Der Waldrapp (Geronticus eremita) ist ein etwa gänsegroßer Ibis. Nächster Verwandter ist der zur gleichen Gattung gehörende Glattnackenrapp. Früher zu den Schreitvögeln gestellt, gehören Ibisse nach neueren Erkenntnissen in die Ordnung Pelecaniformes. Historische Bezeichnungen für diese Art sind Schopfibis, Mähnenibis, Klausrapp, Steinrapp, Klausrabe und Waldhopf.Georg August Langguth: Neuer Schauplatz der Natur. S. 463.
Der Waldrapp wird vom IUCN auf der Roten Liste gefährdeter Arten aktuell in der Gefährdungskategorie stark gefährdet (EN = Endangered) eingestuft, nachdem er zuvor bereits unter der Klassifikation vom Aussterben bedroht (CR = Critically Endangered) geführt worden war.Christiane Böhm et al.: The northern bald ibis Geronticus eremita: history, current status and future perspectives. In: Oryx. Band 55, Nr. 6, 2020, S. 934–946, doi:10.1017/S0030605320000198.
In Europa war er einst ein häufiger Vogel, der in Frankreich, in der Schweiz, in Deutschland, Österreich (zuletzt dort in der Steiermark), Spanien und im Westen des Balkans beheimatet war. Im 17. Jahrhundert wurden die Waldrappe in Mitteleuropa durch intensive Bejagung – die Vögel galten als DelikatesseTiere: Vögel sollen bedrohten Waldrapp-Bestand erhalten In: Die Zeit. 19. März 2021, abgerufen am 12. März 2025. – sowie den Verlust ihres Lebensraumes ausgerottet.
Nach einem Tiefpunkt Mitte der 1990er Jahre mit nur noch etwa 220 Vögeln in Freiheit ist der Wildbestand seitdem beständig gewachsen. In freier Wildbahn lebten in Marokko im Jahre 2019 etwa 700 Vögel und etwa 325 halbwild in der Türkei. Aufgrund verschiedener laufender Wiederansiedlungsprojekte, die das Ziel haben, den Waldrapp erneut als Brutvogel in Europa zu etablieren, gab es 2020/21 wieder ungefähr 340 freilebende Vögel. Der Bestand an wild oder halbwild lebenden Vögeln lag 2020 bei etwa 1400. Darüber hinaus werden etwa 2000 Vögel in Gefangenschaft gehalten. Die weltweit größte Waldrapp-Voliere befindet sich seit 2003 in Waidhofen an der Thaya.
Merkmale Adulte Tiere erreichen inklusive Schwanzfedern eine Körperlänge von 60 (bei Weibchen) bis 75 cm (bei Männchen), die Flügelspannweite beträgt 125 bis 135 cm. Die Lebenserwartung liegt bei etwa 15 bis 20 Jahren. Das Gewicht eines ausgewachsenen Waldrapps beträgt bis zu 1,5 kg. Das komplette Gefieder ist pechschwarz und metallisch glänzend. Es weist an Hals und Bauch einen gräulich-silbrigen Schimmer auf. Im Nacken, am Rücken, an den Flügelspitzen und auf den Schwanzdeckfedern glänzen die Federn grünlich bis (seltener) bläulich, an den Flügelschultern hingegen violett bis rötlich. Gesicht und Stirn sind kahl und von fleischroter Farbe, die Nackenfedern sind lanzettförmig und stark verlängert, so dass der Eindruck eines Schopfes oder einer Mähne entsteht. Der „Schopf“ kann bei Gefahr oder während der Balz aufgespreizt werden. Der Schnabel ist rot und leicht sichelförmig nach unten gebogen. Die Beine sind kahl und stämmig.David Snow, Christopher M. Perrins: The Birds of the Western Palearctic. S. 146–148.
Waldrappe weisen keinen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus auf. Die Weibchen sind lediglich etwas kleiner und leichter als die Männchen. Im ersten Lebensjahr sind Gesicht und Stirn zunächst noch befiedert.
Verhalten mini|Waldrappe in der Universität von Tel Aviv-Jaffa Geselligkeit Der Waldrapp ist ein geselliger Vogel, der sich zu Kolonien von mehreren Dutzend bis über hundert Exemplaren zusammenschließt. In Zoos gehaltene Einzelpaare kommen regelmäßig nicht zum Brüten. Brutstimmung entsteht erst in einer Kolonie.
Begrüßungsritual Zum Verhalten des Waldrapps gehört ein ausgedehntes Begrüßungsritual. Die Vögel umkreisen tagelang die Brut- und Ruhefelsen, bis sie ihren Partner gefunden haben. Nach der Landung werfen Männchen wie Weibchen den Kopf mit aufgestelltem Schopf in den Nacken und verbeugen sich dann unter lauten Chrup-Chrup-Rufen voreinander. Dabei wird dem Gegenüber die individuelle Kopfzeichnung präsentiert. Dieses Verneigungsritual wird mehrfach nacheinander wiederholt. Das Grüßen eines Pärchens löst in der gesamten Waldrapp-Kolonie das Grußritual aus und ist nicht nur auf die Balz- und Paarungszeit beschränkt. Zwischen rivalisierenden Männchen kann es zu Schnabelkämpfen kommen, wenn Nester bedrängt oder Nistmaterialien gestohlen werden. Bei diesen Kommentkämpfen wird jedoch nie ein Vogel verletzt.
Nahrung und Nahrungserwerb Die Nahrung des Waldrapps besteht aus Insekten und deren Larven, Würmern, Schnecken und deren Eiern, Heuschrecken, Spinnen, seltener aus kleinen Säugetieren, Reptilien und Amphibien sowie aus pflanzlicher Nahrung. Seine Nahrung sucht der Vogel, indem er mit seinem Schnabel im Boden stochert. Auf den Freiflug- bzw. Wiederansiedlungsgeländen in Österreich (Almtal) und Bayern (Burghausen) sucht er frisch gemähte Wiesen, Feucht- und Auwiesen sowie Uferböschungen und Weiden auf. In den Lebensräumen der letzten Wildpopulationen (Marokko und Syrien, Äthiopien) ist er während der Nahrungssuche auch in Trockensteppen und Halbwüsten zu sehen.
Fortpflanzung mini|Künstliche Nester einer Kolonie in Birecik mini|Geronticus eremita
Es findet eine Brut pro Jahr in den Monaten März bis Juni mit zwei bis vier Eiern statt. Brutkolonien finden sich in Felswänden und an Steilküsten. Nester werden aus Zweigen, Gras und Blättern in Felsnischen gebaut. Am Nestbau beteiligen sich beide Geschlechter. Die Brutzeit beträgt 27 bis 28 Tage. Nach 45 bis 50 Tagen, in denen die Jungtiere von anderen Alttieren der Kolonie gefüttert werden, sind sie flügge, verbleiben jedoch noch längere Zeit bei den Eltern, um die Nahrungsbeschaffung zu erlernen. Zwischen 1994 und 2004 schwankte die Zahl der in Freiheit erfolgreich aufgezogenen Jungtiere zwischen 0,6 und 1,6 Jungtieren pro Brutpaar.
Verbreitung Ursprüngliche Verbreitung Bis ins 17. Jahrhundert war der Waldrapp im Balkan über Ungarn, Italien, Österreich, Schweiz, Süddeutschland, Nordafrika und den Nahen Osten verbreitet.
Im Jahr 2002 wurde eine kleine in Syrien brütende Waldrapppopulation entdeckt, die allerdings von der Größe her keine ausreichende genetische Vielfalt aufwies, um zu überleben, und sich daher nicht halten konnte.
Heutige Verbreitung Marokko Im Nationalpark Souss Massa in Marokko wurden im Jahr 1994 etwa 220 Vögel, davon 57 Brutpaare gezählt; 2001 waren es 66 Brutpaare; 2002 rund 315 Vögel; 2003 ca. 85 Brutpaare und 100 Jungvögel; 2004 waren es 420 Vögel, davon 98 Brutpaare und circa 110 Jungvögel. 2014 umfasste der Bestand 524 Vögel, davon 115 Brutpaare und 192 diesjährige Jungvögel.Rapport sur la reproduction de l’Ibis chauve dans la région de Souss-Massa, 2014, abgerufen am 6. Februar 2015 Anfang 2019 erreichte die Gesamtpopulation in den beiden marokkanischen Waldrapp-Kolonien Souss-Massa National Park und Tamri 708 Vögel, nachdem 147 Brutpaare, die in der letzten Brutsaison Eier gelegt hatten, 170 Küken erfolgreich aufgezogen hatten.Record breeding season for Northern Bald Ibis in Morocco at MaghrebOrnitho. Die marokkanischen Waldrappe bleiben ganzjährig in ihrem Brutgebiet, was ihren Schutz und ihre Überwachung vereinfacht. Der Souss-Massa-Nationalpark wurde 1991 eingerichtet und Ortsansässige wurden zum Schutz und zur Bewachung der Brutvögel engagiert.Dominic Couzens: Seltene Vögel. S. 91–94.
Türkei In Birecik in der Provinz Şanlıurfa in der Türkei bestand die dort halbwild lebende Kolonie im Jahr 2001 aus 42 Adulten und 17 Jungvögeln. 2002 wurden 19 Jungvögel aufgezogen und 2005 gab es insgesamt 86 Vögel. Im Jahre 2018 bestand die wachsende Kolonie aus fast 250 Individuen."Northern Bald Ibis" bei dogadernegi.org. Die Vögel brüten hier an einem Steilfelsen mitten in der Stadt. Die Kolonie zählte im Jahr 1911 mindestens tausend Vögel und gedieh bis in die 1950er Jahre gut. Gemäß einer Mitteilung des Präfekten von Birecik vom 2. September 2021 betrug die dortige Population 325 Individuen.Kelaynak Kuşları (" Waldrapp") bei birecik.gov.tr. Die Waldrappe verließen jedes Jahr Birecik im August und kehrten im Frühling zurück, ihre Rückkehr wurde mit einem Volksfest in der Stadt gefeiert. Nach dem lokalen Aberglauben begleiteten die Waldrappe im Herbst fromme Pilger auf ihrer Haddsch nach Mekka und ein Waldrapp führte Noah, als der nach der Sintflut auf dem Berg Ararat landete. Die Einbettung in die lokale Folklore trug vermutlich erheblich zum Überleben dieser Population bei. In den Jahren 1959 und 1960 starb jedoch ein großer Teil der Population: Mehr als 600 tote Vögel wurden in der Nähe von Birecik gefunden. Sie waren auf den Feldern, wo sie nach Nahrung suchten, einer vermutlich unbeabsichtigten Pestizidvergiftung zum Opfer gefallen. 1989 lebte von der Wildpopulation nur noch ein Vogel. Bereits 1977 begann man mit zwei adulten Waldrappen und neun Jungvögeln eine Brutpopulation in Menschenobhut aufzubauen. Sie lebt heute fast ganzjährig frei auf dem Steilfelsen in der Stadt, wird aber im Herbst eingefangen, damit sie nicht in die unsicheren Winterquartiere in den Süden abwandert.
Auswilderungsprogramme mini|Waldrapp im Wiener Tiergarten Schönbrunn mini|Freie Waldrappe in Grünau im Almtal mini|Voliere bei Heiligenberg am Bodensee mini|Eine 2021 in Betrieb genommene Brutwand mit Voliere in Überlingen mini|Wilder Waldrapp in Marokko
Aufgrund der Zuchterfolge in Zoos (z. B. Tiergarten Schönbrunn, Thüringer Zoopark Erfurt) stehen genügend Tiere zur Auswilderung zur Verfügung. Ursprünglich von der Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau im Almtal in Österreich ausgehend, wurden vom Artenschutzprojekt Waldrappteam einige Auswilderungsprojekte für Österreich (Grünau im Almtal, Kuchl), Deutschland (Burghausen, Überlingen) und Italien gestartet.
Das Projekt Waldrappteam wurde und wird mit viel Aufwand betrieben, erlitt aber immer wieder Rückschläge. Das Hauptproblem für die Auswilderung ist die Tatsache, dass der Waldrapp ein Zugvogel ist, der die Flugroute im ersten Jahr von den Eltern erlernen muss. Von Menschen aufgezogene Jungvögel kennen diese Flugroute nicht. Sie fliegen zwar im August von ihren Wohnplätzen ab, aber nicht gemeinsam und nicht in die gleiche Richtung. Eine Möglichkeit, sie anzulernen, besteht darin, dass ihre menschlichen Zieheltern, auf die sie geprägt sind, ihnen mit Ultraleichtflugzeugen vorausfliegen und ihnen den Weg zeigen. Der Film Amy und die Wildgänse machte das Team auf diese Möglichkeit 1996 aufmerksam, welcher auf den Erfahrungen mit ähnlichen Problemen bei Kanadagänsen beruht.
Im Rahmen des Europäischen LIFE+EU-Projektes, das unter anderem vom WWF unterstützt wird, soll der Waldrapp wieder als echter Zugvogel in Deutschland angesiedelt werden. Nachzuchten aus österreichischen Tierparks werden aufgezogen und über die Alpen in ein italienisches Überwinterungsgebiet begleitet, um von dort mit ihren Artgenossen im Frühjahr selbstständig nach Norden zu fliegen. Ziel des EU-Projekts ist es, eine eigenständige europäische Waldrapp-Population zu schaffen, deren Tiere wieder ein Zugverhalten wie ihre Vorfahren zeigen.
Ein wichtiger technischer Bestandteil der Projekte mit ziehenden Waldrappen ist die Anwendung hochmoderner, leichter GPS-Geräte. Sie werden den Vögeln auf den Rücken geschnallt, um die genaue Position der Tiere jederzeit abrufen zu können. Die aktuellen Standorte von 241 Waldrappen können mit Hilfe der vom Max-Planck-Institut für Ornithologie mitentwickelten Mobile App Animal Tracker verfolgt werden.Animal Tracker App. Homepage der ICARUS-Initiative. Abgerufen am 1. Mai 2023
Ende 2020 umfasste die Population der aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nach Italien migrierenden Population bereits 160 wildlebende Individuen, aufgeteilt auf vier Brutkolonien mit einem gemeinsamen Wintergebiet in der südlichen Toskana.Hintergrundpapier Waldrapp: Deutschlands Süden wird wieder Heimat des Waldrapps des World Wide Fund For Nature, Februar 2021.