mini|Federico Fellini, 1965 Federico Fellini (* 20. Januar 1920 in Rimini; † 31. Oktober 1993 in Rom) war ein italienischer Filmregisseur und Drehbuchautor. Er gilt als einer der wichtigsten Autorenfilmer des 20. Jahrhunderts. Er wurde zunächst als Filmemacher im italienischen Neorealismus bekannt, entwickelte aber ab den 1950er-Jahren einen sehr persönlichen Stil. Seine Filme zeichnen sich oft durch eine Vermischung von Traum und Realität, den Einsatz spielerischer Gestaltungs- und Erzählweisen und einen satirisch-grotesken, oft sarkastischen Ton aus.

Seine berühmtesten Werke wie La Strada – Das Lied der Straße, Das süße Leben, Achteinhalb und Amarcord tauchen häufiger in Kritikerlisten der besten Filme aller Zeiten auf. Vier seiner Filme erhielten den Oscar als Bester fremdsprachiger Film, womit er bis heute Rekordhalter in dieser Kategorie ist; außerdem wurde er 1993 mit dem Ehrenoscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet. In einer internationalen Umfrage des Filmmagazins Sight & Sound aus dem Jahr 2002 wurde Fellini von seinen Regiekollegen auf Platz 2, von Kritikern auf Platz 7 der größten Regisseure der Filmgeschichte gewählt.

Leben Frühe Jahre in Rimini mini|Federico Fellini als Baby, zirka 1921 Federico Fellini wurde 1920 als erstes von drei Kindern in Rimini geboren. Seine Mutter stammte aus Rom, sein Vater war auf einem Bauernhof in der Nähe von Rimini aufgewachsen. Sein Bruder Ricardo arbeitete ebenfalls im Filmgeschäft –, zunächst als Schauspieler, später hauptsächlich als Dokumentarfilmer. 1925, nachdem in Italien der Faschismus die Staatsmacht übernommen hatte, kam Fellini in eine katholische von Nonnen geleitete Schule. Tullio Kezich schreibt dazu in Fellini – Eine Biographie: „Er war ein x-beliebiges Kind, das hübsch zeichnen konnte, in einer x-beliebigen Kleinstadt in einem bodenständigen Italien, das zwischen Faschismus und Katholizismus eingezwängt war.“

Die Ferien verbrachte er bei der Großmutter auf dem Lande, wo er einerseits bäuerliche Traditionen kennenlernte, aber auch Kontakt zu Vagabunden, Sinti und Roma hatte, von denen manch einer später als Figur Einzug in seine Filme fand. Von 1930 bis 1938 besuchte Fellini das Gymnasium Giulio-Cesare. Dort zeichnete er Freunde und Lehrer sowie verschiedene Politiker, und mit der Zeit konnte er einige Karikaturen und Comicstrips an kleine Zeitschriften der Provinz, später auch an größere Zeitungen verkaufen. Das Florentiner Wochenblatt 420 veröffentlichte regelmäßig Kolumnen und Karikaturen Fellinis. 1939 schrieb er sich an der Universität in Rom ein.

Anfänge in Rom Angestellt bei der Tageszeitung Il Piccolo und später bei der satirischen Wochenzeitschrift Marc' Aurelio, konnte sich Fellini als junger talentierter Journalist und Karikaturist behaupten. Er machte Karriere und wurde bald auch zu Redaktionskonferenzen eingeladen. Er begann in dieser Zeit – man hatte ihm mehr Platz in der Zeitung eingeräumt – tagebuchartig und mit Selbstironie seine Jugend in der Provinz und seine Anfänge in Rom zu schildern. Viele der dargestellten Themen tauchten irgendwann in seinen Filmen wieder auf. Neben seiner Zeitungsarbeit war er auch an Arbeiten zu Entwürfen für diverse Musicals und Revuen beteiligt, obwohl er nur geringes Interesse am Theater verspürte. Fellini schrieb auch Beiträge für den Radiosender Radiocorriere sowie kurze Hörspiele, die oft traumähnliche Sequenzen enthalten, wie es sie dann später in einigen seiner Filme gab.

Beim Radio lernte er die Schauspielerin und Sprecherin Giulietta Masina kennen, die er 1943 heiratete und mit der er bis zu seinem Tode verheiratet blieb. Ihr einziges Kind, Pierfederico Fellini, kam am 22. März 1945 zur Welt, starb aber krankheitsbedingt schon elf Tage später.Quelle: Tullio Kezich: Federico Fellini: His Life and Work, 2006, in: Google Bücher, S. 74, aufgerufen am 4. November 2013.

Der Weg zur Regie Noch als Journalist und Radiodramaturg arbeitet Fellini an verschiedenen Drehbüchern mit. „Er (Fellini) neigt dazu, die eigene Arbeit möglichst gering erscheinen zu lassen oder ihre Bedeutung herunterzuspielen“, so Tullio Kezich in Fellinis Biographie.

Immer intensiver widmet er sich der Mitarbeit an Drehbüchern. Er lernt den Autor und Regisseur Roberto Rossellini kennen, mit dem er für Roma città aperta – Rom, offene Stadt 1946 die erste seiner vielen Nominierungen für den Oscar erhielt. Er etablierte sich als Drehbuchautor und gab ein Jahr später seine journalistische Karriere und seine Tätigkeit als Radiodramaturg vollständig auf. 1950 war Fellini bereits zehn Jahre Drehbuchautor und Regieassistent und hatte in dieser Zeit an 19 Drehbüchern (hauptsächlich für Filme des Neorealismus) mitgewirkt. Und er hatte Kontakte geknüpft und sich mit Leuten wie Pinelli (Autor), Laurentiis (Produzent), Coletti (Regisseur), Lattuada (Regisseur) und anderen bedeutenden Schauspielern und Regisseuren angefreundet, die ihn später bei seinen Filmen unterstützten.

Werk 1950er Jahre mini|Fellini in den 1950er Jahren Sein Debüt als Regisseur hatte Fellini 1950 mit Luci del varietà – Lichter des Varieté. Dabei erhielt der dreißigjährige Fellini Unterstützung von Alberto Lattuada, der mit ihm zusammen für die Inszenierung sorgte und für die Produktion als Garant diente. Der Film handelt von einer Sängerin, die sich einer Showgruppe anschließt, um aus ihrem Heimatdorf herauszukommen; er wurde oft mit Vita da cani – Ein Hundeleben von Mario Monicelli verglichen. Vita da cani kam etwa ein halbes Jahr zuvor in die Kinos und behandelt eine ähnliche Vorstadtthematik – jedoch sensibler und präziser, wie die Kritiker schrieben. Lattuada und Fellini wurden Besetzungsfehler und zu wenig Gespür für die Figuren vorgeworfen.

Nach dem Misserfolg widmete sich Fellini weiter der Entwicklung seines persönlichen Stils und brachte die Komödie Die bittere Liebe heraus, deren Ursprungsidee von Michelangelo Antonioni stammte, die aber von Tullio Pinelli, Ennio Flaiano und Fellini zu einem Drehbuch verarbeitet wurde. Bei diesem Film hatte Fellini zum ersten Mal die alleinige Verantwortung für die Regie. Während der Dreharbeiten wurde der Stoff von Fellini noch einmal geändert und einer „Fellinisierung“ (Kezich) unterzogen. Der Film, der 1952 in den Kinos anlief, erntete erneut überwiegend negative Kritiken. In einer einflussreichen Zeitschrift für Filmkultur stand: „[…] ein Film, der durch seine grobschlächtige Machart, seine erzählerischen Mängel und die Konventionalität des Aufbaus derart minderwertig ist, dass man mit gutem Grund bezweifeln darf, ob dieser Regieversuch Fellinis nicht als sein letzter anzusehen ist.“ Einer der wenigen Bewunderer nannte den Film allerdings „den ersten anarchistischen Film Italiens“. Fellini selbst erkannte seine Fortschritte und war sicher, „einen wunderschönen Film fünf Jahre zu früh“ realisiert zu haben.

Mit I Vitelloni – Die Müßiggänger, einem Film über fünf junge Leute, die mit Nichtstun in einer kleinen Provinzstadt die Zeit totschlagen, setzte er sein filmisches Schaffen im Dezember 1952 fort. Als der Film ein halbes Jahr später auf den Filmfestspielen von Venedig lief, zeichnete sich für den Regisseur Fellini endlich ein Erfolg ab. Kritiker und Publikum waren sich einig, dass hier ein neuer Regisseur den Durchbruch geschafft hatte. Fellini wurde der Silberne Löwe verliehen, und I Vitelloni fand den Weg ins internationale Verleihgeschäft. Der Film wurde ein Kassenschlager und hatte sechs Jahre später bereits die beachtliche Summe von 600 Millionen Lire eingespielt. Im selben Jahr erschien außerdem noch der Episodenfilm L'Amore in città – Liebe in der Stadt, bei dem Fellini neben Michelangelo Antonioni, Alberto Lattuada, Carlo Lizzani, Francesco Maselli, Dino Risi und Cesare Zavattini eine Episode schrieb und inszenierte. Der große Erfolg blieb zwar aus, jedoch wird der Film von einigen Filmwissenschaftlern als „bemerkenswert“ bezeichnet.

Fellinis folgender Film La Strada – Das Lied der Straße (1953–1954), mit Anthony Quinn und Fellinis Ehefrau Giulietta Masina in den Hauptrollen, eine Art filmisches Märchen, das von einem Mädchen handelt, das von seiner Familie an einen Jahrmarktsartisten verkauft wird, bescherte dem jungen Regisseur nationale und internationale Nominierungen und Auszeichnungen – u. a. den Oscar für den besten fremdsprachigen Film, eine Nominierung für den Oscar für das beste Drehbuch und die beste Inszenierung, einen Nastro d’Argento des Sindacato Nazionale Giornalisti Cinematografici Italiani, den Silbernen Löwen von Venedig und viele weitere Preise. Aber bei seiner Premiere an den Filmfestspielen von Venedig im September 1954 spaltete der Film die Welt der italienischen Autorenfilmer in zwei Lager.

Auslöser waren Gerüchte über einen Boykott von Viscontis Senso. Visconti, der als Führer der marxistischen Opposition und Frontmann der Neorealisten galt, war der christdemokratischen Regierungsmacht und dem von ihr geprägten Kino ein Dorn im Auge. Die Visconti-Anhänger sahen in der Begründung für die Verleihung des Silbernen Löwen für La Strada einen klaren Beweis für den Boykott: „Für den interessanten Versuch eines jungen Regisseurs, von dem die Idee zu dem Film stammt und der mit diesem Film seine Begabung für eine sensible und unabhängige Sichtweise unter Beweis gestellt hat.“ Darüber hinaus wurde Fellinis Film von dem verbitterten Visconti als „neoabstrakt“ bezeichnet. Andere linke Kritiker warfen dem Film Religiosität, Mystifizierung, Pathos und Naivität vor.

1955 erschien Fellinis sechster Film Il Bidone – Fellinis Gauner. Die Geschichte dreht sich um ein paar Schwindler, die als geistliche Würdenträger getarnt den einfachen Leuten das Geld aus der Tasche ziehen. Bei Drehschluss waren es gerade noch 40 Tage bis zur Präsentation in Venedig, so wurde der Film von zwei Filmeditoren gleichzeitig geschnitten. Bei den Festspielen wurde der Film dann von der Jury nicht einmal erwähnt, und bei seiner Vorführung begann sich der Saal nach der Hälfte des Films zu leeren. Fellini war dermaßen enttäuscht, dass er keinen Film mehr zum Wettbewerb nach Venedig schickte. Erst 1969 lief wieder ein Film von ihm auf dem Festival – allerdings außer Konkurrenz.

mini|Giulietta Masina und Frederico Fellini, 1958 Nach diesem Misserfolg vergingen fast zwei Jahre, bis Fellini seinen nächsten Film finanzieren konnte. Le Notti di Cabiria – Die Nächte der Cabiria mit Giulietta Masina in der Hauptrolle, handelt von der Suche einer Prostituierten nach Liebe – potenzielle Geldgeber fürchteten Kritik seitens der katholischen Kirche. Auf der Suche nach einem Produzenten lernte Fellini den jungen Schriftsteller Pier Paolo Pasolini kennen. Pasolini übersetzte die Dialoge im Drehbuch in moderne römische Mundart. Nachdem Fellini von verschiedenen Privatleuten den größten Teil des Budgets zusammenhatte, fand er auch endlich einen Produzenten. Die Premiere fand 1957 in Cannes statt, und Die Nächte der Cabiria behauptete sich gegen starke Konkurrenz, z. B. gegen Das siebente Siegel von Ingmar Bergman oder gegen Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen von Robert Bresson, und erhielt den Preis für die beste Darstellerin (Giulietta Masina) mit dem offiziellen Hinweis, dass Fellini für die Schöpfung dieser Figur von der Jury geehrt wurde – die Goldene Palme ging an den Film Lockende Versuchung von William Wyler – Le Notti di Cabiria gewann noch andere Preise und Festivals (u. a. den Oscar). Noch im selben Jahr wollte Fellini einen neuen Film mit dem Titel Reise mit Anita drehen. Doch als seine Wunschschauspielerin Sophia Loren nicht verfügbar war und er den Film nicht mit einer anderen Schauspielerin drehen wollte, wurde das Projekt zurückgestellt, das aber 1978 von Mario Monicelli realisiert wurde. Dieser Film war einer der am meisten geliebten Fellinis, da die Geschichte ein privates Ereignis enthält, nämlich seine Reise zu seinem sterbenden Vater in Rimini im Mai 1956.