Unter Bedürfnis versteht man in der Alltagssprache Verlangen, Wunsch, Ansprüche („wachsende Bedürfnisse“) oder etwas zum Leben Notwendiges, meist Materielles.Bedürfnis, das Eintrag auf der Webseite dwds.de. Abgerufen am 8. März 2021.Bedürfnis, das Eintrag auf der Webseite duden.de. Abgerufen am 8. März 2021. In der Psychologie wird Bedürfnis oft definiert als „Zustand oder Erleben eines Mangels, verbunden mit dem Wunsch, ihn zu beheben“Bedürfnis Eintrag auf der Webseite dorsch.hogrefe.com. Abgerufen am 8. März 2021. oder als das Verlangen oder der Wunsch, einem empfundenen oder tatsächlichen Mangel Abhilfe zu schaffen.Bedürfnis Eintrag auf der Webseite enzyklo.de. Abgerufen am 8. März 2021. Dieser allgemeine psychologische Begriff, dem die Termini Motiv und Motivation sinnverwandt sind, ist Bezugspunkt der Darstellung und ist den wirtschaftswissenschaftlichen, philosophischen oder anderen Verwendungen des Begriffs verwandt.
Begriffliche Unterscheidungen In Abhängigkeit vom historischen und wissenschaftlichen Kontext (Philosophie, Ökonomie, Psychologie) gab und gibt es unterschiedliche sprachliche Bezeichnungen für jene Vorstellungen, die mit dem Begriff „Bedürfnis“ verbunden werden. Einige dieser Benennungen lassen sich synonym verwenden, beziehen sich also auf denselben Begriff; andere verweisen auf Begriffe, die dem des Bedürfnisses ähneln, mit ihm aber nicht identisch sind: Neigung: Übersetzung des lateinischen inclinatio naturalis,K.-H. Nusser, W. Schirmacher: Neigung. In: J. Ritter, K. Gründer (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Schwabe, Basel 1984 (online). ein Ausdruck, den etwa Thomas von Aquin im Zusammenhang mit seiner Naturrechtslehre verwendet. Die Vernunft fasse „alle jene Dinge, zu welchen der Mensch eine Hinneigung in seiner Natur selber hat, als Gut auf und als erstrebenswert“.T. v. Aquin: Summa theologiae (I-II, 94, 2). In: G. Emmenegger (Hrsg.): Bibliothek der Kirchenväter. 2022 (online). Trieb: Diese stark durch Sigmund Freud geprägte Bezeichnung wird von gegenwärtigen Psychologen in enge Beziehung zu den Ausdrücken „Bedürfnis“ und „Motivation“ gesetzt.J. Beckmann, H. Heckhausen: Situative Determinanten des Verhaltens. In: J. Heckhausen, H. Heckhausen (Hrsg.): Motivation und Handeln. 4. Auflage. Springer, Berlin 2010, S. 76ff.J. Kuhl: Individuelle Unterschiede in der Selbststeuerung. In: J. Heckhausen, H. Heckhausen (Hrsg.): Motivation und Handeln. 4. Auflage. Springer, Berlin 2010, S. 339. Zuweilen finden sich auch Aussagen wie die, dass Triebe Bedürfnissen „entspringen“ bzw. aus ihnen „resultieren“.V. Brandstätter, J. Schüler, R. M. Puca, L. Lozo: Motivation und Emotion. Springer, Berlin 2013, S. 11. Instinkt: Während der Anfangszeit angelsächsischer Motivationsforschung versuchte William McDougall, menschliche Bedürfnisse mithilfe einer Auflistung von Instinkten zu systematisieren. Seine Definition des Instinktbegriffs umfasst drei verschiedene Prozesse – eine Disposition zur selektiven Wahrnehmung in Abhängigkeit vom Zustand des Organismus, einen emotionalen Impuls und instrumentelle Aktivitäten zur Zielerreichung.W. McDougall: An Introduction to Social Psychology. 6. Auflage. John W. Luce & Co., Boston 1912, S. 29, 45ff. (online).D. Scheffer, H. Heckhausen: Eigenschaftstheorien der Motivation. In: J. Heckhausen, H. Heckhausen (Hrsg.): Motivation und Handeln. 4. Auflage. Springer, Berlin 2010, S. 53. Durch Ethologen wie Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen wurde der Begriff „Instinkt“ später auf ererbte Bewegungskoordinationen begrenzt.H. Heckhausen: Entwicklungslinien der Motivationsforschung. In: J. Heckhausen, H. Heckhausen (Hrsg.): Motivation und Handeln. 4. Auflage. Springer, Berlin 2010, S. 20. Bedürfnis (need): Henry Murray machte needs zum Mittelpunkt des motivationspsychologischen Begriffssystems. Die Wechselwirkung zwischen dem Bedürfnis und den sich in der Umwelt bietenden Handlungsgelegenheiten (press) nannte er „Thema“.D. Scheffer, H. Heckhausen: Eigenschaftstheorien der Motivation. In: J. Heckhausen, H. Heckhausen (Hrsg.): Motivation und Handeln. 4. Auflage. Springer, Berlin 2010, S. 54f.V. Brandstätter, J. Schüler, R. M. Puca, L. Lozo: Motivation und Emotion. Springer, Berlin 2013, S. 20. Für die Wirtschaftswissenschaften sind nur jene Bedürfnisse von Bedeutung, die von wirtschaftlichen Gütern befriedigt werden. Ein Bedürfnis, das auf konkrete Objekte bezogen ist, wird als Bedarf bezeichnet. Sind mit einem Bedarf entsprechende finanzielle Ressourcen verbunden, spricht man von Nachfrage.U. Blum: Grundlagen der Volkswirtschaftslehre. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2016, S. 7.B. Weitz, A. Eckstein: VWL Grundwissen. 3. Auflage. Haufe Lexware Verlag, Freiburg 2013, S. 10–11. Motiv: In der psychologischen Terminologie gibt es eine enge Verwandtschaft zwischen den Begriffen „Bedürfnis“ und „Motiv“. Julius Kuhl definiert Bedürfnisse als subkognitive und subaffektive Melder von Ist-Sollwert-Diskrepanzen, die den Kern entsprechender Motive ausmachen. Im Motiv ist das Bedürfnis in ein kognitiv-emotionales Netzwerk von Lebenserfahrungen eingebunden, das im jeweiligen Kontext angemessene Handlungsoptionen bereitstellt.J. Kuhl: Individuelle Unterschiede in der Selbststeuerung. In: J. Heckhausen, H. Heckhausen (Hrsg.): Motivation und Handeln. 4. Auflage. Springer, Berlin 2010, S. 339–342. Motivation: Während Motive relativ stabile Persönlichkeitseigenschaften (Dispositionen) darstellenU. Kleinbeck: Handlungsziele. In: J. Heckhausen, H. Heckhausen (Hrsg.): Motivation und Handeln. 4. Auflage. Springer, Berlin 2010, S. 301., versteht man unter „Motivation“ den veränderbaren Zustand einer Person. Die aktuell vorhandene Motivation, ein bestimmtes Ziel anzustreben, wird von personbezogenen (Motivdispositionen) und von situationsbezogenen Einflüssen (Anreizen) geprägt.J. Heckhausen, H. Heckhausen: Motivation und Handeln. Einführung und Überblick. In: J. Heckhausen, H. Heckhausen (Hrsg.): Motivation und Handeln. 4. Auflage. Springer, Berlin 2010, S. 3. Interesse: Garret Thomson führt den Begriff des „fundamentalen Bedürfnisses“ auf den des „Interesses“ zurück. Bei beiden handelt es sich um Dispositionen, die den Kern menschlicher Motivation ausmachen. Werden sie nicht befriedigt, erleidet eine Person schweren Schaden.G. Thomson: Fundamental Needs. In: S. Reader (Hrsg.): The Philosophy of Need. Cambridge University Press, Cambridge 2005, S. 175–186. Für Dietmar von der Pfordten hingegen stellen „Interessen“ bzw. „Belange“ abstrakte und umfassende Begriffe dar, die die konkreteren Begriffe der „Strebungen“, „Bedürfnisse“, „Wünsche“ und „Ziele“ einschließen.D. v. d. Pfordten: Normative Ethik. De Gruyter, Berlin / New York 2010, S. 57.
Abgrenzungen in den Wirtschaftswissenschaften In den Wirtschaftswissenschaften gibt es eine Abgrenzung der Kettenglieder Bedürfnis → Bedarf → Nachfrage. Bedürfnis ist Friedrich Benedikt Wilhelm von Hermann zufolge „das Gefühl eines Mangels mit dem Streben, ihn zu beseitigen“.Friedrich Benedict Wilhelm von Hermann, Staatswirtschaftliche Untersuchungen über Vermögen, Wirtschaft, Productivität, 1870, S. 5 f. Bedürfnisse können zum Kaufmotiv werden, wenn sie einen ausreichenden Grad an Kaufintensität entwickeln. Der Bedarf an Gütern ist „das Ergebnis der Konkretisierung und Spezifizierung von Bedürfnissen in den Wirtschaftsobjekten“.Gerhard Scherhorn, Bedürfnis und Bedarf, 1959, S. 89 Wird Bedarf mit Kaufkraft – also der Verfügbarkeit über Zahlungsmittel – verbunden und liegt eine entsprechende Zahlungsbereitschaft vor, entsteht hieraus die Güternachfrage.
Konsument, Kunde, Käufer und ihre Rollenpartner stehen sich folgendermaßen gegenüber:Kai-Uwe Hellmann, Der Konsum der Gesellschaft, 2019, S. 116
Marktteilnehmer Güternachfrage Marktteilnehmer Güterangebot Konsument Bedürfnis Hersteller Befriedigung Kunde Bedarf Personal Bedienung Käufer Nachfrage Verkäufer Angebot
Einteilung der Bedürfnisse Nach Materialität Im Hinblick auf die Materialität von Bedürfnissen wird unterschieden:Rainer Fischbach/Klaus Wollenberg, Volkswirtschaftslehre I: Einführung und Grundlagen, 2007, S. 15 ff. Materielle Bedürfnisse (wirtschaftliche Bedürfnisse) sind alle Bedürfnisse, bei denen als Gegenleistung Geld (Kauf oder Miete von Gütern oder Dienstleistungen) oder Gegenstände (Tausch) erbracht werden müssen. Sie werden auf dem Gütermarkt befriedigt. Kollektivbedürfnisse: Entstehen aus dem Zusammenleben in einer Gemeinschaft, wobei sie das Individuum nicht befriedigen kann, sondern nur die Kooperation der Individuen. Hierzu gehören Bildung, Daseinsvorsorge, Erholung, Forschung, Gesundheit oder Transport. Individualbedürfnisse sind Bedürfnisse, die das Individuum (auch der Privathaushalt) selbst befriedigen kann. Absolute Bedürfnisse (oder auch Existenzbedürfnisse) sind die Grundbedürfnisse auf Kleidung, Nahrung und Wohnung. Relative Bedürfnisse sind ausschließlich Luxusbedürfnisse, die erst entstehen, wenn die Grundbedürfnisse befriedigt wurden und eine entsprechende Zahlungsbereitschaft für ein hohes Preisniveau vorliegt. Ist das Grundbedürfnis Wohnung erfüllt, so steigert sich das Luxusbedürfnis zur Luxuswohnung. Immaterielle Bedürfnisse (nicht-wirtschaftliche Bedürfnisse) sind Bedürfnisse geistig-seelischer Natur und entziehen sich einer Bewirtschaftung. Hierzu gehören insbesondere Ehre, Geborgenheit, Liebe, Prestige, Respekt, Sicherheit oder der Wunsch nach Gerechtigkeit. Aber auch Kino, Konzert oder Theater gehören dazu, die man zwar mit Eintrittsgeld bezahlen muss, dafür als Gegenleistung ein Erlebnis erhält.
Nach Konkretheit und Gegenstand Bedürfnisse lassen sich nach den Gegenständen einteilen, auf die sie sich beziehen. Zum einen bedürfen Menschen Gegenstände unterschiedlicher Art, materielle (z. B. Nahrungsmittel) und immaterielle (z. B. Freundschaft). Zum anderen zeichnen sich diese Gegenstände durch einen unterschiedlichen Grad an Konkretheit aus. Neben allgemeinen Bedürfnissen, etwa nach Nahrung, existieren konkretere bzw. spezifischere Formen von Bedürfnissen, z. B. das Bedürfnis nach fetthaltigen Lebensmitteln, nach Nüssen oder nach der Nougatcreme eines bestimmten Herstellers. Spezifische Teilbedürfnisse (sub needs) ähnlicher Art lassen sich zu einem Hauptbedürfnis (major need) zusammenfassen.H. Murray: Explorations in Personality. 2. Auflage. Oxford University Press, New York 1947, S. 78 (online).
Die unterschiedliche Konkretheit von Bedürfnissen veranschaulicht Thomson mit dem Bild eines radförmigen Netzes.G. Thomson: Fundamental Needs. In: J S. Reader (Hrsg.): The Philosophy of Need. Cambridge University Press, Cambridge 2005, S. 181f. Der zentrale Bereich ist relativ stabil. Er wird von grundlegenden Bedürfnissen gebildet (fundamental needs, core interests). Sie stellen einen Teil der essentiellenG. Thomson: Fundamental Needs. In: J S. Reader (Hrsg.): The Philosophy of Need. Springer, Cambridge University Press, Cambridge 2005, S. 177., erblich bedingtenI. Eibl-Eibesfeldt: Der vorprogrammierte Mensch. Das Ererbte als bestimmender Faktor im menschlichen Verhalten. Molden, Wien/Zürich/München 1973. Natur einer Person dar. Grundlegende Bedürfnisse sind normalerweise feststehend, nur in engen Grenzen veränderbar und damit objektiv bestimmbar.D. v. d. Pfordten: Normative Ethik. De Gruyter, Berlin / New York 2010, S. 58f.G. Thomson: Fundamental Needs. In: J S. Reader (Hrsg.): The Philosophy of Need. Springer, Cambridge University Press, Cambridge 2005, S. 185. Der äußere Bereich des Netzes wird von veränderbaren Vorlieben, Überzeugungen und Charakterzügen beeinflusst. Hier wird statt von „Bedürfnissen“ auch von „Wünschen“ oder „Begierden“ gesprochen (wants, desires). Wünsche sind viel variabler und subjektiver als Bedürfnisse.D. v. d. Pfordten: Normative Ethik. De Gruyter, Berlin / New York 2010, S. 60.