Gläser-Karosserie Dresden war ein deutscher Hersteller hochwertiger und luxuriöser Automobil-Karosserien. Der Name geht auf den Sattler und Wagenbauer Carl Heinrich Gläser zurück. Das Unternehmen erreichte aber erst unter dem Inhaber und Karosseriebauer Emil Heuer internationale Anerkennung im Automobilbau. Alleinige Standorte der unter dieser Marke bis zur Enteignung 1945 produzierenden Unternehmen mit unterschiedlichen Rechtsformen waren Dresden und Radeberg in Sachsen sowie von 1950 bis 1952 Weiden in der Oberpfalz. Nach 1945 erlosch in der SBZ / DDR „Gläser-Karosserie Dresden“ als Firma und Marke durch Rechtsprechung im Markenrecht.

Die weitere Entwicklung der Karosseriewerke in Ostdeutschland bzw. in der DDR hat juristisch und wirtschaftlich nichts mehr mit Gläser-Karosserie zu tun. Nachdem am 1. Juli 1948 alle Betriebe im Territorium der SBZ, die Straßenfahrzeuge herstellten, zur IFA-Vereinigung Volkseigener Fahrzeugwerke zusammengefasst wurden, erhielt das eigenständige Dresdner Werk die Firmenbezeichnung IFA - Vereinigung Volkseigener Fahrzeugwerke, Karosseriewerk Gläser (nach dem Markenrechts-Entscheid: Karosseriewerk Dresden). Dieses ging 1953 im Volkseigenen Betrieb IFA Karosseriewerk Dresden auf, das heute als KWD Automotive AG & Co. KG firmiert.

Das Radeberger Werk wurde zum eigenständigen IFA Vereinigung Volkseigener Fahrzeugwerke, Karosseriewerk Radeberg.Adress- und Telefonbuch Radeberg 1950

In der Bundesrepublik Deutschland erlosch die Marke Gläser endgültig 1952.

Entstehung der Marke 1864 bis 1903 – Pferdekutschen-Bau unter Hofwagenbauer Heinrich Gläser mini|hochkant=0.8|Carl Heinrich Gläser, um 1898

Die Marke Gläser Karosserie Dresden geht auf den Königlichen Hofwagenbauer Carl Heinrich Gläser in Dresden zurück, der 1863 als Sattler nach Dresden kam. Als Innungsmitglied der SattlerAdreß- und Geschäftshandbuch der königlichen Haupt- und Residenzstadt Dresden 1865. Seite 208 übernahm er 1864 die Werkstatt des verstorbenen Sattlermeisters C. F. Kästner in Dresden auf der Rampischenstraße 24 (später Nr. 6). Gläser firmierte als Heinrich Gläser, Sattlerei und Wagenbau und stellte hochwertige Luxuskarossen und höfische Pferdekutschen her. Aufgrund der Qualität seiner Karossen für Kutschen, Chaisen, Sänften und Pferdeschlitten wurde er 1871 Königlicher Hofwagenlieferant; 1874 erhielt er den Titel Königlicher Hofwagenbauer. Ab dieser Zeit versah er seine Exponate mit seiner Wortbildmarke „Gläser Karosserie Dresden“ in Form einer ovalen Plakette mit dem Bild einer königlichen Sänfte. Sein Betrieb arbeitete als Manufaktur mit 23 Beschäftigten und lieferte jährlich etwa 20 Kutschen in luxuriöser Ausführung an den Königlich-Sächsischen Hof.

Wegen der räumlichen Enge seiner Werkstatt hatte sich Gläser auf Ausstattungsarbeiten spezialisiert, indem er die von anderen Handwerkern gelieferten Kutschen-Rohbauten (Fahrgestelle) bis zur Endfertigung durch Stellmacher, Sattler, Schreiner, Linierer, Lackierer, Vergolder und andere Gewerke fertigstellen ließ. Einer seiner Lieferanten von Kutschen-Rohbauten war Friedrich August Emil Heuer aus Radeberg, Inhaber der Wagenbauerei Emil Heuer. Er unterhielt enge Geschäftsbeziehungen zu Gläser und wurde 1898 mit einem zusätzlichen Geschäftslokal mit Reparaturwerkstatt am Freiberger Platz in Dresden ansässig. Ab 1900 wurde er Mitinhaber des Unternehmens von Heinrich Gläser.Adressbuch für Dresden und seine Vororte, 1898 und 1900

mini|hochkant=0.8|Wagenfabrik Emil Heuer, Radeberg, Pulsnitzer Straße 4. um 1900 Da er als Wagenfabrikant bereits seit 1884 eine Schmiede und Wagenbauerei in Radeberg betrieben hatte, stand er damit ab 1900 zwei Unternehmen vor. Den Radeberger Betrieb ließ er am 15. Juni 1900 als Wagenfabrik Emil Heuer neu firmieren und in das Handelsregister des Amtsgerichts Radeberg „als Betrieb am alten Standort“ neu eintragen.11087 Amtsgericht Radeberg, 0209: Handelsregister (Blatt 191 bis 270), HR 227 Emil Heuer Wagenfabrik Radeberg, später Dresden. Als Geschäftsführer mit Prokura setzte er seinen Bruder Robert Heuer ein.

In Dresden betrieben die beiden Inhaber Gläser und Heuer, entsprechend dem Konzept Gläsers, weiterhin den Bau von hochwertigen Pferdekutschen und Equipagen, obwohl seit 1886 bereits die Anfänge der Automobilentwicklung als „Kutschen ohne Pferde“, mit Verbrennungsmotoren als Antrieb, zu verzeichnen waren. Gläser lehnte jedoch den Bau von Automobilen ab, die er als „Stinkekutschen“ bezeichnete. Er starb im Dezember 1903. Emil Heuer, seit Juli 1903 ebenfalls „Königlicher Hofwagenbauer“, wurde nach dem Tod Gläsers 1903 zum alleinigen Geschäftsführer und Besitzer von „Heinrich Gläser, Sattlerei und Wagenbauanstalt“, Rampischestr. 6. Gläser hatte bis zu seinem Lebensende traditionelle Kutschenaufbauten hergestellt, die aufkommende neuartige Entwicklung der motorisierten Automobile (erstes Patent Carl Benz 1886) immer abgelehnt und den Bau von Karosserien für Automobile in seinem Unternehmen untersagt.

1903 bis 1918 – Emil Heuer, Königlicher Hofwagenbauer und Automobil-Karosseriehersteller mini|hochkant=0.8|Emil Heuer, um 1885

Ab 1903 begann Emil Heuer, sich neben dem Bau höfischer und privater Kutschen auch der Karosserieherstellung von Automobilen zuzuwenden. Als Inhaber von zwei Firmen, seinem Stammbetrieb in Radeberg Wagenfabrik Emil Heuer und der Dresdner Firma Heinrich Gläser, führte er eine Spezialisierung der Produktion ein. Beide Firmen blieben eigenständig und juristisch unabhängig. Die Radeberger Firma wurde auf die Rohbauten der Karossen und Karosserien spezialisiert, die Dresdener Firma, dem Platzmangel der Werkstatt Rampischestr. 6 geschuldet, auf die Ausstattungs-Arbeiten der von Radeberg nach Dresden gelieferten Roh-Karosserien. In Dresden erhielten diese in der Endmontage die Marken-Plakette Gläser Karosserie Dresden mit dem Signet der Königlichen Sänfte, welches Heuer als bereits in Fachkreisen bekannte Marke für seine Automobilkarosserien übernahm. Unter diesem Fabrikations- und Markenzeichen „Gläser“ wurden die Luxuskarosserien berühmt, die in den zwei Betrieben unter Leitung von Emil Heuer, später auch gemeinsam mit seinen drei Söhnen, entstanden. Er selbst blieb mit seinem Namen als eigentlicher Schöpfer der Automobil-Karosserien im Hintergrund der Marke „Gläser“. Damit wurden alle die von ihm und seinen Söhnen konstruierten Karosserieaufbauten, die für fast alle großen Automobilfirmen weltweit hergestellt wurden, einschließlich der besonders formschönen und extravaganten Cabriolets der 1920er und 1930er Jahre, nur unter dem Namen „Gläser“ bekannt und berühmt.

Bereits 1904 baute Heuer seine erste motorisierte Gläser-Karosserie für das noch junge Unternehmen Mercedes, 1905 einen ersten Motorwagen für den Dresdner Hof auf ein Chassis von Daimler und 1906 einen Jagd-Omnibus für den Dresdner Hof für 12 Personen. Ab dieser Zeit begann Heuer mit seinem Team auch neue Formen zu entwickeln und dabei auch Gesetzmäßigkeiten des Strömungswiderstandes der Luft zu erforschen. Es entstanden in den nächsten Jahrzehnten glatte und geschlossene aerodynamische Formen, die im aufkommenden Automobilsport und bei Rallyes im Motorsport mit ihren verlängerten Motorhauben, mit Windschutzscheiben und eingesetzten Türen in den Seitenteilen, neue Maßstäbe setzten und als „Torpedoform“ bekannt wurden. 1909 wurde von Emil Heuer als Neuheit die erste Karosseriebauform Phaeton mit Verkleidung der Vordersitze entwickelt.

Die weitere Auftragslage der zwei Firmen belief sich zu fast gleichen Teilen im Bereich der innovativen Automobil- und traditionellen Kutschenherstellung. Da es im Radeberger Betrieb keinen elektrischen Strom gab, mussten die gesamten Karosseriearbeiten bis 1905 in Handarbeit ausgeführt werden. Erst ab diesem Zeitpunkt wurde mit einer Locomobile eigener Strom erzeugt, der zu einer weiteren Verbesserung der Arbeitsbedingungen und -leistungen mit dem Einsatz von Maschinen führte und die Entwicklung vom Handwerksbetrieb zur moderneren Manufaktur und Fabrik eröffnete. Dementsprechend vergrößerten sich die Auftragszahlen und mit diesen die Anzahl der Arbeitskräfte, die 1907 in Radeberg mit 22 Schmieden, 28 Stellmachern und 12 Sattlern und Lackierern angegeben wurden,Bernd Rieprich: Emil Heuer (1857–1934), sein Weg zum Karosseriebauer. Radeberger Blätter zur Stadtgeschichte, Heft 12 2014. Hrsg.: Große Kreisstadt Radeberg, AG Stadtgeschichte. nicht mitgerechnet die vielen Hilfsarbeitskräfte. In Dresden erfolgte 1906 eine erste Betriebsvergrößerung durch die Inbetriebnahme einer zusätzlichen Wagenlackiererei am Schützenplatz 10.Adressbuch für Dresden und seine Vororte 1906. Die Aufträge wurden so umfangreich, dass die Firma Heinrich Gläser in der Innenstadt Dresdens zunehmend Platzprobleme bekam.

mini|Montage-Halle Gläser-Karosserie Dresden, Arnoldstraße. Um 1920. Mit der typischen Einzelfertigung. mini|Anzeige im „Dresdner Anzeiger“ vom März 1914 zur 1913 erfolgten Geschäftsverlegung Heuer baute die Firma in Dresden weiter aus, und im Jahr 1913 vereinte er seine Werkstatt Rampischestraße 6 und die Wagenlackiererei auf dem Fabrikgrundstück Arnoldstraße 16/24 ( früher Dresdner Gardinen- und Spitzenmanufaktur) in Dresden-Johannstadt.Dresdner Anzeiger vom 25. Dezember 1913.

Die Zusammenlegung der Fabrik war durch den Aufschwung und die Vergrößerung, die das Unternehmen seit 1903 unter Leitung Heuers genommen hatte, notwendig geworden. Die beiden Firmen, Heinrich Gläser in Dresden und Emil Heuer in Radeberg, beschäftigten um 1913 über 200 Arbeiter und waren bereits mit den modernsten Einrichtungen und Hilfsmaschinen versehen. Emil Heuer gehörte als Karosseur zu den Pionieren des Automobilbaues und begann, in Radeberg und Dresden Autokarosserien der Luxusklasse unter der Marke Gläser Karosserie Dresden für 43 weltweit bekannte Autohersteller in ganz Europa und den USA zu entwickeln. Das alte Geschäftslokal Rampischestraße 6 wurde ab 1913 in einen Ausstellungsraum umgestaltet, wo ständig eine reichhaltige Auswahl von Luxuswagen zu besichtigen war.

mini|Holz-Skelett einer Gläser-Karosserie, vermutlich Horch 8-303 Pullman-Limousine. Um 1927. Bei Gläser und Heuer wurden zu dieser Zeit immer noch gleichzeitig Kutschen und Automobilkarosserien gebaut. Das war problemlos möglich, da beide sich im Aufbau zunächst noch weitestgehend entsprachen. So wurde, ebenso wie im Kutschenbau, für den Karosseriebau der Automobile auf Grundlage der von den Automobilfirmen angelieferten Fahrgestelle, ein Holzskelett aufgebaut und verschraubt, welches dann mit Weichholzplatten verkleidet wurde. Alle Aufbauten erfolgten in Handarbeit. Später wurde die Verkleidung in Gemischtbauweise mit handgefertigten und -geformten Blechen (Schwarzblech oder später Aluminium) beplankt und verkleidet und nach dem „Patent Weymann“ mit Kunstleder bezogen, was sich jedoch bei Gläser nicht durchsetzte.

Im Jahr 1914 trat Sohn Emil Georg Heuer als Prokurist in die Dresdner „Firma Heinrich Gläser“ ein.Handelsregister Dresden 1914, Prokurist Emil Georg Heuer.

Noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges erhielt die Firma Gläser einen Auftrag des damaligen Generalfeldmarschalls und späteren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, der den Bau eines Tourenwagens wünschte. Dieser wurde zwischen 1914 und 1918 auf einen Benz 27/70 PS gebaut. Mit Kriegsausbruch wurden alle privaten durch militärische Aufträge abgelöst. Eine fast vollständige Ausrichtung der Produktion auf die Bedürfnisse der Kriegswirtschaft erfolgte mit dem Bau von Militärfuhrwerken, Feldküchen und Flugzeugteilen.

1918 - Firma Heinrich Gläser als Luxuskarosserie-Hersteller Vor Kriegsende 1918 erfolgte eine neue Firmierung als Firma Heinrich Gläser, Luxuskarosserie und Wagenbauanstalt. Wegen mangelnder Aufträge für Automobil-Luxuskarosserien wurden vorübergehend Gespann-Wagen und Kutschen auf Vorrat gebaut, um damit Entlassungen der Fachkräfte entgegenzuwirken. Die Arbeiten für Automobilkarosserien begannen erst wieder 1919 mit einem umfangreicheren Auftrag der Siemens-Schuckertwerke.