Bei den XX. Olympischen Winterspielen 2006 fanden 18 Wettbewerbe im Nordischen Skisport statt. Austragungsorte waren das Stadio del Trampolino und Pragelato Plan, beide auf dem Gebiet der Gemeinde Pragelato und damit ca. 80 km von Turin entfernt.
Das Skisprungzentrum befand sich unmittelbar beim Dorfzentrum und verfügte über eine Kapazität von 7500 Zuschauern. Vorhanden waren eine Großschanze (HS140), eine Normalschanze (HS106) sowie drei Trainingsschanzen. Rund zwei Kilometer von Pragelato entfernt befand sich zwischen den Weilern Pattemouche und Granges das Zielgelände der Langlaufwettbewerbe. Auf einer Höhenlage von 1530 bis 1620 Metern gab es zwei Langlaufstrecken; die „rote“ war 6,2 km lang, die „gelbe“ 3,8 km. Die Zuschauerkapazität im Zielgelände betrug 8000 (davon 5400 Sitzplätze).
Die Verfolgungsrennen über 20 km bei den Herren und 10 km bei den Frauen wurden weiterentwickelt und nun jeweils an einem Stück – erste Streckenhälfte klassisch, zweite Hälfte im Freistil – gelaufen. Dabei waren Skiwechsel erlaubt und beim Wechsel von der klassischen zur Skating-Stilart auch notwendig. Die Streckenlängen betrugen nun 30 km für die Männer und 20 km für die Frauen. Bei den Männern entfiel der bei früheren Veranstaltungen in einer Stilart ausgetragene Wettbewerb über 30 km, bei den Frauen der über die 5-km-Distanz. Dafür war bei Frauen und Männern zum ersten Mal der Team-Sprint im olympischen Programm.
Bei den Langläufern gab es in diesem Jahr keine so dominante Figur. Der Schwede Björn Lind wurde immerhin Sieger im Einzel- und dem neu eingeführten Team-Sprint. Bei den Frauen gewann die Estin Kristina Šmigun-Vähi zwei Langlauf-Goldmedaillen, die später durch – nicht geahndete – Dopingvorwürfe etwas in Zweifel gerieten (s. u.). Im Skispringen gewann der Österreicher Thomas Morgenstern olympisches Gold auf der Normalschanze und im Mannschaftsspringen. Auch bei den Nordischen Kombinierten ragte ein Österreicher besonders heraus. Felix Gottwald gewann im Sprint sowie mit seinem Team, außerdem wurde er Zweiter im Einzelwettbewerb. Diesen gewann überraschend der Deutsche Georg Hettich, der darüber hinaus noch Silber mit der Mannschaft und Bronze im Sprint für sich verbuchen konnte.
Dopingproblematik Auch nach den geahndeten Dopingvorfällen der Winterspiele 2002 in Salt Lake City hatten zumindest einige Sportler daraus nichts gelernt. So wurden nach einer Razzia bei österreichischen Langläufern und Biathleten wiederum 30 Schachteln mit Medikamenten, mehr als 100 Spritzen und verschiedene Apparate für Bluttests und Transfusionen gefunden. Außerdem hatte sich der eigentlich gesperrte Trainer Walter Mayer unerlaubterweise nahe dem Team befunden und floh dann schnell. Diese Vorkommnisse zogen nachträgliche lebenslange Sperren – später reduziert bis 2010 – für die beiden Biathleten Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann sowie für ihre vier Langläuferkollegen Roland Diethart, Johannes Eder, Jürgen Pinter und Martin Tauber nach sich. 2009 erhob dann die Staatsanwaltschaft in Österreich Anklage wegen Verstoßes gegen die österreichischen Anti-Doping-Gesetze gegen weitere Funktionäre des ÖSV, u. a. Präsident Peter Schröcksnadel sowie Biathlon-Direktor Markus Gandler. Schröcksnadel, Gandler, Mayer, Sportmediziner Peter Baumgartl sowie die beiden Langläufer Tauber sowie Pinter kamen 2012 mit Freisprüchen davon. Der frühere Langlauf-Trainer Emil Hoch sowie die betroffenen Biathleten Perner und Rottmann wurden in erster Instanz zu bedingten Haft- und unbedingten Geldstrafen verurteilt.
Im Rahmen der Doping-Nachtests für Olympiasportler ergaben sich auch für die Winterspiele 2006 vier weitere positive Befunde. Darunter soll sich nach Rundfunkberichten des Senders Deutschlandfunk auch die Langlauf-Doppelolympiasiegerin Kristina Šmigun-Vähi aus Estland befunden haben – inzwischen Vizepräsidentin des Nationalen Olympischen Komitees Estlands. Folgen ergaben sich daraus keine.
Bilanz Medaillenspiegel Platz Land 20px|Gold 20px|Silber 20px|Bronze Gesamt 1 4 2 1 7 2 3 – 2 5 3 3 – – 3 4 2 2 3 7 5 2 – 2 4 6 1 4 5 10 7 1 4 2 7 8 1 2 – 3 9 1 1 – 2 10 – 2 2 4 11 – 1 – 1 12 – – 1 1
Medaillengewinner + Langlauf Männer Konkurrenz Gold Silber Bronze Sprint Freistil Björn Lind Roddy Darragon Thobias Fredriksson Teamsprint klassisch Björn Lind, Thobias Fredriksson Tor Arne Hetland, Jens Arne Svartedal Iwan Alypow, Wassili Rotschew 15 km klassisch Andrus Veerpalu Lukáš Bauer Tobias Angerer 30 km Verfolgung Jewgeni Dementjew Frode Estil Pietro Piller Cottrer 50 km Massenstart Giorgio Di Centa Jewgeni Dementjew Michail Botwinow 4 × 10 km Staffel Giorgio Di Centa, Pietro Piller Cottrer, Fulvio Valbusa, Cristian Zorzi Tobias Angerer, Jens Filbrich, Andreas Schlütter, René Sommerfeldt Mathias Fredriksson, Mats Larsson, Johan Olsson, Anders Södergren+ Langlauf Frauen Konkurrenz Gold Silber Bronze Sprint Freistil Chandra Crawford Claudia Künzel Aljona Sidko Teamsprint klassisch Lina Andersson, Anna Olsson Sara Renner, Beckie Scott Virpi Kuitunen, Aino-Kaisa Saarinen 10 km klassisch Kristina Šmigun Marit Bjørgen Hilde Pedersen 15 km Verfolgung Kristina Šmigun Kateřina Neumannová Jewgenija Medwedewa 30 km Massenstart Kateřina Neumannová Julija Tschepalowa Justyna Kowalczyk 4 × 5 km Staffel Natalja Baranowa, Larissa Kurkina, Jewgenija Medwedewa, Julija Tschepalowa Viola Bauer, Stefanie Böhler, Claudia Künzel, Evi Sachenbacher-Stehle Antonella Confortola, Arianna Follis, Gabriella Paruzzi, Sabina Valbusa
+ Skispringen Konkurrenz Gold Silber Bronze Normalschanze Lars Bystøl Matti Hautamäki Roar Ljøkelsøy Großschanze Thomas Morgenstern Andreas Kofler Lars Bystøl Mannschaft Martin Koch, Andreas Kofler, Thomas Morgenstern, Andreas Widhölzl Janne Ahonen, Janne Happonen, Matti Hautamäki, Tami Kiuru Lars Bystøl, Tommy Ingebrigtsen, Roar Ljøkelsøy, Bjørn Einar Romøren
+ Nordische Kombination Konkurrenz Gold Silber Bronze Sprint Felix Gottwald Magnus Moan Georg Hettich Einzel Georg Hettich Felix Gottwald Magnus Moan Mannschaft Christoph Bieler, Felix Gottwald, Michael Gruber, Mario Stecher Ronny Ackermann, Jens Gaiser, Georg Hettich, Björn Kircheisen Anssi Koivuranta, Antti Kuisma, Hannu Manninen, Jaakko Tallus
Langlauf Männer Sprint Freistil Platz Land Sportler Zeit (min) 1 Björn Lind 2:26,5 (F) 2 Roddy Darragon 2:27,1 (F) 3 Thobias Fredriksson 2:27,8 (F) 4 Cristian Zorzi 2:31,7 (F) 5 Freddy Schwienbacher 2:23,9 (KF) 6 Loris Frasnelli 2:25,2 (KF) 7 Johan Kjølstad 2:25,6 (KF) 8 Anti Saarepuu 2:27,9 (KF) 9 Ola Vigen Hattestad 2:29,0 (HF) 10 Tor Arne Hetland 2:43,2 (HF) 20 Martin Stockinger 2:27,1 (VF) 24 Harald Wurm 2:23,4 (VF) 30 Christoph Eigenmann 2:25,6 (VF) Datum: 22. Februar 2006, 10:30 Uhr (Qualifikation) / 14:00 Uhr (Finale) Streckenlänge: 1325 m; Höhenunterschied: 26 m; Maximalanstieg: 26 m; Totalanstieg: 47 m 80 Teilnehmer aus 34 Ländern, alle in der Wertung.
F = Finale; KF = Kleines Finale; HF = Halbfinale; VF = Viertelfinale
Nach einer Qualifikation erreichten 30 Läufer die Viertelfinals (5 Läufe mit je 6 Läufern) und die Halbfinalläufe (2 Läufe mit je 5 Läufern). Es folgten ein B-Finale um die Plätze 5 bis 8 und das Finale von 4 Läufern um die Medaillen. Die Schweden Lind und Fredriksson setzten mit dem Olympiasieg sowie dem dritten Platz die guten Ergebnisse der schwedischen Mannschaft in Sprintwettbewerben fort. Favorit Lind, der bereits im Qualifikationsrennen deutlich Schnellster gewesen war, gewann auch seine weiteren Läufe. Enttäuschend war das Ergebnis für die mitfavorisierten Läufer aus Norwegen, von denen keiner das A-Finale erreichte.
Das B-Finale um die Plätze 5 bis 8 war schneller als das A-Finale um die Medaillen.
Teamsprint klassisch Platz Land Sportler Zeit (min) 1 Thobias Fredriksson Björn Lind 17:02,9 (F) 2 Tor Arne Hetland Jens Arne Svartedal 17:03,5 (F) 3 Iwan Alypow Wassili Rotschew 17:05,2 (F) 4 Jens Filbrich Andreas Schlütter 17:14,0 (F) 5 Keijo Kurttila Lauri Pyykönen 17:21,5 (F) 6 Jewgeni Koschewoi Nikolai Tschebotko 17:25,1 (F) 7 Maciej Kreczmer Janusz Krężelok 17:26,3 (F) 8 Martin Bajčičák Ivan Bátory 17:30,9 (F) 9 Giorgio Di Centa Freddy Schwienbacher 17:31,3 (F) 10 Dušan Kožíšek Martin Koukal 17:49,6 (F) 15 Reto Burgermeister Christoph Eigenmann 17:49,6 (HF) Datum: 14. Februar 2006, 11:40 Uhr Streckenlänge: 1325 m; Höhenunterschied: 26 m; Maximalanstieg: 26 m; Totalanstieg: 47 m 48 Teilnehmer aus 24 Ländern, davon 44 in der Wertung.
F = Finale; HF = Halbfinale
Der Wettbewerb wurde in sechs Runden ausgetragen. Er bestand aus zunächst zwei Vorläufen bzw. den Halbfinals, denen das Finalrennen folgte, für das sich die fünf erstplatzierten Teams aus jedem Vorlauf qualifizierten. Die Teams bestanden aus je zwei Läufern, die sich in jeder Runde abwechselten.
Es siegte das schwedische vor dem norwegischen Tandem, das damit die einzige Medaille für die norwegische Mannschaft in Langlaufsprintwettbewerben gewann. Das deutsche Team hatte sich Hoffnungen auf eine Medaille gemacht, verpasste diese jedoch. Das auf Platz 17 rangierte österreichische Teams (Johannes Eder, Jürgen Pinter) wurde im April 2007 nachträglich disqualifiziert.
15 km klassisch Platz Land Sportler Zeit (min) 1 Andrus Veerpalu 38:01,3 2 Lukáš Bauer 38:15,8 3 Tobias Angerer 38:20,5 4 Wassili Rotschew 38:24,4 5 Jaak Mae 38:35,2 6 Johan Olsson 38:38,8 7 Andreas Schlütter 38:44,7 8 Sergei Nowikow 39:15,0 9 Sami Jauhojärvi 39:15,3 10 Anders Södergren 39:17,1 11 René Sommerfeldt 39:17,2 29 Christian Stebler 40:38,6 43 Franz Göring 41:29,9 Datum: 17. Februar 2006, 10:00 Uhr Höhenunterschied: 76 m; Maximalanstieg: 54 m; Totalanstieg: 522 m 99 Teilnehmer aus 46 Ländern, davon 96 in der Wertung.
Nach Kristina Šmigun gewann auch Andrus Veerpalu Gold für Estland. Mit Jaak Mae belegte ein weiterer Este Platz 5. Für die erste Medaille des deutschen Teams sorgte Tobias Angerer, nachdem die Wettbewerbe zuvor gemessen an den eigenen Erwartungen und denen der Öffentlichkeit enttäuschend verlaufen waren. Martin Tauber (AUT), ursprünglich als Achter geführt, wurde im April 2007 nachträglich disqualifiziert.
30 km Verfolgung Platz Land Sportler Zeit (h) 1 Jewgeni Dementjew 1:17:00,8 2 Frode Estil 1:17:01,4 3 Pietro Piller Cottrer 1:17:01,7 4 Giorgio Di Centa 1:17:03,2 5 Anders Södergren 1:17:04,3 6 Vincent Vittoz 1:17:07,5 7 Michail Botwinow 1:17:08,5 8 Martin Bajčičák 1:17:08,7 9 Maxim Odnodworzew 1:17:09,6 10 Lukáš Bauer 1:17:10,1 11 Markus Hasler 1:17:10,9 12 Tobias Angerer 1:17:12,5 22 Jens Filbrich 1:18:38,2 36 Remo Fischer 1:20:19,7 40 Toni Livers 1:21:08,2 58 Reto Burgermeister 1:25:49,9 Datum: 12. Februar 2006, 13:45 Uhr Höhenunterschied: 52 m (A) / 59 m (B); Maximalanstieg: 40 m (A) / 54 m (B); Totalanstieg: 366 m (A) / 498 m (B) 77 Teilnehmer aus 27 Ländern, davon 65 in der Wertung.
Das Rennen begann mit einem 15-Kilometer-Lauf im klassischen Stil (Massenstart), nach einem Skiwechsel folgte ein 15-Kilometer-Lauf im freien Stil. Dementjew und Estil sicherten sich ihre Medaillen durch die schnellste und zweitschnellste Zeit im freien Stil, während Piller Cottrer seinen dritten Platz nach dem klassischen Teilstück behaupten konnte. Lukáš Bauer, der beim Skiwechsel geführt hatte, fiel auf Platz 10 zurück. Anders Aukland, der nach dem klassischen Teilstück auf Platz 2 gelegen hatte, verlor sogar zweieinhalb Minuten und belegte Platz 29. Beim Gewinner der Silbermedaille, Frode Estil, war kurz nach dem Start bei einem Massensturz ein Ski gebrochen, wodurch er zwischenzeitlich an das Ende des Teilnehmerfelds zurückgefallen war.
Ähnlich wie für die deutschen Frauen verlief auch für die Läufer des Deutschen Skiverbands das erste olympische Rennen enttäuschend: Während René Sommerfeldt aufgab, verlor Tobias Angerer, der zum engsten Favoritenkreis gehört hatte, kurz vor dem Ziel den Anschluss und belegte nur Platz 12. Einen guten siebten Platz belegte der Österreicher Michail Botwinow. Sein Teamkollege Martin Tauber wurde im April 2007 nachträglich disqualifiziert.
50 km Massenstart Freistil