Ein Videojournalist oder weiblich Videojournalistin (auch abgekürzt VJ []) vereint die Aufgaben eines Journalisten, Tontechnikers, Kameramannes und Editors in einer Person. Mit Hilfe der DV-Technologie konzipiert, dreht und schneidet er filmische Beiträge im Alleingang. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Weitere gängige Bezeichnungen des Videojournalisten sind „Videoreporter“, „Shoot-Edit“ (BBC-Terminus) und „Personal Digital Producer“, kurz PDP (BBC-Terminus).
Entwicklung Bereits in den 1960er Jahren gab es in den USA sogenannte „Selbst-Dreh-Reporter“Roman Mischel: Definition, Geschichte und Gegenwart, onlinejournalismus.de, 9. Februar 2005 (21. November 2006). Michael Rosenblum, der viele Fernsehstationen wie die BBC oder den Hessischen Rundfunk bei der Ausbildung von Videojournalisten berät, vergleicht die Einführung der Videokamera mit der des tragbaren Fotoapparates in den 1930er Jahren: Filmspulen auf Kunststoff (der Firma Leica) machten von den schweren Filmplatten in Fotoapparaten (und von Stativen) unabhängig. Ebenso befreit die digitale Videotechnologie das Fernsehen von schweren Kameras, Kunstlicht und Studios und lässt Ereignisse mitten im Geschehen dokumentierenMichael Rosenblum: Vom Zen des Videojournalismus, in: Zalbertus, Andre/Rosenblum, Michael: Videojournalismus. Uni Edition, 2003, ISBN 3-937151-10-9, S. 17–75.
Anfang der 1990er Jahre hatte der private Fernsehsender New York 1 erstmals ausschließlich auf Videojournalisten gesetzt. Mitte der 90er Jahre zogen erste deutschsprachige Privatsender wie Hamburg 1, TeleZüri oder TeleBärn nach. Der Bayerische Rundfunk war der erste öffentlich-rechtliche Sender, er setzte ab 1994 in geringer Zahl Videojournalisten ein.
Im Jahr 2001 stellte die englische BBC alle Regionalbüros unter Anleitung Michael Rosenblums auf Videojournalismus umAndre Zalbertus: Vom Abenteuer einer Revolution in Deutschland, in: Zalbertus, Andre/Rosenblum, Michael: Videojournalismus. Uni Edition, 2003, ISBN 3-937151-10-9, S. 11–15. Im selben Jahr begann die deutsche TV-Produktionsfirma AZ Media, die unter anderem mit einer sogenannten Drittsendelizenz Sendezeiten auf dem RTL-Programmplatz bespielt, mit der breiten Ausbildung von zunächst 14 Videojournalisten. Inzwischen betreibt die Firma die Deutsche Videojournalistenschule in Hannover.Website der Deutschen Videojournalistenschule Die aktuelle Entwicklung ist die Weiterentwicklung des Videojournalisten zum konvergenten Videojournalisten, also dem Zusammenwachsen von Audio, Video und Livebroadcasting im Internet. Insofern bleibt es spannend, wie gerade diese junge Berufsbezeichnung – Videojournalist – sich weiterentwickelt.
Der Hessische Rundfunk, der ebenfalls 2001 erstmals Videojournalisten eingestellt hatte, übernahm sie 2004 in den Regelbetrieb. Bis dahin hatte er 42 Videojournalisten ausgebildet und zwischen Oktober 2003 und Juni 2004 rund 840 Beiträge mit insgesamt 2.500 Minuten im HR-Fernsehen gesendet.Hessischer Rundfunk setzt auf Videojournalisten, Meldung des Hessischen Rundfunk vom 8. September 2004 (21. November 2006) Während das impliziert, dass der HR die Videojournalisten vor allem im Nachrichtenbereich für kurze, nur mehrminütige Sendebeiträge einsetzt, lässt die AZ Media so auch lange Fernsehreportagen produzieren.Christian Angeli: Wie funktionierte eine Revolution im TV-Alltag eines Redaktionsleiters?, in: Zalbertus, Andre/Rosenblum, Michael: Videojournalismus. Uni Edition, 2003, ISBN 3-937151-10-9, S. 17–75
In Österreich arbeitet vor allem der Sender puls4 ausschließlich mit Videojournalisten. Der Sender startete zunächst nur in Wien als pulsTV, für den Sendestart wurden ca. 30 Videojournalisten von Ken Tiven und seiner Firma imc ausgebildet. Anlässlich des österreichweiten Starts von puls4 wurden weitere 30 Videojournalisten ausgebildet, diesmal von Mitarbeitern der Firma Puls TV, von denen einige später die österreichische Firma News on Video gründeten.
Technik Da Videojournalisten das Berufsfeld des Journalisten mit denen des Kameramanns und des Editors vereinen, arbeiten sie mit viel technischer Ausstattung.
Unterschiedlichste DV-Kameras sind auf dem Markt. Professioneller Videojournalismus setzt üblicherweise sogenannte kompakte Drei-Chip-Camcorder ein. Sie erzielen eine höhere Bildqualität als die überwiegend im Privatbereich üblichen Ein-Chip-Kameras. Beispiele für verwendete Kameras sind die beim Hessischen Rundfunk eingesetzte Panasonic AG-DVX100 oder die bei der AZ Media gebrauchte Sony PD 150.Roman Mischel: Womit ist ein Videojournalist ausgestattet?, onlinejournalismus.de, 9. Februar 2005 (21. November 2006) Mit den Formaten HDV und AVCHD bekam der Videojournalist neuerdings die Möglichkeit, Material, das höher aufgelöst als der Fernsehstandard (Standard Definition) ist zu drehen und schneiden. Die Palette der HD (High Definition) Formate, die mit kompakten Kameras erstellt werden können, ist groß. Die größte Herausforderung für den alleine arbeitenden VJ ist dabei mittlerweile, sendefähige Bilder für die großen HD-Flachbild-Fernseher drehen zu können. Bei den Aufnahmen von SD-Camcordern konnte die Schärfe bisher nicht so genau definiert werden, was bei HD-Camcordern der aktuellen Generation nicht der Fall ist.
Obwohl Michael Rosenblum den Schritt zum Videojournalismus mit der Unabhängigkeit des Fotografen vom Stativ vergleicht, ist gerade das – am besten sogar ein Drei-Bein-Stativ – gegen verwackelte Bilder, für bessere Bildqualität auffallend wichtig.Dushan Wegner: Der Videojournalist. Mediabook-Verlag Reil, 2004, ISBN 3-932972-16-3 (Der verbreitete Stativeinsatz lässt sich auch in der praktischen Arbeit beobachten.) Da das der zu erwarteten dynamischen Arbeitsweise widerspricht, setzt man auch Ein-Bein-Stative ein.
Die Mehrzahl der etablierten VJs arbeiten für dokumentarische oder Reportage-Formate, sie drehen deshalb meist weitwinklig, aus der Hand. Das authentische Begleiten der Protagonisten und die gegenüber einem größeren Team unaufwändigere Logistik während der Dreharbeiten stehen hierbei an oberster Stelle. VJs kommen oft nah an die Menschen heran, weil sie mit ihrer kleinen Kamera weniger auffallen und irgendwann fast „vergessen“ wird, dass die Situation aufgezeichnet wird. Die Auseinandersetzung mit Videojournalismus ist aber auch immer wieder von der Frage geprägt: Wie viel Ästhetik verlangt, braucht der dokumentarische Film, die Reportage? Während es bei einigen Privatsendern um den „EB-Teamlook“ von VJs geht, gibt es bei einigen ARD-Anstalten und im ZDF die Bereitschaft, im Zweifelsfall auch verwackelte Bilder zu akzeptieren, wenn der „Stoff“ journalistische Relevanz besitzt. Einen einheitlichen VJ-Look gibt es definitiv nicht. Jeder Sender setzt eigene Prioritäten in der audiovisuellen Umsetzung. Eindeutig zu sehen war dies bei verschiedenen VJ-Festivals, wie in Weimar oder Berlin.
Der VJ-Guru Michael Rosenblum gewann seine Filmpreise für Reportagen in amerikanischen Notaufnahmen. Er drehte damals alles aus der Hand, und keine Szene war eingeleuchtet.
Ein Problem für Videojournalisten ist die Ausleuchtung. Als Ein-Personen-Team haben sie meist nur eine an der Kamera befestigte Videoleuchte und müssen daher oft mit den vor Ort befindlichen Lichtquellen arbeiten. Für die Aufnahme des Tones sind die in der Kamera eingebauten Mikrofone meist ungeeignet. In der Praxis werden häufig professionelle externe Richtmikrofone oder funkbetriebene Ansteck-Mikrofone verwendet.
Für den Schnitt benötigt ein Videojournalist einen leistungsfähigen PC, der das gedrehte Material digitalisiert verarbeiten kann. Zehn Minuten Material entsprechen ungefähr 2 Gigabyte Datenmenge. Unter den Schnittprogrammen haben sich Final Cut für Apple-Computer und Avid Xpress für PC- und Apple-Computer, neuerdings auch wieder Adobe Premiere etabliert.
Ausbildung An mehreren Fachhochschulen entstanden Bachelor-Studiengänge sowie Weiterbildungsangebote rund um den Videojournalismus. Ausbildungen gibt es auch an Film- und Fernsehakademien wie der Bayerischen Fernsehakademie sowie der ARD.ZDF medienakademie. Eine Vollzeit-Weiterbildung von sechs Monaten sowie einen berufsbegleitenden Lehrgang zur digitalen Videoproduktion in fünf Modulen bietet die Münchner Journalistenakademie an. Videojournalismus-Seminare gehören zum festen Bestandteil der Volontärsausbildungen bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.
Weitere Akademien bieten im Rahmen von mehrtägigen Kompakttrainings Fachwissen zum Thema Videojournalismus. Beispiele dafür sind die Berliner Journalistenschule, die Münchner Macromedia Akademie und die Hamburger Akademie für Publizistik.
In Österreich bietet die Firma News on Video Kurse an, gemeinsam mit der Fachhochschule für Journalismus in Wien auch einen FH-Kurs mit dem Abschluss als akademisch geprüfter Videojournalist. Die FH St. Pölten und die FH Vorarlberg führen gemeinsam mit dem Kuratorium für Journalismusausbildung einen berufsbegleitenden Lehrgang durch, der mit dem Abschluss „akademisch geprüfter Videojournalist“ abschließt.
Außerdem kann eine Ausbildung durch ein Volontariat bei einem TV-Sender in Verbindung mit schulischem Unterricht an einem geeigneten Bildungsträger wie etwa der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien erfolgen.
Vor- und Nachteile des Videojournalisten Die Einführung und Ausbreitung des Videojournalismus geht einher mit einer äußerst kritischen Auseinandersetzung um die Vor- und Nachteile insbesondere hinsichtlich der Kosten wie auch der Qualität.
Ein großer Vorteil des Videojournalisten ist zunächst die kostengünstige Produktion.Roman Mischel: Die Diskussion um den Videojournalismus, onlinejournalismus.de, 9. Februar 2005 (21. November 2006) (Teil 1, Teil 2) Zum einen sind die Kosten für die technische Ausstattung niedriger als bei einem konventionellen Kamerateam, zum anderen ermöglicht der Videojournalist als Ein-Personen-Team im Extremfall den Verzicht auf Kameramann, Tonassistent und Editor, sowie gegebenenfalls noch den Beleuchter. Die Kosten für eine Videojournalistenproduktion liegen in der Summe von Personal- und Technikersparnis nur bei 25 % eines herkömmlichen Drehs. In diesen niedrigen Kosten liegt nicht nur ein Sparpotenzial für die Produzenten, sondern sie ermöglichen auch erst die Produktion von Beiträgen, die mit klassischen Teams zu kostenintensiv wären, zum Beispiel Langzeitdokumentationen mit einer Vielzahl von Drehtagen. Bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten verdienen freie Videojournalisten laut Angaben der Gewerkschaft ver.di zwischen ca. 200 bis maximal 500 Euro am Tag – je nach Sender und Drehaufwand. Im Vergleich zur redaktionellen Tätigkeit liegt damit die VJ-Zulage bei ca. 50–60 Euro pro Tag für den Eigendreh bzw. den Schnitt.Guido Vogt: Weiter wenig Honorar für Videojournalisten, 25. Juli 2012