mini|Blick über die Altstadt (Richtung Süden) mini|Blick in den nördlichen Teil der Stadt mini|Orbe VD
Orbe [] ist eine politische Gemeinde im Distrikt Jura-Nord vaudois des Kantons Waadt in der Schweiz. Der ehemalige deutsche Name Orbach wird heute nicht mehr verwendet. Bis im August 2006 war Orbe Hauptort des gleichnamigen Bezirks.
Geographie mini|Luftbild (1949) Orbe liegt auf , 10 km südwestlich der Bezirkshauptstadt Yverdon-les-Bains (Luftlinie). Das historische Städtchen erstreckt sich auf einem von der Orbe auf drei Seiten umflossenen Geländevorsprung am Jurafuss, im Waadtländer Mittelland. Orbe liegt rund 40 m über der landwirtschaftlich intensiv genutzten Orbeebene (französisch Plaine de l’Orbe).
Die Fläche des 12,0 km² grossen Gemeindegebiets umfasst einen Abschnitt des Waadtländer Mittellandes. Der Hauptteil des Gebietes wird von der weiten Orbeebene eingenommen, einem früher sumpfigen und häufig überschwemmten Gebiet, das heute drainiert und von den in Kanalbetten eingezwängten Flüssen Nozon, Talent und Orbe durchzogen ist. Auf dem Gemeindegebiet fliesst der Nozon in den Talent und dieser etwas weiter nordöstlich in die Orbe. Daneben gibt es noch den Entrerocheskanal, der weiter im Nordosten Canal Oriental heisst und streckenweise die östliche Grenze des Gemeindegebietes bildet, und den Canal Occidental. Nach Westen erstreckt sich der Gemeindeboden auf die angrenzenden Hochflächen des Jurafussplateaus und erreicht auf der Höhe Les Saugettes mit den höchsten Punkt von Orbe. Teil dieses Plateaus ist auch der Geländevorsprung, auf dem die Altstadt liegt. Unterhalb des Städtchens tritt der Fluss Orbe, der im Lauf der Jahrmillionen durch Erosion eine tiefe Kerbe in das Plateau eingeschnitten hat, in die Orbeebene hinaus. Von der Gemeindefläche entfielen 1997 17 % auf Siedlungen, 3 % auf Wald und Gehölze, 77 % auf Landwirtschaft, und rund 3 % war unproduktives Land.
Zu Orbe gehören ausgedehnte neue Wohn- und Villenquartiere, die sich immer weiter nach Osten ausdehnenden Gewerbe- und Industriezonen Granges-Saint-Martin und Granges-Saint-Germain () in der Orbeebene sowie einige Einzelhöfe. Nachbargemeinden von Orbe sind Chavornay, Arnex-sur-Orbe, Agiez, Montcherand, Valeyres-sous-Rances, Mathod und Ependes.
Geschichte Die frühesten Siedlungsspuren auf dem Gemeindegebiet stammen aus dem Neolithikum. Die eigentliche Geschichte von Orbe beginnt zur Römerzeit. Die Römer gründeten vermutlich um 150 nach Christus am Rand der Orbeebene beim Austritt der Orbe aus dem Jurafussplateau die Siedlung Urba an einer Verzweigung der von Lausanne kommenden Heerstrasse. Der eine Ast führte von Urba über den Jura (Col de Jougne) nach Besançon, dem damaligen Vesontio, der andere Ast folgte dem Rand der Orbeebene nach Yverdon (Eburodunum) und Avenches (Aventicum). Die Siedlung wurde während der Römerzeit zeitweise auch als Orba, villa Orbacum und Urbigenum bezeichnet. Das Wort Urba stammt nicht – wie vielfach angenommen – vom lateinischen urbs (Stadt), sondern hat seinen Ursprung im Keltischen, eventuell bestehen sogar vorkeltische Wurzeln. Der Wortstamm orobis bzw. orbe, der in keltischer Zeit nur den Fluss Orbe bezeichnete, bedeutet schlicht und einfach Fluss. Im Gegensatz zu Aventicum und Colonia Iulia Equestris (Nyon) erlangte Urba als städtische Siedlung nie besonders grosse Bedeutung, besass aber beim heutigen Boscéaz einen beeindruckenden römischen Gutshof, die Villa rustica von Orbe-Boscéaz, der als der grösste Gebäudekomplex dieser Art in der Schweiz gilt. Die seit 1986 von der Universität Lausanne durchgeführten Ausgrabungen lassen auf eine äussere Umfassungsmauer von 420 × 370 m schliessen.
Ende des 3. Jahrhunderts wurden der Gutshof und die Siedlung wahrscheinlich aufgrund der ersten Germaneneinfälle verlassen. Während aus der frühen Burgunderzeit nichts bekannt ist, wurde Orbe spätestens im 9. Jahrhundert burgundisches Königsgut. Auf diesem, und zwar «apud orbam», traf sich der blutjunge König Karl von Burgund im Jahr 856 mit seinen Verwandten Kaiser Ludwig II. und König Lothar II., um über die Aufteilung der Reiche zu beraten (Regesta Imperii I., 2495). Dies war und ist die erste urkundliche Erwähnung des Ortes. Weitere Treffen karolingischer Herrscher fanden hier 865 («in urba») und 879 («apud urbam») statt (Reg.Imp.I.,1231a+1588b). Unterhalb des Burghügels entwickelte sich im 10. Jahrhundert die neue Siedlung, die zunächst als villa Tabernis, 1049 als vicus Urbensis erwähnt wird. Später entstand auch auf dem Burghügel eine Siedlung. Seit 1255 gehörte die Herrschaft Orbe den Herren von Montfaucon. Zwischen 1270 und 1300 wurde die an die Burg angrenzende Siedlung befestigt und mit dem Marktrecht ausgestattet. 1404 erhielt die Stadt Orbe weitgehende Freiheiten, wurde aber nur drei Jahre später durch einen Stadtbrand schwer beschädigt. 1424 baute die Stadt die Steinbrücke Pont du Moulinet über die Orbe.
Im Lauf des 15. Jahrhunderts ging die Herrschaft über Orbe an das Haus Chalon über, das aus dem Burgund stammte. Deswegen eroberten die Eidgenossen im Rahmen der Burgunderkriege die Stadt und zerstörten das Schloss. Im Vertrag von Freiburg wurde die Stadt Orbe zusammen mit dem Herrschaftsgebiet Echallens 1476 unter die gemeinsame Verwaltung von Freiburg, Bern und den sieben anderen Orten gestellt. Im Vertrag von Beromünster 1484 löste Bern die Rechte dieser sieben Orte auf die gemeinsame Herrschaft durch eine Entschädigungszahlung heraus. Fortan stand die Vogtei Orbe-Echallens unter der gemeinsamen Verwaltung von Bern und Freiburg. Die Stadt Orbe bildete dabei eine Exklave des Herrschaftsgebietes, dessen Mittelpunkt sich in der Region Echallens befand. Im Fünfjahresturnus stellten Bern oder Freiburg den Vogt, der seinen Sitz in Echallens hatte. Aufgrund des anfänglichen Widerstandes des katholischen Freiburg wurde die Reformation erst 1554 in Orbe eingeführt.
Nach dem Zusammenbruch des Ancien Régime gehörte Orbe von 1798 bis 1803 während der Helvetik zum Kanton Léman, der anschliessend mit der Inkraftsetzung der Mediationsverfassung im Kanton Waadt aufging. Seit 1798 ist es Bezirkshauptort des neuen Bezirks Orbe, der aus der Stadt Orbe und aus Teilen der Vogteien Yverdon und Romainmôtier geschaffen wurde. Im Juni 1904 kam es im Orbe zum Streik der Bauarbeiter.
Bevölkerung
Mit Einwohnern (Stand ) gehört Orbe zu den grösseren Gemeinden des Kantons Waadt. Von den Bewohnern sind 82,3 % französischsprachig, 5,0 % portugiesischsprachig und 3,1 % deutschsprachig (Stand 2000). Die Bevölkerungszahl von Orbe stieg besonders im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts stark an. Danach wurde bis 1970 eine weitere kontinuierliche Zunahme verzeichnet. Als Folge der Wirtschaftskrise in den 1970er Jahren kam es in jenem Jahrzehnt zu einer Abwanderung. Seither hat die Bevölkerung jedoch wieder deutlich zugenommen. Neue Wohnquartiere sind vor allem am Osthang nördlich der historischen Altstadt sowie auf dem Rand des Jurafussplateaus entstanden. Bevölkerungsentwicklung Jahr 1850 1900 1910 1930 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2007 2016 2023 Einwohner 1923 2080 3234 3422 3565 3824 4522 3985 5084 5139 5535 6903 7842
Wirtschaft Orbe ist heute ein regional bedeutendes Zentrum mit Gewerbe, Industrie, Handel und Verwaltungsfunktionen sowie touristischen Anlagen.
Aufgrund des grossen Landwirtschaftsgebietes im Umland von Orbe spielt der primäre Sektor noch heute eine gewisse Rolle in der Erwerbsstruktur der Bevölkerung. Die Landwirtschaft vereinigt noch rund 7 % der Erwerbstätigen auf sich. Von Bedeutung sind der Ackerbau und insbesondere Gemüsekulturen. Einige kleinere Weinbaugebiete gibt es im Bereich des Städtchens sowie einen grösseren Rebhang oberhalb des Hofes La Vaux Vully. In der Orbeebene links der kanalisierten Orbe wurde 1899 die kantonale Strafanstalt Bochuz (Pénitencier de Bochuz) gegründet, die das grösste landwirtschaftliche Gut des Kantons Waadt bewirtschaftet.
Mit der Zunahme und Verbesserung der Verkehrsanbindungen entwickelte sich Orbe im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem Industriestandort. Die Brüder Fertig gründeten 1848 die Brasserie d’Orbe Fertig Frères S.A. Die Bierbrauerei wurde 1974 von der Brauerei Feldschlösschen (Rheinfelden) übernommen und der Betrieb in Orbe stillgelegt. 1871 wurde die Moulins Rod SA, eine Getreidemühle, gegründet. Nach der Fusion mit der Grands Moulins de Cossonay SA (die heutige Groupe Minoteries) im 1998 wurde die Produktion eingestellt. 1901 gründete Daniel Peter eine Schokoladenfabrik. 1929 erfolgte der Zusammenschluss der Schokoladenfabrikanten Peter, Cailler, Kohler und Nestlé. 1958 eröffnete die in der Feinmechanik tätige Paillard SA eine Zweigstelle. Es wurden hauptsächlich Filmkameras Paillard-Bolex gebaut. 1971 wurde der Standort aufgegeben.
Heute hat sich am Fuss des Stadthügels und in der Orbeebene ein ausgedehntes Industrie- und Gewerbequartier entwickelt. Wichtigster Betrieb ist die Kaffeefabrik Nestlé, daneben gibt es mehrere weitere Unternehmen der Nahrungsmittelindustrie. Die zahlreichen kleinen und mittleren Unternehmen in Orbe haben sich auf die Bereiche Landmaschinenbau, Metallbau, Feinmechanik, Gartenbau, Informatik, Telekommunikation und auf das Baugewerbe spezialisiert. Ferner gibt es in der Ebene verschiedene Einkaufszentren.
Orbe verfügt auch über ein Bezirksspital und mehrere Freizeitanlagen, darunter Tennisplätze, ein Schwimmbad und ein Campingplatz. In kultureller Hinsicht hat Orbe einen Theatersaal und einen Kinosaal zu bieten.
Aufgrund seiner geschichtlichen Vergangenheit und diverser Fundstücke wurde 1925 der Verein Association du vieil Orbe gegründet. Dessen Aufgaben waren die Aufwertung der seit 1848 bekannten römischen Mosaiken der Boscéaz-Stätte und die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Geschichte ihrer Stadt. Dies sollte durch den Betrieb eines Museums und Herausgabe von Publikationen unterstützt werden.
1995 wurde beschlossen, den Verein neu aufzustellen. Es wurde die Stiftung Pro Urba gegründet. Eine Gönnerin vermachte der Stiftung ein Haus in der Altstadt. In diesem konnte nun das Musée d’Orbe eingerichtet werden. Es werden Objekte aus der Jungsteinzeit bis zum 20. Jahrhundert gezeigt. Die Stiftung ist für die Öffentlichkeitsarbeit, die Zusammenarbeit mit den Behörden, das Museum und die Bewahrung der Sammlungen verantwortlich. Zudem wurde der Verein der Freunde von Pro Urba gegründet. Dieser kümmert sich um das kulturelle und historische Leben von Orbe und unterstützt die Stiftungstätigkeiten.. Pro Urba, abgerufen am 2. Januar 2025.
Kraftwerke 1894 wurde das Wasserkraftwerk Le Chalet in Betrieb genommen. Es liegt westlich, etwas ausserhalb von Orbe. Es produziert jährlich 9,3 GWh elektrische Energie.
2013 wurde in der Stadt Orbe am Orbeufer ein neues Wasserkraftwerk, genannt Moulinets sur l’Orbe, erstellt. Mit einer Nennleistung von 430 kW erzeugt es jährlich 4,2 GWh elektrische Energie.
Verkehr mini|Bahnhof Die Gemeinde ist ein regionaler Verkehrsknotenpunkt. Sie liegt an der Kreuzung der Strasse am Jurasüdfuss von Cossonay nach Yverdon mit der Strasse von Chavornay nach Vallorbe; weitere Strassen führen nach Romainmôtier und nach Baulmes.
Seit den 1980er Jahren ist Orbe an das schweizerische Autobahnnetz angeschlossen. 1981 wurde der Abschnitt Lausanne–Yverdon der A1 eröffnet. Von der Verzweigung Essert-Pittet führt seit 1989 die A9 nördlich an Orbe vorbei bis nach Ballaigues und dann als Hauptstrasse weiter entweder nach Frankreich über den Jurapass Col de Jougne nach Pontarlier oder via Vallorbe in das Vallée de Joux. Bei Boscéaz liegt die Autobahnausfahrt 3 Orbe. Im Zusammenhang mit dem Bau der Autobahn entstand die Ostumfahrung von Orbe von Boscéaz durch die Orbeebene bis Les Granges.