Die Ägyptologie erforscht alle Bereiche der altägyptischen Hochkultur (Alltagsleben, Sprache und Literatur, Geschichte, Religion, Kultur und Kunst, Wirtschaft, Recht, Ethik und Geistesleben) von der Vorgeschichte des 5. Jahrtausends v. Chr. (zum Beispiel die Kulturen Negade und Badari) bis zum Ende der Römerherrschaft im 4. Jahrhundert n. Chr. Sie ist in Deutschland sehr sprachenorientiert, während in den angloamerikanischen und in anderen Ländern wie Frankreich, Italien, Polen und den Niederlanden auch die Archäologie selbst einen breiten Raum innerhalb der Lehre und des Fachs einnimmt.

Historische Entwicklung miniatur|hochkant|Der Stein von Rosette miniatur|hochkant|Howard Carter (1924)

Frühe Wahrnehmung und Antike Die Beschäftigung mit Ägypten beginnt lange vor der eigentlichen Etablierung der Ägyptologie als moderner Wissenschaft. Bereits in der Antike beschrieben Herodot, Diodor, Strabon und andere antike Autoren das Land am Nil und seine Monumente. Diese antiken Darstellungen sind aus der Perspektive griechisch-römischer Beobachter verfasst und verbinden ethnografische Beobachtungen mit Mythen, Legenden und Missverständnissen. Für die moderne Ägyptologie stellen sie gleichwohl wichtige Quellen dar, sowohl zur antiken Wahrnehmung Ägyptens als auch zur Rekonstruktion ruinierter Monumente.

In der Spätantike und der frühen Mittelalterszeit gingen viele Kenntnisse über die altägyptische Kultur verloren, nicht zuletzt durch den Rückgang der Kenntnis der altägyptischen und koptischen Schriften. Die monumentalen Pyramiden, Obelisken und Tempel blieben jedoch sichtbar und regten historisch-geographische, religiöse und spekulative Deutungen in der arabischen, europäischen und regionalen Tradition an.

Renaissance, Reisende und frühe Sammlungen Ab der Renaissance verstärkte sich in Europa das Interesse an der Antike und damit auch an Ägypten. Reiseberichte von Orientreisenden und Pilgern schilderten Ruinen, Hieroglyphen und Monumente. Im 17. und 18. Jahrhundert begannen europäische Höfe und Museen systematisch Antiken aus Ägypten zu erwerben, darunter Sarkophage, Statuen, Papyri und kleinere Kultobjekte.

Diese Phase ist geprägt von antiquarischem Sammeln, das weniger wissenschaftlichen Kriterien als ästhetischen und repräsentativen Motiven folgte. Dennoch entstanden in dieser Zeit die ersten Kataloge und Beschreibungen, die späteren ägyptologischen Forschungen als Grundlage dienten.

Die Expedition Napoleons und Entzifferung der Hieroglyphen Schon im 17. Jahrhundert beschäftigte sich der Gelehrte Athanasius Kircher (1601–1680) intensiv mit ägyptischen Denkmälern und der ägyptischen Sprache. Seine Studien der koptischen Sprache legten erste Ansätze zur späteren Entzifferung der Hieroglyphen.

Einen maßgeblichen Wendepunkt brachte die von Napoleon Bonaparte 1798 angeführte Expedition nach Ägypten, die von einem großen Korps aus Naturwissenschaftlern, Ingenieuren, Architekten, Zeichnern und Geographen begleitet wurde. Die Resultate dieser Forschungsreise wurden im Werk Description de l’Égypte publiziert, das eine umfassende Dokumentation der Monumente, Landschaften und Alltagskultur Ägyptens darstellt.

Im Verlauf der Expedition wurde 1799 der Stein von Rosetta gefunden, dessen mehrsprachige Inschrift zentral für die Entzifferung der Hieroglyphenschrift war. Die detailreichen Abbildungen und Beschreibungen der Description de l’Égypte setzten Maßstäbe für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Ägyptens materiellem Erbe und gelten als Gründungsdokument der modernen Ägyptologie.

Die eigentliche Entschlüsselung der hieroglyphischen Schrift begründete die wissenschaftliche Ägyptologie als textorientierte Disziplin. Der französische Gelehrte Jean-François Champollion nutzte den Rosetta-Stein, dessen griechische, demotische und hieroglyphische Texte die Vergleichsbasis boten, um die Zeichenphonetisierung zu erschließen. 1822 stellte Champollion in seiner Lettre à M. Dacier die grundlegenden Ergebnisse vor und erkannte, dass die Hieroglyphen sowohl als Bilderschrift wie auch als Lautschrift und Silbenschrift funktionieren. Damit wurde erstmals der direkte Zugang zu altägyptischen Texten ermöglicht. Wissenschaftler wie Thomas Young leisteten parallel bedeutende Beiträge; die Rolle der beteiligten Forscher ist weiterhin Gegenstand historischer Diskussionen. Die Entzifferung der Hieroglyphen bildete die Grundlage für spätere philologische und historische Forschungen und ermöglichte die Rekonstruktion der altägyptischen Geschichte aus indigener Sicht.

19. und 20. Jahrhundert Eine wichtige Rolle spielte auch die Ägyptomanie der europäischen Eliten im 19. Jahrhundert. Es gehörte zum guten Ton, eine Ausgrabung zu finanzieren, selbst daran teilzunehmen oder zumindest eine Reise nach Ägypten zu unternehmen und Kunstgegenstände mitzubringen. Unter den Reiseandenken waren oft auch Mumien, die dann als Höhepunkt bei einer Abendgesellschaft ausgewickelt wurden. Während diese Gruppe die Finanzierung stellte und amateurhafte Ausgrabungsversuche unternahm (Gentleman-Archäologen), lag die wissenschaftliche Arbeit in den Händen einiger weniger. Eine spezielle Ausbildung zum Umgang mit altertümlichen Funden, deren Dokumentation und Konservierung gab es zu dieser Zeit noch nicht. Die Männer waren Autodidakten oder wurden von einem Forscher mit mehr Erfahrung ausgebildet, indem sie einige Zeit mit ihnen arbeiteten. Die Fokussierung auf das pharaonische Ägypten hatte aber auch zur Folge, dass die christlichen Kulturgüter Ägyptens, die ca. 400 Jahre älter sind als dementsprechende Zeugnisse des christlichen Abendlandes, in der Forschung vernachlässigt wurden.Siegfried G. Richter: Das koptische Ägypten. Schätze im Schatten der Pharaonen. (mit Fotos von Jo Bischof). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2019, ISBN 978-3-8053-5211-6.

Einige frühe Forscher taten sich besonders hervor, unter ihnen Flinders Petrie. Er grub mehrere Tempel aus und zeichnete gewissenhaft die für ihn unverständlichen Hieroglyphen ab, z. B. in Amarna. Zudem benutzte er 1898 die erst kurz zuvor entdeckten Röntgenstrahlen, um die Mumie Ramses’ II. zu durchleuchten. So wies er die nachträgliche Ausstopfung einer Mumie nach (ein Samenkorn in der Nase, um den charakteristischen Höcker nach der Austrocknung nachzubilden). Durch diese erste Verwendung der Röntgenstrahlen ist sein Name auch mit der Paläopathologie verbunden. Petrie gilt als „Ausbilder“ von Howard Carter, der in einer von Petrie geleiteten Ausgrabung seine ersten archäologischen Erfahrungen sammelte. Carter entdeckte 1922 das Grab des Tutanchamun. Dieser großartige Fund war der Patronage des Lord Carnarvon zu verdanken.

Deutschland In Deutschland gilt Richard Lepsius als Begründer der Ägyptologie. Er war der erste Deutsche, der in Ägypten Grabungen durchführte und im Verlauf seiner Expedition zahlreiche, auch heute verlorene, Denkmäler dokumentierte. In der Forschung dieser Zeit stand die Philologie stark im Vordergrund. Dementsprechend war die Ägyptologie in Deutschland in den folgenden Jahren vor allem eine Sprachwissenschaft und in geringerem Umfang ein kunstgeschichtliches Fach. In diesem Zusammenhang ist auch die Erstellung eines umfassenden altägyptischen Wörterbuches an der Berliner Akademie zu nennen, das unter internationaler Zusammenarbeit entstand.

Mit Ludwig Borchardt begannen Projekte in Ägypten, die die Ausgrabung größerer Objekte zum Ziel hatten. Borchardt hatte Architektur studiert und somit trat die Bauforschung stark in den Vordergrund. Bei seinen Grabungen wurde die Architektur von Bauten vorbildlich dokumentiert, während Kleinfunde nur eine unbedeutende Rolle spielten. Erst bei den Ausgrabungen des Sonnenheiligtums des Userkaf bei Abu Ghurab in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch Kleinfunde, wie z. B. Keramik oder Siegelabdrücke, ausreichend dokumentiert. Das große Gewicht der Philologie und der Bauforschung sind bis heute weiterhin in der deutschen Ägyptologie vorherrschend.

Ägyptologie wird in Deutschland an mehreren Hochschulen gelehrt.

Deutschland unter dem Nationalsozialismus miniatur|hochkant|Von Borchardt erforschte Pyramiden des Sahure, Niuserre und Neferirkare (von links nach rechts)

Die Ägyptologie im nationalsozialistischen Deutschland 1933 bis 1945 ist ein bisher kaum aufgearbeitetes Thema. Vor 1933 hatte die deutsche Ägyptologie einen international hervorragenden Ruf. Viele bedeutende amerikanische Ägyptologen hatten in Deutschland studiert. Nach 1945 dauerte es Jahrzehnte, bis die deutsche Ägyptologie international wieder voll anerkannt wurde.. Auf: heritage-key.com Abgerufen am 23. November 2015.

Zu Beginn des Nationalsozialismus, 1933, gab es Ägyptologen, die Juden waren oder als solche eingestuft wurden und aus ihren Positionen an Universitäten und in Museen entfernt wurden. Dazu gehörten Ludwig Borchardt oder Georg Steindorff; letzterer emigrierte in die USA. Bernhard von Bothmer, der zunächst im Berliner Museum gearbeitet hatte, wanderte als Gegner der NS-Diktatur in die USA aus. Er fand 1956 eine Anstellung im Brooklyn Museum. Andere Ägyptologen wie Rudolf Anthes verblieben in Deutschland, waren aber Gegner des Regimes, während wiederum andere das NS-Regime unterstützten und in ihm Karriere machten.

Als Gegner des neuen Regimes können folgende Personen bezeichnet werden: Georg Steindorff zog ins Exil in die USA. Alexander Scharff war Professor an der Universität in München und war zeit seines Lebens Gegner des Regimes. Hans Bonnet, Professor in Bonn; Hans Wolfgang Mueller und Rudolf Anthes (Berliner Museum); Herbert Ricke lebte im Exil in der Schweiz; Ludwig Keimer. Bernhard von Bothmer

Als Unterstützer des Regimes können folgende Ägyptologen bezeichnet werden: Hermann Grapow war Professor und galt lange als eifriger Unterstützer der Nationalsozialisten; Neuere Untersuchungen kommen jedoch zu einem differenzierteren Urteil (vgl. Gertzen, „Die Berliner Schule der Ägyptologie im Dritten Reich“, Berlin 2015). Hermann Grapow konnte seine Arbeit am Wörterbuch-Projekt der Akademie der Wissenschaften in der DDR nach 1945 fortsetzen. Hermann Kees war Offizier im Ersten Weltkrieg. Schon in der Weimarer Republik bekämpfte er die Demokratie. Er galt zunächst als konservativer Gegner der Nationalsozialisten, änderte jedoch später seine Position. Seine ägyptologischen Schriften sind zum Teil stark antidemokratisch und rassistisch. In seiner Beschreibung zu Echnaton warf er diesem vor, nicht dem altägyptischen Bild der Herrenrasse zu entsprechen. Hermann Junker war Professor für Ägyptologie und Unterstützer des Regimes. Friedrich Wilhelm von Bissing war Mitglied der NSDAP. Walther Wolf arbeitete in Leipzig. Seine in der NS-Zeit verfassten Schriften haben oftmals rassische Fragen zum Inhalt. Siegfried Schott war Anhänger der nationalsozialistischen Idee, nicht aber Befürworter der Methoden.

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