mini|Otto Ambros während der Nürnberger Prozesse Otto Ambros (* 19. Mai 1901 in Weiden in der Oberpfalz; † 23. Juli 1990 in St. Georgen im Schwarzwald) war ein deutscher Chemiker, verurteilter Kriegsverbrecher und Wehrwirtschaftsführer. Letzteres kennzeichnet seine maßgebliche Rolle in der Zusammenarbeit von NS-Staat und I.G. Farben. Ambros war katholisch, verheiratet und hatte zwei Kinder.Nürnberg War Crimes Trials, Case VI, roll 61, O. A. Document No. 114: Eidesstattliche Erklärung von Joseph Bauer, Prälat und Ehrendomherr, am 17. Januar 1948.
Leben Ambros, Sohn des Oberstudiendirektors Carl Ambros und dessen Ehefrau Elsa, beendete seine Schullaufbahn 1920 mit dem Abitur an der Oberrealschule München.Hermann Weiß (Hrsg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich. 1998, S. 22. Siehe auch Bild Einwanderungskarte nach Brasilien von 1952.Nürnberg War Crime Trials, Case VI, roll 17, NI-8005 Erklärung unter Eid von Otto Ambros (Lebenslauf). Ab 1919 war er Zeitfreiwilliger bei einem Freikorps.Wollheim Memorial – Biografie Otto Ambros Ab 1920 studierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität München Chemie.Hörner: Die in Auschwitz sterben mussten..., S. 199. An der Technischen Hochschule in München war er für drei Semester (Winterhalbjahr 1920/21 bis Winter-Halbjahr 1921/22) Hospitant in der landwirtschaftlichen Abteilung.Technische Hochschule in München: Berichte zum Personalstand mit namentlicher Nennung der Studierenden (Download von https://mediatum.ub.tum.de/1482394, https://mediatum.ub.tum.de/1483143 und https://mediatum.ub.tum.de/1483144 am 7. November 2024). 1921 wurde er Mitglied des Corps Suevia München.Kösener Corpslisten 1996, 159/1975 Mit einer Doktorarbeit beim Nobelpreisträger Richard Willstätter über ein Thema aus der Fermentchemie wurde er 1925 zum Dr. phil. (magna cum laude) promoviert.Dissertation: Über die Einheitlichkeit oder Komplexnatur pflanzlicher Proteasen. Über die proteolytische Wirkung des Kürbissaftes (Cucurbita Pepo).
Erste Berufstätigkeit bei der BASF Ab 1. April 1926 war er bei der BASF im neu gegründeten Biolabor des Werkes Oppau mit biochemischen Studien der Ferment- und Vitamin-Forschung tätigNürnberg War Crimes Trials, Case VI, roll 61, O. A. Document No. 101: Eidesstattliche Erklärung von Otto Ambros am 12. Januar 1948 (Lebenslauf). und anschließend mit der Chemie des Kautschuks und der Harze befasst. 1930 verbrachte er einen einjährigen Studienaufenthalt in Sumatra, Malakka und Ceylon.Hörner: Die in Auschwitz sterben mussten..., S. 178. In Sumatra arbeitete er ein halbes Jahr in den Laboratorien der Rubber Cultuur Maatschappij Amsterdam (Acomo N.V) unter Ernst Fickendey. Ziele dieser von Carl Bosch befürworteten Reise waren, die Gewinnung des natürlichen Kautschuks vor Ort zu studieren und Informationen zu den Erzeugungskosten des natürlichen Kautschuks im Wettbewerb zum synthetischen Kautschuk zu sammeln.Nürnberg War Crimes Trials, Case VI, roll 61, O. A. Document No. 110: Eidesstattliche Erklärung von Hermann Bücher.
Karriere innerhalb der I.G. Farben Nach seiner Rückkehr arbeitete Ambros in verschiedenen I.G.-Werken, um seine Kenntnisse auf dem Farben- und Zwischenproduktgebiet zu erweitern. 1934 erhielt er Gesamtprokura für die I.G. Farben in Frankfurt und die Zweigniederlassungen in Ludwigshafen, Leverkusen, Uerdingen und Bitterfeld.Reichsanzeiger 1934, Nr. 150 S. 10, Nr. 188 S. 10, Nr. 192 S. 7, Nr. 195 S. 10, Nr. 212 S. 6 und Nr. 228 S. 8.
1935 übernahm Ambros als Chemiker die Verantwortung für die Entwicklung der Buna-Synthese und den Aufbau des ersten Buna-Werks der I.G. Farben in Schkopau. Die Grundsteinlegung fand am 24. April 1936 statt. Im Februar 1937 wurde Ambros zum stellvertretenden Geschäftsführer der neugegründeten Gesellschaft Bunawerke GmbH mit Sitz in Merseburg ernannt.Reichsanzeiger 1937 Nr. 64, S. 1. Der Gesellschaftsvertrag wurde am 15. Februar 1937 errichtet. Von 1937 bis Mai 1939 war Ambros Betriebsführer des Buna-Werks gemäß dem Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit.
1938 begann der Aufbau des zweiten Buna-Werks in Hüls, das 1940 in Betrieb ging. Ambros wurde von Mai bis November 1938 zum Geschäftsführer bestellt und anschließend in den Aufsichtsrat der Chemische Werke Hüls GmbH berufen, einer gemeinsamen Gesellschaft von I.G. Farben und Bergwerksgesellschaft Hibernia AG.
Zu Beginn des Jahres 1938 erfolgte zunächst Ambros’ Bestellung zum stellvertretenden Vorstandsmitglied und schon Mitte 1938 zum Vorstandsmitglied der I.G. Farben in Frankfurt und der Zweigniederlassungen in Frankfurt (Farbwerke vormals Meister Lucius & Brüning und Leopold Cassella & Co.), Wuppertal-Elberfeld (Bayer), Ludwigshafen (BASF), Leverkusen (Bayer), Berlin (Agfa), Bitterfeld (Chemische Fabrik Griesheim-Elektron) und Krefeld-Uerdingen (Chemische Fabriken vorm. Weiler ter Meer).Reichsanzeiger 1938 Nr. 24 S. 9 und Nr. 163 S. 12. Im gleichen Jahr übernahm Ambros die Leitung aller Betriebe der organischen Chemie im Werk Ludwigshafen und wurde Mitglied im Aufsichtsrat der Chem. Werke Hüls GmbH in Marl.
Von 1938 bis zum Kriegsende 1945 war Ambros Mitglied im Technischen Ausschuss (TEA) der I.G. Farben. Er beriet Carl Krauch ab 1940 bei der Erstellung des Vierjahresplans als Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung. Am 18. Oktober 1938 wurde er Mitglied im Chemikalien-Ausschuss und am 14. März 1940 Vorsitzender der Kommission für Waschrohstoffe. 1940 wurde Ambros zum Geschäftsführer der Luranil Bau GmbH bestellt.
Kampfstoffe Ambros war federführend beteiligt an der großtechnischen Herstellung der chemischen Kampfstoffe Sarin und Tabun, die von Gerhard Schrader entdeckt worden waren.R. Harris, J. Paxman: Eine höhere Form des Tötens. Die geheime Geschichte der B- und C-Waffen. Econ, Düsseldorf 1983, ISBN 978-3-430-14052-2, S. 75.
Im Juli 1942 wurde beim Rüstungslieferungsamt die „Arbeitsgruppe K“ für die kriegswichtige Fertigung von Kampfstoffen eingerichtet, die später unter der Bezeichnung „Sonderausschuss C“ fortgeführt wurde.BArch R3/1505: Besprechungspunkte aus der Führer-Besprechung vom 23./24./25. Juli 1942, Pkt. 26. Otto Ambros wurde zu ihrem Leiter ernannt.BArch R3/1894 Bl. 27. Der Chemiker Jürgen von Klenck war sein Stellvertreter.Teichmann, S. 48. Der Sonderausschuss C war ebenso wie die Sonderausschüsse Pulver und Sprengstoff ab Herbst 1942 in den neugegründeten Hauptausschuss Pulver und Sprengstoffe (Leitung: Generaldirektor Otto Sarrazin, Vorstand der WASAG und der WASAG Chemie) eingegliedert.BArch R3/1417 Bl. 8 Vortragstext und R3/1414 Bild B.1 aus: Vortragsreihe über Arbeiten des Hauptausschusses Pulver und Sprengstoff beim Reichsminister für Bewaffnung und Munition. Arbeitstagung am 17. März 1943 in Berlin. Der Sonderausschuss C koordinierte die drei zugeordneten Ausschüsse zu den Arbeitsgebieten Kampfstoffe (Leitung: Otto Ambros/Ludwigshafen), Nebelstoffe (Leitung: Carl Wurster/Ludwigshafen) und Aktivkohlen (Leitung: Niemann/Leverkusen).BArch R3/1414 Bl. 27 Vortragstext aus: Vortragsreihe über Arbeiten des Hauptausschusses Pulver und Sprengstoff beim Reichsminister für Bewaffnung und Munition. Arbeitstagung am 17. März 1943 in Berlin. Aufgabe des Sonderausschusses C war, jeweils bis zum 15. eines Monats die Produktionsentwicklung der Kampfstoffe zu überprüfen und alles Erforderliche zur Produktionssicherung zu unternehmen.BArch R3/1505: Besprechungspunkte aus der Führer-Besprechung vom 23./24./25. Juli 1942, Pkt. 26. Produziert werden sollten die neu entwickelten Kampfstoffe Tabun am Standort Dyhernfurth und Sarin an den Standorten Dyhernfurt und Falkenhagen sowie zahlreiche schon im Ersten Weltkrieg eingesetzten Kampfstoffe, insbesondere Lost am Standort Gendorf.Otto Ambros: Die Deutsche Kampfstoff-Produktion. Bericht des Sonderausschusses C am 1. Februar 1944. BArch R3/1894, Bl. 25.
Als Wehrwirtschaftsführer für „Chemische Kampfstoffe“ erläuterte Ambros Mitte Mai 1943 im Führerhauptquartier Adolf Hitler persönlich die Auswirkungen der Nervengase Sarin und Tabun.Otto Ambros: Die Lage auf dem Kampfstoffgebiet. Auszug aus Vortrag im Führerhauptquartier am 15. Mai 1943. BArch R3/1894, Bl. 27 ff. Fehlende oder zu geringe Materialzuteilungen verzögerten allerdings regelmäßig den Neubau und die Kapazitätserweiterung von bestehenden Produktionsanlagen. Fachpersonal für Montage und Betrieb der Produktionsanlagen fehlte an allen Standorten.Otto Ambros: Die Deutsche Kampfstoff-Produktion. Bericht des Sonderausschusses C am 1. Februar 1944. BArch R3/1894, Bl. 23; Beispiel Falkenhagen: Teichmann, S. 57 ff. Anlagen zur Vorproduktherstellung waren in den Kriegsjahren durch gegnerische Luftangriffe beschädigt worden, sodass ein Mangel an für die Kampfstoffproduktion notwendigen Vorprodukten (Toluol, Methanol, Natriumcyanid, Äthylenoxid u. a.) entstand, der zu einer Einschränkung der Produktion von Tabun und Lost zugunsten der Herstellung von Pulver und Sprengstoffen zwang.BArch R3/1894, Bl. 27 ff.: Schreiben von Reichsminister Speer an Generalfeldmarschall Keitel vom 10. November 1944 zur Vorproduktenlage bei der Kampfstofferzeugung.
Otto Ambros und der Hauptleiter der Zentralbuchhaltung der I.G. Farben, Paul Dencker,Bernd C. Wagner: Band 3 IG Auschwitz. 2000: Verlag K. G. Saur, S. 32. waren seit 1941 Geschäftsführer der Anorgana GmbH, der Tochtergesellschaft der I.G. Farben, die in ihren von der I.G. Farben ausgelagerten Betriebsstätten in Gendorf (Oberbayern) und Dyhernfurth (Schlesien) die Kampfstoffe Direkt-Lost, Tabun und Sarin herstellen sollte.Chemische Apparatur, Band 28/1941, S. 176. Die Versuchsanlage für Sarin in Dyhernfurth (Sarin I) mit einer Leistung von 100 Monatstonnen war am 1. Februar 1944 zu 70 % fertiggestellt und sollte zum 1. Januar 1945 in Betrieb gehen.BArch R3/1894: Bericht „Die deutsche Kampfstoffproduktion“, S. 6. und Anlage. Für den Betrieb der Sarin-Anlage am Standort Falkenhagen (Mark) (Sarin II) mit einer Leistung von 500 Monatstonnen wurde am 3. September 1943 die Turon GmbH als gemeinsame Gesellschaft von I.G. Farben und Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie GmbH mit jeweils 50 % Gesellschaftsanteilen gegründet. Auch bei dieser Gesellschaft war Ambros als einer der Geschäftsführer tätig. Die Turon GmbH wurde im April 1944 in Monturon GmbH umbenannt, da befürchtet wurde, dass Post mit Unterlagen, die der Geheimhaltung unterliegen, an die 1935 gegründete, namensgleiche Gesellschaft Turon Gesellschaft für pharmazeutische Präparate mbH mit Sitz in Frankfurt zugestellt werden könnte.Reichsanzeiger 1935, Nr. 128, S. 14: Veröffentlichung im Handelsregister Frankfurt, Main: B5376 Turon Gesellschaft für pharmazeutische Präparate mbH. Die Turon beantragte 1943 die Befreiung von einzelnen handelsrechtlichen Vorschriften aus Gründung der Geheimhaltung, sodass zu dieser Gesellschaft und auch zur Monturon GmbH keine Veröffentlichungen in öffentlichen Anzeigern zu finden sind.TNA FO 1031/179 Bl. 90: Schreiben der IG Farben an die Rüstungsinspektion (Wiesbaden), Betr.: Gründung der Turon GmbH. Befreiung von der Einhaltung handelsrechtlicher Vorschriften, 27. Okt. 1943.
Sarin I und Sarin II gingen bis Kriegsende nicht in Betrieb.Umweltbundesamt: Bestandsaufnahme von Rüstungsaltlastverdachtsstandorten. Texte 27/96, Band 3: Kampfstofflexikon, S. 170. Über eine Versuchseinrichtung in Schwansee bei Frankfurt/Oder liegen keine weiteren Angaben vor. Bis Kriegsende war daher die Versuchsanlage in Heidkrug bei Munster die einzige Produktionsanlage für Sarin mit einer theoretischen Monatsleistung von 40 Tonnen Sarin. Ein nennenswerter Vorrat an Sarin wurde bis Kriegsende nicht aufgebaut.BArch R3/1894: Bericht des Sonderausschusses C „Die Lage auf dem Kampfstoffgebiet“ vom 20. März 1944, Tabelle im Anhang.
Buna