mini|hochkant|Janusz Korczak (um 1930)

Janusz Korczak, eigentlich Henryk Goldszmit (* 22. Juli 1878 oder 1879Das genaue Geburtsjahr ist nicht bekannt. In seinem Pamiętnik schreibt Korczak: „Mein Vater hat sich jahrelang nicht um eine Geburtsurkunde für mich bemüht. Später hatte ich deswegen Schwierigkeiten.“ Zitiert in der deutschen Übersetzung von Armin Droß in: Elisabeth Heimpel, Hans Roos (Hrsg.) Das Recht des Kindes auf Achtung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1970. S. 332. in Warschau; † nach dem 5. August 1942 vermutlich am 6. oder 7. August im deutschen Vernichtungslager Treblinka, amtliches Todesdatum 7. August 1942), war ein polnischer Militär- und Kinderarzt sowie Kinderbuchautor und bedeutender Pädagoge jüdischer Abstammung. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Einsatz für Kinder, insbesondere in einem jüdischen Waisenhaus. So begleitete er freiwillig die Kinder seines Waisenhauses bei der Deportation durch die deutschen Besatzer in ein Vernichtungslager, obwohl das auch für ihn selbst den Tod bedeutete.

Leben Elternhaus und Schulzeit Henryk Goldszmit wuchs als erstes Kind von Cecilia, geborene Gębicka,Vgl. Friedhelm Beiner (2008): Was Kindern zusteht. Janusz Korczaks Pädagogik der Achtung. Inhalt – Methoden – Chancen. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008, S. 153. und Józef Goldszmit mit einer jüngeren Schwester Anna in Warschau auf.

Die wohlhabende Anwaltsfamilie Goldszmit galt als assimiliert und modern. Erst in Zeiten des wachsenden Antisemitismus begann Henryk, sich mit seiner jüdischen Abstammung zu beschäftigen.

Goldszmit absolvierte das achtklassige humanistische Gymnasium in Praga,Leon Rygier: Janusz Korczak in jungen Jahren. In: Friedhelm Beiner, Siliva Ungermann (Hrsg.): Janusz Korczak in der Erinnerung von Zeitzeugen. Mitarbeiter, Kinder und Freunde berichten. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1999, ISBN 3-579-02357-8, S. 403–405, hier S. 403. wo er Latein, Deutsch, Französisch und Altgriechisch lernte. Die Unterrichtssprache war Russisch, da Warschau aufgrund der Teilungen Polens des 18. Jahrhunderts Bestandteil des Russischen Reichs war. 1896 verschlechterte sich mit der Erkrankung und dem Tod seines Vaters in einem Nervenkrankenhaus die finanzielle Situation der Familie dramatisch, so dass der junge Henryk mit Nachhilfestunden den Lebensunterhalt mitfinanzieren musste. Im selben Jahr gewann er als Gymnasiast einen Nachwuchspreis für seinen ersten Roman Der Gordische Knoten.

Karriere Goldszmit studierte von 1898 bis 1904 Medizin an der Kaiserlichen Universität Warschau und erhielt 1905 seine ApprobationChristoph_Gradmann: Korczak, Janusz. In: Werner_E._Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf_Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 781 f.; hier: S. 781. als Arzt. Er blieb aber nebenher schriftstellerisch tätig, so gewann er 1899 unter dem Pseudonym Janusz Korczak mit einem Drama einen literarischen Wettbewerb. Eigentlich Janasz Korczak – nach der Titelfigur von Kraszewskis Roman Janasz Korczak und die schöne Schwertfegerin –, wurde der Name durch einen Druckfehler zu Janusz Korczak, was Goldszmit dann beibehielt. 1901 erschien die Erzählung Kinder der Straße, in der er das erste Mal das Schicksal von Straßenkindern literarisch verarbeitete. Die ersten Romane machten ihn so bekannt, dass er zum Modearzt avancierte.

Nach seiner Promotion erhielt er eine Anstellung an einer Warschauer Kinderklinik (1904–1911). Seine Tätigkeit dort wurde 1904/1905 unterbrochen, als er im Russisch-Japanischen Krieg als Feldarzt dienen musste, sowie während zweier Auslandsaufenthalte zur Fortbildung (ein Jahr in Berlin sowie ein halbes Jahr in Paris).

Engagement für Kinder mini|Korczaks Waisenhaus Dom Sierot in der Krochmalna Straße in Warschau, ca. 1935

Die zusätzlichen Einnahmen seiner schriftstellerischen Arbeiten sollten seinem ärztlichen und sozialen Engagement für arme und verwahrloste Kinder zugutekommen. Mehrfach fuhr er als unbezahlter Betreuer mit zu den Sommerkolonien – durch Spenden finanzierte Sommerferienlager für Kinder des städtischen Proletariats. Als er dann 1912 die Leitung eines nach seinen Plänen neu errichteten jüdischen Waisenhauses angeboten bekam, gab er den Arztberuf auf und sagte zu.

Das Dom Sierot (polnisch Waisenhaus) wurde sein Lebensinhalt. Getragen von der jüdischen Gesellschaft Hilfe für die Waisen, nahm das Haus jüdische Kinder bis zum Alter von 14 Jahren auf. Korczak erhielt den pädagogischen Spielraum, um seine auf prinzipiellen Kinderrechten fußenden Ideen umzusetzen und nach neuen Wegen zu suchen, beispielsweise bei der Umsetzung eines Kinderrepublik-Modells. Als er nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs erneut als Divisionsarzt der russischen Armee einberufen wurde, führte seine Mitarbeiterin Stefania Wilczyńska (genannt Stefa) die Arbeit im Dom Sierot weiter. Aber Korczak blieb weiterhin pädagogisch tätig: Zum einen begann er mit Wie liebt man ein Kind sein wichtigstes pädagogisches Werk zu schreiben, zum anderen betreute er während seiner Stationierung bei Kiew mehrere Waisenhäuser, wobei er Maryna Falks kennenlernte, die dort ein Internat für polnische Kinder leitete.

Der darauffolgende Zeitabschnitt – nach der Rückkehr aus dem Krieg und der Normalisierung des täglichen Lebens im wieder zur Hauptstadt des eigenständigen polnischen Staates gewordenen Warschau – lässt sich als Korczaks Blütezeit bezeichnen. Neben seiner Tätigkeit am Dom Sierot übernahm er 1919, zusammen mit Maryna Falska, auch die Leitung des Waisenhauses Nasz Dom (Unser Haus), das, zuerst in Pruszków bei Warschau untergebracht, 1928 in den Warschauer Villenvorort Bielany umziehen konnte. Diesem war zwei Jahre lang auch eine Alternativschule angegliedert. Außerdem war er am Institut für Sonderpädagogik als Dozent tätig, ab 1926 als Sachverständiger für Erziehungsfragen beim Bezirksgericht sowie 1926 bis 1930 als Redakteur der Kinderzeitung Mały Przegląd (Kleine Rundschau). Im Jahr 1926 war er auch der Freimaurerloge Gwiazda Morza (unter der Obedienz Le Droit Humain) in Warschau beigetreten. Pan Doktor in Le Droit Humain Polska, Mai 2012 (poln.) Er schrieb zahlreiche Bücher, in denen er – weitaus häufiger in Kinderbüchern und Erzählungen als in pädagogischen Schriften – seine Erfahrungen und Ideen beschrieb. Schließlich wurde er in den Jahren 1935/36 auch Mitarbeiter des polnischen Rundfunks, als er, allerdings nicht unter seinem Namen, sondern lediglich als „Alter Doktor“, vor dem Mikrofon mit Kindern und über Kinder plauderte.

Tätigkeit im Warschauer Ghetto Im Zusammenhang mit dem offenen Antisemitismus, der sich in der Gesellschaft ausbreitete, beschäftigte sich Korczak Mitte der 1930er Jahre mit dem Zionismus. Er reiste zweimal (1934 und 1936) nach Palästina und erwog die Emigration, die er letztlich aber verwarf.

Im September 1939 begann mit dem Überfall auf Polen in Europa der Zweite Weltkrieg. Entsprechend der antisemitischen Ideologie des Nationalsozialismus setzten damit eine massive Unterdrückung, Entrechtung und Verfolgung der Juden ein, die in die Vernichtung der jüdischen polnischen Bevölkerung, dem beispiellosen Völkermord an ihnen, mündete. Nach dem Befehl zur zwangsweisen sofortigen Umsiedlung der gesamten jüdischen Bevölkerung Warschaus in das Sammellager des Warschauer Ghettos im Oktober 1940 musste auch das Dom Sierot umziehen, da das Gebäude knapp außerhalb des vorgegebenen Stadtviertels lag. Trotz der unsäglichen Bedingungen in diesem Gefangenenlager fand Korczak in den letzten Monaten noch die Energie zu schriftlichen Notizen. Sein Pamiętnik, das gerettet werden konnte und 1958 von Igor Newerly erstmals veröffentlicht wurde, ist eine Mischung aus Lebenserinnerung, tagebuchartigen Beschreibungen der Gegenwart des Ghetto genannten Lagers sowie Zukunftsvisionen und Traumdeutungen.‚Pamiętnik‘ bedeutet sowohl ‚Tagebuch‘ als auch ‚Erinnerungen‘; dt. als Tagebuch aus dem Warschauer Ghetto 1942 erschienen (siehe Sekundärliteratur).

Deportation und Tod mini|Skulptur „Korczak und die Kinder des Ghettos“ in Yad Vashem mini|rechts|250px|Gedenken in Treblinka

Im August 1942 wurden im Rahmen der Aktionen zur so genannten „Endlösung der Judenfrage“ die etwa 200 Kinder des Waisenhauses von der SS zur Deportation in das Vernichtungslager Treblinka abgeholt. Obwohl Korczak wusste, dass dies den Tod bedeutete, wollte er die Kinder nicht im Stich lassen und bestand ebenso wie seine Mitarbeiterin Stefania Wilczyńska darauf, mitzufahren.http://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/spots_of_light/stefania_wilczynska.asp Der Komponist und Pianist Władysław Szpilman wurde Augenzeuge des Abtransports und beschreibt die Szene in seinen Memoiren:

Sein genaues Todesdatum ist unbekannt. Korczaks Tagebuchaufzeichnungen enden mit dem 5. August 1942.

1954 wurde von einem polnischen Gericht als Todesdatum Korczaks der 9. Mai 1946 festgesetzt, ein Jahr nach Kriegsende. Dieses Datum wurde für alle während des Krieges Gestorbenen verwendet, deren genaues Todesdatum nicht feststeht. 2012 setzte das Bezirksgericht Lublin den 7. August 1942 als Todestag fest. Die Änderung wurde von der Fundacja Nowoczesna Polska (Stiftung Modernes Polen) beantragt, die die Werke Korczaks online frei verfügbar machen wollte. Durch die Änderung wurden die Werke Korczaks vier Jahre früher, 2012 statt 2016, gemeinfrei.

mini|hochkant|Janusz Korczak, israelische Briefmarke, 1962 mini|hochkant|Briefmarke der Deutschen Bundespost (1978) zum 100. Geburtstag

Nachleben und -wirkungen 1957 wurde Erwin Sylvanus’ Schauspiel Korczak und die Kinder uraufgeführt, das zu den meistgespielten deutschen Nachkriegsstücken zählt. 1963 gründete Schmuel Gogol, Auschwitz-Überlebender und vormaliger Waise unter Korczaks Obhut, das Children’s Harmonica Orchestra of Ramat Gan, Israel, auch um die musikpädagogische Arbeit Korczaks fortzusetzen. 1975 verfilmte der polnische Regisseur Aleksander Ford als deutsch-israelische Koproduktion unter dem Titel Sie sind frei, Dr. Korczak die Geschichte von Janusz Korczak mit Leo Genn in der Hauptrolle. 1980 wurde die Schule Bullenhuser Damm in Hamburg, an der im April 1945 20 Kinder, an denen Kurt Heißmeyer im KZ Neuengamme Menschenversuche ausgeübt hatte, und mindestens 28 Erwachsene ermordet worden waren, nach ihm benannt. Wenig später verübten Neonazis einen Anschlag auf das Gebäude.Günther Schwarberg, Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm, Göttingen, Editorial Steidl, Ausgabe 1994, ISBN 978-3-88243-306-7, SS. 10ff. 1988 entstand im DEFA Studio für Dokumentarfilme, Berlin, über Janusz Korczak ein biographischer Filmessay von Walther Petri und Konrad Weiß mit dem Titel Ich bin klein, aber wichtig.Film Ich bin klein aber wichtig (Homepage Konrad Weiß) / In der des Fritz Bauer Instituts 1990 verfilmte der polnische Regisseur Andrzej Wajda Korczaks Lebensgeschichte. Wojciech Pszoniak spielte in der deutsch-polnischen Koproduktion Korczak nach einem Drehbuch von Agnieszka Holland die Titelrolle. 1995 erschien der Jugendroman Im Schatten der Mauer. Ein Roman um Janusz Korczak (Originaltitel: Shadow of the Wall) von Christa Laird. 1996 veröffentlichte Karlijn Stoffels den Jugendroman Mosje en Reizele (Mojsche und Rejsele), eine Liebesgeschichte in Korczaks Waisenhaus während der deutschen Besatzung. Anlässlich des Deutschen Evangelischen Kirchentags 1997 schrieb die Wülfrather Gruppe fünf brote und zwei fische ein „Tragical“ genanntes Musical mit dem Titel Im Schatten der Mauer, das auf dem Roman von Christa Laird basiert und die letzten drei Jahre des Kinderheims im Warschauer Ghetto darstellt.Janusz Korczak – das Tragical fuenfbroteundzweifische.de Es wurde auch in Israel aufgeführt.