mini|hochkant=1.2|Titelblatt des Magazins Metro-Land von 1921 Metro-land (oder Metroland) beschreibt ein suburbanes Gebiet nordwestlich von London in den Grafschaften Buckinghamshire, Hertfordshire und Middlesex, das im frühen 20. Jahrhundert von der Metropolitan Railway (Met) erschlossen wurde, der Vorgängergesellschaft der heutigen Metropolitan Line der London Underground. Die Met befand sich in einer rechtlich privilegierten Position, die es ihr erlaubte, überschüssige Grundstücke, die für den Bahnbau nicht benötigt worden waren, zu behalten. Ab 1919 führte die nominell zwar eigenständige, aber von der Met abhängige Metropolitan Railway Country Estates Limited umfangreiche Grundstückserschließungen durch und förderte so gezielt das Entstehen von Wohnsiedlungen. Der Begriff Metro-land wurde 1915 von der Marketingabteilung der Met kreiert und bezeichnete zunächst ein jährlich herausgegebenes Magazin. Dieses pries den Traum von einem modernen Haus in einer schönen Landschaft an, mit einer schnellen Bahnverbindung ins Stadtzentrum von London. Als die Metropolitan Railway 1933 im öffentlich-rechtlichen London Passenger Transport Board aufging, endete die Werbekampagne. Mit der Zeit fand der Begriff jedoch den Weg in den allgemeinen Sprachgebrauch und das damit verbundene Lebensgefühl inspirierte zahlreiche Künstler.
Mittlerweile ist die Schreibweise „Metroland“ üblich, der Markenname lautete jedoch „Metro-land“ oder „METRO-LAND“.
Entstehung
Metropolitan Railway mini|hochkant=1.5|Karte von Metro-land im gleichnamigen Magazin von 1924 Die Metropolitan Railway (Met) eröffnete am 10. Januar 1863 die erste U-Bahn der Welt; sie verband die Kopfbahnhöfe Paddington, Euston und King’s Cross mit der City of London.Green: The London Underground: An illustrated history. S. 3–5. In den folgenden Jahren expandierte die Gesellschaft rasch; ihre Strecken erreichten 1864 Hammersmith und 1877 Richmond. 1884 vervollständigte die Met zusammen mit der District Railway die innere Ringlinie im Stadtzentrum (Inner Circle).
Zur wichtigsten Strecke entwickelte sich aber jene von der Baker Street nordwestwärts in den ländlichen Raum der Grafschaft Middlesex, wo sie das Wachstum neuer Vorstädte stimulierte. Schließlich erreichte sie Verney Junction in Buckinghamshire, nordöstlich von Oxford gelegen und mehr als 80 km von der Baker Street entfernt. Ab dem späten 19. Jahrhundert teilte die Met Gleise mit der von Marylebone aus verkehrenden Great Central Railway.Green: The London Underground: An illustrated history. S. 11–14. Der elektrische Betrieb auf den zentrumsnahen Abschnitten wurde 1905 eingeführt, während auf den entfernteren Abschnitten weiterhin Züge mit Dampflokomotiven verkehrten. Es kamen weitere Zweigstrecken hinzu: 1904 nach Uxbridge, 1925 nach Watford und 1932 nach Stanmore.Green: The London Underground: An illustrated history. S. 43–45.
Metro-land Vom Parlament beschlossene Gesetze zum Bau von Bahnstrecken erlaubten es den Bahngesellschaften, an der vorgesehenen Trasse Enteignungen durchzuführen. Manchmal kauften sie den Landbesitzern größere Grundstücke ab, als sie eigentlich benötigten, um sich die damit verbundenen rechtlichen Hindernisse zu ersparen. Nach Vollendung der Strecke waren die Gesellschaften dazu verpflichtet, betrieblich nicht notwendige Grundstücke innerhalb einer bestimmten Frist zum selben Preis an die ursprünglichen Besitzer zurückzuverkaufen; diese profitierten dann von einer Wertsteigerung aufgrund der besseren Erreichbarkeit.Halliday: Underground to Everywhere. S. 103–104. Die Met hingegen befand sich in einer privilegierten Position: Als einzige britische Bahngesellschaft hatte sie durch geschicktes Lobbyieren im Parlament erreicht, dass sie keinem Verkaufszwang unterworfen war. Die Grundstücke, die sie somit behalten durfte, wurden zunächst durch das Land Committee verwaltet, das sich aus Direktoren der Met zusammensetzte.Jackson: London’s Metropolitan Railway. S. 134, 137. In den 1880er Jahren, als die Met über Swiss Cottage hinaus expandierte, ließ sie im Willesden Park Estate Straßen und Kanalisation errichten und verkaufte die parzellierten Grundstücke gewinnbringend an Bauunternehmer. Ein ähnliches Projekt folgte in Cecil Park bei Pinner und nach dem Scheitern von Watkin’s Tower wurden auch in Wembley Park Grundstücke verkauft.Jackson: London’s Metropolitan Railway. S. 140–142.
1912 kam der damalige Geschäftsführer Robert Selbie zum Schluss, dass beim Grundstücksverkauf mehr Professionalität erforderlich sei und schlug die Gründung einer separaten Gesellschaft vor, die anstelle des Land Committee neue Siedlungen entlang der Bahnstrecken entwickeln sollte.Jackson: London’s Metropolitan Railway. S. 240. Durch den Ersten Weltkrieg verzögerten sich diese Pläne um Jahre. Die Met war besorgt, dass das Parlament ihre exklusive rechtliche Situation überdenken könnte und suchte juristischen Rat. Ein Gutachten ergab, dass das Besitzrecht an den Grundstücken unbestritten war, die Met aber nicht befugt war, diese selbst zu erschließen. Als sich 1919 ein Bauboom abzuzeichnen begann, erfolgte die Gründung der Metropolitan Railway Country Estates Limited (MRCE), wobei mit einer Ausnahme alle Verwaltungsräte auch der Geschäftsleitung der Met angehörten. Die MRCE erschloss die Wohnsiedlungen Kingsbury Garden Village bei Neasden, Wembley Park, Cecil Park und Grange Estate bei Pinner, Cedars Estate bei Rickmansworth sowie Harrow Garden Village.Jackson: London’s Metropolitan Railway. S. 240–242.
Den Begriff Metro-land kreierte 1915 die Marketingabteilung der Met, als sie dem bisher publizierten Guide to the Extension Line einen neuen Namen gab. Dieser Reiseführer mit hohem Inserateanteil kostete zwei Pence und stellte die von der Met erschlossene Region vor. Er richtete sich an Besucher, Wanderer und Radfahrer, insbesondere aber an potenzielle Hauskäufer. Der bis 1932 jährlich erscheinende Reiseführer pries die Vorzüge der „guten Luft in den Chilterns“ an, wobei er bisweilen eine äußerst blumige Sprache verwendete. Angepriesen wurde ein angenehmes Leben in einem modernen Haus inmitten einer schönen Landschaft, mit einer schnellen Bahnverbindung ins Zentrum Londons.Green: Metro-Land. Vorwort. Die entlang der Met entstandenen Vorortssiedlungen entsprachen überwiegend dem vom Ebenezer Howard propagierten Ideal der Gartenstadt und lockten hauptsächlich Familien der Mittelschicht an. Innerhalb weniger Jahrzehnte vervielfachte sich die Bevölkerung in der von der Met erschlossenen Region.Halliday: Underground to Everywhere. S. 110, 113.
Übergang an London Underground Am 1. Juli 1933 ging die Metropolitan Railway zusammen mit anderen U-Bahnen, Straßenbahnen und Busgesellschaften im öffentlich-rechtlichen London Passenger Transport Board (LPTB) auf. Diese führte den neuen Namen Metropolitan Line ein und die ehemalige Met war nun in das Netz der London Underground integriert. Die LPTB war nicht am Güterverkehr interessiert und überließ diesen der London and North Eastern Railway (LNER). Ebenso übernahm die LNER die betriebliche Verantwortung für die dampfbetriebenen Personenzüge nördlich von Rickmansworth.Horne: The Metropolitan Line. S. 54–56. Nur für kurze Zeit nutzte der LPTB den Markennamen Metro-land weiter. 1934 bewarb er „billige Tarife nach Metro-land und an die Küste“ (cheap fares to Metro-land and the sea) und ließ danach den Begriff rasch fallen.Green: Metro-Land. Vorwort.
Definition von Metro-land Der Metro-land-Reiseführer legte Wert darauf, Metro-land sei „ein Land mit elastischen Grenzen, die jeder Besucher für sich selbst ziehen kann“. Die Hauptmerkmale von Metro-land waren keineswegs auf das Einzugsgebiet der Metropolitan Railway beschränkt und konnten auch allgemein zitiert werden. So schrieb Kathryn Bradley-Hole über Gunnersbury ParkCountry Life, 22. Juli 2004. und der Evening Standard beschrieb unter dem Titel Down the line into Metroland die Orte High Barnet (Northern Line), Loughton (Central Line) sowie Amersham und Rickmansworth als „Toplagen mit einfachem Arbeitsweg“.Anthea Masey: Down the line into Metroland. In: Evening Standard. 21. Oktober 2009. In Bezug auf die Chilterns in Buckinghamshire wurde der Reiseführer jedoch recht deutlich und beschränkte sie auf die im Südosten gelegene Harde Burnham: „Die Chilterns bei Marlow und Wycombe liegen nicht in Metro-land.“
Der Architekt Hugh Casson betrachtete Harrow als „Hauptstadt“ von Metro-land, während Arthur Mee in King’s England Wembley als dessen „Inbegriff“ bezeichnete. In einem 2012 im Magazin Country Life veröffentlichten Artikel über die neue Schnellfahrstrecke High Speed 2 durch die Chilterns machte sich ein nicht genannter Autor über die Siedlungsentwicklung um Aylesbury lustig. Metro-land sei derart suburban, dass es nur „sub“ gäbe, aber keine „urbs“ (Stadt). Allerdings hebe sich die Stimmung, wenn man „etwas weiter die Straße entlang Waddesdon erreicht. Man muss nicht daran erinnert werden, dass man in Rothschildland ist“ (Anspielung auf Waddesdon Manor, ein durch die Rothschild-Familie verwaltetes Anwesen im Besitz des National Trust).Country Life, 18. Januar 2012.
Slogans, Literatur und Lieder Die Station Baker Street, der Ausgangspunkt der Strecken in den Nordwesten, galt als „Tor zu Metro-land“, ebenso Chiltern Court, ein luxuriöser Wohnblock, der 1929 über der Station eröffnet worden war und während des Zweiten Weltkriegs als Hauptquartier der Special Operations Executive diente. John Betjeman nahm diese Metapher später auf und beschrieb Chorleywood als „das wesentliche Metro-land“ (the essential Metro-land), das „am Tor zu den Chiltern Hills“ liege (mit dem Dorf Wendover als dessen „Perle“).Metro-land. TV-Dokumentation der BBC, Erstausstrahlung 1973.
Vor dem Ersten Weltkrieg hatte George Robert Sims den Begriff Metro-land in ein Gedicht eingearbeitet: I know a land where the wild flowers grow / Near, near at hand if by train you go. / Metroland, Metroland („Ich kenne ein Land, wo die wilden Blumen wachsen / Nahe, ganz in der Nähe falls du mit dem Zug gehst / Metroland, Metroland“). In den 1920er Jahren blieb der Begriff endgültig im kollektiven Gedächtnis haften. In Evelyn Waughs Roman Decline and Fall (1928) heiratet die ehrenwerte Margot Beste-Chetwynd den Viscount Metroland in zweiter Ehe. Lady Metroland erscheint wieder in Vile Bodies (1930) und in A Handful of Dust (1934).
Metro-land drang mit Liedern der Music-Hall-Szene weiter in das kollektive Bewusstsein ein, beispielsweise mit My Little Metro-land Home (Text von Boyle Lawrence und Musik von Henry Thraile, 1920). Ein weiteres Lied besang die Vorzüge der Poplars-Wohnsiedlung bei Ruislip: It's a very short distance by rail on the Met / And at the gate you'll find waiting, sweet Violet („Es ist eine kurze Entfernung per Bahn auf der Met / Und am Tor findest du die wartende süße Violet“).Halliday: Underground to Everywhere. S. 110. Queensbury und Umgebung mit ihren Bewohnern wurden von der Punk-Band The Magoo Brothers im Song Queensbury Station besungen, das 1988 auf dem Album Beyond Believable erschien; die Komponisten waren beide in der Gegend aufgewachsen.Magoo Brothers: Beyond Believable. Discogs, abgerufen am 25. April 2016.
1997 war Metroland der Titel und Handlungsort eines Films mit Christian Bale und Emily Watson in den Hauptrollen. Es erzählt die Entwicklung der Beziehung eines Ehepaars, das in der Gegend lebt. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Bildungsroman von Julian Barnes. Die Popband Orchestral Manoeuvres in the Dark nahm für das im Jahr 2013 erschienene Album English Electric den Song Metroland auf. Er wurde als Single veröffentlicht; das Musikvideo dazu zeigt den Sänger, wie er aus dem Zugfenster auf eine idealisierte suburbane Landschaft blickt.
Der Geist von Metro-land
Stadt-Land-Gegensatz