mini|hochkant=1.3|Ausgrabungsstätte von Solunt vor der Küste bei Porticello und Sòlanto mini|hochkant=1.3|Plan der ausgegrabenen Teile von Solunt Solunt ( Solus, , ) war eine antike Stadt auf Sizilien in der Gemeinde Santa Flavia an der Nordküste, etwa 15 km östlich von Palermo gelegen. Der Ort ist ein beliebter Ausflugsort für Touristen. Die heute als Ruinen erhaltene Stadt wurde im 4. Jahrhundert v. Chr. von Puniern gegründet. Am Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. wurden dort griechische Soldaten angesiedelt, im 3. Jahrhundert v. Chr. geriet die Stadt unter römische Herrschaft. Ausgrabungen fanden vor allem im 19. Jahrhundert und in der Mitte des 20. Jahrhunderts statt. Etwa die Hälfte des Stadtgebietes ist bisher freigelegt und relativ gut erhalten. Die Reste stellen ein gutes Beispiel für eine antike Stadt dar, in der sich hellenistische, römische und punische Traditionen vermischten.
Lage und Daten Solunt liegt an der Nordküste Siziliens, 18 Kilometer östlich von Palermo und am Osthang des 374 Meter hohen Berges Monte Catalfano, wo dieser ein Plateau bildet. Die Stadt liegt damit nahe am Meer. Aufgrund ihrer Höhenlage konnte sie leicht verteidigt werden. Sie war einst circa 10 Hektar groß, etwa die Hälfte des Stadtgebietes ist ausgegraben.
Name mini|Phönizische Münze, geprägt in Solunt, mit der Aufschrift: kfra Die Stadt erscheint in den antiken Quellen unter verschiedenen Namen. Bei Thukydides wird sie (Solus) genannt. Auf Münzen und bei Diodor wird sie als (Soluntinos) bezeichnet. Der phönizische Name der Stadt ist als Kfra auf Münzen überliefert, was Kafara – Dorf bedeutet.Ziegler: Solus, in: Paulys Realencyclopädie, 983
Geschichte Die Phönizier gründeten laut Thukydides im 8.–7. Jahrhundert v. Chr. die Stadt.Thukydides, Peloponnesischer Krieg 6,2,6. Sie hatten im Westen von Sizilien mehrere Handelsstützpunkte errichtet, zu denen auch Motye und Panormus (Palermo) zählten. Es handelte sich wohl zunächst um kleinere Häfen, die keine Bedrohung für die sich auf Sizilien ausbreitetenden Griechen darstellten. Im 6. Jahrhundert v. Chr. wurden die Phönizier im Osten des Mittelmeerraumes Teil des Perserreiches. Die westlichen Phönizier (von den Römern als Punier bezeichnet) wurden unabhängig und vor allem Karthago entwickelte sich zu einer bedeutenden Stadt, die ab einem nicht näher bekannten Zeitpunkt die Herrschaft über die phönizischen Orte auf Sizilien erlangte. Diese Orte wurden deshalb zu einer Bedrohung für die Griechen Siziliens. Erste gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Karthagern sind für das 6. Jahrhundert v. Chr. belegt.
mini|links|hochkant=1.5|Gründungen auf Sizilien mit Solunt im Norden der Insel 12px karthagische Siedlung 12px griechische Siedlung 12px andere Siedlung
Der Standort von Solunt in dieser Zeit war lange unsicher, doch ist er nicht identisch mit der späteren Stadt, da sich dort bisher keine archaischen Reste fanden.Wolf: Die Häuser von Solunt, 1. Durch neuere Ausgrabungen wurden punische Gräber auf dem Hügel Solanto südlich der Stadt freigelegt. In dieser Gegend wird heute auch die archaische Stadt vermutet.Chiara Blasetti Fantauzzi, Salvatore DevinCenzo: Die phönizische Kolonisation auf Sizilien und Sardinien und die Problematik der Machtentstehung Karthagos. In: Kölner und Bonner Archaeologica 2, 2012, S. 18.
Im Jahr 409 v. Chr. griffen die Karthager Sizilien an und konnten mehrere griechische Städte wie Akragas und Gela einnehmen. Nach einem kurzen Frieden belagerten die Karthager im Jahr 398 v. Chr. Syrakus, doch der dortige Tyrann Dionysios I. konnte sie abwehren, große Teile des verlorenen Gebiets zurückerobern und sogar in punische Gebiete einfallen. 397/396 v. Chr. zerstörte Dionysios I. auch Solunt.Diodor, Bibliothéke historiké 14,48,4–5; 14,78,7. Einige Jahrzehnte später, in der Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr., wurde die Stadt an der heutigen Stelle wieder aufgebaut. Die Karthager siedelten dort 307 v. Chr. Veteranen des Agathokles an, die sie aus Afrika vertrieben hatten.
Während des Ersten Punischen Krieges wurde Solunt 254 v. Chr. römisch. Vor allem im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. scheint die Stadt ihre Blütezeit erlebt zu haben und wurde mit zahlreichen typischen Bauten einer hellenistisch-römischen Stadt ausgestattet. Das Theater und eine neue Stoa wurden im 2. Jahrhundert v. Chr. errichtet. Zur etwa gleichen Zeit wurde auch die große Zeus/Baal-Statue in einem örtlichen Tempel geweiht. Im 1. Jahrhundert v. Chr. wurden Thermen errichtet; aus diesem Jahrhundert stammen künstlerisch hochrangige Wandmalereien aus einem Privathaus.
Die Blüte der Stadt steht im Gegensatz zu anderen Orten auf Sizilien. In vorrömischer Zeit war Sizilien permanent in Kriege verwickelt. Auf einem Berg gelegen, war eine Stadt leicht zu verteidigen, jedoch war die Versorgung mit Gütern jeglicher Art sehr schwierig. In Friedenszeiten war es offensichtlich viel bequemer, in den Tälern zu wohnen. Viele griechische Siedlungen, die auf Bergen gegründet worden waren, wurden deshalb in der langen römischen Friedenszeit verlassen. Dies geschah vor allem im 1. Jahrhundert v. Chr. Solunt stellt jedoch eine Ausnahme dar; es war in dieser Zeit noch von wohlhabenden Bürgern bewohnt, wovon die reiche Ausstattung verschiedener Wohnbauten zeugt. Bei Cicero wird die Stadt als Hauptort einer Civitas erwähnt, zur Zeit als Gaius Verres in den Jahren 73–71 v. Chr. Statthalter von Sizilien war.Roger J. A. Wilson: Ciceroan Sicily. In: Christopher John Smith, John Serrati (Hrsg.): Sicily from Aeneas to Augustus. Edinburgh University Press, Edinburgh 2000, ISBN 0-7486-1367-6, S. 137.
Ein Niedergang ist im 1. Jahrhundert n. Chr. zu beobachten. In dieser Zeit gab es kaum noch nennenswerte größere Neubauten. Immerhin wurden die Thermen renoviert und vielleicht sogar neue bei der Agora errichtet. Belege für weitere größere Neubauten fehlen. Die Stadt wird noch bei Plinius, bei Ptolemaios und im Itinerarium Antonini im 1., 2. und am Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. erwähnt. Aus der Stadt stammt auch eine lateinische Weihinschrift der Bürger an Fulvia Plautilla, die Gemahlin von Kaiser Caracalla. Danach wurde die Stadt verlassen. Armin Wiegand vermutet ein Erdbeben oder einen Erdrutsch als Ursache.
Aus der Stadt stammen einige wenige griechische Inschriften mit Namen wohlhabender Bürger. Von Antallos, Sohn des Asklapos, aus der Familie der Ornichoi erfährt man, dass er die Pflasterung der Hauptstraße aus eigenen Mitteln bezahlt hat.Wolf: Die Agora von Solunt, 45. Eine andere griechische Inschrift nennt „Sextus Peducaeus“, der 76 bis 75 v. Chr. Statthalter in Sizilien war.Alba Maria Gabriella Calascibetta, Laura Di Leonardo: Un nuovo documento epigrafico da Solunto. In: Carmine Ampolo (Hrsg.): Sicilia occidentale. Studi, rassegne, ricerche. Pisa 2012, S. 37–48.
Die Stadt prägte eigene Münzen, darunter auch zahlreiche Silbermünzen. Die Prägungen aus punischer Zeit, die im 5. Jahrhundert v. Chr. einsetzten, trugen die punische Beschriftung Kfra, manchmal mit dem griechischen Namen Σολοντινον. In römischer Zeit wurde daraus Σολοντινων. Es wurden vor allem Didrachmen (Zweierdrachme, Drachme im Wert von zwei Drachmen) und Obolen (Münze im Wert von einem Sechstel einer Drachme) aus Silber geprägt. Die Bronzeemissionen bestanden aus Hemilitronen (die Hälfte einer Litra; Litra war eine vor allem in den griechischen Kolonien benutzte Münz- und Werteinheit) und Tetras (ein Viertel einer Litra). Eine zweite Phase der Münzprägungen datiert vom 4. bis etwa in die Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. Es wurden in erster Linie Silbermünzen produziert. Häufiges Motiv war Herkules; maritime Motive wie das Hippokamp waren auch sehr beliebt. Die letzte Phase der Münzproduktion reichte bis in die römische Zeit. Bevorzugte Motive waren Poseidon, Athene und vielleicht Ares. Prägungen aus Solunt wurden an vielen Orten auf Sizilien gefunden und belegen den Wohlstand dieser Gemeinde.Cutroni-Tusam in: Cutroni-Tusa, Italia, Lima, Tusa: Solunto, S. 16–21
Ausgrabungen mini|Statue aus Solunt, publiziert 1841 von Domenico Lo Faso Pietrasanta Solunt wurde anhand antiker Quellen von dem Dominikanerbruder Tommaso Fazello identifiziert, der 1558 die erste gedruckte Geschichte Siziliens publizierte.Wolf: Die Häuser von Solunt, 2. Erste Ausgrabungen fanden 1825 durch Domenico Lo Faso Pietrasanta statt, der seine Ergebnisse 1841 veröffentlichte.Domenico Lo Faso Pietrasanta: Le antichità della Sicilia. Band 5: Antichità di Catana — Palermo. 1842, S. 57–67, Tafel 38–41. Er grub ein Heiligtum aus und entdeckte mehrere Statuen. Systematische Grabungen führte seit 1856 Francesco Saverio Cavallari aus, nachdem an der Universität von Palermo der erste Lehrstuhl für Archäologie eingerichtet worden war. Ein erster Stadtplan wurde 1875 publiziert.
Cavalleris Grabungen wurden von Antonio Salinas fortgesetzt, der auch erste etwas ausführlichere Berichte veröffentlichte. Bescheidene Ausgrabungen gab es aber erst wieder 1920 von Ettore Gábrici, der nur einige Räume innerhalb der Stadt freilegte. Seit 1951 grub Vincenzo Tusa. Er fand 1963 das Theater, 1953 die Casa di Leda und um 1970 die Casa di Arpocrate. Ein Grund für die verstärkten Grabungen war das touristische Potential, das man in den Ruinen sah. Von diesen Grabungen sind bisher keine vollständigen Ergebnisse veröffentlicht. Ein Teil der gefundenen Artefakte (insbesondere Münzen) befindet sich in Palermo im Archäologischen Regionalmuseum (Museo Archeologico Regionale „Antonio Salinas“), ein anderer Teil ist in einem Museum vor Ort ausgestellt.
Schon seit 1964 gab es in der Stadt Untersuchungen des Deutschen Archäologischen Instituts Rom. Unter Helmut Schläger wurde die Architektur der Agora aufgenommen, die Ergebnisse konnten wegen des frühen Todes von Schläger jedoch nie publiziert werden. Seit 1988 untersuchte Armin Wiegand das Theater und veröffentlichte eine Studie zu dem Bau.Wiegand: Das Theater von Solunt. Markus Wolf widmete sich der AgoraWolf: Die Agora von Solunt. und den Häusern der Stadt mit einem besonderen Fokus auf das Gimnasio.Wolf: Die Häuser von Solunt. Je eine Monografie wurde dazu publiziert. 2014 veröffentlichte Alberto Sposito eine Architekturstudie, in der er alle ausgegrabenen Bauten vorstellte und eine Bestandsaufnahme der Reste präsentierte.Sposito: Solunto.
Allgemeines Die Stadt liegt am Osthang des Monte Catalfano. Zwischen dem höchsten und niedrigsten Punkt liegen 60 Meter. Solunt ist regelmäßig in Form eines Schachbrettes nach dem hippodamischen System angelegt, ohne dass Rücksicht auf das unebene Gelände genommen wurde. Die Insulae sind modern mit römischen Ziffern durchnummeriert.
mini|links|Ansicht von Solunt Nur der Zugang zu der Stadt im Südosten ist dem stark ansteigenden Gelände angepasst. Die Straße windet sich den Berg hinauf und mündet in die sogenannte Via dell’Agora, die wichtigste Straße der Stadt, über die man im Norden die Agora erreicht. Sie verläuft in etwa ebenerdig, während die davon abgehenden, getreppten Hangstraßen große Höhenunterschiede überwinden. Westlich und östlich gibt es weitere ebenerdige Hauptstraßen; die östliche wird heute als Via degli Ulivi bezeichnet. Die westliche und am höchsten gelegene Hauptstraße ist die Via degli Artigiani. Die Hauptstraßen sind ca. 6 Meter breit, die Nebenstraßen 3 Meter. Durch die Parzellierung ergeben sich Häuserblöcke mit etwa 40 × 80 Metern. Die Blöcke haben jeweils in der Mitte eine etwa einen Meter breite Gasse, die sie in zwei Teile trennt. Vor allem entlang der Via dell’Agora hatten die meisten Häuser Werkstätten und Läden zur Straßenseite hin.