Frühneuenglisch (Frnengl., Frne., engl. ) ist eine historische Sprachstufe der englischen Sprache, wie sie etwa zwischen den Jahren 1500 und 1700 gesprochen wurde und ist damit eine Zwischenstufe zwischen dem mittelalterlichen Mittelenglisch und dem modernen Englisch. Frühneuenglisch ist die Sprache des Dramatikers William Shakespeare und der King-James-Bibelübersetzung.
Die frühneuenglische Periode ist eine Übergangsphase. Viele Entwicklungen, die bereits während des Mittelenglischen einsetzten, setzen sich im Frühneuenglischen fort, so die zunehmende Bevorzugung der Reihenfolge Subjekt-Verb-Objekt (SVO) im Satzbau und der Verlust von Flexionen.
Die dramatischsten Änderungen während der frühneuenglischen Zeit fanden jedoch in Aussprache und Wortschatz statt: Durch die frühneuenglische Vokalverschiebung () nähert sich das Englische weitestgehend an die heutige Aussprache an. Während es für einen heutigen Sprecher des Englischen schwer sein dürfte, ohne weitere Vorkenntnisse die Aussprache der mittelenglischen Texte Geoffrey Chaucers zu verstehen, ist die frühneuenglische Aussprache William Shakespeares schon nah am heutigen Englisch. In der frühneuenglischen Zeit finden außerdem Tausende von neuen Wörtern Eingang ins Englische.
Der Beginn der frühneuenglischen Periode wird in der Regel um das Jahr 1500 festgelegt, weil zum einen um diese Zeit die frühneuenglische Vokalverschiebung einsetzte, die die Aussprache des Englischen fundamental verändern sollte. Zum anderen liegen um diese Zeit historische Ereignisse wie die Einrichtung der ersten Druckerpresse Englands durch William Caxton (1476), in deren Folge die Grammatik und Orthographie des Englischen sich zunehmend vereinheitlichte. Das Ende der frühneuenglischen Periode wird um 1700 angesetzt, weil viele Veränderungen in Aussprache und Schreibung des Englischen um diese Zeit abgeschlossen waren.
Historischer Hintergrund mini|William Caxton zeigt König Edward IV einen Druck Bis etwa 1500, dem Ende der mittelenglischen Zeit, hatte sich Englisch seinen Platz als Sprache der Oberschicht, des Parlaments und der Justiz zurückerobert und löste das bis dahin dominierende Französisch der normannischen Oberschicht ab. Lateinisch war jedoch um 1500 immer noch die Sprache der Wissenschaftler und Gelehrten. Ab 1500 begannen viele Gelehrte, ihre Texte zunehmend auch auf Englisch abzufassen. Sie reagierten damit auf den Bildungshunger einer wachsenden Mittelschicht, die durch den Besuch der Grammar Schools über Lese- und Schreibkenntnisse und eine Grundbildung verfügte. Mit der Einführung der Druckerpresse in England durch William Caxton wurden Bücher für größere Teile der englischen Gesellschaft auch erschwinglich.
Die englische Sprache war während der mittelenglischen Periode jedoch hauptsächlich eine Sprache des einfachen Volks gewesen und hatte speziell im Bereich Wissenschaft große sprachliche Lücken: Es gab für viele Begriffe aus Medizin und Naturwissenschaft lediglich lateinische Ausdrücke, aber keine englischen Entsprechungen. Hinzu kam die mit der Renaissance einhergehende Wiederentdeckung klassischer Philosophen sowie neue Erfindungen und Entdeckungen, für welche ebenfalls Bezeichnungen im Englischen gebraucht wurden.
Autoren, die auf Englisch schrieben, waren sich dieser Defizite in der Regel bewusst und bemühten sich, die Lücken in der englischen Sprache entweder durch eigene Wortschöpfungen oder durch Entlehnungen aus dem Lateinischen und anderen europäischen Sprachen zu kompensieren. Die Erweiterung des englischen Wortschatzes speziell durch Entlehnungen aus dem Lateinischen wurde zu Beginn der frühneuenglischen Periode kontrovers diskutiert (): Während einige Autoren für diese Anreicherung des englischen Wortschatzes plädierten, kritisierten andere die übermäßige Verwendung lateinischer Lehnwörter als ein übertriebenes Prunken mit Gelehrsamkeit – solche Ausdrücke wurden dann als bezeichnet. Trotz dieser Kritik ließ sich die umfangreiche Erweiterung des englischen Wortschatzes durch lateinische Lehnwörter nicht aufhalten. Um 1600 war die Debatte um weitgehend beendet und Lehnwörter akzeptiert.
Die Einführung des Buchdrucks in England führte darüber hinaus zur Entwicklung einer standardisierten Orthographie. Während der mittelenglischen Zeit gab es regional verschiedene Varianten der Schreibung, da viele Schriftstücke auch nur regionale Bedeutung hatten; so gab es keinen Bedarf für einen überregionalen Standard. Mit der Verbreitung gedruckter Werke setzte sich langsam eine einheitlichere Schreibung durch.
Phonetik und Phonologie
Vokale mini|Frühneuenglische Vokalverschiebung
Die bedeutendste Veränderung in der Aussprache stellt der , die Frühneuenglische Vokalverschiebung, dar. Der Begriff wurde vom dänischen Linguisten Otto Jespersen geprägt. Bei der Vokalverschiebung rückten alle langen Vokale höher und nahmen den Platz des nächstgelegenen Langvokals ein. So wurden /e:/ und /o:/ durch die Vokalverschiebung nun als [i:] und [u:] realisiert. Erkennbar ist das noch an der Schreibung von meet und food, die seit dem Frühneuenglischen [mi:t] und [fu:d] ausgesprochen werden, während die Schreibung mit <ee> und <oo> noch die mittelenglische Aussprache reflektiert. Die hohen (geschlossenen) Vokale /i:/ und /u:/ wurden zu Diphthongen /ai/ und /au/. Mittelenglisch [hu:s] (house) wird so zu frühneuenglisch [haus].
Die Gründe für diesen Wandel sind nicht vollständig geklärt. Eine spekulative These ist, dass die Oberschicht sich durch eine andere Aussprache von den unteren Schichten der Bevölkerung abgrenzen wollte, nachdem das Französische als Sprache der Oberschicht wegfiel. Der Great Vowel Shift stellt jedoch keine englandweite Veränderung dar; besonders in nordenglischen Dialekten fand lediglich die Diphthongierung der geschlossenen Vokale statt.
Konsonanten Um 1500 umfasst das Frühneuenglische alle Konsonanten, die es auch im heutigen modernen Englisch gibt, mit der Ausnahme von /ŋ/ und /ʒ/. /ŋ/ war bis 1600 ein Allophon von /n/, das in der Position vor /g/ auftrat, bis die Kombination /ŋg/ um 1600 zu in wortfinaler Position wie in Wörtern wie sing zu /ŋ/ vereinfacht wurde. Das zweite neue Konsonantenphonem, /ʒ/, entwickelte sich um 1700 aus der Kombination /zj/ in Wörtern wie vision.
Auch bei der Aussprache von Konsonanten lassen sich Veränderungen feststellen. Während der frühneuenglischen Phase vereinfachten sich häufig initiale Konsonantencluster: So fiel beispielsweise im Cluster /kn/ das /k/ weg. Des Weiteren fiel das Phonem /x/ (mit seinem Allophon /ç/; deutsch: <ch>) weg bzw. fiel durch verschiedene Entwicklungen mit mehreren anderen Phonemen zusammen. Die Veränderungen der Phonetik lassen sich gut am Beispiel des Wortes „knight“ (dt. Ritter, „Knecht“) verdeutlichen: aus Mittelenglisch /knɪçt/ wurde am Ende der frühneuenglischen Phase /nait/.
Grammatik Das Frühneuenglische ist eine Übergangsphase zwischen dem Mittelenglischen und dem modernen Englisch (Neuenglisch). Viele Entwicklungen in der Grammatik, die sich schon während der mittelenglischen Periode abzeichneten, setzten sich in der frühneuenglischen Phase fort.
Flexion Der bereits im Mittelenglischen begonnene Verlust von Flexionen setzte sich im Frühneuenglischen fort: Zu Beginn der frühneuenglischen Phase hatte das englische Verb noch die Endung -(e)st für die zweite Person Singular: thou walk(e)st, thou sayest, thou hast statt neuenglisch you walk, you say, you have. Zum Ende der frühneuenglischen Periode wurde das Personalpronomen thou kaum noch benutzt, womit auch -(e)st als Verb-Endung der 2. Person Singular Präsens (thou sayest) verschwand.
Zu Beginn der frühneuenglischen Periode war es außerdem in der 3. Person Singular Präsens möglich, zwischen den Endungen -s (he says) und -eth (he sayeth) zu wählen. -eth wurde im Verlauf des Frühneuenglischen seltener, bis es völlig durch -s ersetzt wurde. Die Tendenz, die Form -s zu bevorzugen, begann im Norden Englands und breitete sich nach Süden aus.
Bei den Adjektiven gab es im Frühneuenglischen noch mehr Variation, als es bei Adjektiven im modernen Englisch möglich ist: Im Frühneuenglischen sind verschiedene Formen des Komparativ und Superlativ möglich. bigger, more big oder more bigger bzw. the biggest, the most big oder the most biggest.
Pronomen Eine wichtige Veränderung ist die Entwicklung des Personalpronomens der 2. Person, thou. Im Mittelenglischen und zu Beginn der frühneuenglischen Periode bezeichnete thou (Dativ/Akkusativ: thee) die Singularform (dt. du), ye (Dat./Akk. you) die Pluralform (dt. ihr). Um 1600, in der Mitte der frühneuenglischen Periode, veränderte sich die Verwendung dahingehend, dass you sowohl im Singular als auch im Plural verwendet werden konnte, allerdings nur als Höflichkeitsform: Mit you redete man sich gegenseitig in der Oberschicht an bzw. Niedriggestellte sprachen Höhergestellte mit you an. Höhergestellte sprachen Niedriggestelltere mit thou an; thou war auch die übliche Anrede innerhalb der unteren sozialen Schichten. Ferner konnte thou auch eingesetzt werden, um Vertraulichkeit auszudrücken, z. B. zwischen Liebenden in Shakespeares Komödien. Um 1700, zum Ende der frühneuenglischen Periode, fiel thou weg. Es blieb nur als zweite Person Singular in religiösen Kontexten erhalten, etwa im Vaterunser und in englischen Bibelfassungen, sowie als bewusst archaische Form als Stilmittel in der Literatur.
Syntax Die Syntax im Frühneuenglischen gleicht im Wesentlichen der Syntax des heutigen Englisch, mit den folgenden Abweichungen:
Satzbau: Im Gegensatz zum heutigen Englisch war der Satzbau zu Beginn der frühneuenglischen Phase nicht so restriktiv, aber schon weniger flexibel als der Satzbau im Alt- und Mittelenglischen. Die Reihenfolge Subjekt-Verb-Objekt (SVO) war die häufigste Satzstellung in deklarativen Sätzen. Konstruktionen wie Verb-Subjekt oder Adverb-Verb-Subjekt waren im 16. Jahrhundert noch häufig, wurden aber im 17. Jahrhundert seltener: Now comes in the sweetest Morsell of the night (Shakespeare, Henry IV., Part 2) Verbalphrase: Am bedeutendsten ist wohl die Einführung von do als Hilfsverb; zunächst nur als Betonung in positiven Satzkonstruktionen, im 17. Jahrhundert auch in verneinten Sätzen. Der Einsatz von do in Fragen folgt dann erst im modernen Englisch im 18. Jahrhundert. Modalverben: Im Frühneuenglischen wurden die folgenden Modalverben verwendet, von denen jedes sowohl eine Form im Präsens als auch im Präteritum besaß: can/could, dare/durst, may/might, shall/should, will/would. Als Einzelformen ohne Vergangenheitsform gab es noch must, need, ought und dichterisches list. Die Form mot(e), ursprünglich die Präsenzform von moste/must verschwindet schon im frühen 16. Jahrhundert. Einige der Modalverben hatten im Frühneuenglischen noch eine leicht andere Bedeutung, so kann das Modalverb can heute auch für Erlaubnis verwendet werden (you can use my pen), was im Frühneuenglischen nicht möglich war. Im Gegensatz zum modernen Englisch konnten im Frühneuenglischen die Modalverben auch ohne begleitendes Verb verwendet werden, allerdings war diese Verwendung auf die Beschreibung von Bewegung beschränkt: I must to Couentree (=I must go to Coventry) (Shakespeare, Richard II.) Nominalphrase: Die Nominalphrase entspricht im Wesentlichen der heutigen Nominalphrase; zu Beginn des Frühneuenglischen war es möglich, einem Nomen zwei Pronomen vorzustellen, d. h. ein Demonstrativpronomen und ein Possessivpronomen, z. B. this my father. Dies wurde jedoch bald zugunsten von of-Konstruktionen aufgegeben. Negation: Im Mittelenglischen und am Anfang der frühneuenglischen Periode waren doppelte Negationen (I will not give him no meat) üblich. Durch den Einfluss des Rationalismus Ende des 17. Jahrhunderts wurden solche Konstruktionen als unlogisch geächtet.
Wortschatz und Wortbildung Erweiterung des Wortschatzes