mini|Logo, Entwurf von Anton Stankowski, 1963 Der Deutsche Werkbund e. V. (DWB) wurde am 6. Oktober 1907 als wirtschaftskulturelle „Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen“ auf Anregung von Hermann Muthesius, dem Heilbronner Politiker Friedrich Naumann und Henry van de Velde in München gegründet. Sein Sitz ist in München.
Ziele Der Verein zielte auf eine „Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk, durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägigen Fragen“. Er setzte damit die schon bestehenden Ansätze der von John Ruskin inspirierten Reformbewegungen fort. Unter Berufung auf einen moralisch fundierten Qualitätsbegriff versuchte man eine neue Warenästhetik für die kunstgewerbliche Industrieproduktion zu etablieren, die sich bislang überwiegend mit Kopien und Adaptionen der alten handwerklichen Formvorbilder mit ihrer oft reichen Ornamentik begnügt hatte. Laut dem Kunsthistoriker Christian Demand baute „die ästhetische Bildungsagenda des […] Werkbunds […] auf die unmittelbare Überzeugungskraft von Begriffen wie Material-, Form- und Werkgerechtigkeit“. Zentrales Anliegen war die Suche nach einer neuen, durch „Zweck“, „Material“ und „Konstruktion“ bedingten Formgebung (auch als „Form follows function“ bekannt), die man auch als „Sachlichkeit“ bezeichnete – und die in den 1920er Jahren dann unter dem Topos „Neue Sachlichkeit“ erneut thematisiert werden sollte. Diese Forderung nach einer technisch wie ästhetisch hochwertigen Qualitätsproduktion wurde in einen programmatischen Gegensatz gesetzt zu einer scheinbar nur am Profit orientierten bisherigen Praxis des industrialisierten Kunstgewerbes.
mini|Plakat für eine Ausstellung des Deutschen Werkbundes 1914 in Köln; Entwurf: Peter Behrens; Lithographie/Steindruck: A. Molling & Comp. KG Hannover-Berlin
Um dem in diesem Zusammenhang beklagten Qualitätsverfall des Kunstgewerbes entgegenzuwirken, sollte nun eine Gestaltungsweise entwickelt werden, die den spezifischen Bedingungen der maschinellen Produktion entsprach. Zu ihren Prinzipien gehörte der Verzicht auf Ornamente und Schlichtheit der Formen. In den zahlreichen Publikationen und Ausstellungen des Werkbundes sollte dieser neuen Ästhetik durch beispielhafte Formgestaltungen von Gebrauchsgegenständen bei Konsumenten und Herstellern zugleich zu größerer Popularität verholfen werden.
Außerdem hoffte man unter dem expansiven Motto Vom Sofakissen zum Städtebau auch weit über die Industrieproduktion hinaus für die ganze Welt der alltäglichen Gebrauchsgegenstände einschließlich der Architektur einen damals sogenannten „modernen Stil unserer Zeit“ von epochaler Dauerhaftigkeit etablieren zu können. Im Hintergrund stand dabei die berühmte Prognose Gottfried Sempers, dass der Neuanfang in der Architektur nur vom Kunstgewerbe und den Kunstindustrien ausgehen könne. Entsprechend richtete man hinsichtlich der Verbreitung der neuen Formen besondere Erwartungen an die marktbeherrschenden Kräfte der industriellen Massenproduktion und wünschte schließlich auf diesem Wege auch eine Art „Geschmackskartell“ aufzubauen (siehe dazu die Rede von Hermann Muthesius auf der Kölner Werkbundausstellung 1914). Wobei es aber bei der Kölner Ausstellung zu einem Richtungsstreit zwischen den Vertretern der Typisierung (Muthesius) und denen des Individualismus (van de Velde) kam (sog. Typisierungsdebatte).vgl. Joan Campbell: Der Deutsche Werkbund, 1907–1934. München 1989, S. 73.
Der Deutsche Werkbund wurde Vorbild von Neugründungen in vielen anderen Ländern, so des Österreichischen Werkbunds (1912), des Schweizerischen Werkbunds (1913), des Tschechischen Werkbunds (1920), des Werkbunds der Deutschen in der Tschechoslowakei (1925), des Ungarischen Werkbunds (1931) und des Chinesischen Werkbunds (1941).
Zu den angesehensten Kritikern des Bundes gehörten Adolf Loos und Werner Sombart, wobei Loos den künstlerischen Anspruch des Vereins angriff und betonte, dass nur der unbedingte Funktionalismus zur Herausbildung zeitgemäßer Stile führen würde, während Sombart vor allem darauf verwies, dass das erzieherische Programm des Werkbunds zwangsläufig zum Scheitern verurteilt sei.vgl. Joan Campbell: Der Deutsche Werkbund, 1907–1934. München 1989, S. 39–42. Christian Demand stellte 2016 rückblickend fest, dass „der missionarische Furor, der die Aktivitäten des Werkbunds über Jahrzehnte begleitete, […] Anfang der 1970er Jahre mit der ernüchternden Einsicht [abklang], dass in einer auf allen Lebensgebieten sich zunehmend pluralisierenden Gesellschaft, deren Mobilität und Wohlstand, deren Wünsche und technologische Möglichkeiten ständig expandierten, selbst unter Fachleuten schlicht kein verbindlicher ästhetischer Konsens mehr herzustellen war.“
Heute setzt sich der Werkbund für ein qualitätvolles Gestalten der humanen Umwelt ein. Diskursiv, interdisziplinär und gemeinnützig ausgerichtet verfolgt er seine Ziele mit Veranstaltungen, Exkursionen, Publikationen, Ausstellungen und beispielhaften Projekten.
Geschichte Chronologische Übersicht 1907: Gründung des Deutschen Werkbundes in München 1909: Gründung des Deutschen Museums für Kunst in Handel und Gewerbe in Hagen 1911: Ausstellung: „Gewerbe-, Industrie- und Kunstausstellung zu Crefeld“ im Kaiser-Wilhelm-Museum unter der Leitung der Handwerker- und Kunstgewerbeschule Krefeld 1913/1914: Gründung der Dürerbund-Werkbund-Genossenschaft 1914: Ausstellung: Kölner Werkbundausstellung 1915: Herausgabe Deutsches Warenbuch, später Deutsche Warenkunde und Warenkunde 1917/1918: Ausstellungen in Basel, Winterthur, Bern und Kopenhagen 1922: Erste Ausgabe der Zeitschrift „Die Form“ 1924: Ausstellung: Industrielle Formgebung in Berlin (Die Form) 1927: Ausstellung: „Die Wohnung“ Industrielle Formgebung in Stuttgart (Weißenhofsiedlung) 1929: Ausstellung: Industrielle Formgebung in Breslau (WUWA) 1929: „Film und Foto“-Ausstellung in Stuttgart (avantgardistischen Fotografie der zwanziger Jahre). 1930: Ausstellung „Die Wohnung“ unter der Leitung von Walter Gropius in Paris 1932: Ausstellung: Werkbundsiedlung Wien 1933: Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten 1935: Letzte Ausgabe von „Die Form“ als Sonderheft mit dem Untertitel „Schönheit der Arbeit“ 1938: Auflösung 1947: Neugründung nach föderalistischem Prinzip mit acht Landesbünden in Rheydt 1949: Ausstellung „Neues Wohnen“ und die „Gute Form“ in Köln 1952: Herausgabe der Zeitschrift Werk und Zeit (bis 2007) 1972: Gründung des Werkbundarchivs als Museum der Alltagskultur des 20. Jahrhunderts im Martin-Gropius-Bau in Berlin 1983: Gründung wohnbund e. V. 1987: Gründung der Werkbund Werkstatt Nürnberg 1997: Austritt der Landesbünde Nord, Berlin und Bayern aus dem Dachverband 2000: Gründung der Werkbundakademie Darmstadt als Verein 2007: Ausstellung 100 Jahre Deutscher Werkbund in München 2009: Wiedervereinigung aller Landesbünde unter dem Dach des Deutschen Werkbunds e. V.
1907 bis 1948 Am 5. und 6. Oktober 1907 trafen angesehene Künstler, Architekten, Kunsthandwerker, Industrielle, Kaufleute und Schriftsteller im Münchner Hotel Vier Jahreszeiten zusammen, die das Werk, also das Produkt ihrer Arbeit, in den Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns stellten. Sie gaben sich den Namen „Werkbund“ und formulierten die Aufgaben in der Satzung: „Der Zweck des Bundes ist die Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägigen Fragen.“ Mit dieser Zielsetzung vertrat der Werkbund einen ethisch fundierten Qualitätsbegriff, der Materialgerechtigkeit, Zweckmäßigkeit, Gediegenheit und Nachhaltigkeit beinhaltete. Die Werkbund-Gründung war ein Protest gegen Historismus und Kulturverfall der menschlichen Umwelt – der Geräte und Möbel, der Wohnungen und Arbeitsstätten, der Häuser, Straßen, Städte und Landschaften. Sie war zugleich ein Aufruf zur künstlerischen, sittlichen und sozialen Erneuerung. Die Werkbundgründer sahen das entscheidende Problem in der Entfremdung des Produktes vom Schaffenden. Sie sahen auch, dass es notwendig war, diese Entfremdung innerhalb der industriellen Entwicklung zu überwinden. Bei der Formel „Veredelung der gewerblichen Arbeit“ ging es daher nicht nur um die Hebung der Qualität der Produkte, sondern auch um die „Veredelung“ des Arbeitsvorganges selbst.
Gründungsmitglieder waren zwölf Künstler und zwölf Unternehmen:Kurt Junghanns: Der Deutsche Werkbund. Sein erstes Jahrzehnt. Berlin 1982, S. 140. Peter Behrens, Theodor Fischer, Josef Hoffmann, Wilhelm Kreis, Max Laeuger, Adelbert Niemeyer, Joseph Maria Olbrich, Bruno Paul, Richard Riemerschmid, Jakob Julius Scharvogel, Paul Schultze-Naumburg, Fritz Schumacher Besteckfabrik Peter Bruckmann & Söhne (Heilbronn), Deutsche Werkstätten für Handwerkskunst (Dresden), Verlag Eugen Diederichs (Jena), Schriftgießerei Gebr. Klingspor (Offenbach am Main), Druckerei „Künstlerbund Karlsruhe“, Poeschel & Trepte (Karlsruhe), Saalecker Werkstätten, Vereinigte Werkstätten für Kunst im Handwerk (München), Werkstätten für deutschen Hausrat Theophil Müller (Dresden), Wiener Werkstätte, Metallwerkstatt Wilhelm & Co. und Weberei Gottlob Wunderlich
Als erster Geschäftsführer des Werkbunds wurde Wolf Dohrn, langjähriger Mitarbeiter von Friedrich Naumann, berufen, der in den Folgejahren wesentlichen Anteil an der Planung und dem Bau der Gartenstadt Hellerau haben sollte.
Hermann Hesse schrieb 1912 über den Werkbund: „Im Deutschen Werkbund arbeiten Künstler mit Handwerkern und Fabrikanten zusammen und zwar gegen den Schund zugunsten der Qualitätsarbeit. Es ist etwa der Ruskinsche Gedankenkreis, aber moderner, praktischer und weniger eng determiniert. Es handelt sich um den Geschmack als moralische Angelegenheit, aber Moral ist hier gleichbedeutend mit Volkswirtschaft.“
Die Geschichte des Werkbunds lässt sich insgesamt nur als höchst wechselhaft beschreiben. Vor dem Ersten Weltkrieg war der Werkbund erfolgreich: Die Mitgliederzahl hatte sich von 1912 auf 1914 auf 1870 verdoppelt, die Mitglieder erhielten lukrative Aufträge von öffentlichen Stellen wie Armee, Marine und Zivilbehörden. Der Erste Weltkrieg bildete eine tiefe Zäsur in der Geschichte des Werkbunds. In der Anfangsgeschichte gehörten Friedrich Naumann, Fritz Schumacher, Georg Wrba, Karl Schmidt und Hermann Muthesius zu den maßgeblichen Persönlichkeiten. Der Höhepunkt und Endpunkt dieser ersten Phase war die große Ausstellung von 1914 in Köln, die den Werkbund im Zuge einer großen Ideologiedebatte (der sogenannte Typenstreit) an den Rande einer Spaltung brachte.