mini|hochkant|Mosaiken der Verkündigung in der Kathedrale der hl. Sophia in Kiew Als Jungfrauengeburt bezeichnet die christliche Theologie die Geburt Jesu von der Jungfrau Maria, die durch das Wirken des Heiligen Geistes schwanger geworden sein soll, wie es in den Evangelien nach Matthäus und nach Lukas im Neuen Testament als Wunder Gottes verkündigt wird. Die Jungfrauengeburt ist seit dem 2. Jahrhundert im altrömischen Taufbekenntnis als Bekenntnissatz belegt. In den drei altkirchlichen Glaubensbekenntnissen,Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde (ELThG), Band 2, Wuppertal/Zürich 1993, ISBN 3-417-24642-3, S. 1025. darunter dem Apostolicum, ist es auch dogmatisiert:

Die katholische und die orthodoxen Kirchen lehren darüber hinaus die immerwährende Jungfräulichkeit Marias vor, bei und nach Jesu Geburt. Die Jungfrauengeburt ist zu unterscheiden von der Lehre der unbefleckten Empfängnis Mariens.

Neues Testament Matthäus und Lukas Die Geburt Jesu von einer Jungfrau wird in und im Kontext anderer Texte zu Jesu Herkunft erzählt. Darunter sind zwei Vorfahrenlisten. Diese väterlichen Stammlinien betonen Jesu Herkunft aus dem erwählten Volk Israel und führen bis zu Josef. Während es in der Liste bei Matthäus 39-mal hintereinander heißt, der Vater habe den Sohn „gezeugt“ (griech. Aktiv: ἐγέννησεν egénnēsen), wird bei Lukas hervorgehoben, dass Jesus „aus Maria hervorgebracht“ (Passiv: ἐγεννήθη egennḗthe, aber nicht ἐτέχθη etéchthē, „geboren“) wurde:

Danach legt das Matthäusevangelium dar, dass Jesus der Messias sei, obwohl er nicht leiblich von König David abstamme. Immerhin sei er gemäß prophetischer Ankündigung in der Stadt Davids geboren worden . Josef, ein Nachfahre Davids, war Jesu Ziehvater, er habe für Maria gesorgt, um seine schwangere Verlobte weder zu beschämen noch zu verstoßen. Maria habe durch das Wirken des Heiligen Geistes empfangen, zitiert als biblische Verheißung dazu nach der Septuaginta und mit dem Zusatz der Namenserklärung:

In der Fassung des Matthäus (Mt 1,23) lautet das Zitat:

Dies habe sich wörtlich erfüllt, da Josef vor Jesu Geburt keinen Geschlechtsverkehr mit Maria gehabt habe .Eine aus dem späten 4. oder frühen 5. Jahrhundert stammende syrische Übersetzung, der Codex Syriacus Sinaiticus (vgl. dazu :en:Syriac Sinaiticus) bietet zu Mt 1,16.21.25 den abweichenden Wortlaut: „Joseph, mit welchem die Jungfrau Maria verlobt war, zeugte Jesus, der der Christus genannt wird. […] Sie wird dir einen Sohn gebären. […] Sie gebar ihm einen Sohn.“ (zitiert bei K. Barth: Kirchliche Dogmatik Band I/2: Die Lehre vom Wort Gottes, Evang. Verlag Zollikon, 4. Aufl., Zürich 1948, S. 191). Aber auch diese Handschrift bezeugt in den Versen Mt 1,18.20.23 die Jungfräulichkeit Marias bei Jesu Geburt.

In Lukas 1,26ff kündigt ein Engel Maria die Geburt des Messias an. Auf ihre Rückfrage, wie das bei einer unberührten Frau möglich sei (V.34), weist der Engel auf die Schöpfermacht des Heiligen Geistes hin (V.35). Dies überbietet Gottes entsprechendes Eingreifen in das Leben der Freundin Marias (V.36ff.). Im Gegensatz zu Zacharias (V.18ff.) hat Maria die Engelsbotschaft im gehorsamen Glauben angenommen (V.38). Darauf wird sie selig gepriesen (V.45) und dankt Gott mit einem Loblied für die Gnade der Messiasgeburt (V.46–55).

Beide Geburtsgeschichten enthalten gemeinsame Motive: Josef und Maria sind verlobt, nicht verheiratet, Josef ist Nachkomme König Davids, ein Engel kündigt Jesu Geburt an, dieser wird durch den Heiligen Geist empfangen bzw. gezeugt, er ist Gottes Sohn mit einem unüberbietbaren, endgültigen Auftrag Gottes für ganz Israel und alle Völker. Diese Aussagen stehen bei den Evangelisten im Rahmen theologischer Aussagen zu Jesu Identität und Sendung: Er werde sein Volk von seinen Sünden erlösen (Mt 1,21), er sei der einzige und einzigartige Sohn Gottes (Lk 1,35) und Herr (Lk 1,43). Ihre Berichte über sein weiteres Leben beziehen sich nirgends mehr ausdrücklich auf eine Jungfrauengeburt. Texte wie Mt 12,46–50, Lk 2,22–52 und Joh 2,1–11 sprechen unbefangen von Jesu Eltern und distanzieren ihn – in Anspielung auf seine ganz andere Herkunft – zugleich von ihnen.

Nach Ulrich Luz sei der „Weissagungsbeweis“ in Mt 1,22 f. exegetisch nicht haltbar, da das hebräische Alma in Jes 7,14 eindeutig keine unberührte Frau meine. Die jüdische Exegese, wonach hier die Geburt eines Königs angekündigt werde, sei immer berechtigt gewesen.Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus. Band I, S. 152: „An die Stelle von Bibelversen, die die Kirche dem Judentum triumphierend entgegenstellte, tritt Verlegenheit. Die traditionelle kirchliche Auslegung von Mt 1,22 f. wird ein Stück weit zur Dokumentation christlicher Sünde und ist gerade so sehr relevant.“ Auch einige römisch-katholische Theologen, etwa Hans Küng, sind dieser Sicht gefolgt.

Anders hingegen etwa der Alttestamentler Otto Kaiser: er ist der Ansicht, dass das hebräische Alma, das bei der Übersetzung des hebräischen Textes ins Griechische mit Parthenos wiedergegeben wurde, nicht durchweg eine junge Ehefrau, die noch kein Kind geboren hat, bezeichne, sondern etwa in 1. Mose 24,43 auf eine noch unverheiratete junge Frau (Rebekka) angewendet werde; er vertritt die Meinung, dass das hebräische Wort Alma eine junge Frau im Zeitraum zwischen Geschlechtsreife und erster Empfängnis bezeichne, sodass die griechische Übersetzung Parthenos („Jungfrau“) durchaus dem hebräischen Wort Alma gerecht werde.Otto Kaiser, Altes Testament Deutsch, Teilband 17, Das Buch des Propheten Jesaja Kapitel 1–12, Göttingen 1981, S. 151.

Auch der evangelisch-reformierte Dogmatiker Karl Barth bezeichnet in seiner Kirchlichen Dogmatik exegetisch kenntnisreich in deutlicher Abgrenzung zur liberalen Theologie die jungfräuliche Geburt Jesu als Wunder, das die eigentlich grundlegende Voraussetzung der Rede von der Gottessohnschaft Christi sei. Es handle sich seiner Ansicht nach weniger um ein exegetisches als vielmehr ein theologisches Problem, da die jeweiligen Theologen mit unterschiedlichen Weltanschauungen an den biblischen Text herangingen.Karl Barth, Kirchliche Dogmatik Band I,2, Zürich 1990, S. 194f.

Übrige Schriften des Neuen Testaments Die übrigen Schriften des NT erwähnen keine Jungfrauengeburt Jesu. Das Markusevangelium nennt Jesus von Beginn an Sohn Gottes , berichtet aber nicht von seiner Geburt. betont die göttliche Erwählung des erwachsenen Jesus bei seiner Taufe mit Anspielung auf und : „Du bist mein geliebter Sohn“. Jesus vertritt demnach das bereits erwählte Volk Israel und verkörpert als designierter Messias Gottes neue Befreiungstat an diesem Volk. Nach war er in Nazaret als „Sohn der Maria“ bekannt und hatte Geschwister.

Nach wurde Jesus „geboren von einer Frau [γυνή, gynḗ]“. Nach ist er ein „Nachkomme Davids“. In nennt ein Jünger Jesus nach Erkenntnis seiner Messianität „Sohn Josefs“. betont, der Messias stamme, wie im Alten Testament vorhergesagt, von David ab. spricht von seiner Geburt aus einer „Frau“, die zeichenhaft am Himmel erscheint.

Lehrentwicklung Alte Kirche In der Patristik entwickelte sich der Glaube an Marias Jungfräulichkeit zum Lehrsatz (Dogma) in zwei Varianten: Maria habe Jesus als Jungfrau durch den Heiligen Geist empfangen und vor Jesu Geburt mit keinem Mann verkehrt. Sie sei auch während und nach Jesu Geburt Jungfrau geblieben und mit Josef nur dem Namen nach verheiratet gewesen (Josefsehe). Beide Ansichten bestanden nebeneinander; die zweite wurde erst seit dem 6. Jahrhundert zum dogmatischen Streitpunkt – siehe dazu Immerwährende Jungfräulichkeit Marias.

Ignatius von Antiochien sprach als erster von Marias „Jungfrauschaft“ (griech. παρθενία parthenía) und ihrem „Gebären“ (τόκος tókos), das Gott „in der Stille“ vollbracht habe, so dass dieses Wunder dem „Fürsten dieser Welt“ verborgen geblieben sei. Er führte dieses Motiv als erster in die regula fidei, die lehrhafte Zusammenfassung der christlichen Botschaft, ein.Luce Petri (Hrsg.): Die Geschichte des Christentums Band I: Zeit des Anfangs, Herder, Freiburg im Breisgau 2003, S. 817.

Justin der Märtyrer setzte sich in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon (entstanden 155–160) als erster mit jüdischem Widerspruch gegen den Glauben an Jesu Jungfrauengeburt auseinander. Er deutete Jes 7,10–17 als deren Vorhersage für die „Christgläubigen“Justin, Dialog mit Tryphon 43,3–7 und stellte die Septuaginta-Übersetzung dieser Stelle gegen den hebräischen Urtext und die Septuagintarevisionen von Theodotion, Aquila und Symmachus, die alma in Jes 7,14 mit griechisch νεᾶνις neánis (junge Frau, Mädchen), nicht mit παρθένος parthénos (Jungfrau) übersetzten. Er betonte auch mit Hinweis auf die Perseussage, nur von Jesus Christus sei jemals eine Jungfrauengeburt verkündet worden. Er erklärte diese mit seiner Präexistenz zur Überwindung der Erbsünde (Gen 3):Justin, Dialog mit Tryphon 45,4

Damit wurde Christus zum Gegentyp Adams, Maria zum Gegentyp Evas.

Gnostiker wie Kerinth und Karpokrates bestritten die Jungfrauengeburt. Auch manche Gruppen von Judenchristen wie die Autoren der Pseudo-Clemensbriefe sahen ihn als nur-menschlichen, natürlich gezeugten Messias. Dabei stützten sie sich auf die Revisionen der Septuaginta. Ihnen gegenüber machte Irenäus von Lyon den Glauben an die Jungfrauengeburt in seinem Traktat Adversus haereses (um 180) zum Kriterium für wahres Christsein und erklärte die, die ihn bestritten, zu Häretikern, wobei er Gnostiker und von ihm Ebioniten genannte Judenchristen gleichsetzte. Damit schloss er diese anders als Justin aus dem Christentum aus. Dieses Verdikt fällte Hieronymus auch über die Nazoräer, obwohl diese anderen Judenchristen an die Jungfrauengeburt Jesu glaubten.Luce Petri (Hrsg.): Die Geschichte des Christentums Band I: Zeit des Anfangs, Herder, Freiburg im Breisgau, S. 220, 469, 482–491.

Um 300 wurde der neue Ausdruck „Gottesgebärerin“ ( Theotókos, lateinisch Dei genitrix) für Maria in Gebeten und liturgischen Texten üblich. Daraufhin warnten einige Theologen davor, Maria als Göttin neben Jesus zu verehren. Ambrosius von Mailand schrieb:zitiert nach Heiner Grote: Maria/Marienfrömmigkeit II; Theologische Realenzyklopädie, Band 22, S. 121f.

Athanasius betonte: „Maria ist unsere Schwester, da wir alle aus Adam sind.“ Sie sei also ebenso auf Erlösung durch Jesus Christus angewiesen wie alle übrigen Menschen.

Nestorius erlaubte den Ausdruck dem freudigen Marienverehrer; „nur soll er nicht die Jungfrau zur Göttin machen“. Um dies zu verhindern, schlug er erfolglos die Alternativbegriffe „Gottesempfängerin“ und „Christusgebärerin“ vor. Wegen des Streits um diese Vorschläge wurde 431 das Konzil von Ephesos einberufen. Dort ließ Kyrill von Alexandria Nestorius als Ketzer verurteilen. Die Bezeichnung Theotókos wurde dogmatisiert. In der Volksfrömmigkeit wurde Maria nun auch als „Muttergottes“ bezeichnet, „durch welche verherrlicht wird die heilige Dreieinigkeit […], durch welche überall der Grundstein zu Kirchen gelegt worden ist.“

Die Aussage „geboren aus“ oder „von der Jungfrau Maria“ wurde in die altkirchlichen Bekenntnisse, zuerst das Altrömische und Apostolische Glaubensbekenntnis aufgenommen. Das Nicäno-Konstantinopolitanum schloss Marias Göttlichkeit betont aus:

Zugleich bekräftigte das Konzil von Chalcedon 451 den Begriff Theotokos für Maria:

Das Dogma der Jungfrauengeburt folgte also historisch und sachlogisch den gesamtkirchlichen Klärungen zur Christologie und Trinitätslehre: Aus der Wesenseinheit des ewigen Sohnes Gottes mit Gott und seiner ebenso wesentlichen Personeinheit mit dem Menschen Jesus ergab sich die Notwendigkeit, seine Annahme der menschlichen Natur im Mutterleib der Maria ohne jedes menschliche Zutun auszusagen. Maria war für die an Jesus Christus Glaubenden die, die dem gottgleichen Sohn Gottes seine menschliche Natur gab, indem sie ihn als Jungfrau empfing und gebar. Darum sagte das Athanasische Glaubensbekenntnis: