Die Einhornhöhle ist eine Karsthöhle im Zechstein-Dolomit. Sie liegt bei Scharzfeld im gemeindefreien Gebiet Harz des niedersächsischen Landkreises Göttingen. Die Höhle ist die größte Besucherhöhle im Westteil des Harzes.
Sie ist als Naturdenkmal ausgewiesen und wurde 2006 als ein Bestandteil der Zechstein-Karstlandschaft am Südharz in die Liste der 77 bedeutenden Nationalen Geotope aufgenommen. Seit 2017 ist die Einhornhöhle Teil des UNESCO-Geoparks und offizielles Informationszentrum.Einhornhöhle ist jetzt Teil des UNESCO-Geoparks auf ndr.de vom 8. Mai 2017
Geographische Lage Die Einhornhöhle liegt im Harz. Sie befindet sich nahe dem Herzberger Ortsteil Scharzfeld. Der überdachte Eingangsbereich der Besucherhöhle, die auch einen etwas weiter südwestlich gelegenen Natureingang hat, liegt etwa 1,8 km (Luftlinie) nordöstlich der Scharzfelder St.-Thomas-Kirche auf der Ostflanke der bewaldeten Brandköpfe (ca. ) auf etwa .
Beschreibung mini|links|Historische (nicht naturgetreue) Karte der Höhle von 1903, links der natürliche Eingang Die Höhle hat eine Länge von fast 700 Metern, von denen etwa 300 Meter bei Führungen gezeigt werden. Laut neueren Untersuchungen durch Georadarmessungen und Bohrungen ist die Höhle weitaus länger als die bisher bekannten Teile. In der Höhle reihen sich mehrere Hallen und Dome aneinander, die durch niedrigere Gänge miteinander verbunden sind. Der Hohlraum der Höhle ist bis zu 50 Meter hoch, allerdings größtenteils mit Sedimenten mit einer Mächtigkeit zwischen 15 und 30 Meter verfüllt. Sie gelangten während der Eiszeiten auf natürliche Weise in die Höhle.
Den natürlichen Eingang bilden zwei Deckeneinstürze im Südwesten im Bereich der Blauen Grotte, durch die die Höhle über Jahrhunderte betreten wurde. 1895 entstand im Nordwesten der Höhle ein 12 Meter langer Tunnel als neuer Zugang, der in den Weißen Saal der Löns-Stollen mündet und seither der Haupteingang ist.
In der Höhle finden sich folgende größeren Hallen und Räume: der Weiße Saal, der Schiller-Saal, die Leibniz-Halle, die Blaue Grotte.
Daneben gibt es eine Reihe kleinerer Räume, Dome, Grotten und Gänge, wie die Martha-Grotte, die Struckmann-Grotte, die Wolfskammer, den Bärengang, den Virchow-Gang, den Jacob Friesen-Gang und die von-Alten-Kapelle.
Die Höhle hat durch die Deckenöffnung in der Blauen Grotte ein spezielles Klima. Es herrschen konstant 7 bzw. 4 °Celsius Verdunstungskälte.Vassili Golod: bei ndr.de vom 4. Juli 2015
Paläontologie Die Sedimentschichten im Inneren der Höhle stellen ein geologisches und paläontologisches Archiv dar. Sie enthalten Knochenreste von Tieren, die seit dem Eiszeitalter im Inneren verendeten sowie durch Raubtiere oder Menschen hinein geschleppt wurden. Bisher konnten anhand der zahlreichen Knochenfunde über 70 Tierarten wissenschaftlich bestimmt werden, darunter 60 Säugetierarten wie Höhlenbär, Höhlenlöwe und Wolf. In der Höhle herrschen wegen ihrer ganzjährig niedrigen Durchschnittstemperatur günstige Erhaltungsbedingungen für das Knochenmaterial. Auch wegen der chemischen Bodenzusammensetzung aus kalkreichem Material erfolgt keine Demineralisierung der Knochen.
Geschichte mini|hochkant=0.65|Einhorndarstellung in Leibniz’ Protagaea 1541 wurde die Höhle zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Anfangs wurde sie auch als „Zwergenloch“, „Quergeloch“ oder „Scharzfeldische Höhle“ bezeichnet. Namensgebend für die Höhle waren die Funde von Knochen und Zähnen, die dem sagenhaften Fabelwesen des Einhorns zugeordnet wurden. 1583 berichtete ein Chronist, dass in der Höhle nach Einhornknochen gegraben wurde, die als Heilmittel galten und enorm hohe Preise erzielten. Wahrscheinlich handelte es sich bei dem Knochenmaterial um Überreste großer Säugetiere.
Otto von Guericke, der damalige Bürgermeister von Magdeburg, berichtete 1672 in seinen Neuen Magdeburger Versuchen von einem Fossilfund im Zeunickenberg bei Quedlinburg, den er als das Skelett eines Einhorns interpretierte: „Es trug sich auch in diesem Jahre 1663 zu, (…) dass man das Gerippe eines Einhorns fand.“ Im Jahre 1686 besuchte Gottfried Wilhelm Leibniz die Höhle und schrieb in seinem Bericht auch über den Handel mit Einhorn-Artefakten. Später beschäftigte sich Leibniz mit dem von Guericke beschriebenen Fund und entwarf in seiner Schrift Protagaea eine Fantasie-Rekonstruktion des angeblichen Einhorns. Diese Darstellung wird heute als Werbesymbol der Schauhöhle genutzt. mini|hochkant=0.65|Zeichnung des Natureingangs der Einhornhöhle von innen, um 1780mini|hochkant=0.65|Der Natureingang der Höhle von außen, 2013
Im Jahre 1872 führte Rudolf Virchow eine systematische Untersuchung der Höhle durch und erkannte, dass es sich bei den Knochenfunden um fossile Reste von Großsäugern handelte. In den Jahren 1925 und 1926 unternahm der Prähistoriker Karl Hermann Jacob-Friesen Ausgrabungen in der Höhle, um auf Funde aus der Altsteinzeit zu stoßen und um den ehemaligen Eingang freizulegen.
1956 und 1958 nahmen Göttinger Studenten im Auftrag des Landesmuseums Hannover im Virchow-Gang der Höhle Ausgrabungen vor. Es wurde eine große Anzahl von Säugetier-Skelettteilen geborgen, unter denen die von Bären am häufigsten vertreten waren. Weitere Ausgrabungen erfolgten 1968 durch Klaus Duphorn.
Neuere Forschungen Seit 1984 forscht der Paläontologe Ralf Nielbock von der TU Clausthal, seit 1986 mit Stefan Veil vom Landesmuseum Hannover, in der Einhornhöhle. Während damaliger bis etwa 1989 anhaltender Grabungskampagnen wurden zahlreiche Steinwerkzeuge aus der Zeitstellung des Neandertalers in der Höhle gefunden. Es gelang der Nachweis einer artenreichen, eiszeitlichen Kleinsäugerfauna in nahezu allen Bereichen der Höhlensedimente sowie eines großen Höhlenportals, das heutzutage bis oben verfüllt ist.
Seit 2009 werden von Universitäten in Berlin und Hannover, der LIAG und der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) umfassende geophysikalische Messungen durchgeführt. Ziel ist die Erfassung bekannter Hohlräume, die Suche nach möglichen Fortsetzungen und die Abschätzung der Sedimentfüllung der Einhornhöhle.
Ab 2010 intensivierte sich die Erforschung der Höhle wieder, nachdem über 25 Jahre die geowissenschaftlichen, archäologischen und paläontologischen Ausgrabungen geruht hatten. Zur Durchführung weiterer Untersuchungen bildete sich ein Netzwerk, dem die Gesellschaft Unicornu fossile als Betreiberverein der Höhle, das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie und das Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik (LIAG) aus Hannover, die Freie Universität Berlin und die Georg-August-Universität Göttingen, das paläon sowie das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege angehören. Das Hauptaugenmerk der jüngeren Untersuchungen liegt auf dem ehemaligen Zugangsportal aus der Zeit der Neandertaler.
2014 stießen Forscher bei Bohrungen auf einen neuen, bislang unbekannten Hohlraum südlich der Blauen Grotte. Durch eine in 11 Meter Tiefe hinabgelassene Kamera bei Norddeutsche Neueste Nachrichten vom 28. Mai 2014 mit Foto des Hohlraums konnte festgestellt werden, dass es sich um einen vermutlich über Jahrzehntausende verschlossenen Gang handelt, dessen Spannweite auf mindestens 20 Meter geschätzt wird. Vermutlich verfügte der neue Teil über einen weiteren Höhleneingang, so deuten es neueste geophysikalische Messungen an. Die Gesamtlänge dürfte etwa 150 Meter betragen. Bislang wurde keine begehbare Verbindung zur Einhornhöhle gefunden.
2017 wurde eine weitere, 40 Meter tiefe Bohrung durchgeführt, bei der ein bisher unbekannter Höhlenraum entdeckt wurde. Dies lässt darauf schließen, dass die Einhornhöhle eine Gesamtlänge von einem Kilometer hat.. In: NDR.de, 12. Juli 2017
2018 stellte das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur 230.000 Euro für interdisziplinäre Forschungen innerhalb der Höhle zur Verfügung. Sie wurden vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, der Gesellschaft Unicornu fossile e. V., der Universität Göttingen, der Freien Universität Berlin und dem Staatlichen Naturhistorischen Museum Braunschweig durchgeführt. Die Fördermittel waren für neue Ausgrabungen im Jacob-Friesen-Gang und im Bereich des verschütteten, alten Höhlenzugangs vorgesehen, um die Schichtenfolge aus der letzten Kaltzeit, der Weichsel-Kaltzeit, von 117.000 bis 11.700 Jahre vor heute aufzuschließen. Die Ausgrabungen begannen 2019. Beteiligt waren Studenten der Universität Göttingen, der TU Clausthal, der TU Braunschweig, der Eberhard Karls Universität Tübingen sowie der Ruhr-Universität Bochum. Es erfolgen Untersuchungen an Ablagerungen in der Höhle und an einem verschütteten Eingang. Zu den Funden gehörten ein großer Knochen eines Höhlenbären und dessen Unterkiefer mit Zähnen. Des Weiteren wurden in einer rund 200.000 Jahre alten Fundschicht zwei Zehenknochen eines Höhlenlöwen gefunden.Löwenfell als Schmuck: Neandertaler hatten Sinn für Statussymbole bei ndr.de vom 13. Oktober 2023 Untersuchungen ergaben, dass eine Schnittspur auf eine Enthäutung zur Fellgewinnung deutet und dass die Pfote mit Krallen im Fell belassen wurde. Aufgrund einer Speerverletzung an den Knochen eines 1985 gefundenen Höhlenlöwen in Siegsdorf folgerten die Wissenschaftler, dass die Neandertaler Jagd auf Löwen machten.Höhlenlöwe: Beute und Fell-Lieferant der Neandertaler bei wissenschaft.de vom 12. Oktober 2023 Die offenbar gezielte Erhaltung der Pfote deute auf die Bedeutung des Löwenfells als Prestigeobjekt bei den Neandertalern.Gabrielle Russo, Annemieke Milks, Dirk Leder, Tim Koddenberg, Britt M. Starkovich, M. Duval, J.-X. Zhao, Robert Darga, Wilfried Rosendahl, Thomas Terberger: First direct evidence of lion hunting and the early use of a lion pelt by Neanderthals. in Scientific Reports vom 12. Oktober 2023, doi:10.1038/s41598-023-42764-0 (Siehe auch: Löwenmensch)
2020 wurden die Ausgrabungen fortgesetzt. Dabei wurde im verstürzten Eingangsbereich der Höhle mit dem verzierten Riesenhirsch-Knochen ein vor etwa 51.000 Jahren vom Neandertaler hergestelltes Artefakt gefunden. Es ist das älteste verzierte Objekt, das bisher in Niedersachsen entdeckt wurde. Forscher interpretieren es als einen Hinweis darauf, dass der Neandertaler ein ästhetisches Empfinden hatte und über Symbole kommunizierte.
Tagungen und Auszeichnungen mini|Kolloquium mit Ralf Nielbock von der Gesellschaft Unicornu fossile als Betreiberverein der Höhle, 2016 2016 führten der Betreiberverein der Höhle, das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege und der Geopark Harz – Braunschweiger Land – Ostfalen ein Kolloquium zu den Harzhöhlen und zur weiteren wissenschaftlichen Erschließung der Einhornhöhle durch.Einladung zum Kolloquium zu den Harzhöhlen und ihrem Kulturerbe am 14. Oktober 2016 in Scharzfeld Laut den Veranstaltern zeigte das Kolloquium die große Wertigkeit der Höhle für die Steinzeit- und Eiszeitforschung im gesamteuropäischen Kontext auf.Forschungspotenzial der Einhornhöhle bewusst machen in: Harzkurier vom 16. Oktober 2016 (Vorschau).
Im Jahr 2017 wurde die Einhornhöhle als erste Einrichtung im Landkreis Göttingen als Informationszentrum des UNESCO-Geoparks Harz – Braunschweiger Land – Ostfalen ausgezeichnet. Die Auszeichnung erfolgte am 9. Mai 2017 vor der Höhle, als der Göttinger Landrat Bernhard Reuter die Plakette für das Informationszentrum an die Gesellschaft Unicornu fossile e. V. als Betreiber der geotouristischen Einrichtung überreichte.Nora Garben: Einhornhöhle wirbt jetzt mit UNESCO-Logo in: Harz Kurier vom 9. Mai 2017 (Vorschau).
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