Dem Begriff Reformpädagogik werden verschiedene Ansätze zur Reform von Schule, Unterricht und allgemeiner Erziehung zugerechnet, die – oft im Rückgriff auf die Pädagogen Johann Amos Comenius (1592–1670), Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) und Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) – eine Pädagogik vom Kinde her vertreten. Eine zusammenfassende Definition des Begriffs ist damit nicht gegeben. Je nach Herkunft der Verfechter werden auch weitere Ansätze diesem Begriff zugerechnet und gleichzeitig von anderen Verfechtern explizit ausgegrenzt.

Begriffsentwicklung Bereits im 19. Jahrhundert finden sich die Begriffe Reformpädagogik oder Reformpädagoge in der Literatur, allerdings noch sehr uneinheitlich. So verwendet zum Beispiel Jürgen Bona Meyer 1863 den Begriff Reformpädagogik für Friedrich Fröbels Pädagogik.Jürgen Bona Meyer: Religions-Bekenntnis und Schule. Eine geschichtliche Darstellung. 1863, S. 74. Zwei Jahre später werden in Karl Adolf Schmids Encyclopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens die Philanthropen Christian Gotthilf Salzmann und Johann Bernhard Basedow als deutsche Reform-Pädagogik bezeichnet.Encyclopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens. Band 4, 1865, S. 325. Friedrich Paulsen beginnt die Reihe der Reformpädagogen bei Wolfgang Ratke (Ratichius) und lässt sie beim Philanthropen Basedow vorläufig enden.Friedrich Paulsen: Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten: vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart. 1885, S. 485. Rudolf Dinkler bezieht den Begriff Reformpädagogik 1897 auf bestimmte Pädagogen des 16. und 17. Jahrhunderts, namentlich auf die Ansätze von Johann Fischart, François Rabelais, Montaigne und Comenius.Rudolf Dinkler: Der Begriff der Naturgemäßheit in den ersten Stadien seiner geschichtlichen Entwicklung. Vornehmlich bei den Reformpädagogen des 16. und 17. Jahrhunderts. 1897. Im selben Jahr gebraucht der Herbartianer Otto Willmann die Bezeichnung Reformpädagogik des 18. Jahrhunderts noch in polemischer Abgrenzung von Rousseau und vom Philanthropismus.Otto Willmann: Historische Pädagogik. In: EHP. 3, 1897, S. 705–709.Franz Reinhard Müller: David Williams' Reformbestrebungen auf dem Gebiete der Pädagogik. 1898 (Diss. Leipzig)

Der Begriff Reformpädagogik für die pädagogische Bewegung seit der Jahrhundertwende erscheint schließlich erstmals 1918 beim späteren NS-Erziehungswissenschaftler Ernst Krieck und wurde dann vor allem durch Herman Nohl in seinem Buch Die pädagogische Bewegung in Deutschland und ihre Theorie (1933) fest geprägt.Heinz-Elmar Tenorth: Reformpädagogik. Erneuter Versuch, ein erstaunliches Phänomen zu verstehen. In: Zeitschrift für Pädagogik. 1994, Nr. 6, S. 587ff.

Zur älteren Reformpädagogik im weiteren Sinne zählen in diesem Sinne bereits die sich auf Comenius, Rousseau, Pestalozzi und den Philanthropismus beziehenden reformpädagogischen Ansätze der Anschauungspädagogik und Erlebnispädagogik. Sie wendet sich nicht nur gegen den klassischen Schulbetrieb, sondern auch gegen den Herbartianismus, dem man vorwarf, Herbarts Forderungen nach „eigener Beweglichkeit“ der Schüler und die emotionale Bildung ursprünglicher Werturteile an ästhetischen Beispielen vernachlässigt zu haben. Daher sei von seinem Anliegen, über die Bildung des Intellekts den sittlichen Willen wecken zu wollen, nur noch ein starres Unterrichtsschema übriggeblieben.

Reformpädagogik im engeren Sinne meint jene Versuche, die sich Ende des 19. Jahrhunderts und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gegen die Lebensfremdheit und den unterwerfenden Autoritarismus der vorherrschenden „Pauk- und Drillschule“ wandten. Anstelle einer Didaktik, die aus heutiger Sicht als Entfremdung bis zur Kindesmisshandlung im Bildungssystem zu werten ist, wollten die Reformpädagogen über eine veränderte Bildungstheorie und Lerntheorie zu einer veränderten Didaktik gelangen, die in einem handlungsorientierten Unterricht vor allem die Selbsttätigkeit der Schüler in den Mittelpunkt stellt. Die englische Bezeichnung ist Progressive Education, die französische Éducation Nouvelle. Reformpädagogische Ansätze nach 1945 werden häufig als Alternativpädagogik bezeichnet.

Geschichte der Reformpädagogik mini|hochkant|Rousseaus Emile (1762), eine Programmschrift der Reformpädagogik

Reformpädagogik vor der „Reformpädagogik“ Im Mittelpunkt einer „Erziehung vom Kinde aus“ stand im 17. Jahrhundert in der Didactica magna von Comenius mehr Freiheit, Vergnügen und wahrhaftes Forschen der Schüler.Johann Amos Comenius: Große Didaktik. 1992, S. 1. Der Erziehungsroman Emile oder über die Erziehung von Jean-Jacques Rousseau, eine zentrale Schrift der Aufklärung, prägte die nachfolgenden Ansätze der Anschauungspädagogik und Erlebnispädagogik ebenso maßgeblich wie Pestalozzis Hauptwerk Wie Gertrud ihre Kinder lehrt,Heinrich Pestalozzi: Wie Gertrud ihre Kinder lehrt : ein Versuch, den Müttern Anleitung zu geben, ihre Kinder selbst zu unterrichten, in Briefen. Bad Schwartau 2006, ISBN 978-3-86672-024-4. das dann noch stärker die Elementarbildung und den Gedanken der Selbsttätigkeit betonte. Ziel ist es, ein sicheres Fundament zu legen, das den Menschen befähigt, sich selbst zu helfen, oder wie die spätere Montessoripädagogik es ausdrückt: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Selbst gemachte Erfahrungen standen immer über bloß angelesenen oder angehörten Erfahrungen.

Bereits Comenius bezeichnete die Schulen als Werkstätten der Menschlichkeit,Comenius: Große Didaktik. 1970, S. 59. was die Philanthropen um Pestalozzi und um Johann Bernhard Basedow unter dem Stichwort „Menschenfreundlichkeit“ vertieft haben.Jürgen Oelkers: Die Reformpädagogik VOR der „Reformpädagogik“. In: Reformpädagogik: eine kritische Dogmengeschichte. 2005, S. 26 ff. Die pädagogischen Schriften der Aufklärung zielten auf Individualität und vernunftgeleitetes Handeln auch gegen die Tradition und ein bequemes Umfeld: „sapere aude“ - „wage den Verstand zu gebrauchen“ schrieb Kant. Die Fähigkeit selbst zu denken musste dabei hartnäckig erlernt werden, zunächst auch unter Disziplinierung bis zum Zwang. Also waren in der Jugend Drill und Strafen als Mittel noch notwendig. Nur Rousseau ließ den Erzieher sich auf indirekte Lenkung beschränken. Erst die Fortschritte der Entwicklungspsychologie stellten mit Rousseau dringlicher die Frage nach dem „Kindgemäßen“ und der „Alterspassung“. Die Aufklärung war ambivalent in Hinsicht auf die anthropologische Frage, ob im Kind anfangs noch von Natur aus eine gute Seele (Rousseau) oder immer auch das „radikal Böse“ (Kant) stecke. Viele spätere Reformpädagogen neigten zu Rousseau, dass sich ein Kind nur selbst entfalten können müsse, und betonten die wichtige Rolle von Kooperation, um über das soziale Geben und Nehmen das Gute zu erhalten. Von daher wurde oft eine Lebensgemeinschaft von Erziehern und Kindern gefordert, die eben keine Herrschaft der Vernünftigen über die noch Unvernünftigen sein sollte. Die Aufklärung sprach sich ebenso für ständige pädagogische Experimente aus, damit in Versuchsschulen der Fortschritt zum Guten gesucht werden könne. Zur Selbsttätigkeit vertrat die Aufklärung den Primat der Vernunft und der Geistesschulung, viele Reformpädagogen öffneten sie für handwerkliche Tätigkeiten und anderes, um eine elitäre Auswahl und kognitive Einseitigkeit zu vermeiden. Auch fehlten ihnen geschlossene Theorien, vieles blieb fragmentarisch oder rein emotional in der Begründung der neuen Pädagogik.

Im 19. Jahrhundert setzte sich in Deutschland lange Zeit die aufgeklärte Didaktik des Herbartianismus durch. Doch übten Vorläufer der Reformpädagogik wie Adolph Diesterweg, Karl Gottfried Scheibert und Friedrich Wilhelm Dörpfeld bereits Kritik an der strikten Trennung zwischen höherem und niederem Schulwesen und der Neigung zur oberflächlichen Vielwisserei und Disziplinierung.

Intensivzeit der Reformpädagogik von 1890 bis 1919 mini|Gedenkstein an Hermann Lietz in Ilsenburg (Harz)

Um 1890 trat eine große Zahl von Reformbewegungen spürbarer in der Öffentlichkeit auf, die für die Umwelt und Heimat, ein gesundes und selbstbestimmtes Leben, eine freiere Gesellschaft oder für mehr Schönheit, Natürlichkeit und Wahrhaftigkeit im Leben eintraten und fast alle eine pädagogische Dimension aufwiesen. Bei aller Vielfalt war ihnen mit der Reformpädagogik gemeinsam, dass sie gegen „Zivilisationsschäden“ antraten und durch eine neue Lebensweise sich eine „Heilung“ der „Degenerierten“ davon erhofften. Etwa gleichzeitig mit der Jugendbewegung, die die Jugend erstmals als einen eigenständigen, nach Freiheit und Naturerfahrung suchenden Lebensabschnitt begriff, entstanden reformpädagogische Konzepte, die für die Kindheit und Schule neue Maßstäbe und Ziele setzten. Einigkeit herrschte lediglich in der Ablehnung der alten Schule und der alten Erziehung sowie der didaktischen Ausrichtung an den Erfahrungen der Kinder statt an Unterrichtsstoffen oder organisatorischen Gesichtspunkten. Ihre Selbsttätigkeit und eigene Wahl sollten im Zentrum stehen. Der Beginn wird oftmals um 1890 angesetzt, als Julius Langbehns Buch Rembrandt als Erzieher erschien sowie die Eröffnungsrede Kaiser Wilhelms II. zu der von ihm nach Berlin einberufenen Schulkonferenz eine Gymnasialreform einleitete.Jürgen Oelkers: Reformpädagogik. Eine kritische Dogmengeschichte. 2005, S. 27. Andere setzen ihn erst mit der Jahrhundertwende an u. a. mit der Ausrufung des Jahrhunderts des Kindes durch die schwedische Autorin Ellen Key.Wolfgang Scheibe: Die reformpädagogische Bewegung 1900–1932. 1999.

In Deutschland standen dabei in einer ersten bewegten Phase bis 1914/18 vor allem die Konzepte: Arbeitsschule (Georg Kerschensteiner) zur allgemeinen und beruflichen Bildung breiter Bevölkerungsschichten Landerziehungsheim (Hermann Lietz, Gustav Wyneken, Paul Geheeb und Edith Geheeb), das auf ein gutes Lernumfeld und eine „Erziehung auf dem Land“ setzt Erziehung zur Toleranz und Gesamtunterricht (Berthold Otto) Einheitsschule (unter anderem Johannes Tews) in enger Verbindung die Kunsterziehungsbewegung (Alfred Lichtwark) die breitere Jugendbewegung.Hermann Röhrs: Reformpädagogik und innere Bildungsreform. 1998, S. 39.

Der 1908 gegründete Bund für Schulreform – als Allgemeiner deutscher Verband für Erziehungs- und Unterrichtswesen – vereinte reformorientierte Lehrer aller Schularten, Vertreter der Schulverwaltungen, Universitätsdozenten und interessierte Laien. Er bestand bis 1933. Das Verbandsorgan war von 1910 bis 1914 die Zeitschrift „Der Säemann“. Maßgeblichen Einfluss hatten hier Gertrud Bäumer, Ernst Meumann, Georg Kerschensteiner, Hugo Gaudig, William Stern und Kurt Löwenstein. Ende Dezember 1915 wurde der Bund unter dem neuen Namen Deutscher Ausschuss für Erziehung und Unterricht zum Dachverband zahlreicher Verbände. An der Spitze stand lange Peter Petersen. Die Reformpädagogik blieb aber insgesamt eine gesellschaftliche Randerscheinung neben dem staatlichen und konfessionellen Schulsystem.

Deutsche Reformpädagogik in der Weimarer Republik mini|Herman-Nohl-Haus in Lippoldsberg

Nach dem Ersten Weltkrieg waren in den Bildungsministerien auch viele Anhänger oder Sympathisanten in zentrale Positionen gekommen und konnten so reformpädagogische Ansätze unterstützen. Vor allem sind Max Hermann Baege, Max Greil, Heinrich Schulz, Carl Heinrich Becker und Ludwig Pallat zu nennen. Schulleiter wie Fritz Karsen oder Gustav Wyneken bekamen die Möglichkeit, bildungspolitisch aktiv zu werden. Von 1914 bis 1924 wurde durch Universitätspädagogen wie Herman Nohl, Wilhelm Flitner und Erich Weniger die Phase der Stabilisierung (Artikulation und Formierung) der eigenen Reformvorhaben angesetzt. Ab 1924 nimmt in der dritten Phase die theoretische Grundlegung, Kritik und Deutung zu, die Weniger Theoretisierung nannte.