mini|Pierre-Joseph Proudhon, 1860 rahmenlos|zentriert|128px|klasse=skin-invert-image

Pierre-Joseph Proudhon [] (* 15. Januar 1809 in Besançon; † 19. Januar 1865 in Passy, Paris) war ein französischer Frühsozialist. Er gilt als einer der ersten Vertreter des solidarischen Anarchismus und setzte sich für Mutualismus und Föderalismus ein. Vielzitiert ist der Satz „Eigentum ist Diebstahl“ aus seiner Schrift Qu’est ce que la propriété? Ou recherches sur le principe du droit et du gouvernement (Was ist das Eigentum? Untersuchungen über den Ursprung und die Grundlagen des Rechts und der Herrschaft). Teilweise werden die Weiterentwickler seiner Theorie auch als Proudhonisten bezeichnet.

Leben Pierre-Joseph Proudhon wurde in Besançon, Département Doubs in der Region Franche-Comté geboren. Er war Sohn eines Küfers und einer Küchenmagd und arbeitete bis zu seinem zwölften Geburtstag als Ochsenhirt. Insofern war er der einzige der französischen revolutionären Theoretiker des 19. Jahrhunderts, der in der ländlichen Arbeiterklasse verwurzelt war.Jonathan Beecher: Writers and Revolution. Intellectuals and the French Revolution of 1848. Cambridge University Press, Cambridge 2021, ISBN 978-1-108-90979-2, S. 242. Durch ein Stipendium wurde ihm der Schulbesuch ermöglicht, den er aber aufgrund Geldmangels frühzeitig beenden musste. Er erlernte den Beruf des Schriftsetzers und bildete sich als Autodidakt weiter. Zunächst war er Teilhaber einer kleinen Druckerei in Besançon. Bereits 1840 erschien seine einflussreiche Schrift Was ist Eigentum?.Marshall Shatz: Anarchism. In: George Klosko (Hrsg.): The Oxford Handbook of the History of Political Philosophy. Oxford University Press, Oxford 2011, S. 725–735, hier S. 728. 1843 verkaufte er seinen Anteil an der Druckerei und ging nach Lyon, wo er für eine Spedition arbeitete. Dort hatte er Kontakte mit den Seidenwebern, die immer wieder gewaltsame Proteste organisierten. 1847 siedelte er nach Paris über, um mit den Frühsozialisten Théophile Thoré, Félix Pyat und Victor Pilhès eine Zeitung zu gründen. Daraus wurde nichts, aber in der französischen Hauptstadt bekam Proudhon Kontakt zu deutschen Linkshegelianern und russischen Adligen, die ihn beeinflussten, darunter Karl Marx und Michail Bakunin. Marx bot ihm eine Zusammenarbeit an, doch dies scheiterte an Proudhons Ablehnung der Idee einer gewaltsamen Revolution.Jonathan Beecher: Writers and Revolution. Intellectuals and the French Revolution of 1848. Cambridge University Press, Cambridge 2021, ISBN 978-1-108-84253-2, S. 243 f.

In Paris arbeitete Proudhon als Schriftsetzer und verfasste viele Schriften auf den Gebieten des Sozialismus und der Politischen Ökonomie. Er verkehrte unter anderem mit Karl Grün, Arnold Ruge, Immanuel Hermann Fichte, dem Sohn von Fichte, und in Paris mit den Mitgliedern der Société d’Économie Politique. Sein späterer Verleger Guillaumin hatte 1841 die Zeitschrift Journal des Économistes gegründet. An der Februarrevolution von 1848 nahm er nicht aktiv teil, da er glaubte, die Forderung nach einem allgemeinen Wahlrecht lenke nur von den tiefer liegenden wirtschaftlichen und sozialen Problemen ab, die es seines Erachtens zu lösen galt. Am 1. April 1848 erschien die erste Ausgabe der Zeitung Le Représentant du Peuple. Journal des travailleurs, über die Proudhon als Motto eine Abwandlung des berühmten Ausspruchs des Abbé Sieyès „Was ist der Dritte Stand“ aus dem Jahr 1789 trug:

mini|links|Pierre-Joseph Proudhon et ses enfants (übersetzt: Pierre-Joseph Proudhon und seine Kinder), Gemälde von Gustave Courbet, 1865 mini|In diesem Haus starb Pierre-Joseph Proudhon Bei den Wahlen vom 23. April 1848 wurde Proudhon in die französische Nationalversammlung gewählt.Jonathan Beecher: Writers and Revolution. Intellectuals and the French Revolution of 1848. Cambridge University Press, Cambridge 2021, ISBN 978-1-108-84253-2, S. 250. Als Abgeordneter entwickelte er ein Arbeitsprogramm: Er erstrebte eine Entwicklung zum Sozialismus ohne Gewalt, getragen von der freien Entscheidung der Arbeiter. Proudhon lehnte jede staatliche Gewalt ab und prägte die Überzeugung der Anarchisten, wonach die unbegrenzte Freiheit der Menschen die Grundvoraussetzung für eine sozialistische Ordnung sei.Gerhard Göhler und Ansgar Klein: Politische Theorien des 19. Jahrhunderts. In: Hans-Joachim Lieber (Hrsg.): Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1993, S. 587. Proudhon nahm in der Revolution eine Tendenz zu staatssozialistischen Vorstellungen wahr, welche er insbesondere in der Person des „regierungswütigen Louis Blancs“ bekämpfte.

Nachdem Louis Blanc in der Bevölkerung weitaus größere Anhängerschaft gefunden hatte, versuchte Proudhon Napoleon III. zur Unterstützung seiner Pläne zu gewinnen, wobei er hoffte, dass Napoleon III. zum „Repräsentanten der Revolution wider Willen“ werden könnte.

1849 versuchte Proudhon mit der Gründung einer „Volksbank“, die kostenlose Kredite vergibt, sein Reformprogramm in die Praxis umzusetzen. Nach einem halben Jahr musste Proudhon die Volksbank jedoch wieder schließen, da er verhaftet und wegen zweier Presseveröffentlichungen für drei Jahre inhaftiert wurde. Vom Gefängnis aus führte er die Debatte um die Rolle des Staates mit Blanc und Pierre Leroux fort.

Pierre-Joseph Proudhon starb am 19. Januar 1865 in dem Haus Nummer 12, Rue de Passy in Passy und wurde auf dem Friedhof Montparnasse beigesetzt.

Werk mini|Qu’est ce que la propriété?; 1841

In seiner Schrift Qu’est ce que la propriété? Ou recherches sur le principe du droit et du gouvernement zieht Proudhon die Schlussfolgerung: Eigentum ist Diebstahl. Gemeint ist Privateigentum als Privileg oder Monopol, im Sinn von: „Solange Eigentum Privilegien birgt, solange bedeutet privilegiertes – also erpresserisches – Eigentum Diebstahl“. Man dürfe außer den persönlichen Arbeitsmitteln lediglich diejenigen Güter besitzen, die man durch eigene oder kollektive Arbeit hergestellt oder im Tausch dafür erworben hat. Ausbeutung der Arbeitskraft anderer gehöre unterbunden, um die daraus resultierende Kapitalanhäufung und Machtkonzentration zu verhindern. Die Gesellschaft soll sich auf dem freiwilligen Zusammenschluss dezentral organisierter, überschaubarer Einheiten („fédéralisme“), also einem herrschaftsfreien System ohne Staat und Kirche, gründen.

Proudhon war einer der Ersten, die den Begriff der Anarchie positiv wendeten. „Anarchie“ definiert Proudhon ausgehend von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes als „Abwesenheit jedes Herrschers, jedes Souveräns“ und folgerte „das ist die Regierungsform, der wir uns täglich mehr nähern […] wie der Mensch die Gerechtigkeit in der Gleichheit sucht, so sucht die Gesellschaft die Ordnung in der Anarchie.“ Proudhon fasste Sozialismus als die Wissenschaft der Freiheit auf. Politik hingegen als Kampf um die Macht im Staate setzt mit letzterem die Beherrschung des Menschen durch den Menschen voraus, demnach Unterdrückung; die höchste Vollkommenheit der Gesellschaft finde sich in der Vereinigung von Ordnung und Anarchie: „Keine Autorität mehr! Absolute Freiheit des Menschen […] Die Regierung des Menschen durch den Menschen ist Sklaverei.“ In diesem Zusammenhang lehnte er auch die Demokratie ab, die „Tyrannei der Majoritäten, die abscheulichste Tyrannei von allen“.Franz Neumann: Anarchismus. In: Everhard Holtmann (Hrsg.): Politik-Lexikon. 3. Auflage. Oldenbourg, München 2000, ISBN 3-486-79886-3, S. 19.

Die anarchistische Utopie, die Proudhon vorschwebte, war eine agrarische und handwerkliche Zivilisation. Dieses Denken gilt als rückwärtsgewandt, da die Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa bereits begonnen hatte. Die Idee, diese Gesellschaft durch eine gewaltsame Revolution einzuführen, lehnte Proudhon ab, da dies notwendig zu einer Diktatur führen würde. Auch staatliche Sozialreformen lehnte er ab, weil dadurch die staatliche Zentralgewalt nur stärker würde. Die Abschaffung des Kapitalismus müsse von unten kommen, vom einfachen Volk selbst. Gleichzeitig hatte er von den Unterschichten keine hohe Meinung, sondern beklagte deren „Ignoranz, ihre primitiven Instinkte, die Gewaltsamkeit ihrer Bedürfnisse und die Ungeduld ihrer Begierden“. Wie der Historiker Marshall Shatz glaubt, hoffte er, dass der soziale Fortschritt und die Moral des Volkes gleichzeitig durch die Erfahrung des Mutualismus erreicht werden würden.Marshall Shatz: Anarchism. In: George Klosko (Hrsg.): The Oxford Handbook of the History of Political Philosophy. Oxford University Press, Oxford 2011, S. 725–735, hier S. 728 f.

Einfluss Proudhon gilt als Begründer der modernen anarchistischen Bewegung und wird auch als „Vater des Anarchismus“ bezeichnet. Er war der Erste, der sich selbst als Anarchist bezeichnete. Seine Schriften beeinflussten zahlreiche Intellektuelle seiner Zeit, so unter anderem die russischen Schriftsteller Alexander Herzen und Leo Tolstoi, die russischen Nihilisten, die Narodniki und durch diese auch große Teile der russischen Soziologie, deutsche Sozialisten wie Karl Marx, Karl Grün, Wilhelm Marr,Frédéric Krier: Sozialismus für Kleinbürger. Pierre Joseph Proudhon – Wegbereiter des Dritten Reiches. Böhlau, Köln / Weimar / Wien 2009, S. 342–344 Moses Hess und Eugen Dühring,Frédéric Krier: Sozialismus für Kleinbürger. Pierre Joseph Proudhon – Wegbereiter des Dritten Reiches. Böhlau, Köln / Weimar / Wien 2009, S. 356–360 außerdem die im Entstehen begriffene Gewerkschaftsbewegung in Frankreich, die für lange Zeit anarchistisch orientiert blieb und im Anarchosyndikalismus einen Ausdruck fand. Auch die Gründer der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), welche später als die Erste Internationale bekannt wurde, waren stark von Proudhons Denken beeinflusst.

Im deutschsprachigen Raum wurde Proudhon vor allem durch Ludwig Pfau bekannt, der mit Proudhon befreundet war, ihn autorisiert übersetztePierre-Joseph Proudhon: Die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche. Neue Prinzipien praktischer Philosophie. (De la justice dans la révolution et dans l'église, 1. ― 8. Studie, deutsch). Seiner Exzellenz, dem Herrn Mathieu, Kardinal-Erzbischof von Besançon gewidmet. Übersetzt von Ludwig Pfau. Vom Verfasser autorisierte Ausgabe. 2 Teile. Hamburg/Zürich: Meißner/Meyer & Zeller, 1858 und 1860. ― Das nicht veröffentlichte Manuskript einer dritten Proudhon-Übersetzung Pfaus ist verschollen. und ausführliche Artikelz. B. L. P.: "Proudhon" ― Allgemeine Zeitung, Jahrgang 1865, Beilage der Nummern 38, 39 und 42 (Seiten 609 f., 626 f., 677 f.) über ihn veröffentlichte. In einigen Ländern des Deutschen Bundes erregten Pfaus Proudhon-Übersetzungen allerdings vor allem deshalb Aufsehen, weil sie sofort nach dem Erscheinen von Zensur und Verbot betroffen waren. Pfau wurde zeitweise selbst als „der schwäbische Proudhon“ bezeichnet.Zum Beispiel in Anton Teichlein: "Was der Fragmentist vom Einfluß der Politik auf die Kunst hält." ― Die Presse, 21. Jahrgang Nr. 240. Wien, Dienstag, 1. September 1868, 1.

Kritik Karl Marx Karl Marx, ursprünglich ein enthusiastischer Bewunderer Proudhons, wandte sich 1847 gegen diesen und verfasste eine Antwort auf sein Système des contradictions économiques mit dem Titel Das Elend der Philosophie. Darin kritisierte Marx, was er als philosophische und wissenschaftliche Unzulänglichkeiten Proudhons empfand, unter anderem dessen Verständnis der Hegelschen Dialektik, des historischen Prozesses und von Ricardos Wirtschaftstheorien sowie seinen angeblichen Idealismus. Gleichzeitig verwendete er das Werk, um seine eigenen Gedanken darzustellen und zu verbreiten.