Die Stadt Bocholt (, ) liegt im Westmünsterland im Nordwesten von Nordrhein-Westfalen. Sie ist mit 73.048 Einwohnern die einzige große kreisangehörige Stadt und zugleich die größte Stadt des Kreises Borken im Regierungsbezirk Münster. Bocholt ist nach Aachen die zweitgrößte deutsche Stadt an der deutsch-niederländischen Grenze und die drittgrößte Stadt im Münsterland.

Geographie Geographische Lage Bocholt gehört politisch und kulturhistorisch zum westlichen Münsterland, landschaftlich jedoch bereits zum Niederrheinischen Tiefland. Während der Westteil der Stadt mit einer Höhenlage zwischen 15 und 25 Metern über dem Meeresspiegel dem Naturraum Isselebene zugeordnet wird, gehört der Osten (Stadtteile Barlo, Stenern und Biemenhorst mit bis 48 m ü. NN) zum Naturraum Niederrheinische Sandplatten und markiert den fließenden landschaftlichen Übergang zum Westmünsterland.

Die Stadtgrenze ist im Norden zugleich die Staatsgrenze zu den Niederlanden, im Südwesten zugleich die Grenze zum Kreis Wesel und somit auch die Grenze zum Regierungsbezirk Düsseldorf. Ebenso bildet sie die Grenze zwischen dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe, dem Bocholt über den Kreis Borken angehört, sowie dem Landschaftsverband Rheinland. Durch Bocholt fließt die Bocholter Aa.

Ausdehnung des Stadtgebiets Die Gesamtfläche des Stadtgebietes beträgt rund 119 Quadratkilometer, wovon 65,9 % landwirtschaftlich genutzt werden. 6,7 % sind Waldfläche, 1,8 % Wasserfläche, 2,1 % Erholungs- und Grünanlagen, 15,9 % Hof- und Gebäudeflächen, 6,9 % Straßen, Wege und Plätze und 0,8 % sonstige Flächen.

Gliederung mini|Karte der Stadtteile von Bocholt Bocholt ist laut Hauptsatzung in die sieben Stadtbezirke Mitte, Nordost, Ost, Südost, Südwest, West und Nordwest unterteilt, in denen jeweils ein Bezirksausschuss eingerichtet ist. Daneben ist die Stadt Bocholt durch die Hauptsatzung in elf Ortsteile gegliedert, die weitgehend den Altgemeinden entsprechen, die bis zur Gebietsreform von 1975 bestanden. Die elf Ortsteile sind Barlo Biemenhorst Bocholt Hemden Holtwick Liedern Lowick Mussum Spork Stenern und Suderwick.

Für statistische Zwecke unterteilt die Stadt Bocholt das Stadtgebiet außerdem in 32 statistische Bezirke.

Nachbargemeinden

Geschichte Mittelalter In den Annales regni Francorum aus dem 8. und 9. Jahrhundert wurde Bocholt als „Bohholz“ im Zusammenhang mit den Sachsenkriegen Karls des Großen erstmals erwähnt.Annales regni Francorum, Kapitel 779. Im Mittelalter wuchs die altsächsische Siedlung um eine Anfang des 9. Jahrhunderts gegründete „Urpfarre“ und einen bischöflichen Haupthof an einem Übergang über die Aa. Stadtrechte erhielt Bocholt im Jahr 1222 nach Münsterschem Vorbild durch Dietrich III. von Isenberg, den Bischof von Münster.Heinrich Gottfried Gengler: Regesten und Urkunden zur Verfassungs- und Rechtsgeschichte der deutschen Städte im Mittelalter. Erlangen 1863, S. 241–243. Die Stadterhebung war ein bedeutender Akt der Bildung eines Territorialstaates der Bischöfe von Münster innerhalb des sich parallel entwickelnden Heiligen Römischen Reichs. Dieser Territorialstaat hieß Hochstift Münster und war im Laufe seiner Geschichte mit anderen geistlichen Territorien in wechselnden Personalunionen verbunden. Dort gehörte es zu dessen südlichem Teil, dem Oberstift Münster. Die Verleihung der Stadtrechte diente der Sicherung der fürstbischöflichen Macht im Westen des Bistums, insbesondere gegen die Gebiete der Herrscher von Kleve und Geldern. 1371 war Bocholt in das westfälische Landfriedensbündnis einbezogen.Ludger Tewes: Der westfälische Landfrieden Kaiser Karls IV. von 1371, November 25, im Bocholter Privilegien- und Statutenbuch. In: Unser Bocholt, Jg. 36 (1985), Heft 2/3, S. 130–133.

Der Stadtname wird traditionell als „Buchholz“ im Sinne von „Buchenholz“ gedeutet (vgl. auch Bochum sowie Bocholt in Belgien). Auf diese Etymologie deuten die mittelalterlichen Stadtsiegel hin, die als sogenannte redende Siegel sämtlich einen Baum als Siegelbild zeigen, der auf dem Stadtsiegel von 1302 eindeutig als Buche zu identifizieren ist. Von Einheimischen wird die Stadt auf plattdeutsch „Bokelt“ genannt. Der Wahlspruch eingefleischter Bocholter lautet (auf Bocholter Plattdeutsch): „Nörgens bäter as in Bokelt“ (Nirgends besser als in Bocholt).

Eingebettet in das aufblühende Städtewesen der Hanse verlief die Entwicklung der Stadt im Mittelalter recht stetig. Im 14. Jahrhundert musste das befestigte Stadtgebiet erweitert werden, eine zweite Kirche wurde errichtet – die jedoch bis ins 20. Jahrhundert keine Pfarrrechte erhielt – und die Stadt wurde landtagsfähig. Ebenfalls im 14. Jahrhundert wurde das Amt Bocholt, eine Verwaltungsbehörde des Hochstifts Münster, gebildet und in der Stadt angesiedelt. Im 15. Jahrhundert wurde die Stadtpfarrkirche St. Georg als gotische Hallenkirche neu erbaut, drei Klöster entstanden, am Ende des Jahrhunderts wirkte Israhel van Meckenem († 10. November 1503 in Bocholt) als Goldschmied und Kupferstecher in Bocholt.

Die Ravardistraße war die westliche Ausfallstraße der mittelalterlichen Stadt Bocholt und endete am westlichen Ravarditor – vermutlich dort, wo heute die Lichtstele von Heinz Mack steht. Heute ist das Ravardiviertel die größte Ausgeh- und Feiermeile der Bocholter Region. Zur Namensherkunft kann keine eindeutige Aussage getroffen werden. Anton Schmeddinghoff (1869–1942), Lehrer am St.-Georg-Gymnasium und Heimatforscher im Münsterland, nimmt jedoch an, dass die älteste Form „porta platea Ravardi“ auf einen Eigennamen hindeutet und aus Ravardi im Zeitverlauf die später gebräuchlichste Form Rawerdes, Rauwers und Rawers geworden ist. Die Ravardistraße ist daher wahrscheinlich nach einem früheren Bocholter Gutshof benannt.

Frühe Neuzeit mini|Historisches Rathaus Bocholt von 1622 mini|Stadtansicht um 1800, nach 1792 gezeichnet von Joseph RaméePeter Veddeler (Bearbeitung): Französische Emigranten in Westfalen 1792–1802. Ausgewählte Quellen (= Veröffentlichungen der Staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen, Reihe C: Quellen und Forschungen, Band 28). 1989, S. 508 Mit Beginn der Neuzeit endete der Aufstieg der Stadt. Wegen ihrer Grenzlage litt die Bocholter Wirtschaft bereits unter dem Achtzigjährigen Krieg. Im sogenannten spanischen Winter 1598/1599 war Bocholt monatelang von spanischen Truppen besetzt. Der Bau des Rathauses 1618/24, ein Zeichen städtischen Selbstbehauptungswillens, markiert das Ende einer Epoche städtischer Prosperität der frühen Neuzeit, in deren Verlauf die meisten Bewohner protestantisch geworden waren. Der Dreißigjährige Krieg ruinierte bald darauf die Stadt. Im Frühjahr 1623 ließ Kurfürst Ferdinand von Bayern durch den kaiserlichen Feldmarschall Johann Jakob von Bronckhorst-Batenburg die Stadt gewaltsam besetzen. Wie die anderen Städte des Hochstifts Münster verlor in diesem Zuge auch Bocholt das Recht, seine städtischen Angelegenheiten und in Glaubensfragen selbst zu entscheiden. Landesherrlichen Bemühungen der Rekatholisierung versuchten sich Stadt und Bürger noch eine Weile zu widersetzen. Wiederholte Eroberungen und Plünderungen und eine kostspielige Besetzung durch hessische Truppen von 1635 bis 1650 verarmten Bocholt. Hinzu kamen verheerende Pestjahre. Der Absolutismus der Landesherrn und der wirtschaftliche Niedergang schwächten die politische Stellung der Stadt dauerhaft. Ihre städtische Selbständigkeit vermochte die Stadt auch nach erfolgter Gegenreformation nur eingeschränkt zurückzugewinnen.

Die Erholung dauerte Jahrhunderte. Mitte des 16. Jahrhunderts hatte die Stadt Zuzug von Kriegsflüchtlingen aus Brabant, die Kenntnisse in der Baumwollweberei mitbrachten und 1569 eine Baumwollgilde, das „Bomsidenambt“, gründeten, die bis 1848 bestand. Die manuelle Textilherstellung aus Baumwolle wurde im Laufe der Zeit der wirtschaftliche Schwerpunkt Bocholts, freilich in Abhängigkeit von einem Baumwollimport über die Niederlande, der im 18. und frühen 19. Jahrhundert – speziell im Siebenjährigen Krieg und unter der napoleonischen Herrschaft – immer wieder Störungen unterlag.

19. Jahrhundert mini|Küche einer Arbeiterwohnung, um 1920, im Textilmuseum Bocholt Durch den Frieden von Lunéville (1801), das Ende des Hochstifts Münster (1802) und den Reichsdeputationshauptschluss (1803) gelangte die Stadt Bocholt unter die gemeinsame Herrschaft der Fürsten Konstantin zu Salm-Salm und Friedrich IV. zu Salm-Kyrburg (siehe auch Adelsgeschlecht Salm), die in den Gebieten der vormals fürstbischöflichen Ämter Bocholt (einschließlich der Herrschaft Werth) und Ahaus sowie in den Gebieten der Herrschaften Anholt und Gemen das Fürstentum Salm errichteten. Die Stadt Bocholt avancierte zur Landeshauptstadt, indem die Fürsten dort in dem säkularisierten Weißen Stift die „Fürstlich Salmisch Gemeinschaftliche Regierung“ einrichteten. Das Fürstentum Salm war ein ein Gründungsstaat des Rheinbundes; diese Gründungsstaaten traten am 1. August 1806 aus dem Heiligen Römischen Reich aus. Bereits wenige Jahre später, im Winter 1810/1811, wurde das Fürstentum Salm neben anderen Staaten von Frankreich annektiert und dem Département Lippe eingegliedert. In dieser Zeit wurde die französische Munizipalverfassung eingeführt. Im Zuge der Befreiungskriege vertrieben preußische Truppen der Nordarmee unter dem Kommando von Adolf Friedrich von Oppen die französischen Truppen, die nach der Völkerschlacht bei Leipzig nach Westen flohen, und rückten am 18. November 1813 in Bocholt ein.Johann Sporschil: Geschichte des Krieges des verbündeten Europas gegen Napoleon Bonaparte in den Jahren 1813, 1814 und 1815. Bd. 1: Der Feldzug von 1813. Teilband 3, Westermann, Braunschweig 1841, S. 1119. Bis zum Wiener Kongress 1815, bei dem Bocholt völkerrechtlich dem Königreich Preußen zugeteilt wurde, stand das Gebiet unter Verwaltung des Generalgouvernements zwischen Weser und Rhein. Das Königreich Preußen ordnete Bocholt 1816 zum Kreis Borken, Regierungsbezirk Münster, Provinz Westfalen. 1825 gründete der Bocholter Vikar August van der Meulen eine private Lateinschule, die 1828 zu einer städtischen Schule erhoben wurde. Aus ihr entwickelte sich das spätere St.-Georg-Gymnasium Bocholt. Im Mai 1836 wurde die revidierte Städteordnung vom 17. März 1831 eingeführt, die die um 1812 eingeführte französische Munizipalverfassung ablöste.

Eine Verbesserung in der Bocholter Baumwollproduktion fand in den 1820er Jahren statt, als Weber anfingen, Schnellschützen einzusetzen. Die Industrialisierung, die in Bocholt 1852 mit der Aufstellung der ersten Dampfmaschine für eine Spinnerei begann, brachte vor allem ab 1871 (Gründung Deutsches Kaiserreich) einen kräftigen Wirtschaftsaufschwung. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 wurden mindestens 114 Textilfirmen gegründet. Mit dem Aufstieg der Textilindustrie waren verbunden ein kräftiges Bevölkerungswachstum (siehe Tabelle unten) und ein starker Ausbau der Infrastruktur: 1878 Anschluss an das Eisenbahnnetz (Bahnstrecke Wesel–Bocholt), 1913 an das Elektrizitätsnetz; Krankenhausneubau 1875–1878, Schlachthof 1899/1900, Stadtgas 1901, Bahnhof 1904, Feuerwehr 1907, Amtsgericht 1910/11, Wasserleitung/Kanalisation 1911–1913, Friedhofsverlegung 1908, Alten- und Waisenhaus 1909/10, Walderholungsstätte 1913, Schul-, Kirchen- und Klosterneubauten einhergingen. So wurde unter anderem 1898 ein Kloster der Klarissen gegründet, das bis 2024 bestand.Johannes Bernard: Warum die Klarissen Bocholt verlassen. Seit 126 Jahren leben und beten Klarissen in Bocholt abgeschieden in Klausur. Altersgründe zwingen die Gemeinschaft das Kloster aufzugeben. In: Kirche+Leben, 8. September 2024, S. 12.

20. Jahrhundert Während die Wirtschaftsentwicklung im und nach dem Ersten Weltkrieg stagnierte bzw. stark schwankte, erreichte die städtische Eigenständigkeit 1923 mit der Errichtung des Stadtkreises Bocholt einen Höhepunkt. Politisch war Bocholt wegen der überwiegend katholischen Bevölkerung eine Hochburg des Zentrums.