mini|hochkant|Friedrich Flick während der Nürnberger Prozesse Friedrich Flick (* 10. Juli 1883 in Ernsdorf, heute zu Kreuztal; † 20. Juli 1972 in Konstanz) war ein deutscher Unternehmer und nationalsozialistischer Kriegsverbrecher. Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges hielt sein Flick-Konzern umfangreiche Unternehmensbeteiligungen, besonders im Rüstungsbereich. Im Flick-Prozess wurde er als Kriegsverbrecher zu sieben Jahren Haft verurteilt. In der Nachkriegszeit begann sein Wiederaufstieg, wobei er zu einem der reichsten Männer der Bundesrepublik Deutschland wurde.
Leben
Familie Friedrich Flick war der Sohn des Grubenholzhändlers Ernst Flick (1853–1915) und dessen Frau Philippine, geb. Winke (1853–1912). Seine Söhne waren Otto-Ernst Flick (1916-1974), Rudolf Flick (1919–1941) und Friedrich Karl Flick (1927-2006). Der zweitgeborene Sohn Rudolf kam als Soldat am 28. Juni 1941, sechs Tage nach Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion, ums Leben. daserste.de; zweiteiliger Dokumentarfilm vom Mai/Juni 2010.
Bis zum Ersten Weltkrieg mini|Die Charlottenhütte in Niederschelden, 2008
Friedrich Flick kam am 10. Juli 1883 als Sohn eines Landwirts und finanziell abgesicherten Grubenholzhändlers, der auch einige Anteile an Siegerländer Erzgruben hielt, in Ernsdorf (heute Ortsteil von Kreuztal, Kreis Siegen-Wittgenstein) zur Welt.
Flick besuchte das Realgymnasium (das heutige Gymnasium „Am Löhrtor“) in Siegen, absolvierte eine Lehre zum Kaufmann bei der Bremerhütte im heutigen Siegener Stadtteil Geisweid,Horst G. Koch: Erzväter. Berg- und Hüttenleute, Gruben und Hochofenwerke im Siegerland und Westerwald., 1982; S. 130/131 leistete seinen Wehrdienst ab und begann ein Studium an der Handelshochschule Köln. Seit seiner Jugend las Flick eifrig Unternehmensbilanzen. Flick war einer der ersten Studenten, die nicht nur ein Betriebswirtschaftsstudium, sondern auch ein Studium der Volkswirtschaft absolvierten. Einer seiner Lehrer war dort Eugen Schmalenbach, der Entwickler der dynamischen Bilanztheorie. Seine erste Anstellung bekam er, nachdem er 1906 seinen Abschluss als Diplom-Kaufmann erhalten hatte, wieder bei der Bremer Hütte. Zum 1. Juli 1913 wechselte er dann in den Vorstand der Eisenindustrie zu Menden und Schwerte in Schwerte/Ruhr, einem kombinierten Werk mit Stahlerzeugung und Weiterverarbeitung. Zum 31. März 1915 verließ er das Unternehmen auf eigenen Wunsch.
Sein Aufstieg begann 1915 als Vorstandsmitglied bei der Charlottenhütte in Niederschelden, in die er sich mit der Zeit einkaufte. Dies finanzierte er durch Gewinne an Betrieben, die er überteuert als Vorstandsmitglied kaufte, nachdem er sich zuvor an ihnen beteiligt hatte, oder indem er privat Schrott aufkaufte und an seine eigene Firma weiterverkaufte. Im Ersten Weltkrieg mit seinem Rüstungsboom führte er den Betrieb zu großen wirtschaftlichen Erfolgen und wurde schließlich 1919 sein Generaldirektor.Winfried Ranke, Gottfried Korff: Hauberg und Eisen – Landwirtschaft und Industrie im Siegerland um 1900. Verlag Schirmer/Mosel, München 1980.
Weimarer Republik Der Versuch, sich einen Stand im Ruhrgebiet zu verschaffen, scheiterte zunächst an den dortigen Industriemagnaten. Allerdings konnte Flick verhindern, dass sich diese ihrerseits im Siegerland etablierten. Über Betriebsaufkäufe in Oberschlesien und Mitteldeutschland, die er mit dank der hohen Inflation günstigen Kredite finanzierte, baute er sein Unternehmen aus. Insbesondere im an Polen abgetretenen Ostoberschlesien konnte er Betriebe sehr günstig von den deutschen Alteigentümern aufkaufen, welche eine entschädigungslose Enteignung durch den polnischen Staat fürchteten. Hierzu gründete er in den neutralen Niederlanden drei verschachtelte Holdinggesellschaften („Metafina“, „Nedehand“ und „Commerce“) mit teilweise US-amerikanischer Kapitalbeteiligung zur Absicherung gegen Enteignungsrisiken. Mithilfe dieser Gesellschaften erwarb er die Kattowitzer AG für Bergbau und Eisenhüttenbetrieb und die Vereinigte Königs- und Laurahütte und weitere Unternehmen. Beigetragen zur Übernahme dieser Unternehmen hatte auch die verdeckte Vergabe von zinsgünstigen Krediten durch einen Sonderfonds des deutschen Außenministeriums. Ziel der deutschen Außenpolitik in den 1920er Jahren war die Rückgewinnung Ostoberschlesiens. Daher sollten die großen Industriebetriebe in deutschem Besitz verbleiben und nicht in polnischen Besitz übergehen. Aus Gründen der Vermögenssicherung und Risikominimierung wollten die meisten deutschen Großaktionäre dieser Gesellschaften, die Industriellenfamilien Henckel von Donnersmarck, von Schaffgotsch, von Giesche, von Ballestrem und von Tiele-Winckler ihre Anteile verkaufen. Flick machte sich diese außenpolitische Interessenkonstellation zunutze und war somit in der Lage, mit einem relativ geringen eigenen Kapitaleinsatz und unter Inkaufnahme von latenten Enteignungsrisiken große Vermögenswerte zu einem relativ günstigen Preis zu erwerben.
Als Friedrich Flick den Firmensitz im September 1923 nach Berlin verlegte, kaufte er in der Zeit der Inflation nicht wahllos Unternehmen auf, sondern baute zielstrebig das Kerngeschäft im Eisen- und Stahlgewerbe sowie in der Kohlebranche aus. Die Bismarckhütte, die Kattowitzer AG für Bergbau und der Eisenhüttenbetrieb, der wichtigste Kohleförderer der Region Oberschlesien, sowie die Oberschlesische Eisenindustrie AG waren weitere Meilensteine auf dem Weg zu einem der größten Stahlkonzerne Deutschlands. Das Engagement in Oberschlesien erwies sich jedoch als Fehlentscheidung, und Schulden häuften sich auf. In der Folge gerieten weitere Werke Flicks in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten.
Im Tausch gegen die verschuldeten mitteldeutschen und oberschlesischen Werke erlangte Flick 1926 von Hugo Stinnes Anteile, die ihm schließlich zur Mehrheitsbeteiligung in der neuen Vereinigte Stahlwerke AG verhalfen. Die Charlottenhütte blieb als Holding in Flicks persönlichem Besitz und übernahm 1929 die Aktienmehrheit der Maxhütte. 1931 erfolgte der Konzernaufbau der Unternehmen Maxhütte und Mitteldeutsche Stahlwerke in der Holdinggesellschaft Charlottenhütte AG, und er trennte sich von den Vereinigten Stahlwerken. Infolge dieser Maßnahmen, der Weltwirtschaftskrise und der hohen Verschuldung drohte Flick nach dem rasanten Aufstieg die Zahlungsunfähigkeit. Der amerikanische Historiker George W. F. Hallgarten vermutet:
In der Weltwirtschaftskrise geriet Flick finanziell in bedenkliche Schieflage. Kaum eins der Unternehmen, an denen er Beteiligungen besaß, schüttete noch Dividenden aus. Diese hatte Flick aber schon fest eingeplant hatte, um die Kredite zu bedienen, mit denen er seinen Expansionskurs finanziert hatte – wie der Wirtschaftshistoriker Kim Christian Priemel schreibt, „eine waghalsige Wette auf die Konjunktur“, die er nun zu verlieren drohte: „Flicks Konzerngebäude erwies sich als ein auf Sand gebautes Haus“.Kim Christian Priemel: Friedrich Flick. Freies Unternehmertum im 20. Jahrhundert. In: Werner Plumpe (Hrsg.): Unternehmer – Fakten und Fiktionen. Historisch-biografische Studien. Oldenbourg, München 2014, ISBN 978-3-486-71352-7, S. 227–255, hier S. 238. 1931 gelang es ihm aber, der Reichsregierung unter Heinrich Brüning (Zentrum) die Aktienmehrheit der Gelsenkirchener Bergwerks-AG, die die Mehrheit an den Vereinigten Stahlwerken hielt, zu einem mehr als dreifach überhöhten Verkehrswert zu verkaufen. Später erklärte Flick diesen sensationellen Verkauf mit dem Verweis darauf, dass die Reichsregierung habe verhindern wollen, dass er an die Franzosen verkaufe. Im Nürnberger Flick-Prozess sagte Flick jedoch über den Hintergrund der Affäre aus, er habe seit 1926 als geheimer Mittelsmann für das Deutsche Reich versucht, die Kontrolle über die oberschlesischen Bergbaugesellschaften aufrechtzuerhalten, die im Versailler Vertrag größtenteils an Polen gefallen waren. Daher, so folgerte Hallgarten, sei Flicks Drohung mit dem Verkauf nach Frankreich eine Art politischer Erpressung gewesen.
Damit war Flick saniert. Dieses Geschäft, die Gelsenberg-Affäre, wurde in der Presse nicht nur wegen des Börsengeschäfts ein Skandal, sondern auch wegen der Wahlkampfspenden an Parteien im Spektrum von SPD bis NSDAP (wobei die bürgerlichen Parteien bevorzugt wurden). Sechsstellige Wahlkampfspenden erhielten Kurt von Schleicher (parteiloser Reichswehrminister ab 1. Juni 1932), Alfred Hugenberg (Medienunternehmer; DNVP) und Reichskanzler Brüning. Die Regierungsmitglieder der Regierung Brüning erhielten zusammen 450.000 Reichsmark an Spenden für den Reichspräsidentenwahlkampf 1932 und ihren Kandidaten Paul von Hindenburg. Hindenburgs Gegenkandidat, Adolf Hitler, hatte Flick im Februar in einem Gespräch unter vier Augen gedrängt, die NSDAP zu unterstützen, doch dieser hatte abgelehnt. Auch vor der Reichstagswahl Juli 1932 spendete er großzügig an die bürgerlichen Parteien. Gegenüber Alfred Hugenberg erklärte er, er wolle dem deutschen Bürgertum helfen, sich gegen die Nationalsozialisten zusammenzuschließen, damit diese nicht übermächtig würden. Politisch engagierte sich Flick im antidemokratischen Herrenclub.Elke Fröhlich: Herrenklub. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Klett-Cotta, Stuttgart 1997, S. 508.
1932 drohte eine nationalsozialistische Zeitung mit Blick auf die Gelsenberg-Affäre, nach einer Machtergreifung werde Flick enteignet. Nun bemühte sich dieser um größere Nähe zur NSDAP: Sein Privatsekretär Otto Steinbrinck wurde 1932 Mitglied im Keppler-Kreis, und Flick spendete an Nationalsozialisten wie den Berliner SA-Führer Wolf-Heinrich von Helldorff, an dessen sächsischen Kollegen Manfred von Killinger, an Walther Funk und Robert Ley. Bei einem Treffen mit Heinrich Himmler sagte Flick ihm vertraglich zu, alle Spenden an die NSDAP sollten nur noch an die SS gehen. Die Historikerin Ulrike Hörster-Philipps datiert dieses Abkommen auf 1931.Ulrike Hörster-Philipps: Im Schatten des großen Geldes. Flick-Konzern und Politik: Weimarer Republik, Drittes Reich, Bundesrepublik. Köln 1985, S. 42 und 121. Der amerikanische Historiker Henry Ashby Turner sieht hinter diesen Spenden nicht die Absicht, die Nationalsozialisten die Macht zu bringen. Vielmehr sei es Flick darum gegangen, sich und seine spekulativen Geschäfte gegen alle Eventualitäten abzusichern. Dies liege nahe, da Flick im gleichen Zeitraum nicht aufgehört habe, auch andere Parteien mit Spenden in noch größerer Höhe zu bedenken.ähnlich Robert Wistrich, der schätzt, Flicks Spenden für Hindenburg und die bürgerlichen Parteien hätten die an die Nationalsozialisten um das Zwanzigfache überstiegen; Wer war wer im Dritten Reich. Anhänger, Mitläufer, Gegner aus Politik, Wirtschaft, Militär, Kunst und Wissenschaft. Harnack, München 1983, ISBN 978-3-88966-004-6, S. 72. Zudem nutzte Flick sein Geld, um jede öffentliche Berichterstattung über sich zu vermeiden. Als der Journalist Karl Becker eine Materialsammlung über Flick anlegte, kaufte Flick Becker das Material ab und stattete ihn auf Jahre hinaus mit einer Rente aus.Tim Schanetzky: Regierungsunternehmer. Henry J. Kaiser, Friedrich Flick und die Staatskonjunkturen in den USA und Deutschland. Wallstein, Göttingen 2015, S. 222.
Zeit des Nationalsozialismus mini|300px|Friedrich Flick mit Mitgliedern des Vorstandes und des Aufsichtsrates der Maxhütte (16. Juni 1937). Obere Reihe von links: Hans Krugmann, Karl Raabe, Hermann Terberger; untere Reihe von links: Konsul Heinrich von Stein, Eugen Böhringer, Friedrich Flick, Carl Schneider (abgeschnitten); sitzend: Robert Röchling.