Das Paket ist angekommen. Das Paket wird zugestellt. Er bekommt das Paket nachgeschickt.
Daneben kommt es in weiteren Formen zusammengesetzter Prädikate vor, die in feste Wendungen übergehen: gefangen nehmen/setzen/halten gelegen kommen verloren geben/glauben/wissen
Adjektivischer Gebrauch Das adjektivische Partizip II kann reguläre adjektivische Eigenschaften aufweisen: die Steigerbarkeit (Beispiel: die gelungenste Vorstellung), das adjektivische Negationspräfix (Beispiel: belebt – unbelebt), die Verwendung als Grundwort von Komposita (handgemacht).
Einige Partizipien sind als Adjektive so selbstständig, dass ein zugrundeliegendes Verb gar nicht existiert oder eine vollständig andere Bedeutung hat (Beispiele: behaart, geflügelt, verwandt).