mini|Vorklinischer Medizinstudent an der Kaiser-Wilhelms-Akademie (1910) Als Studium der Medizin oder Medizinstudium wird die wissenschaftliche und praktische Ausbildung von Ärzten bezeichnet. Ähnlich wie in anderen Studiengängen werden die wissenschaftlichen Grundlagen mit berufspraktischen Anteilen verknüpft.
Für die Tätigkeit als Arzt ist in Deutschland nach dem Studium die Approbation erforderlich, die direkt nach dem erfolgreichen Abschluss des Studiums ausgefertigt werden kann. In der Schweiz, die zum Bologna-System mit Bachelor und Master auch in der Medizin übergegangen ist, entspricht diesem die eidgenössische Prüfung Human-/Zahnmedizin.
Danach kann eine Weiterbildung absolviert werden, bei der man sich auf ein Fachgebiet der Medizin (Allgemeinmedizin, Chirurgie usw.) spezialisiert und den Facharzttitel erwirbt. Früher war ohne diese Spezialisierung und zeitweise auch ohne Weiterbildung eine Niederlassung als Praktischer Arzt möglich – heute erfordert die Zulassung als Vertragsarzt auch in diesen Fällen eine Facharztweiterbildung.
Geschichte Das Medizinstudium hat eine lange Tradition. Es erhielt in der Antike zum ersten Mal eine formale Definition, bekannt vor allem durch den Eid des Hippokrates und seine Lehre. Im Mittelalter wurden die ersten Grundlagen der medizinischen Ausbildungsstätten an Universitäten geschaffen.Karl Sudhoff: Medizinischer Unterricht und seine Lehrbehelfe im frühen Mittelalter. In: Archiv für Geschichte der Medizin. Band 21, 1929, S. 28–37.Gerhard Baader: Die Anfänge der medizinischen Ausbildung im Abendland bis 1100. In: La scuola nell’ociddente latino dell’altpo medioevo, Spoleto 1972, S. 669–718 und 725–742. Prototyp moderner medizinischer Hochschulen war die im 10. Jahrhundert entstandene Schule von Salerno, welche im 13. Jahrhundert unter Friedrich II. verbindliche und anerkannte Statuten zur Ausbildung von Ärzten erhalten hatte. Deren Regelungen wurden 1241 erweitert und seither hatte ein Medizinstudent, für den auch eine Ausbildung in philosophischen Fächern wie der Logik vorgeschrieben war,August Buck: Die Medizin im Verständnis des Renaissancehumanismus. In: Deutsche Forschungsgemeinschaft: Humanismus und Medizin. Hrsg. von Rudolf Schmitz und Gundolf Keil, Acta humaniora der Verlag Chemie GmbH, Weinheim 1984 (= Mitteilung der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 181–198, hier: S. 185. vor den Lehrern der zuweilen als erste Universität bezeichneten Schule und Vertretern des Königs öffentliche Prüfungen zu bestehen, die nach Zulassung durch König zur Ausübung der Tätigkeit als Arzt in einer bestimmten Region berechtigten.Paul Oskar Kristeller: The School of Salerno. In: Bulletin of the History of Medicine. Band 17, 1945, S. 157–162, hier: S. 169–175. Johanna I. verfügte dann 1359, dass jeder in Salerno geprüfte Arzt auch ohne königliche Zulassung im ganzen Königreich Neapel praktizieren durfte. Auch das Medizinstudium an den Universitäten von Padua (ab 1222) und Bologna (seit dem 12. Jahrhundert) war eng verbunden mit dem Studium der Philosophie. Die Studenten hatten neben den Werken von Hippokrates und Galen auch die Naturphilosophie (physica, woraus später „Physik“ wurde) anhand der Schriften von Aristoteles zu begreifen, woraus die Bezeichnung physicus für den medizinisch ausgebildeten Lehrer (Doktor) aufkam (vgl. englisch physician).August Buck: Die Medizin im Verständnis des Renaissancehumanismus. 1984, S. 185. An der Pariser Universität gab es seit der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine medizinische Fakultät.Vgl. Gerhard Baader: Arzt. Der universität gebildete Arzt des hohen und späten Mittelalters. In: Lexikon des Mittelalters. Band 1, Sp. 1098–1099. Im deutschsprachigen bzw. mitteleuropäischen Raum existieren seit der Gründung der Karls-Universität in Prag im Jahr 1348 Universitäten, an denen von Beginn an auch das Studium der Medizin angeboten wurde.Vivian Nutton: Medicine at the German universities, 1348–1500; a preliminary sketch. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 16, 1997, S. 173–190. Weitere frühe medizinische Fakultäten waren unter anderem in Neapel (1224), Paris (um 1200), Oxford (13. Jahrhundert), Wien (1365), Heidelberg (1385) und Leipzig (1409) entstanden. Ein theoretisches Examen zur Lizenz als Abschluss des vier bis fünf Jahre dauernden medizinischen Studiums, welches von der Bakkalaureatsprüfung unterbrochen war, wurde am Ende des Mittelalters allgemein eingeführt.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 19–20.
Heute ist Ziel der ärztlichen Ausbildung . Hierzu gehört auch die Selbstreflexion.Pascal O. Berberat: Medizinstudium: Selbstreflexion als Ausbildungsziel. In: Deutsches Ärzteblatt. Band 107, 2010, S. A-1879.
Rechtliches In den Mitgliedsländern der Europäischen Union muss die ärztliche Grundausbildung nach Richtlinie 2005/36/EG des Europäischen Parlaments und des Rates mindestens sechs Jahre und 5.500 Stunden theoretischen und praktischen Unterricht an einer Universität oder unter Aufsicht einer Universität umfassen. Pressemitteilung der Bundesärztekammer vom 12. November 2010.
Bei einem im Rahmen des Bologna-Prozesses als Bachelor- und Masterstudiengang strukturierten Studium erlaubt nur der Masterabschluss die Ausübung des Arztberufs in allen Staaten der Europäischen Union.Westfalen-Lippe: Windhorst: Medizinisches „Schnell-Studium“ führt zu Qualitätsverlust in der Versorgung. Pressemitteilung Bundesärztekammer vom 17. November 2010 Der Bachelor of Science soll dann für medizinnahe Berufsbereiche qualifizieren, nicht jedoch für eine ärztliche Tätigkeit.Wissenschaftsrat ebnet Weg für Gründung einer neuen Universitätsmedizin in Oldenburg. Pressemitteilung des Wissenschaftsrates vom 15. November 2010 Zu welchen Tätigkeiten der Bachelor-Abschluss genau berechtigen soll, ist bislang ungeklärt.Christian Beneker: Bachelor und Master in der Medizin – schon ein Modellversuch mobilisiert Widerstand. Ärzte Zeitung vom 11. Januar 2010 Bis 2007 hatten nur wenige der Länder, die sich der Bologna-Erklärung angeschlossen haben, einen Bachelor/Master-Studiengang in der Humanmedizin eingeführt. Sieben Länder, die Schweiz, Dänemark, die Niederlande, Belgien, Island, Armenien und Portugal, haben ihren medizinischen Fakultäten eine solche Umstrukturierung verbindlich vorgeschrieben. Vier Staaten überlassen die Entscheidung ihren Universitäten. 19 Länder haben ihren Universitäten die Umsetzung hingegen ausdrücklich untersagt, darunter viele osteuropäische Staaten, aber auch Italien und Spanien. Elf Länder hatten bis 2007 noch keine abschließende Entscheidung getroffen. Zu diesen zählt nach einer Studie der Association for Medical Education in Europe (AMEE) auch Deutschland.
Die International Federation of Medical Students’ Associations (IFMSA), die European Medical Students’ Association (EMSA) und Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) befürworten die europaweite Einführung eines Bachelor/Master-Studiengangs in der Humanmedizin. Die Vereinigungen sehen jedoch neben den Chancen, die sich daraus bieten, auch Risiken. Zur Abgrenzung zu anderen Fächern fordern sie u. a. die Einführung eines Bachelor of Medicine und Master of Medicine.The Bologna Process in Medical Education beyond 2010. IFMSA Policy Statement 2009 bvmd.de (PDF; 323 kB).Die Bachelor/Master-Struktur in der Medizin – Die Perspektive der Medizinstudierenden. bvmd 2007 bvmd.de (PDF; 695 kB).
Medizinstudium in Deutschland Das Medizinstudium ist durch die Approbationsordnung für Ärzte (ÄAppO) bundeseinheitlich geregelt. Zugangsvoraussetzung ist die Allgemeine Hochschulreife oder ein entsprechend anrechenbarer Schul- oder Berufsausbildungsabschluss.
Nach der Approbationsordnung von 2002 soll die Ausbildung
Die Regelstudienzeit beträgt 12 Semester und 3 Monate. Die durchschnittliche Studiendauer im Jahr 2003 an deutschen Universitäten betrug 12,9 Semester.Entwicklung der Fachstudiendauer an Universitäten von 1999 bis 2003, Wissenschaftsrat Drs. 6825/05, 29. August 2005, S. 100.
Das Studium ist im Regelstudiengang in zwei Abschnitte geteilt: Vorklinischer Teil (erstes bis viertes Semester), an dessen Ende der erste Abschnitt der ärztlichen Prüfung (frühere Bezeichnungen: Ärztliche Vorprüfung, Physikum) steht, und einen klinischen Teil (fünftes bis zwölftes Semester). Er schließt im letzten Studienjahr eine zusammenhängende praktische Ausbildung (Praktisches Jahr, PJ) von 48 Wochen ein. Der zweite Abschnitt der ärztlichen Prüfung (schriftlich) findet vor dem Praktischen Jahr, der dritte und letzte Abschnitt (mündlich-praktisch) nach dem Praktischen Jahr statt.
Danach kann die staatliche Zulassung (Approbation) zur Berufsausübung als Arzt beantragt werden.
Die Gesamtzahl der Medizinstudenten in Deutschland lag 1975 bei 43.368, stieg bis 1992 auf 93.198, lag in den Folgejahren wieder niedriger und stieg danach von 78.545 im Jahr 2007 kontinuierlich bis auf 105.275 im Jahr 2021.
Etwa jeder zwölfte deutsche Medizinstudierende studierte (zwischen 2020 und 2024) im Ausland (vor allem Österreich und Ungarn, aber auch Polen, Tschechien, Großbritannien und Litauen) Medizin.Medizinstudium. Jeder Zwölfte studiert im Ausland. In: Deutsches Ärzteblatt. Jahrgang 121, Heft 7, 5. April 2024, S. B 396.
Zulassung zum Studium Es besteht eine bundesweite Zulassungsbeschränkung (Numerus clausus), da sich jedes Semester deutlich mehr Bewerber für das Medizinstudium bewerben, als die Hochschulen aufnehmen können. Die meisten Hochschulen nehmen nur zum Wintersemester neue Studenten auf, einige jedoch auch zum Sommersemester.
Zum Wintersemester 2020/21 bewarben sich fast 50.000 Abiturienten auf einen der 9660 Studienplätze an den 38 staatlichen Hochschulen, was 5,2 Bewerbern pro Platz entsprach. Für einen Studienplatz über die Abiturbestenquote war zu diesem Zeitpunkt eine Abiturnote von 1,0 oder 1,1 notwendig.hochschulstart.de: Daten der bundesweit zulassungsbeschränkten Studiengänge an Hochschulen
In den Jahren 1986 bis 1996 wurde einheitlich der Test für Medizinische Studiengänge (TMS, „Medizinertest“) zur Auswahl der Bewerber eingesetzt. Zwischenzeitlich akzeptierten ihn nur einige Universitäten, mit der Reform der Zulassungskriterien zum Sommersemester 2020 wurde er an den meisten medizinischen Fakultäten in Deutschland wieder eingeführt, nur die Universitäten Hamburg und Magdeburg nutzen mit dem HAM-Nat einen eigenen Test.
Seit der Reform 2020, die aufgrund eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts notwendig wurde, werden 30 % (vorher 20 %) der verfügbaren Plätze von der Stiftung für Hochschulzulassung (SfH) nach Abschneiden im Abitur vergeben („Abiturbestenquote“). Hierbei wird seit 2020 nicht mehr die Durchschnittsnote, sondern die erreichte Punktzahl als primäres Kriterium herangezogen und über einen komplizierten Ausgleichsmechanismus werden die Abiturprüfungen des föderalen Bildungssystems vergleichbarer gemacht.
Die bis zur Reform einberechnete Wartezeit, nach der 20 % der Studienplätze verteilt wurden, wird nach einer Übergangsfrist ab dem Sommersemester 2022 nicht mehr berücksichtigt, eine Zulassung hierüber ist dementsprechend unabhängig von der Höhe der Wartezeit nicht mehr möglich. Die Wartezeit betrug zuletzt mindestens 14 Semester. Anstelle der Wartezeit ist die sogenannte Zusätzliche Eignungsquote (ZEQ) getreten, in der die Durchschnittsnote der Hochschulzugangsberechtigung keine Rolle spielen darf. Über sie werden 10 % der Studienplätze vergeben. Die Kriterien legen die Hochschulen individuell fest, beispielsweise können dies ein Ergebnis aus dem TMS, eine Berufsausbildung oder ein Auswahlgespräch sein.