mini|Historische Darstellung des Fingeralphabets der Französischen Gebärdensprache – im Schmuckrand oben links Abbé de l’Epée, rechts Abbé Sicard Die Geschichte der Gebärdensprachen beginnt in der Antike, da Gebärdensprachen wie auch die Lautsprachen eine lange Geschichte haben. Schon Platon, Augustinus und Leonardo da Vinci berichteten über gebärdende taube Personen. Im jüdischen Talmud wird die Eheschließung von tauben Ehewilligen in Gebärden erwähnt. Die bekannte Geschichte der modernen Gebärdensprachen beginnt erst im 18. Jahrhundert mit der Bildung tauber Kinder.
Definitionen Jeder Mensch hat, laut Reuschert, die Anlagen dafür eine Art natürliche Gebärdensprache zu verwenden. Im deutschsprachigen Raum spricht man von Zeichensprachen, wenn vorwiegend Hörende gestikulieren. Gebärdensprachen entstehen immer dann, wenn gehörlose Person über einen längeren Zeitraum hinweg in relativ konstanten sozialen Beziehungen miteinander leben und regelmäßig gebärdensprachlich interagieren. In der Regel bestehen diese Gemeinschaften vorwiegend aus Gehörlosen, aber auch Hörende können natürlich in entsprechenden sozialen Gemeinschaften integriert sein. Das englische Wort sign language kann, je nach Kontext, mit Zeichensprache sowie mit Gebärdensprache übersetzt werden.
Die natürlichen Gebärdensprachen entsprechen einer Art pantomimischen Ursprungs und werden auch als Hausgebärden bezeichnet. Im regelmäßigen sozialen Miteinander gehörloser Personen entstehen konventionelle Gebärdensprachen (umgangssprachliche Gebärden/Zeichen). Die künstlichen Gebärdensprachen (z. B. die methodischen Zeichen) sind meistens als Plansprachen hörender Menschen zu verstehen.
Anfänge Vorgeschichte Es dürfte wohl schon immer gewisse relativ einfache Gebärdensprachen gegeben haben, die spontan entstanden und sich über einen längeren Zeitraum entwickelt haben. Gebärdensprache entstand überall dort, wo sich gehörlose Menschen trafen. Sie wuchs aus einfachen Zeige- oder Hinweisgebärden, skizzierenden Nachbildungen von Gegenständen mit einer oder beiden Händen und pantomimischen Nachbildungen von Handlungen. Mit zunehmendem Umfang erhielten die Gebärdenzeichen auch eine strukturierende Abfolge, eine Grammatik.
Michael Tomasello ging davon aus, dass Sprache nicht rein lautlich ist. Kommunikation besteht auch immer aus Gesten und Mimik. Daher geht er davon aus, dass Gesten und Gebärden vor der Lautsprachentwicklung da waren.
Gebärdensprachsysteme, die an verschiedenen Orten in verschiedenen Gruppen entstanden, gleichen sich nicht, haben aber ähnliche Strukturen. Ein Hindernis für die gleichmäßige Entstehung und Verbreitung war die Verstreutheit von jeweils nur kleinen Gruppen von tauben Personen.
Platon, Autor des Kratylos (fundamentaler Text der Sprachtheorie mangels anderer empirischer Texte aus der Zeit davor, Zitierung von Sokrates), bezeichnet Gesten und Gebärden als Beiwerk der Kommunikation. Aristoteles setzte dagegen die Denkfähigkeit Gehörloser stark herab, da sie nicht hören und sprechen können. Der Kirchenvater Augustinus von Hippo setzte einerseits diesen Gedankengang mit der Meinung, dass der Glaube an Gott nur über Worte vermittelt werden kann (Igitur fides ex auditu), Gehörlose somit Ungläubige sind, fort. Andererseits hat Hippo auch umfassende Äußerungen (de magistro, 388 n. Chr.) zu der auf Gesten basierenden Kommunikation von Gehörlosen getroffen. Gehörlosigkeit wurde daraufhin als Strafe Gottes und gleichzeitig als Bestandteil der Liturgie der Schweigepflicht wahrgenommen.
Erstmals als Gebärden werden die Fingerzahlen oder auch Zahlengebärden von dem englischen Benediktinermönch Beda Venerabilis in seinem Werk De Loquela per gestum digitorum aus dem 7. Jahrhundert gewertet. Sie wurden bis in das 18. Jahrhundert verwendet. Um 700 n. Chr. hat Beda auch einen Gehörlosen vor den Augen von John von Beverley zum Sprechen gebracht.
Im 10. Jahrhundert führte Odo von Cluny mit seiner cluniazensischen Reform der Benediktsregeln von Benedikt von Nursia durch ein meditatives, kontemplatives, liturgisches und asketisches Verhalten klösterliche Zeichensprachen ein, sodass die Stimme nur für religiöse Zwecke genutzt wurde. Durch den Einfluss und Erweiterung der Abtei von Cluny übernahmen viele Klöster diese Praktik. Das Schweigegelübde mit Fingeralphabet entstand.
Gehörlose Menschen wurden im Mittelalter oft verspottet und in Anstalten eingewiesen, da ihre Sprache und ihr Verhalten als von Dämonen besessen galt.
Der Niederländer Rudolf Agricola brachte 1470 wohl erfolgreich einem Tauben das Kommunizieren bei. Davon wurde in der Schrift „De inventione dialectica“ („Über die dialektische Denkmethode“, Erstdruck Löwen 1515 [postum]) berichtet. Nach dieser Schrift unterrichtete der Italiener Gerolamo Cardano dann um 1530 seinen ältesten behinderten Sohn Giovanni Battista Cardano (* 1534, † 13. April 1560, 3 Kinder mit Brandona Seroni).
Zwischen 1500 und 1700 nutzten Mitglieder des türkisch-osmanischen Hofes eine Art schriftlicher Kommunikation mit ihren tauben Dienern. Viele Diplomaten und andere Mitglieder des Gerichts nutzten ebenfalls dieses System.
Die Heirat des britischen gehörlosen Thomas Tillseye 1575 ist der erste Nachweis für die Nutzung von Gebärdensprache in Großbritannien. Einflüsse der britischen Gebärdensprache sind auch in den ehemaligen britischen Kolonien erkennbar.
Im 16. Jahrhundert auf Expeditionen in die neue Welt dokumentierten Cabeza de Vaca und Francisco Vásquez de Coronado ihre Erfahrungen mit der Plains Indian Sign Language der amerikanischen Ureinwohner, die dort vielfältig verwendet wurde und mit der eine Kommunikation ohne Übersetzer möglich war.
Bildung von Tauben Danach wurden beginnend im 16. Jahrhundert, im Zuge des Humanismus, Fingeralphabete von Melchor de Yebra, Pedro Ponce de León und Jacob Rodrigues Pereira geschaffen. Sie dienten als Hilfsmittel, um tauben Schülern die Lautsprache zu vermitteln.
Zuvor hatte sich der italienische Humanist Gerolamo Cardano erstmals in theoretischer Weise für eine Bildung von Tauben ausgesprochen.
Eine stabilisierende Entwicklung erfuhren Gebärdensprachen mit der pädagogischen Betreuung von tauben Kindern, zuerst in privilegierten Kreisen, beispielsweise durch den Mönch Pedro Ponce de León in Spanien, der um 1550 Gebärden vom Kloster San Salvador in Oña verwendete, um taube adlige Kinder zu unterrichten. Er brachte den Schülern neben dem Fingeralphabet zuerst das Schreiben bei. Danach zeigte er auf die geschriebene Gegenstände und formte die entsprechenden Laute dazu. Das Sprechenkönnen war für die Vererbung von Vermögen und Adelstitel damals unerlässlich. Manuel Ramírez de Carrión führte die von Ponce begonnenen Ansätze fort. 1599 schrieb er in seinem Buch „Wunder der Natur“ den damals revolutionären Gedanken nieder, dass Gehörlose nur nicht sprechen, weil sie die Laute der gesprochenen Sprache nicht hören können. Mit einer speziellen Technik würde man sie zum Sprechen bringen. Diese wurde in dem Buch allerdings nicht verraten.
Leons erster Schüler Juan Fernandez Navarrete war zuvor bereits von Vicente de Santo Domingo zwischen 1526 und 1550 erfolgreich im Zeichnen, Schreiben, Lesen, Zählen und leichtem Sprechen unterrichtet worden.
Zur gleichen Zeit wie Leon unterrichtete auch der Deutsche Propst Joachim Pasche seine gehörlose Tochter.
Juan Pablo Bonet (Sekretär im Haushalt eines Schülers von de Carrion) erfuhr viel von der Lehrmethode des Ponces, welcher keine Schriften über seine Methode veröffentlichte, und gab 1620 das Buch „Reduccion de las letras y arte para ensenar a ablar los mudos“ mit der Erwähnung des Fingeralphabets (Finger-ABC) ohne die Erwähnung Ponces heraus. Es war das erste bedeutende Werk mit vielen didaktischen Grundsätzen. Manuel Ramírez de Carrión leistete dafür die pädagogische Arbeit.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Ponce Erfinder, Bonet Theoretiker und de Carrion Methodiker der ersten spanischen Taubstummenpädagogik waren.
Von Spanien schwappten diese Erkenntnisse der Taubstummenpädagogik allmählich durch Kenelm Digby 1644 nach England über. Daraufhin nahmen sich mehrere Gelehrte, u. a. John Wallis aus Oxford, der Gehörlosen an. Er unterrichtete die Lautsprache auf Basis der Schriftsprache und des Fingeralphabets. Dabei wurde die spanische Taubstummenpädagogik nicht erwähnt.
1644 veröffentlichte der Arzt John Bulwer im Rahmen seines Studiums in Oxford ein Buch zur Handsprache „Chirologia“, worin er die Gesten, wie von Francis Bacon vorgeschlagen, in den Mittelpunkt stellte. Er veröffentlichte noch 4 weitere Werke, die sich alle mit dem Körper und der menschlichen Kommunikation beschäftigten.
George Dalgarno veröffentlichte 1680 sein Buch Didascalocophus, or, The deaf and dumb man’s tutor. Darin stellte er seine eigene Methode der Gehörlosenerziehung und sein selbst entwickeltes „arthrologisches“ Alphabet, bei dem Buchstaben durch Zeigen auf verschiedene Artikulationen der Finger auf der linken Handfläche angezeigt werden, vor. Die Vokale sind in den Gebärdensprachen von Großbritannien, Australien und Neuseeland erhalten geblieben.
1692 beschrieb Johann Konrad Ammann in einem auf Latein verfassten Buch „Surdus loquens“, wie er seit 1688 eine gehörlose Kaufmannstochter aus Amsterdam in der Lautsprache unterrichtete. Er sprach sich im deutschsprachigen Raum erstmals für die exakte Artikulation und Absehen von Taubstummen aus. 1700 schrieb er wieder ein Buch „Dissertatio de loquela“ über die Unterschiede zwischen Vokalen, Halbvokalen und Konsonanten betreffs der Artikulation. Dieser Einfluss reichte bis ins 19. Jahrhundert. Durch die engen Beziehungen von England und den nördlichen Niederlanden und einer Personalunion konnte Ammann auf Vorwissen von Anton Deusing und Franz Mercurius van Helmont zurückgreifen.
Einige der ersten bekannten gedruckten Bilder von Konsonanten in modernen Zweihandalphabet im englischsprachigen Raum erschienen 1698 in Digiti Lingua von einem anonymen tauben Autor veröffentlicht wurde. Er schlug vor, dass das manuelle Alphabet auch von Gehörlosen verwendet werden könnte. Neun dieser Buchstaben lassen sich auf frühere Alphabete zurückführen und 17 Buchstaben des modernen Zweihandalphabets finden sich in den beiden gezeigten Sätzen von 26 Zeichen.
Ende des 17. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts wies die Insel Martha’s Vineyard durch Einwanderer eine hohe Anzahl von Gehörlosen auf. Diese Gebärdensprache war auch Grundlage der American Sign Language. Erst sehr spät wurde mit der Erforschung der Gebärdensprache dort begonnen. Sie ist ein nachträglicher Beweis, dass Gebärdensprache auch von Hörenden genutzt werden kann. Gleichzeitig wird deutlich, dass Bildung und Wohlstand in gleichem Maße von Gehörlosen erworben werden können.
Georg Raphel führte nach dem Studium von Ammanns Büchern ab 1715 den privaten Unterricht für seine älteste gehörlose Tochter durch. 1718 berichtete er in der „Pädagogischen Real-Encyclopädie“ über seine Erfahrungen. Durch dieses Buch bekamen die späteren Taubstummenpädagogen Otto Benjamin Lasius (+ 1779, Pfarrer, Vater von Georg Siegmund Otto Lasius), Samuel Heinicke, Johann Ludwig Ferdinand Arnoldi und Georg Wilhelm Pfingsten die nötigen Informationen und Motivationen.
Der gehörlose Etienne de Fay unterrichtete ab 1720 in der Abtei zu Saint-Jean d’Amiens in Frankreich taubstumme Kinder, nachdem er dort selber von den Prämonstratensermönchen ausgebildet wurde.