mini|250px|Kupfer- oder blaues Vitriol, das Mineral (Chalkanthit) Vitriol (lateinisch Vitriolum; in alten Texten auch Victril oder VictriolumVitriol. In: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm.) ist ein Trivialname für die kristallwasserhaltigen Sulfate (Salze der Schwefelsäure) von zweiwertigen Metallen, zum Beispiel Zink- oder weißes Vitriol (Zinksulfat, ZnSO4 · 7 H2O, das Mineral Goslarit), Eisen- oder grünes Vitriol (Eisen(II)-sulfat, FeSO4 · 7 H2O, das Mineral Melanterit) und Kupfer- oder blaues Vitriol (Kupfersulfat, CuSO4 · 5 H2O, das Mineral Chalkanthit). Eine veraltete Bezeichnung ist Galitzenstein. Ein Gemisch aus Kupfervitriol und Eisenvitriol wird auch als Adlervitriol bezeichnet. Eisen- bzw. Kupfervitriol wurde früher lateinisch auch Atrament(um) und Atriment genannt.

Herkunft der Bezeichnung Bis zum Anfang der Neuzeit nannte man die Vitriole, insbesondere Eisenvitriol und Kupfervitriol oder ein Gemisch der beiden, AtrimentGundolf Keil Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 355. oder AtramentWilhelm Hassenstein, Hermann Virl: Das Feuerwerkbuch von 1420. 600 Jahre deutsche Pulverwaffen und Büchsenmeisterei. Neudruck des Erstdruckes aus dem Jahr 1529 mit Übertragung ins Hochdeutsche und Erläuterungen von Wilhelm Hassenstein. Verlag der Deutschen Technik, München 1941, S. 39 (Atrimentum, Atrament) und 106 (Victril, victriol, victriolium). Zu „Victril“ und „Victriolum“ vgl. auch Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 235 („Victriolum – victril, calcitis, culcotar, calcadis, zeg, cachita – Dragantum – vitreolum, cuppherrouch“ = Kupfervitriol in unreinem Zustande, aber auch Eisen- und Zinkvitriol). oder auf Lateinisch auch Atramentum sutorium „Schusterschwärze“ auf Kupfer/Eisenvitriol-BasisGundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960), S. 355. (laut Zekert bezogen auf das aus Grubenwässern stammende unreine KupfervitriolOtto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 136.), weil sie hauptsächlich zur Lederschwärzung genutzt wurden, oder chalcanthum (von altgriechisch chalkós „Kupfer“ und ánthos „Blume, Blüte“‚ also „Kupferblume oder Kupferblüte“)Vgl. Plinius der Ältere, Naturalis historia 1,87.Vgl. auch Udo Benzenhöfer: Johannes’ de Rupescissa „Liber de consideratione quintae essentiae omnium rerum“ deutsch. Studien zur Alchemia medica des 15. bis 17. Jahrhunderts mit kritischer Edition des Textes (= Heidelberger Studien zur Naturkunde der frühen Neuzeit. Band 1). Steiner, Wiesbaden/Stuttgart 1989, ISBN 3-515-05388-3 (Zugleich Medizinische Dissertation, Universität Heidelberg, 1988), S. 186 (Kupferblume, Kupferblüte; lateinisch aes viride quod vocant flos aeris). und in deutscher Sprache auch galitzenstein.Dieter Lehmann: Zwei wundärztliche Rezeptbücher des 15. Jahrhunderts vom Oberrhein. Teil I: Text und Glossar. Horst Wellm, Pattensen/Han. 1985, jetzt bei Königshausen & Neumann, Würzburg (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, 34), ISBN 3-921456-63-0, S. 177. Die Bezeichnung Vitriolum (von lateinisch vitreolus, vitriolus „gar fein gläsern“,Georges: Lateinisch-Deutsch / Deutsch-Lateinisch, S. 60122 (vgl. Georges-LDHW Bd. 2, S. 3527). zu vitrum „Glas“) taucht zuerst im 8. Jahrhundert in einer lateinischen Übersetzung der Compositiones ad tingendaJ. M. Stillman: The Story of Alchemy and Early Chemistry. New York 1960, S. 185. und dann wieder in dem Werk Mineralia des Albertus Magnus als atramentum viride quod a quibusdam vitreolum vocatur – „die grüne Lederschwärze, die von einigen die gläserne genannt wird“ auf.Albertus Magnus, Mineralia 2,3 ed. Borgnet 1890. Die deutschsprachige Bezeichnung Vitriol soll erst im 12. Jahrhundert entstanden sein.Wouter S. van den Berg (Hrsg.): Eene Middelnederlandsche vertaling van het Antidotarium Nicolaï (Ms. 15624–15641, Kon. Bibl. te Brussel) met den latijnschen tekst der eerste gedrukte uitgave van het Antidotarium Nicolaï. Hrsg. von Sophie J. van den Berg, N. V. Boekhandel en Drukkerij E. J. Brill, Leiden 1917, S. 277 (zu Vitriool und bezugnehmend auf H. Peters: Aus pharmaceutischer Vorzeit in Wort und Bild. Berlin 1889). Der Name des Vitriols erklärt sich daher, dass die Kristalle grünem Glas ähneln. Noch Georgius Agricola benutzte im Jahre 1546 in De natura fossilium die Bezeichnung atramentum mit dem Vermerk, dass sich vitriolum zu verbreiten beginne.VLADIMÕR KARPENKO, JOHN A. NORRIS: VITRIOL IN THE HISTORY OF CHEMISTRY (PDF; 148 kB), Chem. Listy 96, 997 - 1005 (2002). Als Atrament bezeichnete man zudem das Gemisch aus Kupfersulfat (Kupfer-II-Sulfat) und Eisensulfat bzw. deren kristallbildenden Hydraten, die in Wasser gelöst dieses dunkel färben. Als „gebranntes Vitriol“ wurde das kristallwasserfreie Kupfer-II-Sulfat (CuSO4) bezeichnet.Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960), S. 355 und 382 (zu Vitriolum, vor Kupfervitriol, und „vitriolum der geprant sey“).Jürgen Martin: Die ‚Ulmer Wundarznei‘. Einleitung – Text – Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 52), ISBN 3-88479-801-4 (zugleich Medizinische Dissertation Würzburg 1990), S. 114.

Die Bezeichnung Galitzenstein deutete Gerhard Eis als galicischer Stein – für ihn ein Hinweis darauf, dass Vitriole im Mittelalter hauptsächlich aus Spanien bezogen wurden.

Von Vitriol leitet sich auch Vitriolöl als Bezeichnung für Schwefelsäure ab, die früher aus Eisenvitriol hergestellt wurde und woraus auch (insbesondere durch Valerius CordusH. Orth, I. Kis: Schmerzbekämpfung und Narkose. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 1–32, hier: 9.) das bereits 1275 angeblich von Ramon LullH. Orth, I. Kis: Schmerzbekämpfung und Narkose. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 1–32, hier: S. 24. (bzw. Pseudo-Lull) entdeckte „süße Vitriol“ (oleum vitrioli dulce), später „Schwefeläther“ oder kurz Äther genannt, gewonnen wurde (laut Cordus am besten unter Einsatz des natürlich vorkommenden Vitriols aus Ungarn oder GoslarGuy K[asten] Tallmadge: The third part of the „De extractione“ of Valerius Cordus. In: Isis. 7, 1925, S. 394–411; auch in: Albert Faulconer, Thomas Edward Keys: Foundations of Anesthesiology. 2 Bände, Charles C Thomas, Springfield (Illinois) 1965, Band 1, S. 267–275.).

Vorkommen, Gewinnung mini|Vitriolgewinnung nach Georgius Agricola: Auslaugen mit Heißwasser vorn rechts (A), Ausfällung des Vitriols in der „Bereitstube“ (C) und Abstich des Vitriolschlamms (D), Siedeofen zur Verdampfung des Restwassers vorn Mitte (E). Vitriole kommen als Oxidationsprodukte in sulfidischen Buntmetall-Erzlagerstätten vor. Sie werden durch Auffangen der vitriolhaltigen Sickerwässer und durch Auslaugen von verwittertem, oxidiertem Buntmetallerz gewonnen. Dieses Verfahren beschrieb zuerst Georgius Agricola in seinem 1556 erschienenen Werk De re metallica. Eisenvitriol wird auch aus der Restlösung gewonnen, die nach Abscheiden von Kupfer aus kupfersulfathaltigen Wässern durch Zementation mit metallischem Eisen anfallen.

Verwendung Vitriole wurden im 19. Jahrhundert für folgende Zwecke verwendet: Eisenvitriol als Alleskönner der Industriegeschichte war aufgrund seines niedrigen Preises und seiner Vielseitigkeit einer der wichtigsten Stoffe der frühen Industrie. In der Textil- und Lederindustrie, in Färbereien und Druckereien war das Salz unverzichtbar als Färbemittel zur Erzeugung von tiefem Schwarz, verschiedenen Brauntönen und dem gelblichen Nanking. Als Eisenbeize half es dabei, Farbstoffe wie Indigo in der Faser zu fixieren (Indigoküpe) und Leder dauerhaft dunkel zu färben. Über Jahrhunderte war Adlervitriol bei der Herstellung von Pigmenten und Tinte Hauptbestandteil dokumentenechter Tinte, bevor chemische Alternativen aufkamen. Das fast dunkelbraune Schwarzvitriol entsteht durch verschiedene Metallsalze. Gelegentlich wird dieser Effekt in den Hüttenwerken auch künstlich erzeugt, indem grünes Eisenvitriol mit einem Sud aus Erlenblättern oder Galläpfeln schwarz eingefärbt wird. In Kombination mit Blutlaugensalz entstand dieses berühmte blaue Pigment Berliner Blau. In der frühen Fotografie wurde hochreines Eisenvitriol als Entwickler genutzt, um das unsichtbare Bild nach der Belichtung auf der Platte sichtbar zu machen. In großen Mengen wurde es genutzt zur Desinfektion und um Fäkalgruben geruchsfrei und keimarm zu halten. Eisenvitriol war ein Rohstoff für die Herstellung von „rauchender Schwefelsäure“, es wurde in sogenannten Vitriolhütten produziert. Diese lagen meist in Erzgebirgsregionen (wie dem Harz, Böhmen oder Schlesien), wo eisenhaltiges Gestein (Eisenkies) abgebaut wurde.