mini|Thomanerchor zu Leipzig mini|Thomaskantor Johann Sebastian Bach (Gemälde von Elias Gottlob Haußmann 1746, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig) mini|Thomaskirchhof mit Alter Thomasschule (1902 abgerissen), in der sich die Kantorenwohnung befand (Bild von etwa 1850) Der Thomaskantor (Cantor zu St. Thomae et Director Musices Lipsiensis) ist der Leiter des Thomanerchores und Kantor der evangelischen Thomaskirche zu Leipzig, der seit der Reformation durch den Stadtrat in Absprache mit der Kirchgemeinde St. Thomas ernannt wird. Seit dem 11. September 2021 ist der Schweizer Andreas Reize der 18. Thomaskantor nach Johann Sebastian Bach.
Gemeinsam mit dem Chor war der Thomaskantor, dessen Wirken auf das 13. Jahrhundert zurückgeht, für die Kirchenmusik in mehreren Hauptkirchen der Stadt zuständig.Martin Petzoldt (Hrsg.): Thomaskirche Leipzig, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012. Ihm obliegen heute insbesondere die Durchführung der allwöchentlichen Motetten und die musikalische Gestaltung der Gottesdienste in der Thomaskirche, einer der beiden evangelisch-lutherischen Hauptkirchen der Stadt. Dabei wirkt er regelmäßig mit dem Thomasorganisten und dem Gewandhausorchester zusammen. Früher gingen seine Aufgaben an der Thomasschule (Musik-, Gesangs-, Instrumental-, Latein- und Katechismusunterricht) noch weit über den kirchenmusikalischen Bereich hinaus. Außerdem erwarben die Kantoren durch Kompositionen Ansehen.Michael Maul: Die Frühgeschichte des Thomaskantorats und die Entwicklung des Chores bis zum Amtsantritt Johann Sebastian Bachs. In: Stefan Altner, Martin Petzoldt (Hrsg.): 800 Jahre Thomana, Festschrift zum Jubiläum von Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule. Stekovics, Wettin-Löbejün 2012, S. 78–103.
Nach der Reformation, Ende des 16. bis in das 19. Jahrhundert, war das Thomaskantorat außerordentlich bedeutsam für die protestantische Kirchenmusik. Als sein wichtigster Funktionsträger gilt Johann Sebastian Bach. Danach setzte im 19. und 20. Jahrhundert eine Bach-Renaissance ein.
Der Thomaskantor wohnte von 1553 bis 1902 in der alten Thomasschule. Seit 2008 hat er seinen Dienstsitz in der Villa Thomana auf dem Bildungscampus Forum Thomanum im Bachviertel.
Geschichtlicher Überblick Die Quellenlage ist bis ins 16. Jahrhundert recht übersichtlich. In der Zeit der Chorherren zu St. Thomae existierte ein Klosterkantor (Kloster St. Thomas). Dieser folgte dem Propst, dem Prior und dem Custos. Aus den Statuten wissen wir, dass der Kantor die Novizen im Singen unterwies. Die Leitung der Figuralgesänge oblag somit insbesondere dem Thomasschulmeister. Erst später wurde ein Schülerkantor eingestellt.
Der erste „rector scolarium in Lypz“ war Thidericus. Ihm folgte Johannes Stefanie de Orba, der seine Amtszeit von 1443 bis 1444 durch Thomas Ranstete unterbrochen sah. Nicolaus Celer war es dann, der 1494 mit seinen Sängerknaben während der Vesper durch die eingestürzte Chorempore verletzt wurde. Der erste „bezeugte Kantor“ war Johannes Scharnagel.
Im Zuge der Reformation rückten die Schüler der Thomasschule und ihr Kantor Georg Rhau in den Mittelpunkt des Musikinteresses, als diese die Leipziger Disputation (1519) zwischen Martin Luther, Andreas Karlstadt und Philipp Melanchthon einerseits sowie Johannes Eck andererseits musikalisch untermalten.Michael Maul: „Dero berühmbter Chor“: die Leipziger Thomasschule und ihre Kantoren (1212–1804). Lehmstedt, Leipzig 2012. Melchior Heger erhielt 1553 als Erster eine Wohnung in der Alten Thomasschule am Thomaskirchhof. Um 1564 (Valentin Otto) wurde die musikalische Leitung der Gottesdienste in der Thomaskirche die Regel. Mit der Amtszeit von Sethus Calvisius (1594–1616) erlangte das Amt überregionale Bedeutung und wurde fortan fast ausschließlich nur noch mit erfahrenen Musikern besetzt. In seine Zeit fiel die enorme Stiftungsbereitschaft Leipziger Bürger für die Schule.
Thomaskantor Johann Hermann Schein, der einer der großen Musiker Mitteldeutschlands des 17. Jahrhunderts war, bezeichnete sich selbst auch als „General-Director der Music“. In seine Schaffensperiode fiel die Verankerung der Barockmusik in Leipzig. Tobias Michael sorgte sich während des Dreißigjährigen Krieges um den unbeschadeten Erhalt der Thomasschule. Im Zuge der Erkrankung Michaels avancierte Johann Rosenmüller zum designierten Thomaskantor, musste dann aber wegen der Beschuldigung eines Sittlichkeitsverbrechens die Stadt fluchtartig verlassen. Sebastian Knüpfer setzte sich 1657 gegen den bekannten Kirchenmusiker Adam Krieger durch. Unter den Mitbewerbern Johann Schelles befand sich u. a. Johann Theile. Schelles Textkonstruktionen (Bibelworte, madrigalische Arien, Rezitative und Choräle) waren richtungsweisend für seine Nachfolger.
Johann Sebastian Bach, der einstimmig gewählt wurde, folgte auf Johann Kuhnau. Noch in der Kandidatur 1723 war Bach hinter dem seinerzeit bekannteren Georg Philipp Telemann nur zweite Wahl. Dieser sagte aber aus finanziellen Erwägungen heraus ab, die Mitbewerber Johann Friedrich Fasch und Christoph Graupner bekamen keine Freistellung bei ihren Höfen.Martin Geck: Johann Sebastian Bach, überarbeitete Neuausgabe, 6. Auflage, Rowohlt, Reinbek 2011, S. 92 f. Bach galt damals wie heute als bedeutendster Thomaskantor (1723–1750). Während seiner Amtszeit war der Thomaskantor auch für die Musik in der Nikolai-, Matthäi- und Peterskirche zuständig. Seine Nachfolger im Kantorenamt werden seit 1750 nummeriert.
Dem 3. Nachfolger Johann Adam Hiller verdankt Leipzig seinen Status als „Musikstadt“, das Thomasalumnat sollte ein „Seminarium musicum“ werden. Im Jahre 1879 war Johannes Brahms – wie auch Friedrich Kiel und Carl Martin Reinthaler – einer der vielversprechenden Kandidaten für die Nachfolge Ernst Friedrich Richters,Stefan Altner: Das Thomaskantorat im 19. Jahrhundert. Bewerber und Kandidaten für das Leipziger Thomaskantorat in den Jahren 1842 bis 1918. Quellenstudien zur Entwicklung des Thomaskantorats und des Thomanerchors vom Wegfall der öffentlichen Singumgänge 1837 bis zur ersten Auslandsreise 1920. Passage-Verlag, Leipzig 2006. sagte jedoch nach entsprechenden Überlegungen ab. Albert Becker, der in Berlin tätig war, wurde 1892 zum Nachfolger Wilhelm Rusts gewählt, trat dann aber ein Jahr später nach Intervention Kaiser Wilhelm II. und Freigabe des Leipziger Stadtrats sein Amt nicht an, sodass Gustav Schreck übernahm.
Karl Straubes Wirken als Thomaskantor machte Anfang des 20. Jahrhunderts die Bachkantaten über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Der Orgelvirtuose Günther Ramin, einer von vielen namhaften Schülern Straubes, führte den Thomanerchor durch die schwierigen Zeiten des Nationalsozialismus und die Anfänge der DDR; wie auch später Erhard Mauersberger bewahrte er die Tradition. Gleichwohl ist seit Ramins Zeiten der Chor nicht mehr für die Hauptgottesdienste in der Leipziger Nikolaikirche zuständig.
Nach dem Rücktritt von Hans-Joachim Rotzsch wurde 1991 Hermann Max zum Thomaskantor berufen, nahm dann aber das Amt nicht an. Es folgte Georg Christoph Biller. 2016 gab es unter 42 Bewerbern und Bewerberinnen vier Kandidaten für den 17. Nachfolger Bachs: Markus Teutschbein, Clemens Flämig, Markus Johannes Langer und Matthias Jung. Seit über 800 Jahren leiteten ausschließlich Männer den klassischen Knabenchor. Nun waren auch geeignete Frauen aufgerufen, sich für die Stelle zu bewerben. Die Findungskommission sprach sich für den bisherigen Interimskantor Gotthold Schwarz aus.
Im Dezember 2020 wählte Leipzigs Stadtrat den aus der Schweiz stammenden Katholiken Andreas Reize zum Nachfolger von Gotthold Schwarz, der zum September 2021 sein Amt antrat.
Lehrtätigkeit an Musikhochschule Seit dem 19. Jahrhundert wirkten mehrere Thomaskantoren als Dozenten an der heutigen Musikhochschule (vormaliges Leipziger Konservatorium).Christoph Krummacher: Thomaskantoren und Thomasorganisten in ihrer Beziehung zum Leipziger "Conservatorium der Musik". In: Stefan Altner, Martin Petzoldt (Hrsg.): 800 Jahre Thomana, Festschrift zum Jubiläum von Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule. Stekovics, Wettin-Löbejün 2012, S. 256–265. Thomaskantor Ernst Friedrich Richter beispielsweise war Mitglied des Gründungskollegiums des Konservatoriums. Wie auch Moritz Hauptmann unterrichtete er Kontrapunkt und Harmonielehre. Wilhelm Rust war Orgellehrer und Gustav Schreck Lehrer für Theorie und Komposition. 1908 wurde Karl Straube, der Orgel lehrte und später das Kirchenmusikalische Institut gründete, Professor. Günther Ramin war dann vorerst der letzte Hochschullehrer unter den amtierenden Thomaskantoren. Erst nach der Friedlichen Revolution in der DDR änderte sich die Praxis wieder, sodass Georg Christoph Biller 1994 Honorarprofessor für Chordirigieren wurde.
Kantorat – in erster Linie chronologisch nach Altner/Petzoldt/Täschner – Vor der Reformation Name Herkunft Lebensdaten Kantorat Thidericus um 1295 Johannes Stefanie de Orba 1435(?)–1466(?)Doris Mundus: 800 Jahre Thomana: Bilder zur Geschichte von Thomaskirche, Thomasschule und Thomanerchor. Lehmstedt, Leipzig 2012, S. 187. od. 1436–1466 Thomas Ranstete 1443–1444 Martin Klotzsch um 1470 Ludwig Götze Werdau um 1450–1506 1471(?)–1506(?) od. 1475–1505 Petrus Sehusen Leipzig † 1464 Johannes Fabri Forchheim um 1472 Gregor Weßnig bis 1494 1482–1488 Heinrich Höfler 1488–1490 Nicolaus Celer † 1516 1494 Johann Conradi KaltenbornStefan Altner, Martin Petzoldt, Marina Täschner: Lebensdaten der Thomaskantoren, Rektoren, Konrektoren und Direktoren. In: Stefan Altner, Martin Petzoldt (Hrsg.): 800 Jahre Thomana, Festschrift zum Jubiläum von Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule. Stekovics, Wettin-Löbejün 2012 S. 436–439, hier S. 436. um 1508 Johann Scharnagel Wunsiedel 1480–1513 1505–1513
Legende: Stiftskantoren , Thomasschulmeister (Leitung des Figuralgesangs), Succentoren
Seit der Reformation Bildnis Name Herkunft Lebensdaten Kantorat Anmerkungen 80px Georg Rhau Eisfeld 1488–1548 1518 (?) od. 1519–1520 Thomasorganist zu Leipzig (1528) Johannes Galliculus Dresden ab 1520 od. 1520–1525 Valerianus Hüffener Crostewitz 1526–1530 Johannes Hermann Zittau 1515–1593 1531–1536 Wolfgang Jünger Sayda 1517–1564 1537 od. 1536–1539 Johannes Bruckner 1539–1540 od. nachweisbar 1541 Ulrich Lange Bayern bzw. Vohenstrauß bis 1549 1541 od. 1540–1549 Wolfgang Figulus Naumburg bis 1588 od. 1525–1589 1549–1551 Melchior Heger Brüx 1529–1568 1553–1564 Valentin Otto Markkleeberg 1529–1594 1564–1594 80px Sethus Calvisius Gorsleben 1556–1615 1594–1615 Petrus Wilhelmi Großenhain bis 1633 Thomaskantor ad interim (1615–1616) 80px Johann Hermann Schein Grünhain 1586–1630 1615 od. 1616–1630 Hofkapellmeister in Weimar (1615–1616) Tobias Michael Dresden 1592–1657 1631–1657 Hofkapellmeister in Sondershausen (1619–1630) 80px Sebastian Knüpfer Asch 1633–1676 1657–1676 Johann Georg Krause Westheim * um 1656 Thomaskantor ad interim (1676–1677) Johann Schelle Geising 1648 od. 1643–1701 1677–1701 Leipziger Universitätsmusikdirektor (1679–1701)Thomasorganist zu Leipzig (1682–1683) 80px Johann Kuhnau Geising 1660–1722 1701–1722 Thomasorganist zu Leipzig (1684–1701)Leipziger Universitätsmusikdirektor (1701–1722) Johann Gabriel Rothe 1702–1755 Thomaskantor ad interim (1722–1723) 80px Johann Sebastian Bach Eisenach 1685–1750 1723–1750 Hoforganist in Weimar (1708–1717)Hofkapellmeister in Köthen (1717–1723)Leiter des Collegium Musicum (1729–1737)Sächsischer Hofkompositeur (ab 1736) Legende: Thomaskantoren ad interim
Nachfolger Bachs