mini|Am Point Alpha ausgestellte Selbstschussanlage SM-70 mini|Nachbau einer SM-70, sichtbar die Anordnung der Spanndrähte Eine Selbstschussanlage ist eine Vorrichtung, bei der – zumeist versteckt ausgelegte – Drähte bei einer Berührung oder andere Signalgeber Schüsse auslösen oder Splitterminen zur Detonation bringenMeyers Enzyklopädisches Lexikon, 9. Aufl., Bibliographisches Institut, Mannheim, Bd. 21 (1977): Sche–Sm, S. 551. (siehe auch Sprengfalle).

Im deutschen Sprachraum sind mit Selbstschussanlage meist die Selbstschussanlagen gemeint, die ab 1971 bis 1984 von der DDR an der innerdeutschen Grenze auf einer Länge von etwa 447 Kilometern eingesetzt wurden. Dabei wurden rund 71.000 Selbstschussanlagen des Typs SM-70 (Splittermine Modell 1970) am vorderen Metallgitter-Grenzzaun montiert.Jürgen Ritter, Peter Joachim Lapp: Die Grenze. Ein deutsches Bauwerk. Ch. Links Verlag, Berlin, 7., aktualisierte und erweiterte Aufl. 2009, S. 103. Deren ausschließlicher Zweck war es, Fluchtversuche aus der DDR zu verhindern, indem sie Menschen beim Versuch, den Grenzzaun zu überklettern, automatisch schwer verletzten oder töteten.Klaus Marxen, Gerhard Werle (Hrsg.): Strafjustiz und DDR-Unrecht. Dokumentation, Bd. 2: Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze, bearbeitet von Toralf Rummler und Petra Schäfter. De Gruyter, Berlin 2002, S. 553. Das erste Opfer einer Selbstschussanlage war Johannes-Leo Hoffmann aus Worbis, der am 14. November 1972 in der Nähe von Teistungen getötet wurde.https://web.archive.org/web/20160402100711/http://www.fu-berlin.de/sites/fsed/Das-DDR-Grenzregime/Biografien-von-Todesopfern/Hoffmann_Johannes-Leo/index.html Außerdem kam ein Soldat der Grenztruppen der DDR bei Wartungsarbeiten zu Tode. Das letzte Opfer einer Selbstschussanlage war der 20-jährige Frank Mater, der am 22. März 1984 bei Wendehausen getötet wurde. Etwa 140 Menschen wurden beim Fluchtversuch durch Selbstschussanlagen verletzt. In manchen Ländern wurden auch in Privathäusern Selbstschussanlagen installiert.

Jagd und Grabschutz Frühe Selbstschussanlagen wurden als Tierfallen entwickelt. Bereits die Germanen nutzten Speer- und Bogenfallen zur Jagd.Kurt Lindner: Deutsche Jagdtraktate des 15. und 16. Jahrhunderts, Teil 2, Walter de Gruyter, 1959, S. 196. Diese Fallen wurden durch ein quer über einen Wildwechsel gespanntes Seil ausgelöst. Sie mussten so ausgerichtet sein, dass der Pfeil das Tier treffen würde.Richard Kinseher: Der Bogen in Kultur, Musik und Medizin, als Werkzeug und Waffe, 2003, ISBN 978-3-8311-4109-8, S. 161. Im Mittelalter waren diese als Selbstschuss- oder Waffenfalle bekannt.Kurt Lindner: Die Jagd im frühen Mittelalter, Walter de Gruyter, 1940, ISBN 978-3-11-145059-9, S. 336. Mit der Entwicklung der Feuerwaffen wurde die Legbüchse zum gleichen Zweck benutzt.William Hamilton Gibson: Camp Life in the Woods and the Tricks of Trapping and Trap Making by Gibson, Harpers & Brothers, New York, 1881, S. 20 ff. Die Benutzung solcher Vorrichtungen ist nun stark reglementiert. So verbietet z. B. das Bundesjagdgesetz Selbstschussgeräte.§ 19 Bundesjagdgesetz Nur Selbstschussgeräte zur Schädlingsbekämpfung, wie das Wühlmausschussgerät, dürfen noch verwendet werden.Sigbert Mehl: Der Gebrauch von Selbstschußgeräten zur Bekämpfung von Wühlmaus und Maulwurf. In: Pflanzenschutz: eine Monatsschrift für die Praxis. Band 7, Bayerischer Landwirtschafts-Verlag, Juli 1956, S. 91.

Bereits 220 v. Chr. sind Selbstschussanlagen auf Basis von Armbrustfallen zur Sicherung chinesischer Königsgräber gegen Grabräuber verwendet worden. Der US-amerikanische Erfinder Philip. K. Clover erhielt 1887 zu seiner Erfindung „Coffin-Torpedo“ (Sargtorpedo) die US-Patent-No. 208672. Seine Vorrichtung bestand darin, eine Schrotpatrone auf Grabräuber abzufeuern, die mittels einer Auslösevorrichtung mit Verbindungen an der Leiche gezündet wurde. Eine ähnliche Erfindung wurde am 20. Dezember 1881 mit der US-Patent-No. 251231 als „Grave-Torpedo“ für Thomas N. Howells registriert. Selbstschussanlagen zum Grabschutz waren auch im 19. Jahrhundert in Großbritannien in Gebrauch.Hans Schmid: Gesetz und Verbrechen. In: Telepolis, 29. Juli 2012.

Innerdeutsche Grenze Die Selbstschussanlagen SM-70 waren jahrelang die vorherrschenden Sicherungselemente der DDR und an der innerdeutschen Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik ausschließlich in die Richtung der DDR ausgerichtet.Klaus Marxen, Gerhard Werle (Hrsg.): Strafjustiz und DDR-Unrecht. Dokumentation, Bd. 2: Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze, bearbeitet von Toralf Rummler und Petra Schäfter. De Gruyter, Berlin 2002, S. 560. Die innerdeutsche Grenze war ab 1961 vermint, anfangs nur mit konventionellen Erdminen. Diese wurden durch die DDR auf Veranlassung der Sowjetunion verlegt.Ilko-Sascha Kowalczuk, Stefan Wolle: Roter Stern über Deutschland: sowjetische Truppen in der DDR, Ch. Links Verlag, 2010, ISBN 978-3-86153-584-3, S. 186.Klaus Marxen, Gerhard Werle (Hrsg.): Strafjustiz und DDR-Unrecht. Dokumentation, Bd. 2: Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze, bearbeitet von Toralf Rummler und Petra Schäfter. De Gruyter, Berlin 2002, S. 556.

Bezeichnungen Zur Zeit der Entwicklung wurde die Mine als Schützensplittermine SSM bzw. SSM-1 bezeichnet. Die fertige Mine wurde dann Splittermine 1970 SM-70 benannt.Toralf Rummler, Petra Schäfter: Strafjustiz und DDR-Unrecht: Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze, Walter de Gruyter, 2002, ISBN 978-3-89949-007-7, S. 516. Manche Quellen geben zudem kegelförmige Splittermine mit Richtwirkung als amtliche Bezeichnung an. Die SM-70 wurde in die Minensperranlage MS 501 bzw. MS 701 eingebaut. Diese Bezeichnung wird teilweise synonym für die Mine verwendet.

Die westlichen Medien verwendeten unter anderem Begriffe wie Selbstschussautomat, Selbstschussapparat, Selbstschussanlage, Selbstschussgerät, sowie rhetorisch „Tötungsmaschine“, „Tötungsautomat“, oder „Todesautomat“.

Entwicklung und Erprobung Erich Lutter, ein SS-Sturmbannführer, der das Referat II D 4 (Waffenwesen) im Reichssicherheitshauptamt leitete, entwickelte im Auftrag von Reinhard Heydrich ein Konzept für Selbstschussanlagen an der Umzäunung von Konzentrationslagern. Dadurch sollten Häftlinge mit geringem Personalaufwand an einer Flucht gehindert werden. Lutters Entwürfe wurden nie verwirklicht. Dem Journalisten Georg Bensch zufolge fielen seine Pläne nach dem Zweiten Weltkrieg der sowjetischen Siegermacht in die Hände. In der DDR seien diese Pläne für die Entwicklung eigener Selbstschussanlagen genutzt worden.

Den Auftrag zur Entwicklung und Produktion der anfangs als Schützensplittermine (SSM) bezeichneten Selbstschussanlage gab das DDR-Verteidigungsministerium zu Jahresbeginn 1965 an das VEB Chemiewerk Kapen. Dieser Standort war bereits ab 1936 als Munitionsfabrik genutzt worden. Die Entwickler konnten jedoch die Vorgaben des Ministeriums nicht einhalten. Im August 1968 kam es zum ersten Kontakt mit dem militärtechnischen Institut VUSTE der Tschechoslowakei.Hendrik Thoss: Gesichert in den Untergang: die Geschichte der DDR-Westgrenze, Verlag K. Dietz, 2004, ISBN 978-3-320-02058-3, S. 171. Am 23. Februar 1967 schlossen die Tschechoslowakei und die DDR einen Vertrag über die Entwicklung und Erprobung einer Selbstschussanlage sowie die Lieferung von 100 Prototypen an die DDR. Sie zahlte der Tschechoslowakei dafür 700.000 Mark. Gefertigt wurden die nach dem Jahr der geplanten Indienststellung nun SM-70 genannten Selbstschussanlagen ab 1969 im VEB Chemiewerk Kapen. Die elektrischen Komponenten für die Gesamtanlage kamen vom VEB Elektroapparatebau Bannewitz.Thoss: Gesichert in den Untergang, 2004, S. 268.

Der Erprobungsaufbau erfolgte ab dem Winter 1970/71 an der innerdeutschen Grenze im Abschnitt Salzwedel/Lüchow (5 km) und Arendsee/Prezelle (10 km). Die Fertigstellung des Testaufbaus war zum 1. Januar 1971 geplant, verzögerte sich jedoch wetterbedingt und wegen nicht rechtzeitig vorhandenen Materials bis Mitte April 1971. Bei Salzwedel wurden die SM-70 in drei verschiedenen Höhen am Zaun befestigt, bei Arendsee kombinierte man zwei Reihen SM-70 am Zaun mit konventionellen Erdminen im Minenfeld davor. Zwar zeigte die Mine ihre Wirksamkeit bei Auslösungen durch Wild, es kam aber auch zu Auslösungen durch Blitze aufgrund ungenügender Isolation. Der Aufwand und die Komplexität des Aufbaus wurden als hoch erachtet. Deswegen sollte der Aufbau durch Steckverbindungen und genauere Kennzeichnungen vereinfacht werden.Sven Felix Kellerhoff: Bei Gewitter detonierten Minen im Todesstreifen. In: Die Welt, 12. Mai 2011.

Am 4. Dezember 1971 beriet das Ministerium für Nationale Verteidigung über die Einführung der neuen Mine. Da die SM-70 tödlicher als die bisher verwendeten Minen war, gab es Bedenken wegen der zu erwartenden politischen Reaktionen des Westens. Es wurde auch der Vorschlag unterbreitet, anstatt Stahlsplitter Gummigeschosse zu verwenden. Wegen höchster politischer Bedeutung wurde die Einführung der Mine dem Generalsekretär des Zentralkomitees, Erich Honecker, zur Entscheidung vorgelegt. Honeckers Befürwortung der Einführung lag am 10. Januar 1972 vor.Klaus Marxen, Gerhard Werle (Hrsg.): Strafjustiz und DDR-Unrecht. Dokumentation, Bd. 2: Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze, bearbeitet von Toralf Rummler und Petra Schäfter. De Gruyter, Berlin 2002, S. 527–529. Die Entscheidung, die SM-70 einzuführen, wurde von der DDR-Führung ohne Einbeziehung sowjetischer Militärvertreter beschlossen.Klaus Marxen, Gerhard Werle (Hrsg.): Strafjustiz und DDR-Unrecht. Dokumentation, Bd. 2: Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze, bearbeitet von Toralf Rummler und Petra Schäfter. De Gruyter, Berlin 2002, S. 559.

Aufbau und Funktionsweise mini|Schematische Darstellung einer SM-70 im Kunststoffgehäuse mit 3 Spanndrähten

Die SM-70 bestand aus dem Schusstrichter und dem darunter in einem im Schutzrohr befindlichen Auslösemechanismus. Der Schusstrichter bestand aus Aluminium und im hinteren Teil befand sich das Kabel zum Auslösemechanismus, der elektrische Sprengzünder und die Verstärkerladung aus 9 Gramm Nitropenta. Der Hauptraum des Schusstrichters war mit Sprengstoff und Splittermaterial gefüllt und mit einer nach innen weisenden kegelförmigen Abdeckung verschlossen.

Die Minen waren versetzt in drei verschiedenen Höhen an den Pfosten des Grenzzauns DDR-seitig befestigt. Der Abstand zur nächsten Mine in der gleichen Höhe betrug 30 m. Zwischen den Minen waren jeweils ein Auslöse- und zwei Vogelschutzdrähte gespannt. Die Vogelschutzdrähte sollten Vögeln als Sitzgelegenheit dienen und sie so vom Auslösedraht fernhalten. Der Auslösedraht war mit einer Feder gespannt. Die Spannung war dabei so eingestellt, dass der Reibungswiderstand des Auslösemechanismus sich zu beiden Seiten im Gleichgewicht befand. Wurde der Auslösedraht durch Niederdrücken oder Zerschneiden zwei Zentimeter gespannt bzw. entspannt, so schnellte der mechanische Auslösemechanismus vor und schloss zwei elektrische Kontakte. Der eine Kontakt war mit dem Schusstrichter verbunden und zündete diesen elektrisch. Der zweite Kontakt führte zur Führungsstelle und sorgte dort für ein Alarmsignal.

Die SM-70 konnte 80 Stahlsplitter à 4 mm × 4 mm × 4 mm durch eine Ladung von 110 Gramm TNT-Sprengstoff bei einer Reichweite von 120 m und seitlicher Streuung von 15 m verschießen. Im Bereich von 10 m war die Mine tödlich. Die modifizierte Version, die Splittermine SM-70/M (verwendet in der Minensperranlage 701), verschoss 20 Wälzlagerkugeln à 8 mm mit 98 Gramm TNT/Hexogen (45 %/ 55 %) bei einer Reichweite von 280 m und seitlicher Streuung von 26 m. Im Bereich von 20 bis 30 m war die Mine tödlich.Volker Koop: Den Gegner vernichten: die Grenzsicherung der DDR, Bouvier Verlag, 1996, ISBN 978-3-416-02633-8, S. 189, 192.