Ramon Llull [] (deutsch Raimund Lull, Vorname auch in der Schreibweise Raymund oder Ramund; latinisiert Raimundus Lullus, auch Raymundus Lull(i)us; * um 1232 in Palma; † Anfang 1316 auf einer Fahrt von Tunis nach Mallorca) war ein mallorquinischer Philosoph, Logiker, Grammatiker und franziskanischer Theologe. Er lebte lange Zeit im mallorquinischen Kloster Santuari de Cura auf dem Berg Randa, auf dem er mystische Visionen erlebt haben soll. Seine Grabstätte befindet sich in der Basilika Sant Francesc in Palma.

Leben mini|Raimundus Lullus (Ramon Llull)Inhalt der Sprechblase: Lux mea est ipse Dominus, Mein Licht ist der Herr selbst (nach ). Phantasieporträt aus dem 16. oder 17. Jahrhundert eines unbekannten Künstlers. Ramon Llull wurde in Palma auf Mallorca geboren. Er war der Sohn eines katalanischen Ritters, der unter Jakob I. von Aragón für die Reconquista der sarazenisch beherrschten Balearen gekämpft hatte. So wuchs er bei Hofe auf und wurde früh zum Erzieher der Prinzen ernannt. Er führte ein höfisches, weltliches Leben und widmete sich als Troubadour der Dichtkunst.

1257 heiratete er. Aus der Ehe mit Blanca PicanyWolf-Dieter Müller Jahncke: Lullus, Raymundus (Ramon Llull). In: Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 869 f. entstammten zwei Kinder, Domènec und Magdalena. 1263 veranlasste eine Vision, in der er den gekreuzigten Christus neben sich sah, Llull zu einer radikalen Änderung seines Lebens. Er unternahm Pilger- und Bildungsreisen, auch in die arabische Welt, bildete sich weiter, lernte Arabisch und stellte seine Dichtkunst in den Dienst des katholischen Glaubens. Um 1295 schloss Raimundus sich als Terziar dem Dritten Orden des heiligen Franziskus an.

Llull wurde bald ein berühmter Gelehrter und Vertrauter des von ihm erzogenen Jakob II. von Mallorca, er unterrichtete an der Pariser Sorbonne, wo er sich zuletzt von 1309 bis 1311 aufhielt,Ruedi Imbach: Laien in der Philosophie des Mittelalters. Hinweise und Anregungen zu einem vernachlässigten Thema (= Bochumer Studien zur Philosophie. Band 14). Grüner, Amsterdam 1989, ISBN 90-6032-059-X, S. 102–131. und nahm am Konzil von Vienne teil. Dort setzte er sich für die Einrichtung von Lehrstühlen für Hebräisch, Arabisch und Chaldäisch (= Alt-Kirchen-Syrisch) an den Universitäten Paris, Oxford, Bologna und Salamanca ein, was ihn zu einem Begründer der westeuropäischen Orientalistik machte. 1276 gründete Ramon Llull im Kloster Miramar in Deià eine Missionsschule. 1314 begab er sich im Auftrag Jakobs II. auf eine Reise nach Tunis. In Nordafrika setzte er neben seinen diplomatischen Aktivitäten und seiner schriftstellerischen Tätigkeit vor allem seine Evangelisierung fort. Die Umstände seines Todes sind ungeklärt. Laut einer Überlieferung, für die allerdings Belege fehlen, soll er in Bougie (Algerien) von aufgebrachten Muslimen gesteinigt worden und auf der Rückfahrt nach Mallorca, wo er in Palma begraben wurde, an den Folgen der Steinigung gestorben sein. Der österreichische Bibliothekar Hans Zotter vermerkte hierzu lakonisch: „Er überschätzte wohl die Macht der Argumentation.“

Durch das besondere Interesse König Philipps II. von Spanien an den Schriften des Universalgelehrten wurde ein erstes Heiligsprechungsverfahren eingeleitet. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde es gestoppt wegen der Schriften (Directorium Inquisitorium)Gotthard Strohmaier: Avicenna. Beck, München 1999, ISBN 3-406-41946-1, S. 145. des katalanischen Dominikaners und Inquisitors Nicolau Eimeric (1322–1399), der in den Schriften Llulls mehr als hundert Häresien festgestellt haben wollte. Anfang des 20. Jahrhunderts forderten katalanische Theologen eine Rehabilitierung Llulls. Der katalanische Theologe und Historiker Josep Perarnau konnte den Nachweis erbringen, dass Aymerich Llulls Schriften falsch zitiert hatte, um ihn dem Häresieverdacht auszusetzen. Ende des 20. Jahrhunderts wurde das Heiligsprechungsverfahren wieder aufgenommen.

Unabhängig vom offiziellen Heiligsprechungsverfahren gab es die ganze Zeit eine Volksverehrung des Theologen als „Märtyrer“. Sein Martyrium wurde von der Kirche allerdings nie anerkannt, wie das laufende Heiligsprechungsverfahren zeigt.

Werk mini|Ars magna, Fig. 1 Llull war aufgrund seiner Christusvisionen als Missionar im gesamten Mittelmeerraum tätig. Daneben lehrte er auch an den Hochschulen von Paris und Montpellier. Er war beeinflusst durch drei Kulturen: die christliche, die islamische und die jüdische. Er schrieb einen großen Teil seiner über 280 Werke lateinisch und katalanisch. Damit wurde Llull zum Begründer der katalanischen Literatur.Josep M. Nidal, Modest Prats: Història de la llengua catalana, Bd. 1: Dels inicis al segle XV. Edicions 62, Barcelona 1982, ISBN 84-297-1904-0, S. 302–356 (katalanisch). Seine arabischen Werke sind verloren gegangen.

Als Logik bezeichnete Llull die Kunst und die Wissenschaft, mit Hilfe des Verstandes Wahrheit und Lüge zu unterscheiden, Wahrheit zu akzeptieren und Lüge von sich zu weisen.

Diese Kunst, die gleichzeitig der Titel für sein Werk Ars magna (deutsch: „Große Kunst“) wurde, lief auf die Idee des mechanischen Kombinierens von Begriffen mit Hilfe einer logischen Maschine hinaus und erschuf gleichzeitig damit die algorithmische Traditionslinie der Heuristik.

Llull entwickelte eine „famose Argumentationsmaschine“, bei der er 65 Begriffe auf „sechs konzentrischen Kreisen unterbrachte“. Auf jeder dieser Scheiben waren Wörter notiert, die verschiedene Begriffe, z. B. Mensch, Wissen, Wahrheit, Ruhm, Wohl und Quantität, logische Operationen , z. B. Unterschied, Übereinstimmung, Widerspruch und Gleichheit, bezeichneten. Durch das Drehen dieser konzentrischen Scheiben ergaben sich verschiedene Verknüpfungen von Begriffen, die Schlussformen des syllogistischen Prinzips entsprachen. So sollten „alle denkbaren Fragen und Antworten generiert werden.“ Als Anwendung sah er die Heiden-Mission in Nordafrika: „Juden und Araber schienen ihm argumentativ so überlegen zu sein, daß die christlichen Missionare der mechanischen Unterstützung bedurften.“

Die literaturgeschichtliche Untersuchung des Gesamtwerks Llulls ist schwierig. Dies betrifft auch die Zuschreibung und Sonderung zahlreicher Werke. Eine jüngere Studie kommt zum Ergebnis, dass Llull 265Anthony Bonner und Lola Badia: Ramon Llull. Barcelona 1988. Vgl. auch die von A. Bonner et al. bei der Universität Barcelona. Werke in lateinischer, arabischer und altkatalanischer Sprache verfasst haben dürfte, darunter: Llibre de contemplació en Déu; Llibre d’amic e amat (Das Buch vom Freund und vom Geliebten) – Vieles in diesem Werk mutet homoerotisch an, aber der „Liebhaber“ ist der gläubige Christ, der Mystiker, der „Geliebte“ jedoch Jesus Christus. Dieses Werk Llulls ist stark vom islamischen Sufismus beeinflusst; Ars generalis ultima.

Seine Kunst, die ars, in universitären Kreisen bekannt zu machen erwies sich als schwierig. Llull begann daher seine Ars zu vereinfachen und anzupassen, was in verschiedenen Stufen geschah: der Ars der ersten Phase, der quaternären Ars (1274–89) folgte die zweite Phase, die ternäre Ars (1290–1308). Jede Fassung der Ars war von Werken begleitet, die die allgemeinen Prinzipien auf einen bestimmten Zweig der Wissenschaft anwendeten. Eine herkömmliche Wissenschaft, die kunstgerecht umformuliert worden war, wurde zu einer neuen, mit dem Ergebnis, dass Llull sich eine persönliche Reform von Theologie, Philosophie, Logik, Medizin, Astronomie, Geometrie und Rhetorik vornahm.

In der 1308 entstandenen Ars brevis sind die am weitesten verbreiteten Versionen seiner kombinatorischen Erfindungen zu finden. Kombinatorik beruht auf einer logischen Berechnung und deren Automatisierung. Unsinnige Kombinationen werden mit Hilfe eines Algorithmus ausgeschlossen. Die Drehscheiben Lulls zeigen nur sinnvolle Verknüpfungen an. Diese Prinzipien gelten auch für die moderne Informationstechnologie. Nicht nur die dreiteilige Drehscheibe, mit neun Buchstaben auf jeder Scheibe, gilt als Vorläufer unserer heutigen Computer, auch seine Argumentationsmaschine macht ihn zu einem Ahnherren des digitalen Zeitalters.

Bedeutung mini|links|Raimundus-Lullus-Denkmal, Haupthalle der Universität Barcelona mini|Raimundus-Lullus-Denkmal in Palma de Mallorca Zu Llulls Lebzeiten und auch in der folgenden Zeit wurden seine Ideen mit Misstrauen aufgenommen. Seine Ars beruhte auf einem neuplatonischen System, was der Hauptströmung der zeitgenössischen Scholastik widersprach. Durch seine Sprachkenntnisse hatte Llull einen direkten Zugang zur arabischen Gedankenwelt und nahm eine für seine Zeit ungewöhnlich tolerante Haltung gegenüber dem Islam ein. Gegen Ende seines Lebens vertrat Llull aber durchaus eine „Mission mit dem Schwert“ (missio per gladium).siehe: Anne Müller: Bettelorden in islamischer Fremde. Institutionelle Rahmenbedingungen franziskanischer und dominikanischer Mission in muslimischen Räumen des 13. Jahrhunderts. Münster 2002, S. 274ff.

Trotzdem haben seine Werke eine große Wirkungsgeschichte und in den Jahrhunderten, in denen Llull offiziell verboten war, wurden seine Werke heimlich studiert und kopiert. Die Anhänger Llulls werden Lullisten genannt. Auch der Philosoph Nicolaus Cusanus kann dazu gezählt werden. Es gibt auch einige pseudo-lullische Schriften wie De secretis naturae seu de quinta essentia,Vgl. Udo Benzenhöfer: Johannes’ de Rupescissa „Liber de consideratione quintae essentiae omnium rerum“ deutsch. Studien zur Alchemia medica des 15. bis 17. Jahrhunderts mit kritischer Edition des Textes (= Heidelberger Studien zur Naturkunde der frühen Neuzeit. Band 1). Steiner, Wiesbaden/Stuttgart 1989, ISBN 3-515-05388-3 (Zugleich Philosophische Dissertation, Universität Heidelberg, 1988), S. 21–23, 45 und 197 (insbesondere zu deutschsprachigen lullifizierten Versionen der Consideratio von Johannes de Rupescissa). die sich hauptsächlich mit AlchemieVgl. etwa Michela Pereira: Filosofia naturale Lulliana e alchimia. Con l’inedito prologo dei Liber secretis naturae seu de quinta essentia. In: Rivista di Storia della Filosofia. Band 4, 1986, S. 747–780. beschäftigen (Vgl. auch Johannes de Rupescissa).Michele Pereira Catalogue of the alchemical works attributed to Raimond Lull