Norddeich Radio, Rufzeichen DAN (früher KND, KAV, DAF), war eine deutsche Küstenfunkstelle bei Norddeich (heute: Stadt Norden) in Ostfriesland. Nach der Errichtung im Jahr 1907 wurde rund 90 Jahre lang der Funkverkehr mit Schiffen in aller Welt durchgeführt. Sie diente in der Zeit des Nationalsozialismus auch als Rundfunksender und verbreitete NS-Propaganda für das englischsprachige Ausland. Am 31. Dezember 1998 wurde die Anlage endgültig abgeschaltet.

Geschichte Von den Anfängen 1905/1906 Um die Gründung der Küstenfunkstelle ranken sich einige Legenden. Die am weitesten verbreitete Version besagt, dass auf Geheiß des Kaisers Wilhelm II. eine eigene Küstenfunkstelle eingerichtet werden sollte, nachdem sich die auf Borkum befindliche Küstenfunkstelle geweigert hatte, ein Telegramm des Kaisers an seine Frau anzunehmen. Zum damaligen Zeitpunkt, etwa in der Mitte des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts, gab es zwei konkurrierende Funksysteme, das eine rund um den Physiker Guglielmo Marconi, das andere entwickelt und betrieben von der Firma Telefunken aus Berlin, mit dem auch das Schiff, der HAPAG-Dampfer Hamburg, ausgerüstet war, auf dem sich der Kaiser befand. Durch die starke Konkurrenzsituation hatten die Funker Befehl, keine Kommunikation mit dem jeweils anderen System durchzuführen.

Diese Version um die Gründung von Norddeich Radio gilt inzwischen als unwahrscheinlich. Die Küstenfunkstellen in Borkum und Borkumriff waren zwar im Gegensatz zur Hamburg mit Anlagen der Marconi Company ausgestattet, standen aber unter der Führung der Deutschen Reichspost und damit indirekt unter dem Kaiser Wilhelm II. Eine Verweigerung der Telegrammbearbeitung ist also eher unwahrscheinlich. Naheliegender ist die Variante, dass die Bestrebungen nach einer eigenen Funkstelle bereits einige Jahre zuvor entstanden waren, nämlich um 1902, als die Entwicklung der Funktechnik durch Physikpioniere wie Ferdinand Braun rasant an Fahrt gewann. Nachdem in der Großfunkstelle für drahtlose Telegraphie in Nauen die Versuchsreihen zu immer mehr Erfolgen führten, beschloss man die Errichtung einer Funkstelle, die den westlichen Bereich der deutschen Bucht bis hin zum Ärmelkanal in erster Linie für Kriegsschiffe sicher abdecken sollte. Die in Borkum lokalisierte Marconi-Station konnte mit selbigen nicht kommunizieren, da sich die verwendeten Wellenlängen (Borkum: 156 m, entspricht etwa 1,92 MHz dagegen Marine: 365 m, entspricht 821 kHz) unterschieden und die Reichweite eine 30-km-Linie um die Insel nicht überschritt. Die Marconi-Gesellschaft sicherte ihr Monopol durch Exklusivverträge mit deutschen Reedern; demgegenüber entschied die Marine, Telefunken-Geräte einzusetzen. Als Standort für die Errichtung der festen Funkstelle war zunächst auch die Insel Borkum als nordwestlichster Punkt Deutschlands vorgesehen, jedoch führten strategische Überlegungen des Reichsmarineamtes zu der Erkenntnis, dass die Region um die Stadt Norden in Ostfriesland mit ihren Marsch-Böden besser sei, die die Ausbreitung elektrischer Wellen (Bodenleitfähigkeit) begünstigten. Im Spätherbst 1905 wurden schließlich die Verträge mit der Telefunken-Gesellschaft abgeschlossen, in denen die Lieferung und Errichtung einer Anlage mit den folgenden Kriterien vereinbart wurde: je eine Sende- und eine Empfangsstation (räumlich getrennter Aufbau) Reichweite mindestens 1500 km beim Funkverkehr zu Zweimastern, die wenigstens 35 m lange Antennen an Bord hatten Reichweite mindestens 500 km beim Funkverkehr zu anderen Funkstellen auf dem Land Telegraphiegeschwindigkeit mindestens 4 wpm Als erste Sendeantennenanlage von Norddeich wurde ein an vier 65 m hohen Türmen aufgehängtes, trichterartiges Netz aus Bronzedrähten realisiert. Die Bauarbeiten wurden vor allem durch den extrem sumpfigen Untergrund erschwert, der die Verwendung von speziellen Holzbohlenkonstruktionen zum Befahren mit Pferdefuhrwerken erforderlich machte.Historische Photos vom Aufbau der Sendestation Norddeich 1905 Der verwendete Knallfunkensender mit 1,5 kW Leistung wurde in ein separates Gebäude gebaut, das unter Zuhilfenahme dicker Filzplatten und schwerer Doppeltüren gegen Lärm gedämmt war. Die Funkentelegraphenstation Norddeich war fortan dem Postamt Norden (Ostfriesland) als Geschäftsstelle angeschlossen, von der auch ein Postdirektor zur Koordination abgestellt wurde.

Die ersten Funkversuche datieren vom Sommer 1905, lange vor der offiziellen Inbetriebnahme der Station Norddeich. Im April 1906 konnte dann die SMS München die bakenartig ausgestrahlten Morsezeichen in bis zu 400 km Entfernung aufnehmen. Im Juli desselben Jahres wurde dann die maximal mögliche Empfangsentfernung mit 600 km erprobt.

Betriebsaufnahme 1907 und erste Verbindungen Nachdem tags zuvor die technischen Einrichtungen durch das Telegraphenversuchsamt inspiziert worden waren, wurde der Betrieb am 1. Mai 1907 unter dem offiziellen Rufzeichen KND (Küstenfunkstelle Norddeich) aufgenommen. Jeweils zwei Stunden am Morgen und Abend war man für Kriegsschiffe verfügbar. Vom 1. Juni an wurde auch Funkverkehr mit Handelsschiffen durchgeführt. Damit gab es in Deutschland jetzt insgesamt sieben öffentliche Küstenstationen (Arcona kar, Bülk kbk, Cuxhaven kcx, Helgoland khg, Borkum kbm, Marienleuchte kmr). Weitere Reichweitentests durch die Herstellerfirma Telefunken ergaben, dass die Morsezeichen der Knallfunkensender aus Norddeich selbst in über 1600 Kilometer Entfernung noch zu vernehmen waren (Verwendete Wellenlänge 2000 m, entspricht einer Frequenz von 150 kHz).

Die Stammbesatzung der Küstenfunkstelle betrug damals fünf Personen pro 12-Stunden-Schicht, von denen vier die Telegraphie-Arbeitsplätze besetzten und einer als Techniker den korrekten Betrieb der Sender überwachte. Ab 1908 kam eine zusätzliche Person als Antennenwärter hinzu. Wenn die Marine Manöver durchführte, übernahmen Funker aus ihren eigenen Reihen den Betrieb der Station, die dann zusätzlich durch Infanteristen aus Aurich geschützt wurde. Nachdem man noch im Jahr 1907 die Antennenmasten um zehn Meter aufgestockt hatte, stellte man erneut neue Reichweitenrekorde mit Hörempfang über 2200 km auf. Zum Ende des Jahres begann man bei knd damit, Wetternachrichten (sowie Sturmwarnungen) und Presseinhalte auszustrahlen. Die Wetterlage in der deutschen Bucht war vor allem für die Hochseefischer und die Marineeinheiten interessant.

Ab 1910: Telegraphenanstalt Norddeich Aufgrund der steigenden Bedeutung des drahtlosen Telegraphieverkehrs wurde die Küstenfunkstelle Norddeich im Jahr 1910 vom Kaiserlichen Postamt Norden abgegliedert und fortan als eigenständige Telegraphenanstalt Norddeich weitergeführt. Als technische Innovation wurden in Norddeich zwei der 1908 von Telefunken entwickelten Löschfunkensender installiert, die mit 2,5 kW und 10 kW sowie nochmals um 20 Meter erhöhten Antennen die maximale Reichweite auf mehr als 3000 Kilometer abermals steigerten. 1912 wurde auf einer internationalen Konferenz in London ein Vertrag unterzeichnet, der die allgemeine Verkehrspflicht ohne Rücksicht auf das benutzte System vorsah, und somit das bis dato bestehende Marconi-Monopol brach. Beim Inkrafttreten 1913 wurde Norddeich das neue Rufzeichen kav zugeteilt. Ebenfalls um diese Zeit herum begann man damit, horizontal polarisierte Antennenformen auszuprobieren. Nach erfolgreichen Versuchsreihen ergänzte eine fest installierte Drahtantenne die vertikalen Antennensysteme. Erste Versuche der drahtlosen Telefonie von knd aus brachten 1912 keine zufriedenstellenden Ergebnisse über Entfernungen größer als 50 Kilometer. Im darauf folgenden Jahr wurden die ausgestrahlten Zeitungsmeldungen in über 5000 Kilometer Entfernung aufgenommen.

Erster Weltkrieg Als Deutschland am 1. August 1914 Russland den Krieg erklärte, wurde die Küstenfunkstelle unter das Kommando der Kaiserlichen Marine gestellt und von Infanteristen zusätzlich hermetisch abgeriegelt. Man befürchtete Sabotage und Spionage durch den Feind. Nach Kriegsbeginn stieg die Auslastung der Station sprungartig an, alle Sender arbeiteten nun nahezu ohne Pause. Während des Krieges wurden auch die im benachbarten Hage stationierten Luftschiffe von Norddeich aus mit Informationen versorgt. In der späteren Kriegsphase wurde auch Funkverkehr zu deutschen U-Booten abgewickelt. Nachdem die Marine im November 1918 die Funkstelle geräumt hatte, wurde diese durch Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates besetzt. Erst im darauffolgenden Jahr fanden die Soldatenunruhen der Nachkriegsphase ein Ende und der Ausbau der Küstenfunkstelle wurde weiter vorangetrieben.

1920er Jahre: Vergrößerung der Reichweite, Einführung der Telefonie mini|300px|Funker-Treffen im Hotel „Zur Post“ in Norden (um 1920)

Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt die Küstenfunkstelle einen leistungsfähigen Sender aus Marinebeständen. Aufgrund steigender Telegrammzahlen wurde das Personal aufgestockt und die Station war 24 Stunden mit immer mindestens zwei Telegraphisten besetzt. Ebenso wurden die Versuche in drahtloser Telefonie (Sprechfunk) fortgesetzt, mittlerweile schon mit Prototypen von Röhrensendern mit Ausgangsleistungen zwischen 1 und 2,5 Kilowatt. Im Sommer 1921 erteilte man der Küstenfunkstelle unter anderem die Genehmigung, Telefonie-Zusatzgeräte in Betrieb zu nehmen; fortan wurde der Wetterbericht nach der telegraphischen Aussendung auch gesprochen. Nachdem die Röhrensender ihre Leistungsfähigkeit bei Reichweitentests über 6000 Kilometer unter Beweis gestellt hatten, fanden sie immer mehr Einzug in die Küstenfunkstellen und Schiffe. Da man beim gleichzeitigen Senden immer öfter Probleme mit den Empfängern hatte, beschloss man im Jahr 1923 im drei Kilometer entfernten Westgaste eine separate Empfangsstelle aufzubauen.Historische Photos der Empfangsstation Westgaste Beide Anlagen waren über eine Kabelverbindung miteinander verbunden. 1925 brachte ein kräftiger Herbststurm drei im Aufbau befindliche Antennentürme zum Einsturz, so dass die Inbetriebnahme weiterer geplanter Sender verzögert wurde.

Ende der zwanziger Jahre entdeckte man dann das vorteilhafte Ausbreitungsverhalten von Kurzwellen für den internationalen Funkverkehr, so dass 1929 ein 10 kW starker Kurzwellensender in Norddeich nebst Empfängern in Westgaste eingebaut wurden.

1930er Jahre: Umzug nach Utlandshörn, weitere Betriebssteigerung Weil sich auch in Westgaste der Empfang aufgrund zunehmender Störungen durch Elektrogeräte verschlechterte, wurde weitab jeglicher Siedlungen im fünf Kilometer entfernten Utlandshörn eine neue Empfangsstation am 8. Dezember 1931 in Betrieb genommen.Historische Photos der Empfangsstation Utlandshörn Utlandshörn wurde damit gleichzeitig Betriebszentrale für alle Anlagen von Norddeich Radio.Chronik Norddeich Radio Die Ausrüstung umfasste die für damalige Zeiten modernsten Empfangssysteme für Lang-, Mittel-, Grenz- und Kurzwelle sowie mehrere Dipole mit Reflektoren (Richtantennen) und Drahtantennen. Sendeseitig wurden 20 Kilowatt starke Kurzwellensender für Telegraphie und Telefonie eingebaut. Die Weltwirtschaftskrise am Anfang dieses Jahrzehntes ließ auch die Telegrammzahlen via Norddeich einbrechen; jedoch setzte sich die positive Entwicklung bereits in der Mitte der 1930er Jahre weiter fort. Die Olympischen Sommerspiele 1936 in Deutschland brachten den hiesigen Funkstationen Rekord-Telegrammzahlen ein. Ebenfalls 1936 experimentierte man mit der Ankopplung des öffentlichen Telegraphennetzes an die Sendeanlagen, so dass Telegramme ohne Zwischenstation bei den Funkbeamten gegeben werden konnten. Technische Weiterentwicklungen bei Sendern und Empfängern vergrößerten die Reichweite im Sprechfunkbetrieb beträchtlich.

Zweiter Weltkrieg und Rundfunkpropaganda