mini|Dorothy-Sayers-Statue in Witham
Dorothy Leigh Sayers [], auch: [] (* 13. Juni 1893 in Oxford; † 17. Dezember 1957 in Witham, Essex) war eine englische Schriftstellerin, Essayistin und Übersetzerin. Ihre Kriminalromane, die scharfsinnige, einfühlsame Milieuschilderungen der 1920er- und 1930er-Jahre enthalten, begründeten ihren Ruf als eine der herausragenden „British Crime Ladies“.
Ihr Werk war zum Zeitpunkt ihres Todes weitgehend in Vergessenheit geraten. Wiederentdeckt wurde es zunächst im Rahmen der Frauenbewegung der späten 1960er-Jahre. Eine Verarbeitung ihrer Lord-Peter-Wimsey-Romane für eine Fernsehserie, die die BBC zu Beginn der 1970er-Jahre produzierte und ab 1973 ausstrahlte, machte Dorothy L. Sayers einem weiten Leserkreis erneut bekannt.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery, S. 161. Diese Romane gelten heute als wichtige Werke der klassischen Detektivgeschichte, wie sie vor allem von britischen Autoren im Zeitraum zwischen den beiden Weltkriegen verfasst wurden.
Die britische Zeitung The Guardian nahm 2009 zwei ihrer Kriminalromane, nämlich Der Tote in der Badewanne (1923) und Mord braucht Reklame (1933), in die Liste der tausend Romane auf, die jeder gelesen haben sollte.1000 Novels everyone must read: the definitive List, abgerufen am 4. Februar 2014.
Leben Kindheit Dorothy Sayers wurde 1893 in einem Haus in der Brewer Street in Oxford geboren, wo ihr Vater, Reverend Henry Sayers, Kaplan und Direktor der Christ Church Cathedral School warB. Reynolds: Dorothy L. Sayers. Her Life and Soul. Hodder & Stoughton, London u. a. 1993, S. 13., einer dem College Christ Church benachbarten Privatschule für die Chorknaben des Christ Church Cathedral-Chor. Ihre Mutter Helen Mary Leigh war Tochter eines Anwalts, die mütterliche Familie zählte zum englischen Landadel mit einer nachweisbaren Familiengeschichte bis zurück zur Herrschaft Heinrichs III.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery, S. 163. Dorothy Sayers war die einzige Tochter des Ehepaars, im Haushalt der Sayers lebten außer mehreren Dienstboten zwei Tanten sowie ihre Großmutter väterlicherseits.
Obwohl Sayers nur die ersten vier Jahre ihrer Kindheit in Oxford verbrachte, erinnert sie sich in dem autobiografischen Fragment My Edwardian Childhood deutlich an Einzelheiten wie Ausflüge mit ihrem Kindermädchen auf das Universitätsgelände, das Schlagen der Glockentürme sowie den Schäferhund, der dem Christ Church Cathedral-Chor gehörte.
1897 nahm ihr Vater eine Pfarrstelle im Osten Englands an, in der Nähe der Ortschaft Huntingdon. Die Oxforder Dienstboten, die Mutter von Henry Sayers sowie eine der Tanten zogen mit der Familie um. Die Pfarrei lag weitgehend isoliert. Sayers wurde zu Hause von ihren Eltern sowie einer Reihe von Gouvernanten erzogen. Sie konnte bereits mit etwas mehr als vier Jahren lesen. Ihr Vater begann sie ab ihrem sechsten Lebensjahr in Latein zu unterrichten und dank ihrer Gouvernanten erlernte sie ein ausgezeichnetes Französisch sowie passables Deutsch. Ihr Unterricht konzentrierte sich auf Literatur, Sprachen und Musik, dagegen wurde sie in Mathematik und Naturwissenschaften kaum unterrichtet.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery, S. 165. Von ihrem Vater scheint sie musikalisches Talent geerbt zu haben. Er gab ihr ab ihrem sechsten oder siebten Lebensjahr Geigenunterricht, später lernte sie auch Klavier spielen und erhielt Gesangsunterricht. Sayers wuchs weitgehend isoliert von gleichaltrigen Kindern auf, denn Klassenschranken verhinderten, dass sie in der Pfarrgemeinde Spielkameraden fand. Als Erwachsene beklagte sie ihre verhätschelte Kindheit, in der sie nahezu ausschließlich von weitaus älteren Personen umgeben war.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery, S. 167.
Internat und Studium mini|Das Internat Godolphin im Jahr 2006 mini|Das Somerville College im Jahr 2006
Ihre Eltern entschieden sich im Sommer 1908, ihre Tochter auf das Mädcheninternat Godolphin School in Salisbury zu schicken. Damit sollte ihr der Weg für eine universitäre Ausbildung geebnet werden. Ihre Schulausbildung begann im Januar 1909. Während sie sehr belesen und gut in Sprachen ausgebildet war, lag sie vor allem in Mathematik weit hinter gleichaltrigen Mädchen zurück. Sie erwies sich weder unter ihren rund 200 Mitschülerinnen noch unter ihren Lehrern als sonderlich beliebt. Sie wurde als begabt, jedoch oberflächlich beurteilt und galt als unfähig, mit Kritik umzugehen.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery, S. 169. Sayers spielte im Schulorchester die erste Geige und spielte im Schultheater mit, fand aber nur wenige enge Freunde. Sie wurde auf Wunsch ihrer Eltern gemeinsam mit ihren Mitschülerinnen im Jahre 1910 konfirmiert. Jahre später erinnerte sie sich daran, dass diese Erfahrung, die sie nur widerwillig über sich ergehen ließ, zu einer über lange Jahre bestehenden Skepsis gegenüber Religion führte, da sie diesen Schritt nur als einen einer sinnentleerten Tradition entsprechenden empfand.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery, S. 170.
Während einer Masern-Epidemie im Frühjahr 1911 erkrankte sie zusätzlich an einer lebensbedrohlichen doppelseitigen Lungenentzündung, die eine lange Genesungsphase im Krankenhaus und in der elterlichen Pfarrei nach sich zog. Die zu diesem Zeitpunkt knapp achtzehnjährige Sayers verlor durch die Krankheit auch all ihre Kopfhaare und kehrte im Herbst 1911, eine Perücke tragend, an ihr Internat zurück. Sie wurde aber wenig später von den Eltern von der Schule genommen, als eine Scharlachepidemie ausbrach. Sayers schloss ihre Schulausbildung per Fernunterricht ab und bereitete sich auf die Bewerbung für eines der Stipendien am Somerville College in Oxford vor –, damals eines der beiden Colleges, das Frauen offenstand. Ihr Studium nahm sie im Herbst 1912 auf. Sie studierte klassische und moderne Sprachen und erlangte 1915 den Abschluss First Class Honours in mittelalterlichem Französisch.B. Reynolds: Dorothy L. Sayers. Her Life and Soul. Hodder & Stoughton, London u. a. 1993, S. 78.
Anders als am Internat fand Sayers in Oxford Gleichgesinnte. Mit einer anderen Studentin gründete sie im ersten Semester die „Mutual Admiration Society“, eine kleine Gruppe von am Schreiben interessierten Studentinnen, mit denen sie über lange Jahre Verbindung hielt. Einem Mitglied dieser Gruppe, nämlich Muriel „Jim“ Jaeger, widmete Sayers ihren ersten Kriminalroman Der Tote in der Badewanne (1923).Martha Hailey Dubose: Women of Mystery, S. 174.
Erste Veröffentlichungen Während eines Frankreichaufenthalts wurde Sayers im Jahr 1914 vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges überrascht. Als Freiwillige half sie, belgische Kriegsflüchtlinge unterzubringen. Nach dem Studienabschluss plante sie zunächst, für das Rote Kreuz als Krankenpflegerin in Frankreich zu arbeiten. Aus dem Plan wurde jedoch nichts, und sie ging auch nicht auf das Angebot ihres Vaters ein, ihr ein Postgraduiertenjahr in Oxford zu finanzieren. Sie arbeitete stattdessen an Lyrik, zwölf ihrer Gedichte wurden im Dezember 1915 im Rahmen einer Anthologie publiziert. Ein Jahr später erschien ihr erster eigener Gedichtband Op. I.Op. I., Volltext (englisch), der von dem Oxforder Verleger Basil BlackwellGeschichte Blackwell Verlag. Abgerufen am 21. Februar 2023. herausgegeben wurde, der auch erster Verleger von Aldous Huxley sowie Osbert und Sacheverell Sitwell war. Weitere Gedichte konnte sie in anderen Publikationen unterbringen. Es war jedoch offensichtlich, dass sie sich eine Arbeitsstelle suchen musste, wollte sie nicht weiterhin im Haus ihrer Familie leben.
Sie fand schließlich eine Lehrerstelle an einer Mädchenschule in Kingston upon Hull, einer Industriestadt an der Küste der Nordsee. Der kriegswichtige Hafen dieser Stadt war wiederholt Angriffsziel deutscher Bombardements, bei denen Sayers immer wieder in Kellern Zuflucht suchen musste. Bedingt durch die psychischen Belastungen begann sie erneut, ihre Kopfhaare zu verlieren.Vgl. Susan R. Grayzel: At Home and under Fire: Air Raids and Culture in Britain from the Great War to the Blitz. Cambridge University Press 2012, ISBN 978-0-521-87494-6, S. 61 f.
Nachdem Sayers in Kingston upon Hull zwei Semester unterrichtet hatte, intervenierte ihr Vater. Er hatte eine besser bezahlte Pfarrstelle übernommen und dieses zusätzliche Einkommen erlaubte ihm einen Handel mit Basil Blackwell: Wenn Blackwell seine Tochter im Verlagsgeschäft ausbildete, würde er für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Sayers nahm dies willig an: Die Stelle erlöste sie von der wenig geliebten Lehrtätigkeit und sie konnte nach Oxford zurückkehren. 1918 erschien im Verlag Blackwell ihre zweite Gedichtsammlung Catholic Tales and Christian Songs.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery, S. 177.
Im Mai 1918 endete Sayers Tätigkeit für Blackwell. Es ist unklar, ob Basil Blackwell – der sein Verlagsgeschäft ab diesem Zeitpunkt auf die Veröffentlichung von Lehrbüchern umstellte – Sayers kündigte oder ob sie ihn aus eigenem Antrieb verließ. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie mit dem Editieren von Texten, ein paar journalistischen Tätigkeiten und Nachhilfe.
Die Lord-Peter-Wimsey-Romane Sayers begann etwa um 1919, über das Schreiben von Kriminalromanen nachzudenken. Sie arbeitete zu dieser Zeit als Assistentin an einem privaten Jungeninternat in Verneuil (Normandie). Grund für diesen Aufenthalt war eine (letztlich unerwidert bleibende) Verliebtheit in Captain Eric Whelpton, der an dieser Schule arbeitete. Zum Lehrkörper gehörte auch Charles Crichton, ein Eton-Absolvent und ehemaliger Kavallerieoffizier. Obwohl Sayers und Crichton einander nicht besonders schätzten, hat Sayers Biografin Martha Hailey Dubose auf Parallelen zwischen dem Leben Crichtons und dem fiktiven des Lord Peter Wimseys hingewiesen.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery, S. 178. Bevor Crichton während der Kriegszeit sein Vermögen verloren hatte, lebte er in London unweit der fiktiven Adresse Wimseys, frequentierte dieselben Clubs, nahm aktiv am sozialen Leben in London teil, war regelmäßiger Gast in englischen Landhäusern und beschäftigte einen exzentrischen Butler mit Namen Bates, der während der Zeit des Ersten Weltkrieges als Ordonnanz tätig war.
Während ihrer Zeit in Verneuil befasste sich Sayers ausführlich mit Kriminalromanen und diskutierte brieflich mit Freunden wie George Douglas Howard Cole die Idee, ein Schreibsyndikat zu gründen, um gemeinsam Kriminalromane zu verfassen. Vergleichbare Schreibsyndikate gab es bereits – die populäre, in Pulp-Magazinen veröffentlichte Sexton-Blake-Reihe wurde von dutzenden Autoren verfasst.
1920 veröffentlichte Sayers zwei Gedichte, darunter ein Liebesgedicht an eine „Veronica“ in der ersten homosexuellen Zeitschrift Großbritanniens, The Quorum.Timothy D'Arch Smith: Introduction In: The Quorum: A Magazine of Friendship - Reprint, New York, 2001, S. 8, Online: https://hdl.handle.net/2027/iau.31858050814866 Im September 1920 kehrte Sayers nach London zurück und war trotz einiger Übersetzungsaufträge zunächst weitgehend auf die finanzielle Hilfe ihres Vaters angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery, S. 179. Sie nahm vorübergehend wieder eine Tätigkeit als Lehrerin an, befasste sich aber an ihren Samstagen im Lesesaal des British Museums mit Kriminologie. An ihre Mutter schrieb sie im Januar 1921: