Als Berserker wird in mittelalterlichen skandinavischen Quellen ein im Rausch kämpfender Mensch bezeichnet, der keine Schmerzen oder Wunden wahrnimmt. Über diese Art von Kriegern, die auf der Seite verschiedener germanischer Stämme kämpften, berichten auch römische Quellen in der Kaiserzeit.Siehe dazu auch :Furor Teutonicus Sie werden dort aber nicht als „Berserker“ bezeichnet, sondern tragen andere Bezeichnungen.

Etymologie Berserker ist ein altnordisches Kompositum. Der zweite Teil serkr wird einhellig als „Hemd, Harnisch“ gedeutet. Die Volksetymologie hält ber für einen Bären (obwohl dies altnordisch bjorn lautet), die Gelehrten hingegen für „bar, bloß“ (engl. bare) „jemand, der ohne Rüstung kämpft“.

Alexander JóhannessonIsländisches etymologisches Wörterbuch, Bern 1956, S. 787. schreibt dazu: „berserkr […] zum Adjektiv berr nudus, vgl. Andrésson 1683: miles, qui sine armis, lorica galea &c. pugnat, auch Bj. Halld. (1814): indusio tantum non lorica indutus. Vgl. auch Snorri: fóru brynjulausir.“ Manche halten die „Kampfraserei“, berseksgangr (lateinisch furor germanicusGundolf Keil: Wut, Zorn, Haß. Ein semantischer Essai zu drei Ausprägungen psychischer Affektstörung. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 183–192, hier: S. 184.), für eine Manifestation der nordischen Sagen über Werwölfe, statt an ein Rauschmittel wie etwa bei den orientalischen Assassinen zu denken.

Erste Erwähnungen

Das Wort Berserker tritt zum ersten Mal in der Haraldskvæði (Strophe 8), einem Preisgedicht des Skalden Þorbjörn hornklofi (um 872) über die Entscheidungsschlacht Harald Hårfagres am Hafrsfjord, auf: grenjuðu berserkir, guðr vas á sinnum, emjuðu Ulfheðnar ok ísörn dúðu.es brüllten die Berserker, der Kampf kam in Gang es heulten die Wolfpelze und schüttelten die Eisen.Finnur Jónsson (Hrsg.): Den Norsk-Islandske Skjaldedigting B: Rettet Tekst I. 1912 (Nachdruck Rosenkilde og Bagger, Kopenhagen 1973), S. 22–25; hier S. 23. Es ist bislang unbestritten, dass hier ekstatisch schreiende Krieger in Wolfsfellen gemeint sind. Aus dem Parallelismus schließen viele Forscher, dass es sich bei den Berserkern nicht um Nackte, sondern um „Krieger des Bären“ gehandelt habe.Otto Höfler S. 299 mit weiteren Nachweisen. Fraglich ist allerdings, ob die Berserker mit den Kriegern im Wolfspelz gleichgesetzt werden können.Näsström S. 104.

Aus den Strophen 20, 21 des Haraldskvæði ist zu entnehmen, dass die Berserker prinzipiell in der ersten Reihe jeder Schlachtordnung und dort auch ohne Rücksicht auf Verluste kämpften. Allerdings werden sie in den Schlachtberichten auffallend selten erwähnt. Klaus von See hat wahrscheinlich gedacht, dass die Strophen 13–23 eine Hinzufügung aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts sind,Klaus von See: Exkurs zum Haraldskvæði: Berserker. In: Klaus von See: Edda, Saga, Skaldendichtung. Heidelberg 1981, S. 311–317. so dass nur die oben erwähnte Strophe aus dem 9. Jahrhundert stammt. 250 Jahre vergingen, bis das Wort „Berserker“ wieder in der Literatur erwähnt wird. Daraus schließt Klaus von See, dass es sich nicht um einen feststehenden zeitgenössischen Begriff gehandelt habe, sondern um eine Wortschöpfung des Dichters Þorbjörn hornklofi, wobei dieser die sonst in der skandinavischen Literatur nicht vorkommende Wortverbindung mit „ber-“ aus deutschen Vorlagen übernommen habe, und fügt zum Beleg zwei weitere Wortverbindungen mit „ber-“ „ber-harð“ (bärenhart) und „ber-fjall“ (Bärenfell, nicht, wie zu erwarten, „Bärenfelsen“) von Þorbjörn an, die dieser dem deutschen Sprachschatz entlehnt habe. Das Wort „berserkr“ wird erst im 12. Jahrhundert allgemein gebräuchlich.

Die Tierkrieger traten oft in geschlossenen Gruppen auf, wie in der oben zitierten Schilderung der Schlacht am Hafrsfjord. Die Sagas berichten übereinstimmend, dass die Berserker am Bug des Schiffes, also dem gefährlichsten Platz beim Kampf, aufgestellt gewesen seien.Egils saga 9, 3; Vatnsdœla saga 9, 1. Sie galten als königliche Elitetruppe. Ihre Zahl wird in der Regel mit zwölf angegeben. Aber es ist falsch, die Berserker nur als „Elitekrieger“ zu bezeichnen. Vielmehr sind Berserker Menschen mit besonderen Eigenschaften, die in den Quellen mal als Elitekrieger, mal als Gefolgsleute mächtiger Herrscher, mal als gefährliche Verbrecher, auch als Briganten und auch als Zauberer auftreten.Samson S. 14. Sie kommen in vornehmsten Geschlechtern vor, sind aber auch familienlose Waldmenschen.

In einer Stelle in der Vatnsdœla saga unterhalten sich die Brüder Þorsteinn und Þorir über die Rangfolge der Brüder.

Aber diese Erkrankung unterscheidet sich deutlich von der Raserei im Kampf, die ja willentlich herbeigeführt wurde.

In den frühen Erwähnungen ist von den unkontrollierbaren Tobsuchtsanfällen, die der Wissenschaft Rätsel aufgeben, nicht die Rede. Tierfelle und der Kampfschrei waren nichts Ungewöhnliches für damalige Kampfsituationen.

Der „Berserkergang“ seit der Christianisierung

Nach der Durchsetzung des Christentums um 1025 gab es keine Berserker mehr. Im isländischen Christenrecht von 1122 (Kap. 7 der Grágás) wird es verboten, sich in Berserkerwut zu versetzen, wobei nicht sicher ist, dass damit der literarisch bezeugte Berserkergang oder nicht nur einfach ein Tobsuchtsanfall gemeint ist. In den norwegischen Christenrechten dieser Zeit werden Berserker nicht mehr erwähnt. Beides deutet darauf hin, dass diese Kampfesweise zu dieser Zeit, wenn auch regional unterschiedlich, bereits im Schwinden begriffen oder bereits verschwunden war.

Danach entstehen zwei Traditionsstränge: Der eine nennt besonders tapfere Krieger Berserker, ohne ihnen besondere Eigenschaften beizumessen, der andere beginnt, sie zu menschlichen Bestien zu stilisieren. Gemeinsam ist beiden Strängen, dass die Verfasser keine eigene Anschauung von Berserkern hatten und auch keine lebenden Zeugen, die Berserker selbst erlebt hatten, kannten. Die Berserker waren nur noch vom Hörensagen bekannt.

Zum ersten Traditionsstrang gehört die erst um 1320 verfasste Grettis saga. Sie hält bereits besonders tapfere Männer für „Berserker“. Denn sie hält im Gegensatz zu allen älteren Berichten bei der Schilderung der Schlacht am Hafrsfjord bereits den Anführer der Gegner Haralds für einen Berserker, obgleich Berserker nirgends als Führungspersönlichkeiten auftreten:

Dass Thorir fiel, obgleich er Berserker war, störte den Verfasser nicht, was zeigt, dass die Unverwundbarkeit den Berserkern nicht überall zugeschrieben wurde.

mini|Zeichnung einer der in Torslunda (Öland) gefundenen Plaketten aus der Vendelzeit Auch sonst ist die Form des Kampfes in Tierverkleidung überliefert. So ist auf einer Bronzeplakette aus dem 6./7. Jahrhundert, die in Torslundavgl. c:Category:Torslunda helmet plate patrices gefunden wurde, ein Krieger mit Tiermaske abgebildet. Und in der Vatnsdœla saga heißt es über die Schlacht am Hafrsfjord:

Die Saga wurde zwischen 1260 und 1280 verfasst, weshalb der Verfasser den „Berserker“ seinen Lesern erläutern muss, wobei offenbleibt, ob er nicht verschiedene Elitekämpfer dabei vermengt hat.

Eine Gruppe von Berserkern galt als fähig, das Schlachtenglück zu wenden. Durch ihr rücksichtsloses Vorgehen und das den Überlieferungen zufolge stark reduzierte bis vollkommen neutralisierte Schmerzempfinden konnten sie entscheidende, aber auch für beide Seiten blutige Manöver durchführen.

In der Hrólf-Krakis-Saga ist viel von Berserkern, die neben dem König sitzen, die Rede. Doch in dieser späten Geschichte aus dem 14. Jahrhundert sind die Berserker längst nicht mehr unverwundbar und verfügen auch sonst nicht mehr über ungewöhnliche Fähigkeiten. In der Geschichte von Halfdan, dem Schützling der Brana, werden die Begriffe „Berserker“ und „Wikinger“ sogar synonym gebraucht.Mathias Kruse, Die Geschichte von Halfdan, dem Schützling der Brana. München 2009, S. 28, wo Wikinger in die Schildränder beißen, und S. 82, Anm. 15.

Die Stilisierung der Berserker als menschliche Bestien findet ihren frühesten literarischen Niederschlag bei Saxo Grammaticus. Der später lebende Snorri Sturluson steht in einigen Texten in der gleichen Tradition.

mini|hochkant|Eine der auf den Hebriden gefundenen Lewis-Schachfiguren zeigt einen Berserker, der in seinen Schild beißt.

Dem Berserker wurden nunmehr besondere Eigenschaften beigemessen: Er war unempfindlich gegen Feuer, und Eisenschwerter verwundeten ihn nicht. Die Berserkerwut begann mit Zittern, Kälte am Kopf und Zähneklappern (offenbar so ähnlich wie Schüttelfrost), manchmal schwoll der Kopf an, und die Gesichtsfarbe veränderte sich, dem folgte lautes Brüllen und das Beißen in den Schild. Es wird erwogen, ob dieses Beißen in den Schild vielleicht magische Bedeutung hatte. Näsström weist auf eine Strophe in der Havamál hin, die Odin spricht: Þat kann ek it ellifta: ef ek skal til orrostu leiða langvini, und randir ek gel, en þeir með ríki fara heilir hildar til, heilir hildi frá, koma þeir heilir hvaðan.Ein elftes kann ich, wenn alte Freunde ins Gefecht ich führen soll: in die Schilde sing ich’s, so ziehn sie siegreich heil in den Kampf, heil aus dem Kampf, bleiben heil, wohin sie ziehen.Übersetzung von Simrock Das Brüllen war die Aufheizphase für den Berserkergang.Näsström S. 50.

und

Später bezeichnete der Begriff „Berserker“ also Männer, die im Kampf der sogenannten „Schlachtenraserei“ anheimfielen, was auch als Blutrausch beschrieben werden kann. Derartige Krieger galten anfänglich als geliebte Söhne der Götter, vor allem Odins.Ynglinga saga 6. Dessen Selbstopfer in der Hávamál wird auch als „archetypische Proto-Initiation in einen Männerbund“ interpretiert,Maier § 4. woraus dann auch abgeleitet wird, dass es Berserkerbünde gegeben habe. Ein quellengestützter Nachweis lässt sich dazu nicht anführen.

Snorri Sturluson schrieb später als Saxo Grammaticus. Man vermutet, dass er die Egils saga geschrieben hat.Simek/Pálsson S. 71. Die Egils saga beginnt mit den Worten:

Während hier die Berserkereigenschaft der Vornehmheit und der Freundschaft nicht im Wege steht, wird der Berserker Ljot negativ geschildert und sein Berserkeranfall beim Holmgang beschrieben:

Nach dem Abklingen des Anfalls soll es zu einem Schwächeanfall, der sogar zum Tode habe führen können, gekommen sein. Auf diesen Verlaufstypus eines Berserkergangs nimmt Egils saga im 27. Kapitel explizit Bezug, als der genannte (Kveld-)Ulf, Egils Großvater, zusammen mit seinem Sohn Skala-Grimm (Egils Vater) die schlafende Mannschaft Hallvarads in „Berserkerwut“ erschlägt. Ulf ermattet, legt sich auf sein Lager, wird krank, gibt Anweisungen für den Fall seines Todes und stirbt bald darauf, während der gemeinsamen Fahrt zur Landnahme auf Island.

Während in den frühen Sagas die Berserker im Holmgang von kampferprobten Männern besiegt wurden, treten in Handlungsabläufen der christlichen Zeit Bischöfe in den Vordergrund, die den Berserkern entgegentreten und ihnen ihre Unbesiegbarkeit nehmen. Alle, die Zeuge dieses Vorgangs sind, lassen sich anschließend taufen. Der Kampf wird durch das Wunder abgelöst.

„Berserkergang“ ohne Brünne

Snorri schilderte in seiner Heimskringla, in der Yinglinga saga Kap. 6 die Berserker so:

Hier ist bereits deutlich die Mythenbildung zu erkennen.

Das Abwerfen der Brünne vor dem Kampf ist noch für Håkon den Guten (935–961) bezeugt.Heimskringla, Geschichte von Håkon dem Guten, Kap. 30: „König Håkon hatte nun sein Heer in Schlachtordnung aufgestellt, und es heißt, dass der König die Brünne abwarf, ehe man in die Schlacht ging.“ Angesichts der Tatsache, dass der Kampf mit Pfeilschüssen eröffnet wurde, ist diese Schilderung allerdings zweifelhaft. Es könnte sich auch um einen literarischen Topos zur Schilderung des königlichen Kampfesmutes handeln.