mini|Darstellung eines Dschinn (Ghul), mit charakteristischen Eselshufen, aus einer Ausgabe des persischen Epos Schahnameh Ein Dschinn (; , Singular männlich , Singular weiblich ), Plural Dschinn/Dschinns/Dschinnen, ist in der islamischen Vorstellung ein Geistwesen, das aus „rauchlosem Feuer“ erschaffen ist,Die im Koran genannte Substanz der Dschinn beschreibt das Feuer als Maridschin min Nar. Jacquelin Chabbi argumentiert, dass die in manchen Koranübersetzungen verwendete Beschreibung „rauchloses Feuer“ oder „pures Feuer“ unangemessen sei. Stattdessen bezeichne es die „heiße Luft des Tages“, einem Gemisch aus Hitze und Luft. (Vgl. Mc Auliffe, Encyclopaedia of The Quran, vol. 3 S. 49) G. Flügel (1866) hält fest, dass einige muslimische Autoren die Engel, Satanen und Dschinn dadurch unterscheiden, dass in den Engeln das Licht in den Satanen das Feuer und in den Dschinn die Luft überwiege. über Verstand verfügt und neben den Menschen, Satanen und den Engeln mit anderen Dschinn die Welt bevölkert. Nur in Ausnahmesituationen werden Dschinn den Menschen sichtbar. Weit verbreitet ist die Vorstellung, die Dschinn könnten in die Körper von Menschen fahren und sie verrückt machen.Die Dschinn. In: Hans-Michael Haußig: Religionen und Weltanschauungen. Band 3: Islam. BWV Verlag, 2009, ISBN 978-3-8305-1596-8, S. 103. Die Dschinn gelangten aus altarabisch-vorislamischen in islamische Glaubensvorstellungen und werden mehrfach auch im Koran erwähnt. Mit dem Islam verbreitete sich der Glaube an Dschinn über den arabisch-orientalischen Kulturraum hinaus.

Etymologie Das Wort Dschinn stammt aus der semitischen Wortwurzel GNN ( / ) für „unsichtbar“, „verstecken“ oder „verrückt“ und bezeichnet eine Art Geist, Dämon oder Schutzgottheit. Manche Sprachwissenschaftler sehen den Ursprung in dem lateinischen Wort genius (‚Genius‘), andere im aramäischen Wort ginnaya, was so viel wie Gottheit bedeutet.Tobias Nünlist: Dämonenglaube im Islam. Walter de Gruyter, Berlin 2015, ISBN 978-3-11-033154-7, S. 23 ff. Im islamischen Sprachgebrauch hat das Wort eine mehrfache Bedeutung und kann auch allgemein Geistwesen bezeichnen, die den Sinnesorganen der Menschen verborgen sind; darunter auch Engel oder Satane.Robert Lebling: Legends of the Fire Spirits: Jinn and Genies from Arabia to Zanzibar. 2010, ISBN 978-0-85773-063-3, Appendix.

Der Dschinn-Glaube im vorislamischen Arabien Im vorislamischen Arabien glaubten Menschen an Naturgeister und Dämonen, die neben den Menschen lebten. So seien sie für Naturphänomene und Krankheiten, aber auch für den Schutz von Menschen, wenn diese zu ihnen beteten, verantwortlich. Zum Beispiel sollten sie eine Karawane beschützen können.Javier Teixidor: The Pantheon of Palmyra. Brill, Leiden 1979, ISBN 90-04-05987-3, S. 77. Als Aufenthaltsorte bevorzugen Dschinn Wüsten, Wälder, Busch- und Strauchlandschaften, Ruinen, Grabstätten und Schlangengruben. Auch lieben sie Orte, die dunkel oder feucht sind, wie etwa Erdlöcher oder einen Hamam, besonders in der Nacht. Tagsüber bewegen sie sich im Allgemeinen in der Luft oberhalb der Menschensphäre. Sie haben Familien (der Volksmund kennt vielerlei Geschichten von Menschen, die mit Dschinn verheiratet waren – Rafik Schami hat einer solchen Verbindung sogar eine Erzählung gewidmet), Religionszugehörigkeiten, Vorlieben und Abneigungen.

Der Dschinn-Glaube im Islam Aussagen im Koran und Auslegung mini|hochkant|Die 72. Sure des Korans Al-Dschinn (Die Dschinnen) genannt.|alt= Im Koran werden Dschinn häufig erwähnt. Ihnen ist eine eigene Sure gewidmet (Sure 72). Ausdrücklich gilt die Verkündung des Propheten Mohammed nicht nur für die Menschen, sondern genauso auch für die Dschinn. Dschinn sind in der koranischen Schöpfungsgeschichte aus „rauchlosem Feuer“ (Sure 55:14f) erschaffen worden. Wie die Menschen sollen die Dschinn „dazu geschaffen sein, Gott zu dienen“ (Sure 51:56). Darüber hinaus gibt es gläubige und ungläubige Dschinn, wobei die ungläubigen Dschinn in die Hölle kommen sollen (Sure 6:128; Sure 11:119; Sure 32:13; Sure 41:25). Zu Zeiten des Propheten stellten einige Dschinn bei einer Versammlung fest, dass sie die Engel nicht mehr sprechen hörten. Sie zogen los, um den Grund dafür herauszufinden. Sie fanden Mohammed, als dieser den Koran las. Dies geschah eben, weil der Prophet für Dschinn ebenso wie für die Menschen den Koran offenbarte. Diese Dschinn konvertierten zum Islam, da sie nun alles erfahren hatten, was sie wissen mussten (Sure 72:1-19; Sure 46:29-32). Anders als im Volksglauben handelt es sich bei den im Koran genannten Dschinn nicht um unheimliche dämonische Wesen, sondern sie sind moralisch indifferent.Hans-Michael Haußig: Religionen und Weltanschauungen. Band 3: Islam. BWV Verlag, 2009, ISBN 978-3-8305-1596-8, S. 103.

Al-Baidāwī, ein islamischer Gelehrter aus dem 13. Jahrhundert, hält in seinem Tafsir, die zu seiner Zeit verschiedenen Aussagen über die Vorstellung der Dschinn fest. Zum einen könne es sich bei den Dschinn um unsichtbare Körper handeln, in denen die Feuer- und Luftnatur vorherrscht. Zum anderen könnte es sich bei den Dschinn um rein geistige Wesen handeln oder aber um die körperlosen Seelen der Verstorbenen, die bis zum Tage der Auferstehung im Barzakh weilen.Hans-Michael Haußig: Religionen und Weltanschauungen. Band 3: Islam. BWV Verlag, 2009, ISBN 978-3-8305-1596-8, S. 103. Nach dem Kommentar von Abu Mufti zu Abū Hanīfas al-Fiqh al-absat sind die Dschinn und Menschen mit Fitra erschaffen worden und somit Adressaten der Scharia. Der koranischen Interpretation nach lebten die Dschinn einst vor dem Menschen auf Erden und als Gott in Sure 2:30 den Engeln mitteilte, er wolle einen Nachfolger erschaffen, seien die Menschen die Nachfolger jener Dschinn. Die ursprünglichen Dschinn seien von einer Armee von Engeln, unter dem Kommando Iblis, vertrieben worden.D. B. MacDonald, W. Madelung: Malāʾika. In: P. Bearman, Th. Bianquis, C. E. Bosworth, E. van Donzel, W. P. Heinrichs (Hrsg.): Encyclopaedia of Islam. 2. Auflage. 2012. doi:10.1163/1573-3912_islam_COM_0642.2 Aufgrund jener Anciennität der Dschinn sei ihr Verhältnis zu den Menschen meist angespannt.

Dschinn-Vorstellungen im Volksglauben Nach dem islamischen Volksglauben sind Dschinn in verschiedene Klassen unterteilt, die je nach Tun und Motivation unterschieden werden. Man unterteilt sie gemeinhin in drei Dschinn-Arten und verschiedene Untergruppierungen: Dämonen, die den Menschen Schaden und Schrecken zufügen. Dabei sind die mächtigen die Ghul, die sehr mächtigen die Sila (meistens ein weiblicher Dämon, der Männer verführt), die noch mächtigeren mit dezidiertem Zerstörungstrieb die Ifrit und die allerstärksten die Marid Mittelwesen, die wie die Menschen die Schöpfung bevölkern und nicht besonders in Erscheinung treten und Qarin (Doppelgänger) der Menschen.

mini|Ornamentik ineinander verschlungener Schlangen, die eine physische Form der Dschinnen darstellt, über der Tür der Zitadelle von Aleppo. Ein grundsätzliches Charakteristikum der Dschinn ist ihre fehlende Individualität. Daneben gibt es einige besondere Dschinn, die einen eigenen Namen tragen und als Dschinn-Heilige oder als krankmachende Geister wirken. Zu letzteren zählt die im Norden Marokkos verehrte und gefürchtete Aisha Qandisha. Dschinn gelten als Lebewesen, die wie Menschen, Tiere und Pflanzen die Schöpfung bevölkern. Sie haben aber einen eigenen Willen und können sich auch bewusst gegen göttliche Gesetze wenden und können sich ebenso wie diese um ihr Seelenheil bemühen (durch Almosen, Beten, Fasten etc.). Und so wie unter den Menschen gibt es unter den Dschinn auch solche mit gutem und andere mit bösem Charakter – meist jedoch mit einem bisschen von beidem. Zudem gelten die Dschinn als Prä-Adamiten, da angenommen wird, dass sie bereits vor Adam erschaffen wurden. Bezüglich ihrer Zeit vor den Menschen gibt es unterschiedliche Traditionen.Patrick Hughes: Thomas Patrick Hughes Dictionary of Islam. Asian Educational Services, 1995, ISBN 81-206-0672-8, S. 134.

Ganze Dschinn-Völker leben unter anderem unter der Wasseroberfläche der Ozeane, organisiert in feudalen Hierarchien. Auf Gebieten des Meeresbodens soll es gemäß dem arabischen Volksglauben Königreiche und Fürstentümer der Dschinn geben. Diese können, wenn sie es wollen oder sie durch Bannsprüche gezwungen werden, was jedoch eher selten ist, an den Meeresufern aus dem Wasser steigen, an Land gehen und dort unter anderem arme Fischer, die sie dort antreffen, mit reichen Funden von Edelkorallen, Juwelen, Perlen und vielerlei anderen Kleinodien, die der Meeresboden hergibt, beschenken.

Die Wohnorte der Dschinn auf Erden befinden sich vorwiegend an besonderen Landschaftsformen außerhalb der Zivilisation. Dazu gehören bestimmte Bergkuppen, Felsen, Höhlen oder Quellen in Tälern. Auch Wälder gehören zu ihren bevorzugten Wohnorten. Solche Orte in der Wildnis werden im Nahen Osten oft einfach als maskun („bewohnt“) bezeichnet und werden gemieden.

Weit verbreitet ist der Glaube, dass ein Mensch, der im Traum oder in der Wirklichkeit von einem Dschinn eingeladen wird und ihm folgt, in seiner Welt verschwindet und nie wieder gesehen wird. Ähnliches berichtet auch der nordische Seelen- und Marenglaube über Feen. Viele kehren aber auch nach merkwürdig langen Zeiten wieder zurück in die Welt und erregen, wenn sie sich ungeschickt verhalten, allerhand Aufsehen – meist negativer Art. Andere Geschichten erzählen, dass man schweigen muss, wenn man einem Dschinn begegnet oder man würde seine Zunge verlieren (im übertragenen Sinne: die Sprache).

Dschinn sollen sich in Tiere oder Gegenstände verwandeln können, oder auch in der Lage sein, von anderen Lebewesen Besitz zu ergreifen. Es gibt auch recht unterschiedliche Meinungen, wie alt ein Dschinn werden kann. So wird zum Beispiel überliefert, dass die Lebenskraft erst versiegt, wenn die Zauberkraft oder die Macht, wie z. B. sich verwandeln zu können, aufgebraucht sind. Meist wird allerdings von einer Lebensdauer von mehreren hundert Jahren (nach der salomonischen Tradition auch von mehreren tausend Jahren) berichtet. Andere Überlieferungen sprechen von relativer Unsterblichkeit, das heißt, sie sterben keines natürlichen Todes, könnten aber sehr wohl getötet werden.

Die Dschinn spielen auch eine wichtige Rolle im Glauben der Muslime Südostasiens. In der malaiischen Chronik von Bima (Sumbawa) wird beschrieben, dass die Sultane dieser Stadt selbst in direkter Linie von Al Dschann, dem Urvater der Dschinn, abstammen. Ihnen wird also keine menschliche Abstammung zugeschrieben, sondern eine Abstammung von Geistwesen. Damit heben sie sich klar von ihren Untertanen ab, die als Nachfahren Adams beschrieben werden. Die Chronik beschreibt nicht nur die Abkunft des Herrscherhauses, sondern auch diejenige sämtlicher anderer Wesen, die die sichtbare und unsichtbare Welt bevölkern. Daher rührt auch ihr Titel „Die Erzählung über den Ursprung des Volks der Dschinn und der gesamten Dewas“ (Ceritera asal bangsa jin dan segala dewa-dewa).Fritz Schulze: Abstammung und Islamisierung als Motive der Herrschaftslegitimation in der traditionellen malaiischen Geschichtsschreibung. Wiesbaden 2004, S. 53.

Vorkehrungen gegen Dschinn mini|Ein Ta'wiz, mit einem islamischen Gebet auf einem Papier innerhalb des Klotzes eingeschrieben, der Zauber, das böse Auge und beschworene Dschinnen abwehren soll.