Der Begriff Ungarndeutsche () ist ein Sammelbegriff für die deutschstämmigen bzw. deutschsprachigen Bewohner Ungarns. Heute wird er vorwiegend von Menschen in Anspruch genommen, die sich zu den Donauschwaben in den bestehenden oder historischen Grenzen Ungarns zählen. mini|Karte deutschsprachiger Siedlungsgruppen seit Mittelalter und Neuzeit im Königreich Ungarn und Umgebung
„Ungarndeutsche“ nennt man allgemein die Nachfahren der einst ins Karpatenbecken eingewanderten Deutschen. Der Begriff Ungarndeutsche kann historisch auch Bevölkerungsgruppen außerhalb des heutigen Ungarn einschließen, da das Königreich Ungarn mit dem Vertrag von Trianon (1920) wesentlich verkleinert wurde, als große Gebiete Ungarns an die Nachbarstaaten fielen.
In der Vergangenheit identifizierten sich nicht alle deutschsprachigen Volksgruppen im ehemaligen Königreichs Ungarn in gleicher Weise und Intensität mit dem ungarischen Staat.
Im heutigen Sprachgebrauch werden als „Ungarndeutsche“ deutschsprachige Bevölkerungsgruppen in den Grenzen des heutigen Ungarns bezeichnet.
Historisch wanderten die Deutschen in mehreren Wellen zu verschiedenen Zeiten in das Karpatenbecken ein. Es entstanden auf dem Gebiet des damaligen Ungarn deutsche Sprach- und Siedlungsgebiete. Seit der Vertreibung 1946–1948 leben Ungarndeutsche (oder Deutsche aus Ungarn) auch in Deutschland, Österreich oder in Übersee (zum Beispiel in Brasilien oder in den USA).
Geschichte mini|hochkant=1.7|Sprachen in Ungarn im Jahr 1495 nach der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Gelb: deutschsprachige Mehrheiten, meist regional, denn in einigen Handelsstädten waren sie schon zur Minderheit geworden. Im Südosten: Siebenbürger Sachsen, im östlichen Norden: Zipser Sachsen mit oberungarischen Bergstädten und zum Teil in der näheren Umgebung gelegenen Handelsstädten der Pentapolitana, westlicher: niederungarische Bergstädte, am Westrand: Deutschsprachige im heutigen Burgenland mit Ödenburg und Pressburg und Umgebung. Um das Jahr 1000 kamen erstmals deutsche Ritter in Begleitung der Herzogin Gisela von Bayern, Königin von Ungarn, in das Karpatenbecken. Gisela war die Frau des ersten ungarischen Königs St. Stephan. Er gründete das Königreich Ungarn und wurde 1001 formell als König von Ungarn anerkannt, als Papst Silvester II. ihm den Titel „Apostolische Majestät“ verlieh. Er regierte bis zu seinem Tod 1038.
Im Mittelalter siedelten sich deutschsprachige (anfangs in Folge der Kreuzzüge daneben auch französisch- und italienischsprachige) Siedler als Siebenbürger Sachsen im heutigen Rumänien an, und später in der Zips (heute Slowakei) als Zipser Sachsen. Daneben kamen beim Ausbau einiger ungarischer Handelsknotenpunkte zu mittelalterlichen Handelsstädten, wie Buda, Gran, Fünfkirchen, Stuhlweißenburg oder Kaschau ein vorwiegend deutschsprachiges und anderes westeuropäisches Städtebürgertum in diese Zentren, deren Anteil im Laufe der Frühneuzeit aber durch Assimilation deutlich zurückging oder komplett verschwand. Ähnlich wurden die vom Bergbau lebenden oberungarischen und niederungarischen Bergstädte in der heutigen Slowakei im Mittelalter vorwiegend von deutschsprachigen Bergleuten, anderen Handwerkern und Städtebürgern besiedelt, die ebenso meistens nach Niedergang des Bergbaus ab 16./17. Jahrhundert ihren vorwiegend deutschsprachigen Charakter verloren. Ausnahmen bildeten jene Städte, deren dörfliches Einzugsgebiet auch deutschsprachig war und deshalb als Sprachinseln bis ins 20. Jahrhundert erhalten blieben. Das waren in der Slowakei das Hauerland als kleines Restgebiet der einstigen niederungarischen Bergstädte, die Unterzips und Umgebung als Rest der meisten oberungarischen Bergstädte und schließlich Teile der Oberzips als Rest der dort einst florierenden Handelsstädte. Schließlich hatte der Westrand Ungarns an der Grenze nach Österreich, die Regionen um Pressburg und das heute österreichische Burgenland schon Anschluss an den geschlossen deutschsprachigen Raum, deutschsprachige Bewohner lebten hier aber (wie auch in der Zips und in Siebenbürgen) in Gemengelage mit anderssprachigen (hier: slowakischen, ungarischen, slowenischen und später auch burgenlandkroatischen) Bevölkerungsgruppen. Praktisch alle diese mittelalterlichen Ansiedlungen werden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht mehr zu den Ungarndeutschen gezählt, leben entweder seit dem Ersten Weltkrieg außerhalb der ungarischen Grenzen oder wurden schon in der Frühneuzeit assimiliert.
Die größte Einwanderungswelle ins ungarische Tiefland erfolgte nach dem Ende der Türkenherrschaft infolge der Schlacht bei Mohács. Zwischen 1700 und 1750 kamen deutsche Siedler aus Süddeutschland, Österreich und Sachsen in die nach den Türkenkriegen zum Teil menschenleeren Gebiete Pannoniens, des Banat und der Batschka und trugen entscheidend zur wirtschaftlichen Erholung und kulturellen Eigenart dieser Regionen bei (siehe Hauptartikel Schwabenzug).
Ende des 18. Jahrhunderts lebten im damaligen Vielvölkerstaat Ungarn mehr als eine Million Deutsche, die vor allem in der Landwirtschaft tätig waren. Es gab aber auch eine blühende deutsche Kultur mit literarischen Werken, Zeitungen, Zeitschriften, und Kalendern in den Städten. Das Deutsche Theater in Budapest bestand von 1812 bis 1849. Vor dem Ersten Weltkrieg lebten etwa 1,5 Millionen Donauschwaben im Königreich Ungarn, deren Siedlungsgebiete 1919 zwischen den Staaten Ungarn, Jugoslawien und Rumänien aufgeteilt wurde. Viele von diesen wurden nach 1945 vertrieben.
Im 19. Jahrhundert bildeten sich „deutsche Industriezweige“ wie Glasbläser, Metallgießer, Steinmetze heraus. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts befolgte auch das städtische deutsche Bürgertum, um seine wirtschaftlichen Interessen zu wahren, die Magyarisierungspolitik und passte sich dem Ungartum an. So wurde die deutsche Sprache allmählich durch die ungarische ersetzt.
Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte Ungarn zu den Verlierern. Österreich-Ungarn hatte 1879 mit dem Deutschen Kaiserreich den Zweibund geschlossen. 1882 wurde der Zweibund durch den Beitritt Italiens zum Dreibund erweitert. Italien wechselte beim Londoner Vertrag (1915) aus expansionistischen Interessen auf die Seite der Alliierten.
Ungarn verlor 1920 im Vertrag von Trianon, den es unter Protest unterschrieb, 70 Prozent seiner Gebiete, die von Nachbarstaaten annektiert wurden. Die Zahl der Deutschen im Staat Ungarn wurde dadurch mehr als halbiert. mini|hochkant=1.7|Sprachen in Ungarn im Jahr 1784 nach der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Gelb: deutschsprachige Mehrheiten. Das ethnische Muster Ungarns veränderte sich aufgrund jahrhundertelanger Kriege und Migrationsbewegungen. Die Siedlungsgebiete der Zipser Sachsen, Siebenbürger Sachsen, des Hauerlands und des Westrandes sind kleiner geworden, dagegen etablierten sich größere Ansiedlungsgebiete der Donauschwaben im Inneren und der Banater Schwaben im Süden. mini|hochkant=1.7|Deutsche Siedlungsgebiete im Königreich Ungarn (1896) mit Mehrheits- und Minderheitsgebieten (während die oberen Karten die Gebiete relativer Mehrheit aller Ethnien einheitlich darstellen)
+Anteil der Ungarndeutschen an der Bevölkerung ausgewählter Städte im Königreich Ungarn 1888 und 1910Bevölkerungsanteil der Deutschen in ausgewählten Städten, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul „Deutsche in Ungarn“, bearb. von Gerhard Seewann. URL: https://www.herder-institut.de/resolve/qid/364.html, abgerufen am 3. März 2018.RegionStadt18881910ZahlProzentZahlProzent Budapest119.9023375.8828,9OberungarnKaschau435816,731897,2Neusohl1.434208798,9Schemnitz1.57210,34533Tyrnau2.86126,42.28015ZipsKäsmark3.32674,43.24251,4Göllnitz3.21073,82.09554,7Zipser Neudorf2.34831,21.78617WestungarnPressburg31.49265,632.79041,9Ödenburg17.11573,717.31851,1Güns5.46074,83.06636,4SüdungarnFünfkirchen5.121186.35613,5Neusatz5.35325,15.91817,6Werschetz12.83957,513.55649,6Weißkirchen6.82569,46.06252,6Temesvár18.53956,631.64443,6SiebenbürgenKronstadt9.59932,410.84126,5Hermannstadt14.06172,316.83250,2Mediasch3.47053,43.86644,8Bistritz4.95461,45.83545
Zeit zwischen den Weltkriegen Gegen den Magyarisierungsdruck auf Staats- und Schulebene wehrte sich der „Ungarnländische Deutsche Volksbildungsverein“ 1924 unter der Leitung von Jakob Bleyer mit geringem Erfolg. In dieser Situation hofften die Deutschen in Ungarn zur Verbesserung ihrer sprachlichen Situation auf Hilfe von außen. Nach Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 wurde das Deutschtum in Ungarn zum politischen Spielball zwischen dem Horthy-Regime und dem NS-Regime.
Zweiter Weltkrieg Die Ungarndeutschen wurden von 1938 bis 1945 unter Franz Anton Basch durch den nationalsozialistisch ausgerichteten Volksbund der Deutschen in Ungarn vertreten. Als die von Miklós Horthy geführte Regierung angesichts der sicheren Niederlage Ende 1944 geheime Waffenstillstandsverhandlungen mit der Sowjetunion führte, putschten die Pfeilkreuzler und versuchten, ein nationalsozialistisches Regime zu errichten. Im Waffenstillstandsabkommen vom 20. Januar 1945 musste Ungarn sich einer Alliierten Kontrollkommission unter Vorsitz der Sowjetunion unterstellen. Dieses Waffenstillstandsabkommen verpflichtete Ungarn zur aktiven Mithilfe bei der Verfolgung, Verhaftung und Verurteilung von Kriegsverbrechern. Alle Hitlerfreundlichen oder andere politischen, militärischen und paramilitärischen Organisationen der Ungarn und Ungarndeutschen waren aufzulösen.
Nachkriegszeit Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Ungarndeutsche zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt, oder in Ungarn nach Entnazifizierungsverfahren enteignet, entrechtet und zwischen 1946 und 1948 nach Deutschland, zuerst in die amerikanische, später in die sowjetische Besatzungszone vertrieben.
1945 wurde per Gesetz eine Bodenreform mit kommunistisch-sozialistischer Zielsetzung durchgeführt. Dabei wurde auch der Grundbesitz aller Mitglieder des Deutschen Volksbundes entschädigungslos enteignet. Eine Verordnung vom 1. Juli 1945 organisierte die Überprüfung auf nationalsozialistische Belastung, der vor allem die deutsche Minderheit unterzogen wurde. Es gab ein vierstufiges Kategorienschema: Kategorie 1: Führende Mitglieder einer „Hitler-Organisation“. Dazu zählten die Mitglieder der Waffen-SS Kategorie 2: einfache Parteimitglieder und solche, die ihren magyarisierten Namen regermanisiert hatten Kategorie 3: Unterstützer von „Hitler-Organisationen“ Kategorie 4: Personen, die „ihre Vaterlandstreue und demokratische Gesinnung nicht unter Beweis gestellt“ hatten Der Grundbesitz der in den Kategorien 1–3 erfassten Personen war für die Ansiedlung von ungarischen Flüchtlingen bestimmt, die aus Nachbarstaaten geflohen oder vertrieben worden waren.Margit Szöllösi-Janze: Pfeilkreuzler, Landesverräter und andere Volksfeinde. Generalabrechnung in Ungarn in: Klaus-Dietmar Henke, Hans Woller (Hrsg.): Politische Säuberung in Europa. Die Abrechnung mit Faschismus und Kollaboration nach dem Zweiten Weltkrieg, München 1991, ISBN 3-423-04561-2, S. 345 ff.
Am 29. Dezember 1945 verfügte die ungarische Regierung, dass diejenigen ungarischen Staatsbürger nach Deutschland „umzusiedeln“ seien, die sich bei der Volkszählung von 1941 zur deutschen Nationalität oder Muttersprache bekannt oder die Magyarisierung ihres Namens rückgängig gemacht hätten, Mitglied des Volksbundes oder einer bewaffneten deutschen Formation gewesen waren. Diese Ausweisung beruhte auf Artikel XIII des Potsdamer Abkommens, das die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland festlegte.Mitteilung über die Dreimächtekonferenz von Berlin („Potsdamer Abkommen“) vom 2. August 1945