mini|Das Sonnenblumenhaus in der Mecklenburger Allee (2006) Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen zwischen dem 22. und 26. August 1992 gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) und ein Wohnheim für vietnamesische ehemalige Vertragsarbeiter im sogenannten Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen waren die massivsten rassistisch sowie fremdenfeindlich motivierten Angriffe in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkrieges.

An den Ausschreitungen beteiligten sich mehrere hundert teilweise rechtsextreme Randalierer und bis zu 3000 applaudierende Zuschauer, die den Einsatz von Polizei und Feuerwehr behinderten. Nachdem die Aufnahmestelle am Montag, dem 24. August, evakuiert worden war, wurde das angrenzende Wohnheim, in dem sich noch über 100 Vietnamesen und ein Fernsehteam des ZDF aufhielten, mit Molotowcocktails in Brand gesteckt. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen zog sich die Polizei zeitweise völlig zurück, und die im brennenden Haus Eingeschlossenen waren schutzlos sich selbst überlassen.

Die Übergriffe in Lichtenhagen werden auch als Pogrom bezeichnet.Problematisiert wird der Pogrombegriff in Bezug auf Rostock-Lichtenhagen bei: Thomas Prenzel: Rostock-Lichtenhagen im Kontext der Debatte um die Einschränkung des Grundrechts auf Asyl. In: ders. (Hrsg.): 20 Jahre Rostock-Lichtenhagen. Rostock 2012, S. 10, Anm. 2. Sie stehen im Zusammenhang mit der Asyldebatte zu Beginn der 1990er Jahre. Politikern und Medien wird dabei vorgeworfen, durch eine zum Teil populistische Kampagne die Stimmung gegen Ausländer angeheizt und so Ausschreitungen wie denen in Rostock-Lichtenhagen den Boden bereitet zu haben. Sowohl die Asyldebatte als auch die Zahl gewaltsamer Übergriffe auf Asylbewerber und andere Einwanderer erreichten 1991/92 ihren Höhepunkt.

Vorgeschichte Öffentliche Debatte um die Ausländer- und Asylpolitik

Erfolge rechtsradikaler Parteien 1989–1992 29.01.1989 Berlin REP 7,5 % 18.06.1989 Europawahl REP 7,1 % 29.09.1991 Bremen DVU 6,2 % 05.04.1992 Schleswig-Holstein DVU 6,3 % 05.04.1992 Baden-Württemberg REP 10,9 %

Die Zahl der Asylsuchenden in Deutschland erreichte 1992 mit über 440.000 ihren vorläufigen Höhepunkt. Gleichzeitig betrug die Anerkennungsquote nur noch 4,3 Prozent.Hans-Bernd Brosius, Frank Esser: Eskalation durch Berichterstattung? Massenmedien und fremdenfeindliche Gewalt. Opladen 1995, S. 15. Seit den frühen 1980er Jahren waren die Ausländer- und besonders die Asylpolitik bestimmende, negativ besetzte Themen im politischen Diskurs. CDU und CSU griffen das emotionsgeladene Thema auf und führten ab 1986 eine Kampagne gegen „Asylbetrug“ und Wirtschaftsflüchtlinge durch.Ulrich Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. München 2001, S. 271. Die rechtsradikalen Parteien Die Republikaner und DVU profitierten ab 1989 von der Radikalisierung und Emotionalisierung des Themas, nachdem es bereits ab 1986 verstärkt zu Überfällen von Neonazis auf Ausländer gekommen war.Ulrich Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. München 2001, S. 272 f. Sie zogen mit fremdenfeindlichen Parolen in mehrere Landesparlamente ein.bpb.de: , abgerufen am 7. Mai 2012; Auszug aus Uwe Andersen, Woyke Wichard (Hrsg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 5. Auflage. Opladen 2003. SPD, FDP und Grüne wehrten sich jedoch gegen eine Einschränkung des Grundrechts auf politisches Asyl. Der bayerische Innenminister Edmund Stoiber (CSU) drohte wiederum das „Ende der Einheit der Union“ für den Fall an, dass die CDU in der Asylrechtsfrage auf den Kurs der FDP und der SPD einschwenke.

Nach der Wiedervereinigung verschärfte die Union die Asylkampagne, und die Debatte entwickelte sich, mitgetragen von der Bildzeitung und der Welt am Sonntag, zu einer der schärfsten, polemischsten und folgenreichsten Auseinandersetzungen der deutschen Nachkriegsgeschichte.Ulrich Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. München 2001, S. 299. Die Situation verschärfte sich, als aufgrund der Öffnung des „Eisernen Vorhangs“ und insbesondere wegen des Bürgerkriegs in Jugoslawien die Flüchtlingszahlen stark anstiegen und gleichzeitig die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Vereinigung sichtbar wurden und erste Frustrationen hervorriefen. Hatte 1989/90 eine allgemeine Euphorie gegenüber den Flüchtlingen aus dem Osten geherrscht, so schlug die Stimmung 1990/91 um. Umfragen zeigten, dass zunächst eher die Spätaussiedler aus dem Osten, die zahlenmäßig überwogen, als Belastung empfunden wurden, doch die Unionsparteien kanalisierten die Aggressionen gegen die Asylbewerber um.

Die Medien, allen voran die Bildzeitung, verbreiteten eine panikartige Stimmung.Ulrich Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. München 2001, S. 303. Zwischen Juni 1991 und Juli 1993 wurden in Umfragen die Themen Asyl und Ausländer als dringendste Probleme angegeben, weit vor der deutschen Vereinigung und der Arbeitslosigkeit.

Zunehmende rassistisch motivierte Angriffe

Einige Monate nach der ersten Begeisterung über die deutsche Wiedervereinigung steigerte sich die fremdenfeindlich motivierte Gewalt in Deutschland und erreichte im Sommer 1991 eine neue Dimension. Eine Schlüsselstellung kommt dabei den Ausschreitungen im sächsischen Hoyerswerda zwischen dem 17. und 23. September 1991 zu. Bei den mehrtägigen Ausschreitungen wurden ein Wohnheim für Vertragsarbeiter sowie ein Flüchtlingswohnheim mit Brandflaschen, Eisenkugeln und anderen Gegenständen von zum Teil über 500 Menschen angegriffen.Hans-Bernd Brosius, Frank Esser: Eskalation durch Berichterstattung? Massenmedien und fremdenfeindliche Gewalt. Opladen 1995, S. 19 f. Anwohner beteiligten sich an den Übergriffen, gewalttätige, Parolen grölende Neonazi-Skinheads ernteten Beifall von vielen Umstehenden. Die Polizei war überfordert und kapitulierte vor den Gewalttätern, indem sie die knapp 300 Vertragsarbeiter abtransportierte. Der überwiegende Teil wurde direkt abgeschoben.

Hoyerswerda markierte den Auftakt zu einer Serie von Nachahmungstaten. Überwiegend in Ostdeutschland überfielen Gruppen von bis zu 200 Skinheads und rechtsgerichteten Jugendlichen in der Folge vor allem Asylbewerberheime und benutzten bei den teilweise mehrtägigen Auseinandersetzungen auch Schusswaffen und Brandsätze.Hermann Langer: Flächenbrand von rechts. Rostock 1993, S. 59–74, listet auf 25 Seiten eine Auswahl von Überfällen in Mecklenburg-Vorpommern bis Ende 1992 auf. In Mecklenburg-Vorpommern wurden im Verlauf des Jahres 1992 insgesamt 207 rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten registriert.Mathias Brodkorb und Thomas Schmidt: Rechtsextremismus in Mecklenburg-Vorpommern – Ein Überblick. (PDF; 888 kB) In: Gibt es einen modernen Rechtsextremismus? Herausgegeben von Mathias Brodkorb und Thomas Schmidt, Rostock 2002, S. 68. Unter anderem wurde bei einem Angriff in Saal (Vorpommern) am 15. März 1992 der 18-jährige Rumäne Dragomir Christinel erschlagen.Hermann Langer: Flächenbrand von rechts. Rostock 1993, S. 66. Auch in Rostock waren gewaltsame Angriffe auf Ausländer an der Tagesordnung.Beispiele bei Michael Lausberg: Die extreme Rechte in Ostdeutschland 1990–1998. Marburg 2012, S. 60. In Schmarl, einem weiteren Stadtteil im Nordwesten Rostocks, überfielen am 1. und am 3. Oktober 1991 50 bzw. 150 Jugendliche das dortige Asylbewerberheim, am 5. Oktober griffen etwa 30 Jugendliche ein Wohnheim für rumänische Monteure an.Hermann Langer: Flächenbrand von rechts. Rostock 1993, S. 63 f.

rassistisch motivierte Überfälle in Mecklenburg-Vorpommern von Februar 1991 bis August 1992 (Auswahl) 19.02.1991 Schwerin Skinheads überfallen Vietnamesen mit Baseballschlägern und Eisenketten. 11.03.1991 Schwerin Skinheads verletzen einen rumänischen Flüchtling mit einem Messer schwer, schlagen einen Syrer nieder und verwüsten die Außenanlagen eines Asylbewerberheims. 18.03.,27.03. und10.04.1991 Schwerin Vietnamesen und ein Kambodschaner werden von Skinheads zusammengeschlagen. 15.05.1991 bei Ahlbeck Ein 17-jähriger Pole wird von zehn Skinheads mit einem Messer schwer verletzt. 27.05. bis29.05.1991 Schwerin-Lankow Skinheads terrorisieren drei Tage lang ein Ausländerwohnheim. Ein Ausländer wird zusammengeschlagen. Das Wohnheim wird evakuiert. 01.06.1991 Neubrandenburg 40 Skinheads überfallen ein besetztes Haus und eine Wohnunterkunft für Ausländer. 26.06.1991 Gelbensande Skinheads greifen ein Asylbewerberheim an und geben Schüsse ab. 01.07.1991 Weitendorf Zwei Personen dringen in ein Asylbewerberheim ein und schießen. 12.07.1991 Wismar Jugendliche überfallen ein Asylbewerberheim, sechs Bewohner werden verletzt. 12.07.1991 Trollenhagen 20 Vermummte überfallen ein Asylbewerberheim mit Baseballschlägern, eine Frau wird zusammengeschlagen. 10.08.1991 Ueckermünde 40 vermummte Einheimische und Berliner Skinheads überfallen ein Asylbewerberheim und schießen mit Gaspistolen. Nach dem Überfall ist das Haus unbewohnbar. 28.09.1991 Neubrandenburg Ausländer werden nach dem Parteitag und Kundgebung der Republikaner verprügelt, Skinheads ziehen mit Hakenkreuzfahnen durch die Stadt, 51 Skins werden vorläufig festgenommen. 28.09.1991 Schwerin Anschlag auf ein Asylbewerberheim mit zwei Brandsätzen, es entsteht hoher Sachschaden. 29.09.1991 Stralsund Anschlag von 15 bis 20 Randalierern auf ein Asylbewerberheim mit Steinbrocken. 30.09. und01.10.1991 Schwerin Anschläge auf ein Ausländerwohnheim mit Molotow-Cocktails. 01.10. und03.10.1991 Rostock-Schmarl 50 bzw. 150 Jugendliche überfallen ein Asylbewerberheim. 03.10.1991 Bergen auf Rügen Bei einem Brandanschlag werden zwei Asylbewerber verletzt. 04.10.1991 Sassnitz 20 Personen greifen ein Asylbewerberheim mit Steinen an. 04.10.1991 Greifswald Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim. 04.10.1991 Güstrow Rechtsextreme greifen ein Asylbewerberheim an. 05.10.1991 Rostock 30 Jugendliche greifen ein Wohnheim für rumänische Monteure an. 05.10.1991 Schwerin Anschlag auf ein Asylbewerberheim mit Steinen. 12.10.1991 Greifswald Brandanschlag auf eine von Vietnamesen bewohnte Ausländerunterkunft der Siemens AG. 17.10.1991 Schwerin Bombendrohung gegen ein Asylbewerberheim. 17.10. und20.10.1991 Pasewalk Brandanschläge auf ein Asylbewerberheim. 18.10. und20.10.1991 Parchim Überfall und Brandanschlag auf Unterkünfte für Asylbewerber. 03.11.1991 Greifswald 200 Hooligans und Skinheads greifen nach einem Fußballspiel ein Asylbewerberheim mit Flaschen, Steinen und Leuchtmunition an und randalieren mehrere Stunden lang. Die Asylbewerber fliehen nach Neumünster. 07.11.,09.11.,24.11. und06.12.1991 Greifswald Brandanschläge auf Unterkünfte für Asylbewerber. 16.11.1991 Sassnitz 30 Jugendliche greifen ein Asylbewerberheim an. 15.03.1992 Saal (Vorpommern) Bei einem Angriff von 25 Jugendlichen auf ein Asylbewerberheim wird ein 18-jähriger Rumäne erschlagen. 24.05.1992 Güstrow 100 Jugendliche überfallen ein Asylbewerberheim, zwei Personen werden verletzt. 24.05.1992 Bahlen Überfall auf ein Asylbewerberheim, 140 Asylbewerber flüchten am 2. August nach Lauenburg, werden aber zurückgeschickt. 22.–26.08.1992 Rostock-Lichtenhagen Ausschreitungen gegen die ZAst und das Wohnheim der Vietnamesen.

Ausländer in Rostock

mini|hochkant|Vietnamesische Näherinnen in Rostock (1990)

Unter Ausklammerung der Asylbewerber und der Angehörigen der GUS-Streitkräfte lebten Ende April 1992 in Rostock, das zu dieser Zeit über 240.000 Einwohner hatte, 1.688 Ausländer.Britta Müller: Ausländer im Osten Deutschlands. Eine Rostocker Studie. Köln 1996, S. 16. In Lichtenhagen und Groß Klein lebten zusammen 346 Ausländer.Britta Müller: Ausländer im Osten Deutschlands. Eine Rostocker Studie. Köln 1996, S. 118.