Polizeiruf 110 ist eine deutschsprachige Kriminalfilmreihe, die ab 1971 im Deutschen Fernsehfunk (DFF; 1972–1990: Fernsehen der DDR) produziert wurde und nach Auflösung des DFF seit 1993 von verschiedenen ARD-Anstalten fortgeführt wird. Der erste Film der als Gegenstück zum westdeutschen Tatort konzipierten Serie wurde am 27. Juni 1971 im DFF gesendet. Die Polizeiruf-110-Reihe entwickelte sich schnell zum Publikumsliebling.
Kurz vor dem Start der Serie hatte sich der Staats- und Parteichef Erich Honecker über das dröge Programm aus dem Studio Berlin Adlershof beklagt und mehr Unterhaltung gefordert. So sollte die Attraktivität des Fernsehprogramms aus dem Westen durch eigene Angebote des sozialistischen Staatsfunks geschmälert werden. Inhaltlich stellte die Sendung dagegen einen Balanceakt dar, da die Darstellung von Verbrechen und die Beschäftigung mit ihnen nicht dem ideologisch erwünschten Gesellschaftsbild entsprach. Trotzdem gelang es Polizeiruf-Autoren wie Eberhard Görner, sowohl kritische Themen anzusprechen, die in der DDR sonst eher tabuisiert wurden, als auch einige Pointen auf Kosten der Linientreuen mit einzubauen.Polizeiruf 110: Vom DDR-Krimi zum gesamtdeutschen Liebling. NDR, abgerufen am 5. Oktober 2021.
Nach der Wende etablierte sich die Fernsehserie in der gesamtdeutschen Fernsehlandschaft.
Geschichte mini|Logo von 1971 bis 1973letztmals in Alarm am See, 1973 mini|Logo von 1981 bis 1990erstmals in Der Teufel hat den Schnaps gemacht, 1981 mini|Logo bis 2019 mini|Logo seit 2019 In der DDR (1971–1989) Inhalt, Handlung und Abgrenzung zum „Tatort“ In den vom DDR-Fernsehen produzierten Episoden gab es kein festes Ermittlerteam; die Zusammenstellung der jeweils aktiven Kriminalisten erfolgte weitgehend zufällig und ohne Muster. Verbindendes Element war aber, dass in Folgen, in denen Oberleutnant bzw. Hauptmann Peter Fuchs mitwirkte, dieser stets der Chefermittler war. Als Grund für diese Diskontinuität gibt die Literatur an, dass die einzelnen Schauspieler zum Teil sehr zeitintensive anderweitige Verpflichtungen hatten, etwa Peter Borgelt am Deutschen Theater. Daher wurden die Polizeiruf-Folgen absichtlich so geschrieben, dass die einzelnen Ermittler nicht zwingend festgelegt waren, sondern problemlos gegeneinander ausgetauscht werden konnten. Deswegen war auch das Privatleben der Ermittler eher selten Teil der Handlung eines Polizeirufs. Ausnahmen bildeten hier z. B. die Folgen 32 Ein Fall ohne Zeugen, 55 Schuldig und 107 Kein Tag ist wie der andere.
Die Handlungsorte waren unabhängig von den jeweiligen Ermittlern über die ganze DDR von der Ostsee bis zum Erzgebirge verteilt. Sie wurden nie ausdrücklich festgelegt oder namentlich erwähnt, konnten aber mitunter aus den Umständen erschlossen werden. Diese Konstellation einer überregionalen Ermittlungsgruppe stimmte mit der kriminalistischen Realität in der DDR jedenfalls für Fälle einfacher Kriminalität nicht überein.
Unterschiedliche kleine und größere Verbrechen wurden aufgegriffen und dabei auch Themen wie Alkoholismus, Kindesmissbrauch und Vergewaltigung behandelt. Anders als bei heutigen Krimis, in denen fast ausschließlich in Tötungsdelikten ermittelt wird, beschäftigten sich die Ermittler im Polizeiruf 110 in allen Bezirken der DDR überwiegend mit den häufigeren und weniger schweren Delikten wie Einbruch, Erpressung, Betrug, Diebstahl und Jugendkriminalität. Im Gegensatz zum Tatort, der sich eindeutig auf die polizeilichen Hauptpersonen konzentriert und meist auch deren Privatleben darstellt, stand in den früheren Polizeiruf-Filmen die polizeiliche Ermittlungsarbeit stärker im Vordergrund. Die Drehbuchautoren legten besonderen Wert auf die Darstellung des Täters und seiner Psyche sowie der Hintergründe der Tat. Reißerische Action-Sequenzen waren dagegen selten.
Gesellschaftskritik und Zensur Der Polizeiruf war eine der Sendungen des DDR-Fernsehens, in denen Probleme und Missstände offen – wenngleich mit pädagogischem Charakter – angesprochen wurden. Über Raub und Mord durfte mit der Einschränkung berichtet werden, dass die Zuschauer dennoch das Gefühl haben sollten, in einem stabilen Staat zu leben. Die perfekte Aufklärungsarbeit durch die Deutsche Volkspolizei war somit ein Stück weit Propaganda.
Nach der Biermann-Ausbürgerung 1976, als das DDR-Fernsehen stärker politisch kontrolliert wurde, mussten einige bereits produzierte Polizeiruf-Folgen zum Teil stark gekürzt werden, z. B. Der Einzelgänger.
Alle 153 Drehbücher für die zu DDR-Zeiten gedrehten Folgen mussten vorab genehmigt werden. Dabei wurden unter anderem zu saloppe Begrüßungen wie „Hey, Boss“ korrigiert und mit der Anmerkung, es heiße nicht Boss, sondern Genosse Major, abgelehnt. Außerdem durften Volkspolizisten nicht zu unvorteilhaft dargestellt werden, z. B. indem sie rauchten. Dafür leistete die Volkspolizei hinsichtlich technischer Ausstattung und Personal volle Unterstützung beim Dreh und stellte bei Bedarf Polizeiketten, aber auch Einsatzfahrzeuge, Hubschrauber oder Mannschaftswagen zur Verfügung.
Grundsätzlich hatten die Drehbuchautoren und die Regisseure im Polizeiruf mehr Möglichkeiten, um z. B. Gesellschaftskritik anzusprechen. Dies geschah oft in der Form von Rede und Gegenrede: Der Kriminelle führte seinen gesellschaftswidrigen Standpunkt aus und begründete ihn mitunter sogar einigermaßen nachvollziehbar, sogleich antwortete ihm jedoch ein in der jeweiligen Folge als Sympathieträger aufgebauter systemtreuer Bürger, der den entgegengesetzten Standpunkt vertrat. Fachberater vom Ministerium des Innern (MdI), dem auch die Deutsche Volkspolizei unterstand, wachten bereits während der Produktion darüber, dass die Inhalte, z. B. in sprachlicher Hinsicht, systemkonform blieben und die Kriminalisten so dargestellt wurden, dass sie dem offiziellen Wunschbild weitgehend entsprachen. Die Polizisten wurden, mit einigen Ausnahmen in den späten 1980er Jahren, weder rauchend noch Alkohol trinkend und auch nicht etwa lässig angezogen gezeigt. Auch wurde bis auf wenigen Ausnahmen nichts über ihr Privatleben gesagt oder gezeigt.
Ein häufig vorkommendes Motiv – insbesondere auf Täterseite – war der Alkoholmissbrauch, der zu DDR-Zeiten ein gesellschaftlich großes Problem darstellte, aber in den Medien im Regelfall nur sehr abgemildert angesprochen wurde. Der Alkohol wurde als Mitursache für die kriminelle Entwicklung dargestellt, wobei er aber nie als Entschuldigung herhalten konnte. Auch Diebstähle wurden oft thematisiert – bisweilen sogar mit verhaltener Kritik an der schlechten Versorgungslage in der DDR.
Ein absolutes Tabu waren höherrangige Funktionäre als Täter. Ein korrupter Betriebsdirektor (z. B. im Fall Holzwege) war das höchste, was die Zensur zuließ.
Im Kreuzworträtselfall von 1988 wurde einer der bekanntesten Kriminalfälle der DDR-Geschichte, der als Kreuzworträtselmord bekannt gewordene sexuelle Missbrauch und Mord am siebenjährigen Lars Bense 1981 in Halle-Neustadt, nahezu authentisch nachgezeichnet.
Vorspann Der Polizeiruf hatte bis 1989 mehrere Vorspannvarianten.Video mit allen Vorspannversionen zwischen 1971 und 1993 auf YouTube.Video mit allen Vorspannversionen zwischen 1971 und 1991 auf YouTube. In den ersten Filmen sieht man zu Beginn des Vorspanns ein Telefon, auf dem der Notruf 110 gewählt wird; anschließend sieht man eine Einsatzzentrale, in der ein Mann den Notruf entgegennimmt. Es folgen Aufnahmen eines Polizeifahrzeugs sowie eines Spürhundes, und die Ermittlungsarbeit der Polizei wird beispielhaft dargestellt. Im Gegensatz zu den späteren Vorspannversionen wurde hier der Titel Polizeiruf 110 noch ausgeschrieben, und die Darsteller der Ermittler wurden namentlich aufgeführt. Nach wenigen Episoden wurde die Musik ausgetauscht, das Bildmaterial wurde jedoch weiter verwendet.
Mit der ersten Farbfolge Gesichter im Zwielicht gab es ab 1973 auch einen neuen Vorspann, mit der Musik von Hartmut Behrsing. Zu Beginn sieht man mehrere Einsatzfahrzeuge beim Verlassen der Zentrale. Es folgen Aufnahmen von den Ermittlern Arndt, Fuchs, Hübner und Subras im Einsatz. Der Vorspann wurde teilweise auch in den folgenden Schwarzweiß-Folgen eingesetzt und war bis 1980 zu sehen. Der Serientitel wird nicht mehr vollständig genannt; man sieht nur noch die Ziffern 110.
1981 wurde dann eine neue Titelmusik eingeführt, die wiederum von Hartmut Behrsing komponiert wurde und bis zum Ende der Reihe beim DFF mit minimalen Veränderungen beibehalten wurde. Der Vorspann beginnt mit mehreren Einsatzfahrzeugen, die mit Blaulicht unterwegs sind. Es folgen unterschiedliche Sequenzen, in denen die Ermittler bei ihrer Arbeit zu sehen sind. Anfangs sieht man neben Arndt, Fuchs und Hübner Oberleutnant Bergmann; in späteren Folgen Grawe und Zimmermann. Auch hier wurden, mit Ausnahme der Crossover-Folge Unter Brüdern, nur die Ziffern 110 eingeblendet.
Die Wendezeit (1989–1991) Wie wohl keine andere Serie reflektierte der Polizeiruf die Wendezeit in der DDR, obwohl eigentlich nur drei Filme (Unter Brüdern, Das Duell und Thanners neuer Job) direkt auf die Ereignisse Bezug nehmen. In den meisten Fällen sind die Veränderungen unauffällig in die Filme eingebaut worden: Eine Parteiparole hängt in Tod durch elektrischen Strom schief an der Wand, und der bevorzugte Wohnungsbau in der DDR-Hauptstadt wird kritisiert. Hübner entgegnet in Zerstörte Hoffnung zwei Lehrern, dass er es sich durchaus vorstellen könne, dass ein Mensch nur aufgrund seiner Fähigkeiten einen Beruf ergreifen kann und nicht aufgrund seiner Gesinnung – eine Äußerung, die erst nach der Absetzung von Erich Honecker möglich wurde. Auch „Vereinigungskriminalität“, Rechtsextremismus und soziale Probleme nach der deutschen Einheit wurden thematisiert. In einigen Filmen passte die dargestellte Handlung allerdings nicht mehr zur damaligen Lage in der DDR. Daher wies man teilweise durch Einblendung der Handlungszeit darauf hin, dass die Geschichte vor der Wende in der DDR spielte (Tod durch elektrischen Strom). Die Handlung der damals neuen Filme wirkte durch den raschen gesellschaftlichen Wandel bisweilen anachronistisch und schon wenige Wochen nach den Dreharbeiten bei der Erstausstrahlung bereits überholt.Peter Hoff: Polizeiruf 110. Filme, Fakten, Fälle. Das Neue Berlin, Berlin 2001, S. 188.
Ab Allianz für Kneteeigentlich ab Unter Brüdern, aber in Das Duell ist Beck wieder Hauptmann und nicht Hauptkommissar haben die Ermittler neue, den westdeutschen Beamten entsprechende Ränge, und die bevorstehende mögliche Berufung in ein Beamtenverhältnis wird in Nebensätzen häufiger erwähnt (z. B.: Todesfall im Park).