Günther Theodor Niethammer (* 28. September 1908 in Waldheim; † 14. Januar 1974 in Morenhoven) war ein deutscher Ornithologe. Als Angehöriger der Waffen-SS gehörte er zeitweilig zur Wachmannschaft des Konzentrationslagers Auschwitz.Eintrag zu Niethammer, https://truthaboutcamps.euBeata Dżon Ozimek: Kolekcjoner ptaków w mundurze SS, wartownik z Auschwitz krakow.wyborcza.pl, 26. Januar 2018: „Guenther Niethammer był wybitnym niemieckim ornitologiem. … Bo Guenther Niethammer, członek Waffen SS, wartownik obozowy z trupią główką na czapce miał w obozie Auschwitz specjalne prawa“
Herkunft und Familie Günther Niethammer wurde als achtes von neun Kindern des Papierfabrikanten und nationalliberalen sächsischen Landtagsabgeordneten Konrad Niethammer und seiner Ehefrau Katharina (geb. Böhmer) geboren. Günther Niethammer und seine Ehefrau Ruth (geb. Filtzer) hatten vier Söhne, die zwischen 1935 und 1941 geboren wurden. Der Erstgeborene Jochen Niethammer wurde Zoologe mit dem Schwerpunkt Säugetierkunde.
Studium und Beginn der akademischen Laufbahn 1927 legte Niethammer an der Dreikönigsschule in Dresden das Abitur ab und immatrikulierte sich im April des Jahres an der Universität Leipzig. Gegen den Willen seines Vaters, selbst promovierter Jurist, der ein juristisches Studium erwartet hatte, entschied der Sohn sich für die Naturwissenschaften. Im Mai des Jahres begab er sich für ein halbes Jahr als „Autoführer“ ins ehemalige Deutsch-Südwestafrika (Namibia). Sein Onkel, der mit dem völkischen Schriftsteller Hans Grimm befreundete Rudolf Böhmer, war bis 1915 in der deutschen Kolonialverwaltung tätig gewesen und hatte Niethammer eingeladen, ihn und Hans Grimm 1927 auf der Reise in die ehemalige deutsche Kolonie zu begleiten.Jan Erik Schulte / Michael Wildt (Hrsg.): Die SS nach 1945. Entschuldungsnarrative, populäre Mythen, europäische Erinnerungsdiskurse. Göttingen 2018; hier Swen Steinberg: „Birding“ im KZ. Biografie, Netzwerke und Deutungen des Ornithologen und SS-Obersturmführers Günther Niethammer. S. 231. Für seine spätere Forschungstätigkeit war das Erlebnis der Natur in Südwestafrika und insbesondere der Durchquerung der Wüste Namib per Auto prägend. Davon zeugen seine zahlreichen Publikationen über die Fauna arider Gebiete und den Anpassungsleistungen, die das lebensfeindliche Biotop erfordert.
Aus Namibia zurückgekehrt, wechselte Niethammer im November 1927 von Leipzig an die Universität Tübingen, wo er für vier Semester im Fach Allgemeine Zoologie eingeschrieben war und Mitglied der Verbindung Saxonia wurde.Vereinigung Alter Lüneburger und Sachsen: Adressenverzeichnis. 1969, S. 23. Von 1929 bis 1932 setzte er das Studium in Leipzig fort. Dort begegnete er Hans Kummerlöwe, einem „Alten Kämpfer“ und seit 1925 Mitglied der NSDAP. Mit Kummerlöwe (alias Kumerloeve) verband ihn eine lebenslange Freundschaft.Vgl. Kummerlöwes Nachruf auf Niethammer: Hans Kumerloeve: Günther Niethammer, dem Freunde und Kollegen, zum Gedächtnis, in: Bonner Zoologische Beiträge, Heft 1—3, 25 (1974), S. 17–22 (). In Leipzig wurde Niethammer 1933 mit der Doktorarbeit Anatomisch-histologische und physiologische Untersuchungen über die Kropfbildung der Vögel promoviert.
Ab 1937 war er Kurator im Zoologischen Museum und Reichsinstitut (A. Koenig) in Bonn.Eugeniusz Nowak: Erinnerungen an Ornithologen, die ich kannte.(= Vortrag vor der 130. DO-G-Jahresversammlung in Neubrandenburg am 28. September 1997). In: J. Ornithol. 139 (1998), S. 340. Erwin Stresemann betraute ihn mit der Erstellung eines Handbuches der deutschen Vogelkunde, welches in drei Bänden von 1937 bis 1942 erschien und das ornithologische Standardwerk für die nächsten Jahrzehnte wurde.
Niethammer im Nationalsozialismus mini|Günther Niethammer (1948)Am 25. November 1937 beantragte Niethammer die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 5.613.683).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/30640772Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, 2. aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 436.Laut Klee ist Niethammer 1937 auch Mitglied der SS geworden; Niethammers SS-Führerstammkarte im Bundesarchiv Berlin belegt dies jedoch nicht.
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 und erneut Anfang 1940 meldete sich Niethammer freiwillig zum Dienst bei der Luftwaffe. Trotz einer Fluglizenz für Sportflugzeuge wurde er wegen seines Alters nicht angenommen. Im April 1940 wurde er – laut eigener Aussage „auf Betreiben“ seines Freundes, des späteren Direktors Hans Kummerlöwe – Kustos und Leiter der ornithologischen AbteilungErnst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 140. am Naturhistorischen Museum Wien.Eugeniusz Nowak: Wissenschaftler in turbulenten Zeiten. Westarp Wissenschaften, Hohenwarsleben 2010, S. 69–82. Im Frühjahr 1940 beantragte Niethammer abermals erfolglos seine Aufnahme in die Wehrmacht. Nach seinem Beitritt zur Allgemeinen SS Mitte Mai 1940 meldete er sich zum Monatsende freiwillig zur Waffen-SS (SS-Nummer 450.730) und erhielt im September 1940 einen Stellungsbefehl zur SS nach Oranienburg. Dort wurde er sofort ins KZ Auschwitz versetzt, wo er eine militärische Grundausbildung bis November 1940 erhielt.
Entgegen seiner Erwartung kam Niethammer damit nicht zu einer SS-Fronteinheit, sondern gehörte als Angehöriger des SS-Totenkopfsturmbanns Auschwitz zu den SS-Totenkopfverbänden zur Bewachung und Verwaltung der von der SS errichteten Konzentrationslager. Niethammer war von Oktober 1940 bis Oktober 1941 und noch einmal September/Oktober 1942 in Auschwitz stationiert.Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. 2001, S. 140. Am 16. Oktober 1940 wurde der SS-Mann Mitglied der 3. Wachkompanie, die am Haupttor des KZs eingesetzt war. Niethammer, der es offensichtlich bedauerte, dass ihm sein „Dienst bei der Waffen-SS in den Herbst- und Wintermonaten und auch im zeitigen Frühjahr (...) nur wenig Zeit zu ornithologischen Beobachtungen“ gelassen hatte,Vgl. Günther Niethammer: Beobachtungen über die Vogelwelt von Auschwitz. In: Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien. Band 52, 1941 (ausgegeben im Mai 1942), S. 164. stellte einen Antrag an den Lagerkommandanten Rudolf Höß auf Zuteilung anderer Dienstpflichten. Im Juni 1941 wurde er vom Wachdienst entbunden und erhielt von Höß „ornithologische Sonderaufgaben“ im Umfeld des Konzentrationslagers zugeteilt.
Unter völliger Ausblendung der Geschehnisse im Konzentrationslager untersuchte Niethammer ab Mitte 1941 die „Vogelwelt von Auschwitz“, beschrieb die „Biotopgestaltung“ des Gebiets zwischen Weichsel und Soła, stellte Bestandsübersichten einzelner Vogelarten auf und präparierte Vogelbälge für die örtliche Schule. Der passionierte Jäger, der sich 1941 in einem Brief aus Auschwitz selbst als „so eine Art K.L. SS-Jägermeister“ titulierte,Jan Erik Schulte / Michael Wildt (Hrsg.): Die SS nach 1945. Entschuldungsnarrative, populäre Mythen, europäische Erinnerungsdiskurse. Göttingen 2018, S. 230. hatte von Höß am 9. Juni 1941 die Erlaubnis bekommen, an den dem Lager nahen Teichen „Vögel und Raubzeug“ zu schießen,Norbert Frei (Hrsg.): Darstellungen und Quellen zur Geschichte von Auschwitz. Standort- und Kommandanturbefehle des Konzentrationslagers Auschwitz 1940-1945, Berlin, New York, de Gruyter 2000, S. 41. um mit dem Wild das SS-Wachpersonal, aber auch Höß persönlich zu beliefern. Eine gemeinsame Jagd mit Höß und mehrere Jagden mit dessen Sohn Klaus sind ebenfalls dokumentiert. Am 1. Juli 1941 erfolgte seine Ernennung zum SS-Sturmmann.Norbert Frei (Hrsg.): Darstellungen und Quellen zur Geschichte von Auschwitz. Standort- und Kommandanturbefehle des Konzentrationslagers Auschwitz 1940-1945, Berlin, New York, de Gruyter 2000, S. 51. Niethammers rund 3500 Hektar großes „Jagd- und Untersuchungsgebiet“ schloss die Ortschaft Birkenau ein. Niethammer gehörte damit „zu jenem anfangs überaus exklusiven Kreis der SS-Angehörigen, die den Aufbau des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ab Oktober 1941, die ersten Versuche in den Gaskammern und schließlich den Beginn von Selektion und Massenvernichtung im Sommer 1942 unmittelbar miterlebten.“Swen Steinberg in: Jan Erik Schulte / Michael Wildt (Hrsg.): Die SS nach 1945. Entschuldungsnarrative, populäre Mythen, europäische Erinnerungsdiskurse. Göttingen 2018, S. 240.
1942 erschien, herausgegeben von Hans Kummerlöwe, Niethammers Aufsatz Beobachtungen über die Vogelwelt von Auschwitz in den Annalen des Naturhistorischen Museums Wien,Günther Niethammer: Beobachtungen über die Vogelwelt von Auschwitz. In: Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien. Band 52, 1941 (ausgegeben im Mai 1942), S. 164–199. dem 1943 noch ein Nachtrag folgte und dessen Titel Arno Surminski zu seiner Novelle Die Vogelwelt von Auschwitz anregte. Zu Beginn des Aufsatzes dankt Niethammer ausdrücklich dem Lagerkommandanten Höß und dessen Adjutanten Erich Frommhagen für deren „große[s] Verständnis“, das sie „der wissenschaftlichen Erschließung dieses Gebietes und den Forschungsaufgaben, die der deutsche Osten an die Wissenschaft stellt, stets entgegenbrachten.“ Nach der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 fand sich in Höß’ ehemaligem Dienstzimmer ein gebundenes Exemplar des Sonderdrucks des Niethammer-Aufsatzes.
Von Ende 1941 bis Ende August 1942 wurde Niethammer nach einer Intervention Fritz von Wettsteins zum Oberkommando der Wehrmacht Abteilung Wissenschaft abkommandiert und arbeitete als Zoologe im besetzten Griechenland bzw. auf Kreta. Die Ergebnisse seiner „biologischen Forschungsreise nach dem Peloponnes und nach Kreta 1942, ausgeführt im Auftrage des Oberkommandos der Wehrmacht und des Reichsforschungsrates“ veröffentlichte Niethammer 1943 unter dem Titel Beiträge zur Kenntnis der Brutvögel des Peloponnes.Günther Niethammer: Beiträge zur Kenntnis der Brutvögel des Peloponnes. In: Journal für Ornithologie, 91. Jahrgang, Heft 2/3, April/Juli 1943, S. 167–238. Von September bis 12. Oktober 1942 konnte er nochmals im KZ Auschwitz seine „ornithologischen Sonderaufgaben“ fortsetzen. An jenem Tag wurde er zum „Sven-Hedin-Reichsinstitut für Innerasien und Expeditionen“ bzw. Sonderkommando K (Kaukasus) in München unter dem Zoologen und SS-Sturmbannführer Ernst SchäferErnst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. 2001, S. 140. versetzt und im Dezember 1942 zum SS-Untersturmführer (F) („Fachführer“) ernannt. Er nahm an Expeditionen der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe teil, die wissenschaftliche Beweise für die nationalsozialistische Rassentheorie finden sollte. Im Mai 1944 wurde er als Zoologe zum Hygiene-Institut der Waffen-SS in Berlin versetzt. Noch 1944 erfolgten Forschungsaufenthalte in Bulgarien und Triest. Im Juni 1944 wurde Niethammer letztmals befördert und erhielt rückwirkend zum 1. Mai 1944 den Rang eines SS-Obersturmführers (F). Vom 22. April bis 8. Mai 1945 war er Soldat der 269. Infanterie-Division und nahm an Kampfhandlungen in Sachsen teil.
Internierung und Haft