Das Reichraminger Hintergebirge ist ein Gebirgszug der Nördlichen Kalkalpen in Österreich. Es liegt im Südosten Oberösterreichs an der Grenze zur Steiermark und zu Niederösterreich. Das Hintergebirge hat seinen höchsten Punkt im Großen Größtenberg mit Es gilt als das größte geschlossene Waldgebiet Österreichs und erstreckt sich über das Einzugsgebiet des Reichramingbachs. Das Gebiet wurde bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts forstwirtschaftlich intensiv genutzt und es wurde Bergbau betrieben. Im südwestlichen Teil befinden sich naturnahe Wälder und Bäche, die Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten bieten. Dieser Teil des Gebirges gehört seit 1997 zum Nationalpark Kalkalpen. Seit 2017 zählen Teile des Hintergebirges zum UNESCO-Weltnaturerbe Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas. Das Gebirge ist nach dem Ort Reichraming benannt.

Geographie Umgrenzung Im Allgemeinen versteht man unter Reichraminger Hintergebirge die Berge im Einzugsgebiet des Reichramingbachs (Großer Bach), der bei Reichraming in die Enns mündet. Die Nordgrenze beginnt bei Reichraming und folgt der Enns nach Osten bis zur Einmündung des Gaflenzbachs. Die Ostgrenze wird von der Enns bis Altenmarkt gebildet. Im Süden verläuft die Grenze entlang des Laussabachs über den Hengstpass und den Dambach bis Rosenau am Hengstpaß. Die Westgrenze wird von der Linie Rosenau–Haslersgatter und dem Verlauf der Krummen Steyrling gebildet. Von der Krummen Steyrling über die Schreindlmauer und Schneeberg wird die Grenze nach Reichraming geschlossen. Eine genauere Grenzziehung wird in der einschlägigen Literatur nicht geführt. Im Norden wird manchmal die Hohe Dirn () noch zum Hintergebirge gezählt.

Das Reichraminger Hintergebirge besitzt somit eine maximale Ausdehnung zwischen der Krummen Steyrling im Westen und der Enns im Osten von 20 und von Nord nach Süd von 22 Kilometern; es umfasst eine Gesamtfläche von etwa 340 km².

Zuordnung Nach der Alpenvereinseinteilung der Ostalpen (AVE) gehört das Hintergebirge zu den Oberösterreichischen Voralpen (17b). Nach der Gebirgsgruppengliederung nach Trimmel gehören sie zu den Windischgarstener und Reichraminger Alpen (1650) mit Anteilen in den Steyrtaler Voralpen (1660, Schreindlmauer–Schneeberg). Nach der Oberösterreichischen Raumgliederung gehören sie gutteils zu den Enns- und Steyrtaler Voralpen, wobei aber das Massiv des Größtenbergs zur alpineren Raumeinheit des Sengsengebirges gerechnet wird. Traditionell-landschaftlich gehört der Raum zur Eisenwurzen.

Verkehr Entlang der Enns verläuft die Eisen Straße (B115) und die Rudolfsbahn. Im Süden verläuft die Hengstpassstraße L550 von Rosenau am Hengstpass bis nach Altenmarkt bei Sankt Gallen. Sie hat ihren höchsten Punkt am Hengstpass , unweit des Schwarzkogels. Von Reichraming führt die Anzenbachstraße nach Süden bis Anzenbach. Von Großraming verläuft eine Straße über Lumplgraben bis Brunnbach. Das Gebiet der Viehtaleralm ist über eine Straße von Kleinreifling erreichbar.

Das gesamte Hintergebirge ist durch ein rund 400 km langes Netz von Forststraßen erschlossen. Diese sind meistens für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Auf einigen ist das Befahren mit Fahrrädern gestattet.

Topographie mini|hochkant|Die Große Schlucht. Blick vom Hochschlachtsteig nach Nordwesten Das Hintergebirge ist ein kuppiges Vorgebirge der Alpen und erreicht mit dem Großen Größtenberg eine maximale Höhe von 1724 m. Charakteristisch sind dicht bewaldete Kerbtäler, die sich mit canyonartigen Durchbruchsstrecken abwechseln. Als bemerkenswertester Abschnitt gilt die Große Schlucht, in der der Reichramingerbach (dort Großer Bach) das Hintergebirge in einem tief eingeschnittenen mäandrierenden Canyon durchströmt.

Gliederung und Gipfel Das Kerngebiet des Reichraminger Hintergebirges gliedert sich in zwei Untergruppen, den Großen Größtenberg () mit Alpstein () und Nebenbergen, und die Gruppe Langfirst () – Wasserklotz () – Schwarzkogel () – Kampermauer () im Süden, die durch den obersten Reichramingbach (Sitzenbach) getrennt sind.

Den Ostteil rechts des Reichramingbachs bilden der Dürrensteigkamm, in weitem Sinne die Gruppen Bodenwies () – Kühberg () und Almkogel () – Ennsberg (), sowie der Fahrenberg (), die durch den Mayerhofer Bach (Hammergraben) bei Kleinreifling respektive den Lumplbach bei Reichraming getrennt sind.

Links am Reichramingbach befindet sich der Zug Schreindlmauer () – Schneeberg ().

Gewässer mini|Der Große Bach in der Großen Schlucht, Triftsteig Der Reichramingbach ist das Hauptgewässer des Gebiets und sein Einzugsgebiet von rund 170 km² liegt vollständig im Reichraminger Hintergebirge. Sein Mittellauf wird als Großer Bach bezeichnet und ist in einem weitgehend natürlichen Zustand, der auch in den kleinen Zubringern erhalten ist. Die natürliche Gewässermorphologie mit ausgeprägter seitlicher Erosion und Schotterbänken ist dort besonders typisch erhalten. Generell ist das oberflächige Gewässernetz des Hintergebirges im Nationalpark bis in die Quellbereiche weitgehend vollständig erhalten. Der Großteil der Gewässer wird den Gewässergüteklassen 1 und 2 zugeordnet und ist damit sehr naturnah. Zu den zahlreichen kleineren Bächen gehören etwa Lumplbach und Plaißabach. Außerhalb des Nationalparks sind große Abschnitte in den Unterläufen der Bachtäler zum Schutz der Siedlungen und Straßen durch Querbauten und Geschiebesperren in ihrem Abflussverhalten wesentlich verändert worden. In einigen Fällen sind längere Ufer- und Sohlverbauungen vorhanden. Der Borsee ist das einzige Stillgewässer im Reichraminger Hintergebirge. Es ist ein künstlicher See, der durch die wiederhergestellte Schleifenbachklause aufgestaut wird.

Geologie Tektonik mini|Antiklinale des Kleinen und Großen Größtenbergs Das Reichraminger Hintergebirge ist ein Teil der Nördlichen Kalkalpen und wird von Gesteinen des Tirolischen Deckensystems und Bajuvarischen Deckensystems aufgebaut. Ganz im Südwesten befindet sich die landschaftsprägende Antiklinale der Staufen-Höllengebirgs-Decke, die zum Tirolikum gehört. Sie zieht vom westlich gelegenen Sengsengebirge über den Größtenberg bis zum Großen Bach im Osten. Nach Norden schließt das deutlich größere und jüngere Bajuvarikum an. Dort bilden die Weyerer Bögen die bedeutendste tektonische Querstruktur in den Nördlichen Kalkalpen. Die ost-west-verlaufenden Ketten der nördlichen Kalkalpen sind in diesem Bereich in eine südliche Richtung umgebogen. Sie zieht von der Mooshöhe im Süden über Brunnbach-Lumplgraben nach Großraming im Norden. Das Tiefbajuvarikum (TB) der Weyerer Bögen wird als Frankenfelser Decke bezeichnet, das Hochbajuvarikum (HB) als Lunzer Decke. Westlich der Weyerer Bögen wird das TB als Ternberger Decke bezeichnet, das HB als Reichraminger Decke.

Lithostratigraphie mini|Steilstehender Hauptdolomit in der Großen Schlucht In ihrem zentralen Teil besteht die Höllengebirgsdecke fast ausschließlich aus Wettersteinkalk, der vom Anisium bis zum frühen Karnium der Trias vor etwa 247 bis 235 Millionen Jahren aufgebaut wurde. Im Gegensatz zum senkrecht stehenden Wettersteinkalk des Nordrands, wo dessen Deckschichten abgeplatzt sind, findet sich am Gebirgsfuß im Süden teilweise die lithostratigraphisch ursprüngliche Abfolge der Schichten wieder. Es sind dies die Lunz-Formation, Opponitz-Formation und Hauptdolomit. Der Hauptdolomit, der vor allem die Reichraminger Decke bildet, lagerte sich während des späten Karniums und des Noriums vor etwa 235 bis 208 Millionen Jahren ab. Im Norden beträgt die Mächtigkeit des Hauptdolomits etwa 300 m. Gegen Süden nimmt die Mächtigkeit zu und erreicht bis zu 900 m. Kalke aus dem Jura spielen im Hintergebirge eine untergeordnete Rolle. Entlang der Weyerer Bögen sind mit der Gosau-Gruppe großflächig kreidezeitliche (Turonium bis Maastrichtium) Ablagerungen aufgeschlossen. Mehrere Typlokalitäten von Formationen der Gosau-Gruppe (Weißwasser-Formation, Brunnbach-Formation) liegen im Hintergebirge.

Bei Weißwasser liegen die Gosau-Ablagerungen auf einem Erosionsrelief, dessen Senken und Hohlräume teilweise mit Bauxit ausgefüllt sind. Die Bauxitvorkommen enthalten vorwiegend ein Gemenge aus Böhmit und Hämatit. Diese Bauxittaschen entstanden im Turon in einem einst feuchtheißen tropischen Klima. Teilweise sind im Bauxit erhöhte Urangehalte bemerkenswert, die auf sekundäre Uranminerale, wie Tyuyamunit, Metatujamunit und Metazeunerit zurückzuführen sind.

Ehemalige Vergletscherung mini|In den Ostflanken des Dürrensteigkamm konnten sich während der Eiszeiten aufgrund des vorherrschenden Westwinds große Schneemengen ansammeln. Das Hintergebirge war während der Eiszeiten teilweise vergletschert. Insbesondere während der Riß-Kaltzeit war der südliche Teil von ausgedehnten Eisströmen bedeckt. Im Riß erstreckte sich der Ennsgletscher in seiner größten Ausdehnung bis in die Talweitung bei Großraming. Dabei stand der Eisstrom im engen Ennstal südlich von Weyer noch in Kontakt mit den Lokalgletschern aus den ostorientierten Karen des Dürrensteigkamms. Die ausgedehnte Vergletscherung erreichte auch das Tal des Großen Baches und der Krummen Steyrling. Die Vergletscherung im Becken von Windischgarsten und an der Nordseite der Haller Mauern war so stark, dass das Gebiet um den Hengstpass völlig von Eis bedeckt wurde. Von dort flossen die Eismassen einerseits über das Laussabachtal zum Ennstal, andererseits aber auch über die niedrigeren Sättel (Haslersgatter bis Ahornsattel) des Reichraminger Hintergebirges nach Norden ab. Die Abflussrichtung der Eismassen ist durch einen erratischen Block aus Glimmerschiefer bei der Großen Klause belegt.

Während der letzten Eiszeit im Würm war die Vergletscherung deutlich geringer. Das Gebiet war nur von kleinen Lokalgletschern auf den höchsten Erhebungen geprägt, wie etwa im Ahorntal am Größtenberg. Kleine Gletscher entwickelten sich wieder in den ostseitigen Karen des Dürrensteigkamms.

Hydrogeologie mini|hochkant|Der Schleierfall des Hochschlachtbaches bei seiner Mündung in den Schwarzen Bach (Hauptdolomit) Für den Hauptdolomit ist ein oberflächennaher Abfluss typisch. In seinem Verbreitungsgebiet treten in der Regel zahlreiche kleine Quellen auf, die in Gräben aus der Schuttbedeckung oder oberflächennahen Klüften zusammen sickern. In Mulden des Hauptdolomits können verkarstungsfähige Kalke eingeschaltet sein, wo sich Schwinden oder Karstquellen befinden.

Die Antiklinale aus Wettersteinkalk des Größtenberggebiets ist zur Gänze intensiv verkarstet und seine Hochlagen sind durch Wasserlosigkeit gekennzeichnet. Im Nordosten wird der Wettersteinkalk von wasserstauenden Schichten unterlagert. Dort befindet sich die Quellgruppe der Haselquellen in der Haselschlucht. Die oberste und stärkste Quelle ist die Haselhöhle (Goldloch) (Kat.Nr. 1652/2). Sie bricht breitflächig aus liegenden Schichtfugen hervor und ist mit einer Schüttung von 50–60 l/s (Niederwasser) der stärkste Quellhorizont des Hintergebirges.

Höhlen Die Höhlen im Hintergebirge werden in mehreren Untergruppen des Österreichischen Höhlenverzeichnisses verwaltet. Mit Stand 2002 sind etwa 70 Objekte bekannt.

In der Gruppe 1653 (Größtenberg) liegt der über 400 m tiefe, teilweise wasserführende Krestenbergschacht (Kat.Nr. 1653/1), die nach den vorliegenden Angaben derzeit tiefste und längste Höhle des Reichraminger Hintergebirges. In der Rabenmäuerhöhle (Kat.Nr. 1653/8) wurden Knochen von Höhlenbären gefunden. Ganz im Süden liegt die Gruppe 1652 (Langfirst-Kampermauer) mit der Haselquellhöhle (Goldloch), eine kleine Wasserhöhle. Im flächenmäßig größten Gebiet 1655 (Almkogel-Ennsberg) sind die geschützten und versperrten, sehr tropfsteinreichen Objekte in den Arzmäuern (Tropfsteinhöhle, Kat.Nr. 1655/6 sowie Schichtfugenhöhle, Kat.Nr. 1655/7) zu nennen.