mini|Frank Schirrmacher (2007) mini|Frank Schirrmacher im Gespräch mit Anke Domscheit-Berg (2014) Frank Dieter Schirrmacher (* 5. September 1959 in Wiesbaden; † 12. Juni 2014 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Journalist, Essayist, Buchautor und 20 Jahre (von Anfang 1994 bis zu seinem Tod) Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).

Leben Jugend und Studium Schirrmacher wurde 1959 als Sohn eines Ministerialrates geboren, der aus Ostpreußen stammte. Seine Mutter ist polnischer Herkunft; er hatte eine ältere Schwester. 10 × Frank Schirrmacher. Website Focus, Artikel Focus Magazin Nr. 9, 1. März 1993. Abgerufen 15. Juni 2014. 1979 legte er das Abitur an der privaten Humboldt-Schule in Wiesbaden ab und studierte dann bis 1984 Germanistik und Anglistik an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg sowie am Clare College der Universität Cambridge in Cambridge (England) Literatur und Philosophie. Herausgeber (Schi.). Website Frankfurter Allgemeine, Redaktion. Abgerufen 14. Juni 2014. Seine Studien schloss der Philologe mit dem Magister ab. Kurze Studienaufenthalte folgten an der Universität Montpellier und an der Yale University in New Haven (Connecticut).

1988 wurde Schirrmacher mit der Dissertation Schrift als Tradition – die Dekonstruktion des literarischen Kanons bei Kafka und Harold Bloom an der Universität-Gesamthochschule Siegen zum Dr. phil promoviert. 1996 erschien ein Artikel im Spiegel, der sich kritisch mit der Arbeit auseinandersetzte, da diese mit der bereits 1987 von Schirrmacher bei Suhrkamp veröffentlichten Arbeit Verteidigung der Schrift. Kafkas „Prozess“ bis auf 32 neue Seiten weitgehend übereinstimmte. Der Suhrkamp-Band beruhte, so der Spiegel, auf Schirrmachers Magisterarbeit, die dann nochmals als Basis der Dissertation verwendet wurde. Die Universität war über die Suhrkamp-Publikation von 1987 informiert, und die Promotionsordnung der Hochschule ließ die Annahme bereits veröffentlichter Arbeiten in Ausnahmefällen zu. Daher wurde kein Verstoß gegen die Promotionsordnung gesehen. Die Begutachtung der Dissertation war kontrovers.

Tätigkeit bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Aufgrund einer Empfehlung von Dolf Sternberger (1907–1989), Professor für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg, der FAZ-Redaktion langjährig als Mentor und Leitartikler verbunden, erhielt Schirrmacher 1984 von FAZ-Herausgeber Joachim Fest eine Hospitanz bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung; im Juli 1985 wurde er Redakteur in deren Feuilleton-Redaktion. Dies wählerische Verhältnis. Website FAZ. Artikel FAZ.net-Spezial, 28. Juli 2007, Autor Frank Schirrmacher. Abgerufen 15. Juni 2014.

Von 1989 bis 1993 war er in der Nachfolge von Marcel Reich-Ranicki Leiter der Redaktion „Literatur und literarisches Leben“. Seit 1. Januar 1994 stand er als Nachfolger von Joachim Fest als einer der fünf Herausgeber, zuständig für das Feuilleton, in der journalistischen Gesamtverantwortung für die FAZ. Die Redakteure der FAZ nannten ihn nie beim Namen, sondern stets den „Herausgeber“.Julia Encke, Dann wurde es spannend, in: F.A.S. Nr. 24, 15. Juni 2014, S. 41.

Die US-Zeitschrift Newsweek rühmte Schirrmacher als einen der führenden Intellektuellen. Jakob Augstein nannte ihn 2006 in der Wochenzeitung Die Zeit den „Dirty Harry des Feuilletons“.Jakob Augstein: Ein Mann ohne Komplex. In: Die Zeit, Nr. 10/2006. 'Dirty Harry' ist die literarische Figur eines unkonventionellen Inspektors (im Film von Clint Eastwood dargestellt)

Im Jahr 2000 weitete Schirrmacher das Feuilleton der FAZ erheblich aus und warb namhafte Journalisten von anderen Zeitungen ab. Doch schon zwei Jahre später mussten wegen der allgemeinen Zeitungskrise die Seitenumfänge reduziert und Mitarbeiter entlassen werden, ein bis dahin einmaliger Vorgang in der Geschichte der FAZ. Außerdem wurden die von Schirrmacher ins Leben gerufenen „Berliner Seiten“ im Jahr 2002 eingestellt.www.abendblatt.de 1. Juli 2002: Zum letzten Mal gabs die „Berliner Seiten“ der FAZ Auch sein Versuch, die Feuilleton-Redaktion nach Berlin umzusiedeln, scheiterte.

Schirrmacher öffnete früh die Bereiche Wissenschaftsgeschichte und Technikphilosophie für das Feuilleton in Deutschland und brachte die Ideen etwa von Bill Joy, Ray Kurzweil, V. S. Ramachandran, Patrick Bateson, James Watson und Craig Venter in den Vordergrund der öffentlichen Diskussion. Schirrmacher förderte David Gelernter, Evgeny Morozov, Constanze Kurz, George Dyson und Jaron Lanier, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2014. Sie bekamen im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Raum, um ihre Gedanken in einem Umfang und über eine Dauer hinweg zu entwickeln, die es sonst nur in akademischen Journalen gab.

Als einer der Herausgeber war Frank Schirrmacher daran beteiligt, dass die Tätigkeit von Hugo Müller-Vogg als Herausgeber der FAZ am 21. Februar 2001 endete. Die vier weiteren Herausgeber Günther Nonnenmacher, Jürgen Jeske, Berthold Kohler und Frank Schirrmacher hatten am 20. Februar 2001 im Benehmen mit der Geschäftsführung entschieden, die Zusammenarbeit mit Müller-Vogg, der seit 1988 einer der Herausgeber war, mit sofortiger Wirkung zu beenden. Als Grund für diese Personalentscheidung wurden ein zerstörtes Vertrauensverhältnis kommuniziert. Dahinter standen persönliche und politische Animositäten.; Peter Hoeres Zeitung für Deutschland. Die Geschichte der FAZ. Benevento, München und Salzburg 2019, S. 385–389.

Privates mini|Grabstein mit Goethe-Zitat. Schirrmacher war in erster Ehe verheiratet mit der Schriftstellerin Angelika Klüssendorf, mit der er einen Sohn hatte, in zweiter Ehe mit der Journalistin und Schriftstellerin Rebecca Casati, mit der er eine Tochter hatte. Mit dieser lebte er in Potsdam-Sacrow und hatte einen zweiten Wohnsitz im Frankfurter Westend. In Potsdam gehörte er dem Beirat des M100 Sanssouci Colloquiums an.Zum Tode von Frank Schirrmacher Website Landeshauptstadt Potsdam, Pressemitteilung Nr. 388, 12. Juni 2014. Abgerufen 14. Juni 2014. Frank Schirrmacher. Website M100 Sanssouci Colloquium. Abgerufen 14. Juni 2014.

Schirrmacher starb im Juni 2014 an den Folgen eines Herzinfarkts.Frank Schirrmacher gestorben, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Juni 2014. Abgerufen am 12. Juni 2014. Die Trauerfeier fand in der Heilandskirche am Port von Sacrow statt. An der Beisetzung auf dem Friedhof seines Wohnortes nahmen zahlreiche prominente Gäste teil.Bundesprominenz nimmt Abschied vom FAZ-Mitherausgeber Letztes Geleit für Frank Schirrmacher. Website MAZ-online, Artikel 22. Juni 2014, Autor Ildiko Röd. Abgerufen 23. Juni 2014.Abschied von Frank Schirrmacher Der Tod, die Worte – und ein Pfau. Website Tagesspiegel. Artikel 22. Juni 2014, Autor Gerrit Bartels. Abgerufen 23. Juni 2014.

Schirrmachers Grabstein zeigt ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe aus den Gesprächen mit Goethe von Johann Peter Eckermann:knerger.de: Das Grab von Frank Schirrmacher

Debatten Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers (2002) Aufsehen erregte Schirrmacher 2002 mit einem offenen Brief, in dem er Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers noch vor dessen Erscheinen angriff und ihm ein „Spiel mit antisemitischen Klischees“ vorwarf. Walser hatte der FAZ den Roman, in dem einige Kritiker eine Attacke auf Marcel Reich-Ranicki sehen, zum Vorabdruck überlassen. Schirrmacher verhinderte den Vorabdruck des Romans.

Interview mit Günter Grass 2006 Für einen weiteren großen Mediencoup sorgte Schirrmacher am 14. August 2006 mit einem FAZ-Interview mit Günter Grass, in dem dieser einräumte, in den letzten Kriegsmonaten als SS-Sturmmann zur Waffen-SS eingezogen worden zu sein. Obwohl er sich über Grass in den Jahren zuvor nur noch in negativer Weise geäußert hatte, konnte Schirrmacher kurz vor der Veröffentlichung des Romans Beim Häuten der Zwiebel dieses weltweit beachtete Interview mit Grass führen. Der erst für September vorgesehene Verkaufsbeginn wurde in der Folge bereits auf die Woche nach dem Interview vorgezogen. Ein Jahr später bereute Grass, der FAZ dieses Interview gegeben zu haben: „Ich würde mich nicht mehr mit der FAZ einlassen. Das ist sicher.“Martin Scholz: „Selbstbildnisse eines Dichters“ In: Frankfurter Rundschau, 4. Oktober 2007; Grass-Interview, auch als Perlentaucher-Zitat. Die FAZ hatte unrechtmäßig aus privaten Briefen zitiert, in denen Grass den SPD-Politiker Karl Schiller aufgefordert hatte, seine NS-Vergangenheit zu bekennen.Rechtsstreit: Günter Grass gewinnt gegen "FAZ" – SpOn, 2008.

Öffentliche Auftritte 2007 erhielt Schirrmacher unter anderem für Das Methusalem-Komplott den mit 30.000 Euro dotierten Jacob-Grimm-Preis „… für seine sprachlichen Leistungen als Zeitungsjournalist und Buchautor und in Würdigung der sprachlichen Kultur des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das immer wieder Maßstäbe setzt.“ Seine Thesen stellte Schirrmacher auch für eine Veranstaltung („Investmentchance Demographie“) des Versicherungs- und Finanzdienstleistungskonzerns Allianz vor.Horizont ist auch eine Frage des Standorts. In: Berliner Zeitung, 11. Februar 2009.

Ebenfalls im Jahr 2007, als Scientology-Führer David Miscavige bekundete, dass Tom Cruise der Messias von Scientology werde,Cordula Schmitz: Tom Cruise soll der neue Messias werden In: Die Welt, 24. Januar 2007. hielt Frank Schirrmacher am 29. November in Düsseldorf bei der Bambi-Verleihung die Laudatio auf Tom Cruise.Peter Luley: In: Stern, 30. November 2007.Frank Schirrmacher: Ein Mann der Courage In: FAZ, 30. November 2007. Cruise wurde dort der Courage-Bambi als Stauffenberg-Darsteller und Mitproduzent des Films Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat verliehen, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch niemand den Film gesehen hatte, da er noch gar nicht fertiggestellt war. Nach mehrfachen Verschiebungen fand die Premiere des Films erst am 15. Dezember 2008 in New York und am 20. Januar 2009 in Berlin statt. Schirrmachers Laudatio wurde am 30. November 2007 in der FAZ abgedruckt.

Hessischer Kulturpreis 2009 Im Streit über den Hessischen Kulturpreis 2009 verteidigte Schirrmacher den deutsch-iranischen Autor Navid Kermani, dem der Preis erst zuerkannt, dann aberkannt, schließlich aber doch verliehen wurde. Er bescheinigte Kermani „Verständnis für die andere Seite“.Schadensbegrenzung im Streit um Kulturpreis augsburger.allgemeine.de, 18. Mai 2009. Schirrmacher hatte den jungen Kermani als Autor in die FAZ geholt, sich später aber von ihm immer mehr distanziert, so dass Kermani sich „gedemütigt“ fühlte.Wenn er den Mund aufmacht, hört Deutschland zu SZ-Magazin, 17. Februar 2018.

Journalist des Jahres 2010 Nachdem er bereits 2004 zum „Journalisten des Jahres“ gewählt worden war, zeichnete ihn die Jury des Medium Magazins 2010 erneut aus, diesmal als „Kulturjournalisten des Jahres“. Die Begründung der Jury lautet: „Frank Schirrmachers Meisterstück war 2010 die wegweisende und beispielgebende Behandlung des Aufregers des Jahres: Thilo Sarrazins Thesen aus dem Buch Deutschland schafft sich ab. Seine Essays, Interviews und Themensetzungen, auch zu anderen Themen wie zum Beispiel Internet oder Auswärtiges Amt, sind der beste Beweis dafür, dass die Auseinandersetzung mit der Kultur einer Gesellschaft das Fundament der politischen Berichterstattung ist.“

Auseinandersetzung mit der Wirtschaftskrise