miniatur|Papstwappen Pius’ XI. miniatur|Umschlag des Rundschreibens Pius XI. über die Lage der katholischen Kirche im Deutschen Reich miniatur|Erste Seite der Enzyklika Mit brennender Sorge, Ausgabe aus dem Bistum Speyer, mit einem Vorsatz von Bischof Ludwig Sebastian, gedruckt in der Jägerschen Druckerei Speyer, die deshalb enteignet wurde.
miniatur|Pius XI. (Aufnahme aus dem Jahr 1939)
Mit brennender Sorge (lat.: Ardenti cura) ist eine Enzyklika von Papst Pius XI. Die Enzyklika – die erste und bislang einzige in deutscher Sprache – wurde am 14. März 1937 unterzeichnet und am Palmsonntag, dem 21. März, veröffentlicht. Das päpstliche Rundschreiben behandelt die bedrängte Lage der römisch-katholischen Kirche im damaligen Deutschen Reich und verurteilt Politik und Ideologie des Nationalsozialismus.
Vorgeschichte Die Stellung, Situation und Haltung der katholischen Kirche veränderte sich mit der Machtübergabe an die NSDAP und dem Abschluss des Reichskonkordats 1933 erheblich. Bis zu diesem Jahr war eine völlig ablehnende Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus zu erkennen. Mitglieder der NSDAP wurden in manchen Diözesen weder zu den Sakramenten zugelassen noch kirchlich beerdigt.
Als am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt und die NSDAP somit zur herrschenden Partei wurde, fürchtete ein großer Teil des Klerus, die Gunst der Regierenden zu verlieren. In einem Pastoralaufruf der Fuldaer Bischofskonferenz vom 28./29. März 1933 wurden die Gläubigen „zur Treue gegenüber der rechtmäßigen Obrigkeit und zur gewissenhaften Erfüllung staatsbürgerlicher Pflichten“ ermahnt.
Hitler und die katholische Kirche schlossen am 20. Juli 1933 das Reichskonkordat ab. Dieser Vertrag garantierte der Kirche freie Religionsausübung, Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an Schulen und Schutz ihrer Geistlichen, Orden sowie katholischen Organisationen. Es verpflichtete sie gleichzeitig jedoch, nur auf kultureller, geistlicher und karitativer Ebene tätig zu werden. Eine aktive Einbindung in die Politik war dadurch ausgeschlossen. Hitlers Ziel war es, die Bedenken von Kritikern und kirchlicher Kreise zu überwinden, sich Zustimmung und Loyalität zu sichern und einen außenpolitischen Erfolg verzeichnen zu können. Er hatte durch diese geschickte Diplomatie den Heiligen Stuhl vorerst nicht gegen sich. Im Zusammenhang mit dem Konkordatsschluss fand jedoch der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Faulhaber, deutliche Worte zur Haltung von Papst Pius XI. zu Hitler und Nazideutschland: „In Wirklichkeit ist Papst Pius XI. der beste Freund, am Anfang sogar der einzige Freund des neuen Reiches gewesen. Millionen im Ausland standen zuerst abwartend und mißtrauisch dem neuen Reich gegenüber und haben erst durch den Abschluß des Konkordats Vertrauen zur neuen deutschen Regierung gefaßt.“
Die katholischen Verbände erhielten durch das Konkordat eine Atempause, da die Repressionen ihnen gegenüber tatsächlich kurzfristig abflauten. Auch wenn die Nationalsozialisten schon wenige Wochen nach dem Konkordatsabschluss den Kampf gegen den Verbandskatholizismus wieder aufnahmen, schützen die Vereinbarungen des Artikels 31 die Verbände insofern, als sie bis zum Ende des Regimes einer vollkommenen Gleichschaltung entgingen und organisatorisch Reste von Eigenständigkeit bewahren konnten, obwohl ihre Mitgliederzahl durch Druck des Regimes beständig abnahm. Voraussetzung für die Weiterexistenz war freilich die politische Enthaltsamkeit der Verbände. Tatsächlich zogen sich etwa die großen sozialen Organisationen verstärkt in den Binnenraum der Kirche zurück.
Andererseits begannen 1936 Sittlichkeitsprozesse gegen Ordensangehörige und Priester wegen des Vorwurfs verschiedener Sexualdelikte (homosexuelle Betätigung, sexueller Missbrauch von Kindern oder Schutzbefohlenen usw.), mit denen die Kirche insgesamt diskreditiert und Geistliche allgemein als Sittenlose und Verderber der Jugend hingestellt werden sollten.Hans Günter Hockerts, Die Sittlichkeitsprozesse gegen katholische Ordensangehörige und Priester 1936/1937. Eine Studie zur nationalsozialistischen Herrschaftstechnik und zum Kirchenkampf, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1971 Kirchliche Beschwerdeschreiben wurden ignoriert, Religion für Propaganda missbraucht (Nationalsozialistischer Weihnachtskult, Hitlergebete, Umfunktionierung von kirchlichen in parteiliche Organisationen) und die Handlungsfreiheit der Kirche stark eingeschränkt.
Ausgangspunkt für die Enzyklika war diese Lage der katholischen Kirche im nationalsozialistisch beherrschten Staat. Es war aufgrund der Politik Hitlers und seiner Reichsregierung immer wieder zu Protestnoten des Heiligen Stuhls über die in Artikel 31 des Konkordats garantierte Betätigungsfreiheit der katholischen Organisationen gekommen, die durch Maßnahmen der Gleichschaltung bedroht waren. Weiter gab die päpstliche Diplomatie wiederholt ihrer Sorge über Schwierigkeiten bei den Konfessionsschulen und der Priesterausbildung sowie der Gottesleugnung z. B. durch die Schriften des führenden NSDAP-Ideologen Alfred Rosenberg Ausdruck. Als auch zahlreiche Beschwerdeschreiben der deutschen Bischöfe und eine persönliche Vorsprache des Erzbischofs von München und Freising Michael von Faulhaber bei Adolf Hitler ohne Ergebnis blieben, beriet die Vollversammlung der Bischofskonferenz im Januar 1937 über das weitere Vorgehen. Dabei konnten die Bischöfe keine Einigung erzielen, ob die bisherige Politik der Beschwerdeschreiben fortgesetzt werden oder ob man an die Öffentlichkeit gehen sollte. Letztere Position vertraten insbesondere der Bischof von Münster Clemens August Graf von Galen und der Bischof von Berlin Konrad Graf von Preysing.
Entstehung und Verbreitung der Enzyklika Als sich der Konflikt zwischen der Regierung des Deutschen Reiches und der katholischen Kirche verschärfte, entschloss sich Papst Pius XI., auf Drängen der Kardinäle Karl Joseph Schulte und Michael von Faulhaber sowie der Bischöfe Konrad Graf von Preysing und Clemens August Graf von Galen, eine Enzyklika zu verfassen. Der Generalsuperior der Steyler Missionare, Josef Grendel SVD, hatte im Juni 1936 ebenfalls eindringlich gebeten, einen Hirtenbrief gegen den „dämonische[n] Geist der Unheiligkeit“ anzuregen, „der die heutige Welt und Menschheit vergiftet.“ Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., beauftragte im Januar 1937 Kardinal von Faulhaber, einen Entwurf zu verfassen. Wenige Tage später erhielt Pacelli den Entwurf, den Faulhaber selbst als „unvollkommen und auch wohl ganz unbrauchbar“ bezeichnete, und benutzte ihn als Grundlage. Er erweiterte die Fassung um eine lange Einleitung, die das Reichskonkordat betrifft, und verschärfte die Kritik am Verhalten der Reichsregierung und deren abgehandelten weltanschaulichen Positionen. Aus dem ursprünglich gedachten Hirtenbrief sollte eine Enzyklika an die ganze Kirche werden.
Am 12. März 1937 wurde das Dokument heimlich ins Reich gebracht und Nuntius Cesare Orsenigo übergeben. Nachdem die Nuntiatur das Schreiben an die Bischöfe weitergegeben hatte, waren diese für die Verbreitung in ihren Diözesen verantwortlich. Dabei gingen sie mit größter Geheimhaltung vor. Druckereien wurden nachts abgedunkelt betrieben, Kopien des Textes versteckt. In den meisten Bistümern wurden Abschriften an alle Kleriker gesandt, in den Bistümern München, Münster und Speyer wurden Sonderdrucke in hohen Auflagen (geschätzt 300.000) gefertigt. Am Palmsonntag des Jahres 1937, dem 21. März, wurde die Enzyklika in allen katholischen Gemeinden verlesen.
Das franquistische Regime Spaniens suchte damals eine Annäherung an die Achsenmächte und verbot trotz seiner Betonung des Katholizismus die Veröffentlichung der Enzyklika.Carlos Collado Seidel: Franco. General – Diktator – Mythos. Kohlhammer, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-17-021513-9, S. 157.
Inhalt Die Enzyklika gliedert sich in Einleitung, zehn Hauptteile, die sich mit einzelnen Fragestellungen befassen oder sich an bestimmte Adressaten wenden, und den Schluss. Einleitung In der Einleitung weist der Papst „mit brennender Sorge und steigendem Befremden“ auf die wachsende Bedrängnis der Kirche im Land hin:
Anknüpfend an das trotz mancher Bedenken abgeschlossene Reichskonkordat wird das Verhalten der Reichsregierung als „Machenschaften, die von Anfang kein anderes Ziel kannten als den Vernichtungskampf“ bezeichnet. Die Reichsregierung habe Vertragsumdeutung, die Vertragsaushöhlung, schließlich die mehr oder minder öffentliche Vertragsverletzung zum Gesetz des Handelns gemacht.
Reiner Gottesglaube Der erste Hauptteil wendet sich gegen die Verwendung des Begriffs „gottgläubig“ durch die Machthaber. Wer in pantheistischer Verschwommenheit Gott mit dem Weltall gleichsetze, wer das düstere Schicksal an die Stelle des persönlichen Gottes rücke oder wer Rasse oder das Volk oder den Staat oder die Staatsform, die Träger der Staatsgewalt oder andere Grundwerte menschlicher Gemeinschaftsgestaltung zur höchsten Norm mache, gehöre nicht zu den Gottgläubigen. Denjenigen, die ihre Christenpflicht gegen ein angriffslüsternes, von einflussreicher Seite vielfach begünstigtes Neuheidentum erfüllten, spricht der Papst anerkennende Bewunderung aus.
Der Papst wendet sich gegen die nationalsozialistische Rassenlehre:
Reiner Christusglaube Im zweiten Hauptteil wird dargelegt, dass auf Dauer kein Gottesglaube rein und unverfälscht bleibe, wenn er nicht gestützt werde vom Glauben an Jesus Christus. Einen anderen Grund könne niemand legen als den, der gelegt sei, Jesus Christus. Wer aber
In diesem Zusammenhang wird betont, dass die – von den Nationalsozialisten als „jüdisch“ abgelehnten – Bücher des Alten Testaments organischer Teil der Offenbarung Gottes seien. Nur Blindheit und Hochmut könnten die Augen vor den Schätzen verschließen, die das Alte Testament berge. Ohne Hitler selbst beim Namen zu nennen, nennt der Papst denjenigen, der in Verkennung des Unterschieds zwischen Gott und Geschöpf irgendeinen Sterblichen neben oder über Christus zu stellen wage, einen Wahnpropheten.
Reiner Kirchenglaube Nach näherer Darlegung der römisch-katholischen Lehre von der Einheit der Kirche heißt es im dritten Hauptteil, dass der Christusglaube nicht rein und unverfälscht erhalten bleiben könne ohne den Glauben an die Kirche, die „Säule und Grundfeste der Wahrheit“ sei. Die Kirche sei Heimat und Zuflucht für Völker aller Zeiten und Nationen.
Es genüge aber nicht, zur Kirche zu gehören, die Gläubigen müssten auch lebendige Glieder in ihr sein. Nur eine sich in allen ihren Gliedern auf sich selbst besinnende, jede Veräußerlichung und Verweltlichung abstreifende, mit den Geboten Gottes und der Kirche Ernst machende, in Gottesliebe und tätiger Nächstenliebe sich bewährende Christenheit werde der im tiefsten Grunde kranken Welt Vorbild sein können und müssen, wenn nicht unsagbares Unglück und ein alle Vorstellung hinter sich lassender Niedergang hereinbrechen solle. Die Aufrufe zum Austritt aus der Kirche, der mit verhüllten und sichtbaren Zwangsmaßnahmen, Einschüchterungen und Inaussichtstellung wirtschaftlicher, beruflicher, bürgerlicher Nachteile insbesondere von katholischen Beamten als Form des Treuebekenntnisses zum gegenwärtigen Staat gefordert werde, müsse von den Gläubigen auch um den Preis schwerer irdischer Opfer als Verrat am Taufgelübde zurückgewiesen werden. Wer hoffe, einen äußerlichen Kirchenaustritt mit dem innerlichen Festhalten an der Treue zur Kirche zu verbinden, dem müsse das Schriftwort „Wer mich vor den Menschen verleugnet, den werde ich auch vor meinem Vater verleugnen“ eine Warnung sein.
Reiner Glaube an den Primat des Papstes