Musikfestivals sind in der Regel jährlich wiederkehrende musikalische Großveranstaltungen. Der Begriff „Festival“ ist eng angelehnt an den Begriff „Festspiele“.Vgl. „Festival“ in: DUDEN. Das Fremdwörterbuch. Band 5. Hrsg.: Dudenredaktion. 8. neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim 2005, S. 321. Damit bezeichnet man Veranstaltungen, die sich durch den Ort und ihre Gestaltung aus dem Rahmen alltäglich umsetzbarer Konzerte herausheben. Sie zeichnen sich durch ihre gesellschaftliche Bedeutung, ihre Größe und durch ihre musikalische Vielfalt aus. Festivals verzeichnen heute oftmals hohe Besucherzahlen. Ein Festival kann eintägig oder mehrtägig sein bzw. kann sich über einen längeren Zeitraum erstrecken. Festivals sind meist auf eine bestimmte Musikrichtung oder Interessengruppe ausgerichtet und können fester Bestandteil von Jugendkulturen sein.Brockhaus, F.A., B. Schott’s Söhne (Hrsg.): "Festival" in: Der Musik-Brockhaus. Wiesbaden/Mainz 1982, S. 177–179.Eggebrecht, Hans Heinrich: "Festspiele" In: Dahlhaus, Carl (Hrsg.): Brockhaus Riemann. Musiklexikon E-K. Hrsg.; Mainz 1979, S. 51 f.

Historische Einordnung mini|Festspiel Dählhölzli in Bern, 1891 Im antiken Griechenland wurden Theateraufführungen im Rahmen von Festspielen inszeniert. Auch Könige und Fürsten waren für ihre Festspiele bekannt. Die Epoche der höfischen Feste erstreckte sich von 1450 bis 1750. Das erste Schlossfestspiel fand 1665 am Hof der Heidecksburg in Rudolstadt statt. Solche Veranstaltungen waren meist politisch motiviert und dienten zur Demonstration von Macht und Einfluss.Vogler, Karin (o. J.): Rudolstadt. http://www.stadtfuehrung-rudolstadt.de/deutsch/rudolfd.htm, Stand: 30. Januar 2011. Braun, Werner: Fest. In: Finscher, Ludwig (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Sachteil. Bd. 3. Stuttgart 1995, Sp. 412. Vor Beginn des bürgerlichen Musiklebens im 18. Jahrhundert war es unüblich, Musik vor einem zahlenden Publikum aufzuführen. Musik wurde für den eigenen Gebrauch, im religiösen Bereich oder am Hofe komponiert. 1620 etwa verabredeten sich in den sogenannten Collegia Musica männliche studentische Bürger, um nicht nur gemeinsam Musik zu machen, sondern auch zu essen, zu rauchen oder zu reden. Zum Ende des 17. Jahrhunderts rückte das Musizieren weiter in den Vordergrund. Diese Vorform des Konzerts fand noch in Gaststätten, Zünften oder bei Privatpersonen statt.Vgl. Martin Troendle: Das Konzert: neue Aufführungskonzepte für eine klassische Form. Bielefeld 2009, S. 27f. Erst während des 18. Jahrhunderts entstanden eigens eingerichtete Konzerträume über Säle bis hin zu Konzerthäusern, die nun vollends die Aufmerksamkeit durch eine ausgefeilte Akustik sowie durch eine zentrierte Ausrichtung der Bühne auf die Musik richteten. Musik war nun der Grund des Zusammenkommens. Mit der Teilnahme an einer dieser Musikveranstaltungen wurde das Publikum Teil eines Kollektivs, das sich über bestimmte Verhaltensregeln identifizierte.Vgl. Troendle, Martin: Das Konzert: neue Aufführungskonzepte für eine klassische Form. Bielefeld 2009, S. 28 ff. Im 20. Jahrhundert trat eine neue Popkultur neben das bürgerliche Konzert. Diese etablierte nicht nur ihre eigenen Musikstile, sondern übernimmt nun ähnliche identitätsstiftende Funktionen wie das klassische Konzert des 19. Jahrhunderts.Vgl. Troendle, Martin: Das Konzert: neue Aufführungskonzepte für eine klassische Form. Bielefeld 2009, S. 32.

Klassische Festspiele / Festivals Von Musikfestspielen zu Ehren Gottes entwickelte sich 1784 von London ausgehend, dass nun populären Komponisten durch ein Festspiel gehuldigt wurde. Kathedralen wurden zu Konzertsälen umgebaut, in denen auch Festspiele karitativer Art stattfanden. Geburtstage sowie Todestage wurden je nach Anlass mit einer Hommage oder Trauergesängen begangen. Das Bürgertum verfolgte mit Musikveranstaltungen zum einen humanitäre Ziele, zum anderen drückte es über musikalisch kooperierende Städtebündnisse seinen nationalen Eifer aus. Gruppen bestehend aus Kaufleuten, Industriellen, Musikern und Studierenden kamen aus unterschiedlichen Orten zusammen, um Aufführungen verschiedener Komponisten beizuwohnen. Üblich auf solchen Veranstaltungen waren auch Musikwettbewerbe. Des Weiteren konnten Weltausstellungen oder Veranstaltungen Großindustrieller Hintergrund für ein Musikfestspiel sein.Vgl. Salmen, Walter: Das Konzert. Eine Kulturgeschichte. München 1988, S. 128–133. Außerdem boten auch die Enthüllung von Denkmälern oder Ehrungen Anlass für solche Feste, wie beispielsweise 1842 zu Ehren Mozarts in Salzburg. 1877 kam dort erstmals die Idee auf, nach Vorbild der Bayreuther Festspiele Mozart-Festspiele durchzuführen. Während des Ersten Weltkrieges wurden Konzepte für solche Festspiele durch die „Salzburger Festspielgemeinde“ entwickelt, die 1920 zum ersten Mal umgesetzt wurden. Neben Mozart wurden Opern weiterer Komponisten sowie Theaterstücke an wechselnden Orten aufgeführt. Schon 1887 wurde der Bau eines Festspielhauses für 1500 Personen geplant, welcher erst 1925 realisiert wurde. 1960 wurden die Salzburger Festspiele in ein neues großes Festspielhaus verlegt. Unter dem von dem Dichter Hugo von Hofmannsthal um 1918 entwickelte Leitmotiv, „Europa aus der Kunsttradition Frieden und Erneuerung zu bringen“, versucht die künstlerische Leitung seit jeher die Festspiele demgemäß umzusetzen.Kraus, Gottfried: Salzburger Festspiele zwischen Idee und Wirklichkeit. In: Kraus, Gottfried (Hrsg.): Musik in Österreich. Wien 1989, S. 345–357.

Open-Air-Festival

Das Open Air ist ein live dargebotenes musikalisches Großereignis unter freiem Himmel.

Der Begriff kommt aus dem Englischen und bedeutet frei übersetzt etwa „Freiluftveranstaltung“. Er bürgerte sich Ende der 1960er Jahre ein, als sich zunehmend große Menschenmassen, hauptsächlich Jugendliche, versammelten, um Pop- und Rockmusik zu hören.Christo Graff: Kulturmarketing. Open Air und populäre Musik. Wiesbaden 1995, S. 28.

Populäre Musik, Jugend und Massenkultur, sowie Fan- und Starkultur stehen oftmals eng im Zusammenhang mit Open-Air-Festivals.

Geschichte und Entstehung Die Geschichte des Open Air hat ihren Ursprung in Amerika und etabliert sich einige Jahre nach ihren ersten großen Erfolgen in Europa.Vgl. Koopmans, Folkert: Von Musikern, Machern & Mobiltoiletten. 40 Jahre Open Air Geschichte. Hamburg 2007. S. 16.

Das erste große und bekannte Festival war 1959 das 1. Newport Folk Festival. Es war eine Ergänzung des Newport Jazz Festivals. Dabei erweiterte sich zum ersten Mal die Bandbreite des Musikangebots auf verschiedene Stile, indem Jazz durch Blues und Folk ergänzt wurde. Die Besucherzahlen stiegen in den folgenden Jahren stetig. 1965 gab es bereits 80.000 Besucher. Zwar musste das Festival in verschiedenen Jahren ausgesetzt werden, weil die Organisationsstrukturen noch nicht sehr ausgereift waren und es immer wieder zu Zwischenfällen kam, aber insgesamt erfreute es sich von Jahr zu Jahr größerer Beliebtheit.Vgl. Graf, Christof: Kulturmarketing. Open Air und populäre Musik. Wiesbaden 1995. S. 60.

1967 fand das „Monterey International Pop Festival“ mit 200.000 Besuchern statt, welches ebenfalls eines der bedeutsamsten Festivals in der Entstehungsgeschichte ist. Inspiriert wurden die Veranstalter durch erfolgreiche Konzerte, die in den Clubs von San Francisco stattfanden. Das Festival war ein wichtiger Karriereschritt für Janis Joplin, Jimi Hendrix und The Who, die zu diesem Zeitpunkt kaum bekannt waren. Das „Monterey“ wurde durch seinen Erfolg zum Vorbild für weitere große Festivals. Im Laufe der Jahre erweiterte sich das Spektrum an Musikgenres, die auf den Festivals dargeboten wurden. Ein Beispiel dafür ist das „Miami Pop Festival“. Dort spielen an drei Tagen auf zwei Bühnen 34 Bands aus den Genres Rhythm & Blues, Rock, Pop, Folk und Jazz.Vgl. Koopmans, Folkert: Von Musikern, Machern & Mobiltoiletten. 40 Jahre Open Air Geschichte. Hamburg 2007. S. 12.

1969 erreichte die Festivaleuphorie in Amerika ihren Höhepunkt. In diesem Jahr fand auch das bis heute bekannteste Open-Air-Festival statt: das Woodstock-Festival. Damals spielten 32 Bands vor rund 500.000 Besuchern. Es wurde in Bethel, im Bundesstaat New York veranstaltet und wird häufig als Dreh- und Angelpunkt in der Festivalgeschichte verstanden.Vgl. Koopmans, Folkert: Von Musikern, Machern & Mobiltoiletten. 40 Jahre Open Air Geschichte. Hamburg 2007. S. 13. und Vgl. Graf, Christof: Kulturmarketing. Open Air und populäre Musik. Wiesbaden 1995. S. 64f.

Motiviert durch die Erfolge wurden weitere Festivals in ähnlichem Umfang geplant und durchgeführt. Doch die Organisationsstrukturen waren solchen Größenordnungen noch nicht gewachsen, und es kam immer wieder zu Fehlern, so auch bei dem 1969 in Kalifornien stattfindenden Altamont Free Concert. Diese hatten zur Folge, dass an einem Tag vier Menschen zu Tode kommen. Insgesamt ebbte die Festivalwelle dennoch nicht ab und erreicht zu diesem Zeitpunkt Europa.

Das Tor nach Europa war für die Open-Air-Festivals England. Zweifelsfrei sind hier Parallelen zur Entwicklung der populären Musik selbst zu finden.Vgl. Schmidt, Doreen: Rockfestivals in Deutschland. Bestandsaufnahme und Entwicklung von Rockmusik und Festivals. Saarbrücken 2007. In dem Kapitel „Entwicklung der Rockmusik“ (S. 5 ff.) wird auf Gemeinsamkeiten und Zusammenhänge in der Entwicklung der Rockmusik der USA und Großbritannien eingegangen. Seit Ende der 1960er Jahre finden Open-Air-Festivals in Europa statt. Unter anderen unbekannteren Festivals wurde 1968 erstmals das Isle of Wight Festival veranstaltet, das bis heute ein großer Erfolg ist.aktuelle Informationen sind unter www.isleofwightfestival.com zu finden. Im zweiten Jahr zog das Festival eine Besuchermenge von ca. 120.000 bis 150.000 Besucher an und wurde als das Woodstock Europas bezeichnet. 1970 waren es bereits 600.000 Zuschauer, und auch das musikalische Programm stand mit den vorangegangenen Festivals aus Amerika auf Augenhöhe. Es folgten Erfolgsmodelle wie das Reading Festival und das Glastonbury Festival. Ausgehend von Großbritannien weitete sich das Open-Air-Format über den Rest Europas aus. 1965 erreichte es Deutschland.

Open-Air-Festivals in Deutschland mini|UB40 Rock am Ring 1987 Die ersten Open-Air-Veranstaltungen in Deutschland waren wenig erfolgreich. 1965 fand ein Rolling-Stones-Konzert auf der Berliner Waldbühne statt. Die Organisation war aufgrund der jungen Erfahrungen sehr unausgereift, sodass das Konzert in einem Desaster endete. Eine ähnliche Katastrophe ereignete sich 1970 auf Fehmarn.Vgl. Brigitte Tast, Hans-Jürgen Tast: Fehmarn - Das Regen-Festival. Geschichten und Mythen um ein Medien-Ereignis. Kulleraugen - Visuelle Kommunikation Nr. 41, Schellerten 2012, ISBN 978-3-88842-041-2. Bei dem Love-and-Peace-Festival kam es zu Gewaltausbrüchen, und es entstand ein hoher finanzieller Schaden. Das führte dazu, dass man zunächst mit Vorsicht an das Open-Air-Format herantrat. Das „Scheeßel“-Festival war eines von wenigen, das immer neue Anläufe wagte. Obschon diese zunächst wenig gewinnbringend waren, versuchten die Veranstalter, Festivals dauerhaft in Deutschland zu etablieren.Vgl. Christof Graf: Kulturmarketing. Open Air und populäre Musik. Wiesbaden 1995, S. 110.

Ende der 1970er brachte der Konzertveranstalter Fritz Rau Erfahrungen mit Organisationsstrukturen aus Amerika nach Deutschland. Das kurbelte den deutschen Festivalmarkt an, sodass 1977 bereits zahlreiche Open Airs stattfanden. Fritz Rau organisierte zusammen mit Michael Scheller einige erfolgreiche Festivals, die sowohl musikalisch wertvoll, als auch finanziell rentabel waren.Vgl. Graf, Christof: Kulturmarketing. Open Air und populäre Musik. Wiesbaden 1995. S. 109. 1980 fand das erste Open Air am Nürburgring statt. Das Musikprogramm bestand vorwiegend aus der Alternativ-, Underground-, Deutsch- und Independent-Rockszene.Vgl. Graf, Christof: Kulturmarketing. Open Air und populäre Musik. Wiesbaden 1995. S. 129.