mini|hochkant|Jürgen Fuchs bei einer Lesung in einem Saalfelder Gymnasium 1990
Jürgen Fuchs (* 19. Dezember 1950 in Reichenbach im Vogtland; † 9. Mai 1999 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller, Psychologe, Bürgerrechtler und Vertreter der Opposition in der DDR, der auch nach seiner Zwangsausbürgerung von der Stasi im Westen weiter beobachtet und mit Zersetzungsmaßnahmen bekämpft wurde.
Leben Fuchs kam bereits als Schüler mit der DDR-Obrigkeit in Konflikt. So wurden seine kritischen Meinungsäußerungen während der Studentenproteste und des Prager Frühlings 1968 von der Schulleitung geahndet. 1969 erlangte Fuchs das Abitur und leistete anschließend seinen Grundwehrdienst bei der NVA. Da ihm der Zugang zum Studium zunächst verwehrt blieb, machte er im selben Jahr zunächst einen Facharbeiterabschluss bei der Deutschen Reichsbahn.
Da ihn die Schulleitung als „politisch unzuverlässig“ bezeichnet hatte, bedurfte es einer Eingabe, ehe er 1971 ein Studium der Sozialpsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena beginnen konnte. 1973 wurde er Mitglied der SED. Er schrieb Gedichte und arbeitete mit dem Arbeitskreis Literatur und Lyrik Jena um Lutz Rathenow zusammen. Nach einem gemeinsamen Auftritt mit Bettina Wegner und Gerulf Pannach, dem Texter der Band Renft, wurde er 1975 aus der SED und der FDJ ausgeschlossen.Vgl. Jürgen Fuchs – Dichter, Psychologe, Bürgerrechtler, Herausgegeben vom Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Berlin 2010, S. 41. Kurz vor dem Abschluss – die Diplomarbeit war schon mit „sehr gut“ bewertet worden – wurde Fuchs wegen seiner Gedichte und Prosawerke vom Disziplinarausschuss der Universität Jena unter Heinz Paul zum „Ausschluss von allen Universitäten, Hoch- und Fachschulen der DDR“ verurteilt und politisch zwangsexmatrikuliert. Eine Arbeit als Psychologe war ihm damit nicht mehr möglich.
mini|Jürgen Fuchs einen Tag nach seiner Haftentlassung in West-Berlin, 27. August 1977
In Jena hatte Fuchs die Psychologiestudentin Lieselotte Uschkoreit („Lilo“) kennengelernt; sie heirateten 1974. 1975 kam ihre Tochter Lili zur Welt. Nach seiner politischen Exmatrikulation am 17. Juni 1975 zog die Familie in das Gartenhaus von Katja und Robert Havemann nach Grünheide bei Berlin. Fuchs arbeitete in einer kirchlichen Sozialeinrichtung. Nach Protesten gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann wurde Fuchs am 19. November 1976 wegen „Staatsfeindlicher Hetze“ verhaftet, zwei Tage vor Gerulf Pannach und Christian Kunert, deren Band Renft im Herbst 1975 verboten worden war. Nach 281 Tagen in Haft im Gefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen und internationalen Protesten wurden Pannach, Fuchs und Kunert 1977 unter Androhung langer Haftstrafen zur Ausreise gezwungen und nach West-Berlin abgeschoben. In seinem Buch Vernehmungsprotokolle gibt Fuchs die Verhöre aus der Haft aus der Erinnerung wieder. Die Stasi-Akten bestätigten später seine Darstellung. Der Historiker Hubertus Knabe schrieb dazu: „Liest man die 88 Verhörprotokolle und die über 60 Seiten Vernehmungspläne, erschrickt man noch heute über die Gnadenlosigkeit, mit der die Stasi-Mitarbeiter den jungen Autor in die Mangel nahmen.“
In West-Berlin arbeitete Jürgen Fuchs als freischaffender Schriftsteller und seit 1980 auch als Sozialpsychologe im Projekt Treffpunkt Waldstraße, einer Kontakt- und Beratungsstelle für Problemjugendliche. Heinrich Böll, Manès Sperber, Rudi Dutschke, Heinz Brandt, Herta Müller, Hans Joachim Schädlich, Adam Zagajewski und Manfred Wilke zählten zu seinen Bekannten. Er engagierte sich in der Friedensbewegung und hielt Verbindung zur unabhängigen Friedens- und Bürgerbewegung in der DDR, zur tschechischen Charta 77 und zur polnischen Solidarność und thematisierte Tabus des realen Sozialismus wie die Staatssicherheit und den Freikauf von Gefangenen. Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) leitete 1982 ein Ermittlungsverfahren (ZOV „Opponent“) gegen Fuchs ein und setzte ihn und seine Umgebung zahlreichen „Zersetzungsmaßnahmen“ aus. Dazu zählten 1986 ein Bombenattentat vor seinem Haus und die Sabotage der Bremsschläuche seines Autos.Vgl. Rede von Ilko-Sascha Kowalczuk anlässlich der Einweihung des Jürgen-Fuchs-Platz am 9. Mai 2011. (PDF; 38 kB) Planungen der Hauptabteilung VIII des MfS für Observation und Transitverkehr von 1988 sahen, so beschreiben es Stasi-Unterlagen, das zeitweilige Anbringen eines nicht näher beschriebenen, „erforderlichen Gegenstandes … für eine spezifische Maßnahme“ im Entlüftungsschacht unter der Hauseingangstür von Fuchs durch den West-Berliner IM „Genua“ vor; der Auftrag wurde aber zurückgezogen.BStU, ZA, IM-Akte „Genua“, A 377/81, Bd. 4, Bl. 148, Treffbericht der HA VIII mit IM „Genua“ vom 3. Februar 1988. Dok. in: BStU: Bericht zum Projekt „Einsatz von Röntgenstrahlen und radioaktiven Stoffen durch das MfS gegen Oppositionelle – Fiktion oder Realität?“; 2., überarbeitete Auflage Berlin 2002, S. 201; Download-Option beim Stasi-Unterlagen-Archiv.
mini|Jürgen Fuchs (ganz rechts) auf einem Liederabend oppositioneller Künstler im Haus der jungen Talente, Dezember 1989
Seit dem Fall der Mauer im November 1989 bemühte sich Fuchs besonders um die Aufklärung der Verbrechen des MfS. Er arbeitete seit 1991 zeitweilig im Bereich Bildung und Forschung des Beauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, dessen Beirat er 1997 aus Protest gegen die Beschäftigung ehemaliger Stasi-Mitarbeiter verließ. Im selben Jahr erkrankte er an Leukämie. Am 2. Januar 1992 war er einer der ersten, die Einblick in ihre Stasi-Unterlagen nehmen durften.
Aufsehen und Kritik erregte Fuchs, als er im Dezember 1991 das, was die Staatssicherheit mit politischer Haft und „Zersetzungsmaßnahmen“ gegen wenigstens sechs Millionen Menschen in der DDR bewirkt hatte, mit dem Begriff „Auschwitz in den Seelen“ bezeichnete. Der Dichter und Liedermacher Wolf Biermann, Sohn des in Auschwitz ermordeten jüdischen Kommunisten Dagobert Biermann und auch selbst Ziel von „Zersetzungsmaßnahmen“ der Staatssicherheit, verteidigte ihn ausdrücklich.
mini|hochkant|Grabstätte Fuchs starb 1999 an der Leukämieerkrankung und wurde auf dem Berliner Heidefriedhof bestattet (Grabstelle D VII 335/36).
Sein Tod nährte den Verdacht, er sei als Häftling des MfS vorsätzlich Gammastrahlen ausgesetzt worden.Vgl. auch Darstellung bei Udo Scheer: Jürgen Fuchs. Ein literarischer Weg in die Opposition. Reihe: Inhaftiert in Berlin-Hohenschönhausen. Berlin 2007, S. 358 ff. Sein Freund Wolf Biermann schrieb dazu: „Sein Tod mit 48 Jahren ist eines der Indizien. Fuchs starb an einem Blutkrebs, der auf Strahlenschäden hinweist.“ Der damalige Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen Joachim Gauck veranlasste eine wissenschaftliche Untersuchung. Seine Behörde konnte nach umfangreichen Recherchen aber nicht feststellen, dass radioaktive Substanzen oder Röntgenstrahlen gezielt zur Schädigung von Oppositionellen eingesetzt wurdenWolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten, Berlin 2016. Die Untersuchung offenbarte aber verschiedene leichtfertige Verwendungen radioaktiver Substanzen durch die Staatssicherheit, zum Beispiel für die Markierung von Geldscheinen, die in Briefen verschickt wurden und der Aufklärung von Postdiebstählen dienen sollten, oder für die radioaktive Markierung von Manuskripten des SED-Kritikers Rudolf Bahro.Gauck: Stasi setzte radioaktive Stecknadeln ein. Spiegel Online, 17. März 2000
Werke Gedächtnisprotokolle, 1977, ISBN 3-499-14122-1 Vernehmungsprotokolle, 1978, ISBN 3-499-14271-6 Tagesnotizen, 1979, ISBN 3-499-25126-4 Pappkameraden, 1981, ISBN 3-499-25152-3 Fassonschnitt, 1984, ISBN 3-499-12480-7 Einmischung in eigene Angelegenheiten, 1984, ISBN 3-499-15357-2 Das Ende einer Feigheit, 1988, ISBN 3-499-13199-4 Gäste kommen und gehen oder Der Verkauf der Landeskinder, 1989, ISBN 3-926409-77-0 „… und wann kommt der Hammer ?“, 1990, ISBN 3-86163-015-X Landschaften der Lüge, Schriftsteller im Stasi-Netz:
Dummgeschult? Ein Schüler und sein Lehrer, 1992, ISBN 3-86163-047-8. Das Besser-Wissen von heute – Nun kann laut und selbstsicher geredet werden. Rede zur Öffentlichen Anhörung der Enquete-Kommission »Zur Auseinandersetzung mit den beiden Diktaturen in Deutschland in Vergangenheit und Gegenwart« am 4. Mai 1994, in: Horch und Guck, H. (1994), S. 31–33. Zersetzung der Seele, 1995, ISBN 3-88022-365-3. Magdalena, 1998, ISBN 3-499-22618-9 Auszug aus „Magdalena“, in: Horch und Guck, H. 49 (2004), S. 51–52. Dissidenten, Präsidenten und Gemüsehändler: Tschechische und ostdeutsche Dissidenten 1968–1998, hrsg. von Doris Liebermann, Jürgen Fuchs und Vlasta Wallat. Essen, Klartext-Verlagsgesellschaft, 1998, ISBN 978-3-88474-678-3. Die nach hinten gedrehten Arme, Gedicht (Sommer 1989), in: Horch und Guck, H. 26 (2/1999), S. 7–8. Schriftprobe. Frühe Gedichte. Vorgelegt von Edwin Kratschmer, 2001, ISBN 3-89739-132-5. Zwo! In: Wolf Biermann und andere Autoren: Die Ausbürgerung. Hrsg.: Fritz Pleitgen; 2001, ISBN 3-89834-044-9, S. 244 ff. Sie machen Tempo, Matthias (April 1996), in: Horch und Guck, Sonderheft 1 (2003) Matthias Domaschk, S. 26–32. Das Ende einer Feigheit. Mit einer Einführung von Herta Müller und einem Lied von Wolf Biermann. Hg. von Doris Liebermann. Hörbuch, 2 CDs, Hörbuch Hamburg 2010/2011, ISBN 978-3-89903-089-1. Landschaften der Lüge. Gespräche mit Jürgen Fuchs. Mit einem Vorwort von Roland Jahn. Hg. von Doris Liebermann. Hörbuch, 2 CDs, Hörbuch Hamburg 2013, ISBN 978-3-89903-396-0. Für uns, die wir noch hoffen. Lieder von Gerulf Pannach & Christian Kunert. Prosa von Jürgen Fuchs. Leipzig 1976, West-Berlin 1977. Herausgegeben von Doris Liebermann und Bodo Strecke. Hörbuch, 3 CDs, Label Marktkram 2013. Vernehmungsprotokolle. November '76 bis September '77. Jaron Verlag, Berlin 2017. ISBN 978-3897738386. Poesiealbum 356. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2020
Auszeichnungen 1977: Internationaler Pressepreis 1982: Marburger Literaturpreis 1987: Thomas-Dehler-Preis des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen (zusammen mit Sascha Anderson) 1988: Deutscher Kritikerpreis für Literatur 1999: Hans-Sahl-Preis (posthum)
Ehrungen mini|Jürgen-Fuchs-Platz, in Berlin-Dahlem Fuchs wurde für sein Lebenswerk 1999 posthum mit dem Hans-Sahl-Preis ausgezeichnet.
Auf Antrag des Thüringer Landtages wurde mit dessen Neubau die neue Zufahrtsstraße zur Hauptpforte am 20. Dezember 2002 zur Erinnerung und als Würdigung nach Fuchs benannt.An der falschen Adresse Dissident Jürgen Fuchs und die Linke in Erfurt. Der Tagesspiegel 29. Dezember 2008.; Claus-Peter Müller (FAZ): Erfurt. Nicht unter dieser Anschrift. 9. Dezember 2008; Christian Nürnberger: Mutige Menschen: Für Frieden, Freiheit und Menschenrechte. Thienemann/Gabriel, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-522-30158-9.
In seiner Heimatstadt Reichenbach im Vogtland trägt eine Bibliothek seit 2001 seinen Namen. Am 9. Mai 2011, seinem 12. Todestag, erhielt ein bisher namenloser Platz in Berlin-Dahlem, Königin-Luise-Straße / Ecke Arnimallee, den Namen Jürgen-Fuchs-Platz. Die Laudatoren waren Wolf Biermann und Ralph Giordano. Am gleichen Tag wurde im Thüringer Landtag bei einer Gedenkveranstaltung mit Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller eine von Schülern erarbeitete Multimedia-Stele enthüllt.
Am 14. Juni 2024 wurde im Garten des Goethe-Gymnasiums Reichenbach ein Gedenkstein für Fuchs enthüllt.www.freiepresse.de Die Stadtverwaltung ließ den Gedenkstein einige Wochen später entfernen.Gedenkstein für DDR-Opfer muss weg - „Die Reichenbacher haben gewählt und kriegen jetzt ihre Quittung“zeit.de vom 19. Dezember 2024: Interview mit Marko Martin.
Literarische Figur